Was versteht man unter Psychohygiene?

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf
ich geh in meinen Pflichten auf.
Doch bald darauf, nicht mehr so munter
geht er in seinen Pflichten unter.
Eugen Roth

Psychohygiene gilt als die Wissenschaft und Praxis von der Erhaltung der seelischen Gesundheit (siehe auch ‚Hygiene‘). Sie beschäftigt sich mit Lebensumständen, die sich begünstigend oder schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken (siehe dazu auch den Beitrag ‚Psyche, was ist das?‘)

Ziel ist die Frühentdeckung der Beeinträchtigung psychischer Gesundheit, Aufklärung und Prävention. Die Psychohygiene als ein Teilbereich der Hygiene und Gesundheitsvorsorge beeinflusst alle Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl die physiologischen, als auch die psychologischen und geistigen (siehe dazu die Beiträge ‚Burnout – tiefer geblickt und ‚Burnout – Mensch und Arbeit am Scheideweg‚) .

Ziel der Psychohygiene ist es, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und gesunden Lebensführung, psychische Belastungen zu reduzieren bzw. nach Möglichkeit auszuschalten. Belastungen lassen sich in Leistungsdruck, beruflicher Beanspruchung, starke Emotionen, Aufregung, Spannung und Angst differenzieren, wobei diese Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Integrität des Menschen haben und als Stressfaktoren bezeichnet werden.

Wie wird  ’seelische Gesundheit‘ definiert?

Was einem sowohl assoziativ als auch im Internet sofort begegnet ist der Gegenbegriff zu ’seelisch gesund‘, nämlich ’seelisch erkrankt‘. Dazu liest man ‚: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen. Für die Betroffenen sind Zurückweisung und Ausgrenzung eine enorme Belastung.“

Psychohygiene, so lässt sich also schlussfolgern, hat  zur Aufgabe, psychischer Erkrankung vorzubeugen. Ergebnis guter Psychohygiene ist ‚Resilienz‘.

„Resilienz“ stammt aus dem Englischen (resilience) und kann mit Widerstandsfähigkeit (Elastizität oder Spannkraft) übersetzt werden. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur, seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, insbesondere seine emotionale Intelligenz, d. h., seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren und seine mehr oder weniger ‚pro-aktive‘ Einstellung zu Problemen (Neigung zum Verharren in Problemtrance / Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung).

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als „shared values“ bezeichnet).

Siehe Wikipedia Artikel: Resilienz

Wie kann aber Psychohygiene in einer hochindividualisierten Leistungsgesellschaft möglich gemacht werden? In einer Gesellschaft, in welcher der soziale Zusammenhang immer zufälliger wird und damit die Stabilität und Tragfähikgeit von Beziehungen abnimmt?

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Nik Wallenda (34)  auf einem Hochseil über den Grand Canyon

Antwort: Indem man ‚balancieren‘ lernt, auf auf dem ’schmalen Grat‘ zwischen gegensätzlichen Anforderungen zu gehen lernt, d.h. indem ‚geistig und mental höchst beweglich wird.‘ Das setzt die ‚Fähigkeit voraus, alle Überzeugungen ‚einklammern‘ zu können  und ‚ganz da zu sein‘, d.h. alles was überhaupt wert ist getan zu werden, auch mit ‚ganzer Aufmerksamkteit zu tun‘ (Stichwort: Flow).

„Volle Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ – Simone Weil

Der Dichter Franz Kafka hat dazu folgendes angemerkt: „Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“

Siehe dazu auch: Psychoneuroimmunologie,  ‚Widerstandskraft entwickeln – aber wie?‚, ‚Output ohne Input, das geht auf Dauer nicht‘ und ‚Wohlwollend neutrales Beobachten‘ und Entspannungsmusik

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Moderne Eindimensionalität?

Eine selbstverständliche (rationale) und von (‚gesundem Verstand‘) geprägte Haltung:

► Sich den aktuellen Aufgaben stellen. Sich und anderen dabei nichts vormachen. Es sich nicht schwerer, aber auch nicht leichter machen, als es tatsächlich ist …….

Die gängigen und sich verstärkenden sozialen und ökonomischen Verdrängungsmechanismen begünstigen heute eine solche Haltung nicht, im Gegenteil. Geld und ‚Sozialkapital‘ wirken förderlich, öffnen leicht(er) die Türen, und ‚beflügeln‘ den subjektiven Erfolg. Ein Mangel an diesen ‚Fördermitteln‘ machen es einem schwer(er), oft unmöglich schwer.

Dieser ‚divide-et-impera‘ Prozess ist ideologisch und strukturell in unserer Gesellschaft verankert und geht in Abstufungen quer durch die ganze Gesellschaft. Man kann sich ihm äußerlich nicht entziehen. Schlimm für den Einzelnen und das Ganze wird es aber, wenn er sich subjektiv ‚internalisiert‘, wenn er sich quer durch die Subjekte hindurch aufrechterhält und reproduziert. Dann sieht es aus, als sei er von vielen, von der überwältigenden Mehrheit – gewollt, beabsichtigt. Als sei er ‚natürlich‘, oder wie die Redewendung lautet – ‚evolutionär angelegt‘.

Dieser soziale Spaltungsprozess fördert Individualismus und Tribalismus, verengt den Blick, bestärkt kleingeistiges Neidverhalten und  bewirkt großen Hass auf alle Kritiker dieses Mechanismus – nämlich all die de facto Kritiker (die unvermeidlichen ‚Verlierer‘ im großen Spiel) und alle weiterhin kritisch denkenden Geister. Das Bewusstmachen der oft unbewussten subjektiven ‚Arrangements‘ in diesem ‚Spiel‘ wirkt verstörend und irritierend. Denn die Reflexion hindert einem beim erfolgreichen ‚Wettkampf‘, wirkt somit ‚wehrkraftzersetzend‘. Und die spontan einsetzende Abwehrreaktion gegen solche ‚Aufklärer‘ zeigt allen in der Runde nur noch deutlicher: ‚Vorsicht, nicht in diese Richtung. Das kann Dir schaden!‘. Tendenziell geht es somit in Richtung ‚jeder gegen jeden‘.

Dieses unsichere Terrain ist genau das, was liberale und neoliberale Beförderer dieser Mechanismen visionär im Kopf haben: Sozialdarwinismus, soziale Selektion, generalisierter Wettbewerb. Nur die jeweils ‚Besten‘ sollen gewinnen…..

► Sich den aktuellen Aufgaben stellen. Sich und anderen dabei nichts vormachen. Es sich nicht schwerer, aber auch nicht leichter machen, als es tatsächlich ist …….

Eine dieser ‚aktuellen Aufgaben‘ ist aber genau das Führen dieser Auseinandersetzung – nämlich die Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Folgen dieser sozialen und sozialpsychologischen ‚Selbstverständlichkeiten‘. Vermeidet man diese Untersuchungen, dann wird man innerlich und äußerlich von diesen Vorstellungen und Anforderungen dirigiert und angetrieben, was innere Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und gutes Zusammenleben und Zusammenwirken mit Anderen systematisch verunmöglicht. Diese sich selber widersprechenden Erfahrungen ermüden und lassen einen verwirrt zurück, weswegen man sich dringend nach Erholung und Abwechslung umsieht. ‚Man lenkt sich ab‘, lenkt sich von den ‚aktuellen Aufgaben‘ ab. Und jeder, der einen ‚ruft‘, zur Teilnahme an befreiender Reflexion einlädt, verwehrt einem die so dringend benötigten ‚Erleichterungen‘ des frustrierenden Alltags.

Man sieht, wir haben es hier mit einem Teufelskreis zu tun, der sich selber vervielfältigt und selbstverstärkend aufrechterhält. Je aussichtsloser die Situation aufgrund dieser sinnlosen Kreisbewegungen, desto größer der Sog hin zu dieser Dynamik. So beschreibt man Suchtpotentiale.

Als ich das so geschrieben habe, ist mir wieder ……. Herbert Marcuse eingefallen, den ich vor langer Zeit gelesen habe, und der auch vor langer Zeit (zu Beginn der 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts) das berühmte Buch mit dem Titel One-Dimensional Man verfasst hat.

Hier die wichtigsten Erinnerungen aus dem Buch ,Der eindimensionale Mensch‘:

„So muß die Frage noch einmal ins Auge gefaßt werden: wie können die verwalteten Individuen – die ihre Verstümmelung zu ihrer eigenen Freiheit und Befriedigung gemacht haben und sie damit auf erweiterter Stufenleiter reproduzieren – sich von sich selbst wie von ihren Herren befreien? Wie ist es auch nur denkbar, daß der circulus vitiosus durchbrochen wird?“ (S. 261)

Und seine Antwort:

„Aber der Kampf um die Lösung ist über die traditionellen Formen hinausgewachsen. Die totalitären Tendenzen der eindimensionalen Gesellschaft machen die traditionellen Mittel und Wege des Protests unwirksam — vielleicht sogar gefährlich, weil sie an der Illusion der Volkssouveränität festhalten. Diese Illusion enthält ein Stück Wahrheit: »das Volk«, früher das Ferment gesellschaftlicher Veränderung, ist »aufgestiegen«, um zum Ferment gesellschaftlichen Zusammenhalts zu werden. Eher hierin als in der Neuverteilung des Reichtums und der Gleichstellung der Klassen besteht die neue, für die fortgeschrittene Industriegesellschaft kennzeichnende Schichtung.“

„Unter der konservativen Volksbasis befindet sich jedoch das Substrat der Geächteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen. Sie existieren außerhalb des demokratischen Prozesses; ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen.

Damit ist ihre Opposition revolutionär, wenn auch nicht ihr Bewußtsein. Ihre Opposition trifft das System von außen und wird deshalb nicht durch das System abgelenkt; sie ist eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletzt und es damit als ein aufgetakeltes Spiel enthüllt. Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straße gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, daß sie Hunden, Steinen und Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung. Die Tatsache, daß sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert.

Nichts deutet darauf hin, daß es ein gutes Ende sein wird.“ (S.267)

„Das Gespenst ist jedoch wieder da, innerhalb und außerhalb der Grenzen der fortgeschrittenen Gesellschaften. Die sich leicht anbietende geschichtliche Parallele zu den Barbaren, die das Imperium der Zivilisation bedrohen, präjudiziert den Tatbestand; die zweite Periode der Barbarei kann durchaus das fortbestehende Imperium der Zivilisation selbst sein. Aber es besteht die Chance, daß die geschichtlichen Extreme in dieser Periode wieder zusammentreffen: das fortgeschrittenste Bewußtsein der Menschheit und ihre ausgebeutetste Kraft. Aber das ist nichts als eine Chance. Die kritische Theorie der Gesellschaft besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnten; indem sie nichts verspricht und keinen Erfolg zeigt, bleibt sie negativ. Damit will sie jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben.

Zu Beginn der faschistischen Ära schrieb Walter Benjamin:

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ (S.268)

 

 

 

 

 

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Triumph der Oberflächlichkeit?

EINE AKTUELLE COLLAGE

 

FLORIAN KLENK POLITIK | aus FALTER 05/19 vom 29.01.2019:

„Die Eltern wollten diesen letzten Moment noch hinauszögern, vor zehn Tagen hieß es doch noch, die Operation sei gelungen. Man solle die Meinung eines Arztes aus einem anderen Spital einholen, bat die Mutter. Aus München oder Wien, bitte! Die Ärzte aber wehren ab: „Verstehen Sie nicht, dass wir einen Toten beatmen?“

Eine Schwester betritt das Zimmer und erklärt, dass die Eltern mit ihrem Kind „noch ein paar Minuten kuscheln“ können. Die Hinterbliebenen könnten auch den Fußabdruck des Buben nehmen, eine Locke abschneiden, ihm ein anderes Kleidchen anziehen. Eine LED-Kerze flackert im Zimmer. Offene Flammen sind im Krankenhaus verboten. Die Sicherheit.

Die Eltern betten noch einmal die Hand ihres Sohnes in ihre Hände, die Großeltern und der Pfarrer stehen an ihrer Seite. Dann schalten die Ärzte die Maschinen ab. Zwölf Minuten, erzählt die Mutter, habe es gedauert, „ehe das Herz meines kleinen Buben zu schlagen aufhörte“. Ein Oberarzt flüstert: „Das ist ein Kämpfer.“

David P., geboren am 7. November 2016, starb eigentlich schon elf Tage vor diesem schmerzhaften Tag. Am 16. April 2018, gegen 21.12 Uhr, wie die Gutachter herausgefunden haben. Auf dem Operationstisch des Landesklinikums Salzburg. Ein Chirurg wollte bei dem Buben ein winziges blutendes Muttermal veröden, eine Mini-„Operation“, wenn man hier überhaupt von einer Operation reden kann. Vor den Augen der besten Ärzte des Landes erstickte der Kleine, wie die Gerichtsmedizin in ihrem Gutachten feststellt.

„Mors in tabula“, Tod auf dem OP-Tisch, steht im Akt der Staatsanwaltschaft Salzburg. Der Fall wirft große Fragen auf. Für die Justiz, für das Salzburger Landeskrankenhaus, aber auch für die Politik. Die für das Landesklinikum verantwortlichen Politiker, Landeshauptmann Wilfried Hauslauer und sein Landesrat Christian Stöckl, gewährten den Eltern zwar einen Termin und sprachen Worte des Mitleids aus, aber die Eltern empfinden diese heute, fast ein Jahr später, nur noch als heiße Luft.

Schon im Herbst des vergangenen Jahres ließ das Land juristische Geschütze auffahren: Jürgen Koehler, der Chef des Landesklinikums Salzburg, hat den Eltern zwar volle Aufklärung und Gesprächsbereitschaft versprochen, zugleich ließ er ihnen aber einen Schriftsatz zustellen, um eine Klage der Eltern auf Trauerschmerzengeld abzuwehren. Es liege, so heißt es im Schreiben der Kanzlei Harrer & Harrer, „jedenfalls kein grobes Verschulden vor“, sondern eine „bedauerliche Komplikation“. Nicht einen Cent will seine Anstalt freiwillig bezahlen. Die Salzburger Gesundheitsbürokratie wehrt sich mit allen Argumenten.

Es gibt in diesem Fall Fragen, die nur das Gericht beantworten darf: jene nach der strafrechtlichen Schuld etwa. Abseits der juristischen Aufklärung wollen die Eltern aber auch eine andere Fehlerkultur. Und deshalb öffnen sie den Ermittlungsakt. Weil es sich hier eben nicht nur um einen „bedauerlichen Narkosezwischenfall“ handle, sondern ein Totalversagen des Krisenmanagements während und nach der Operation. Die Ärzte, so klagen sie an, würden sich wie in einer Schicksalsgemeinschaft die Mauer machen. Der am schwersten belastete Mediziner, der Anästhesist H., sei nicht einmal vom Dienst suspendiert worden und arbeite einfach weiter. Wie kann das sein?

Salzburg, eine kleine Gemeinde am Wallersee. Ein kalter Jännertag, eine dicke Schneedecke begräbt den Garten des Hauses der Familie P. In einer stillen Seitenstraße liegt ihr liebevoll eingerichtetes Haus. Der kleine Garten, das Hochbeet, die Schaukel, unbenützt und von der Kälte erstarrt und vereinsamt liegt das Idyll jetzt da.

Davids Eltern hatten es erworben, weil sie hier mit ihrem Kind glücklich werden wollten. David ist hier nur auf Fotos zu sehen. David mit einem kleinen Rucksack, aus dem eine Stoffmaus schaut. David mit einer Janosch-Tigerente. David auf dem Sofa. Er war ein Frühchen, erzählen die Eltern, aber kerngesund.

Wenn man Davids Gesicht auf den Fotos genau betrachtet, sieht man ein Pünktchen an der Wange: ein „granuloma pyogenicum“, ein harmloses Gewächs, das bluten kann, wenn es aufgekratzt wird. Das ist am Abend des 16. April 2018 passiert. David purzelte über ein Sofa, sein Gesicht und sein Lätzchen waren blutig.

Die Eltern „wollten nicht, dass sich irgendwas infiziert“. Weil kein Auto da ist, ruft der Vater die Rettung. Nein, es ist kein Ernstfall, wie das Spital später insinuieren wird, sondern ein Krankentransport. Der Sanitäter Günter H. sagt aus: „Ich kann eigentlich nur sagen, dass die Wunde durch ein Pflaster versorgt war und nicht herausgeblutet hat.“

Im Krankenhaus geben die Eltern an, dass ihr Kind privat zusatzversichert sei. Ärzte, die das Kind stationär behandeln, bekommen von der Versicherung ein Extrahonorar, ein paar Hunderter in diesem Fall. Das Spital bekommt den Tarif für ein Sonderklassebett ersetzt, falls das benötigt wird. Spitäler und Spitzenmediziner fetten mit diesen Leistungen ihr Salär auf, mit den staatlichen Gagen wären viele von ihnen in öffentlichen Spitälern nicht zu halten.

Die Ärztin A. begutachtet nun den Buben auf der Ambulanz. Sie reinigt das Gesicht, klebt einen Tupfer mit Pflasterstreifen an und rät zu einer „operativen Versorgung“, allerdings erst am nächsten Tag. Das Kind ist ja nicht nüchtern, es hat Erdbeerjoghurt, Rote Rüben und Kekse gegessen. Eine Narkose mit vollem Magen, das ist riskant. Doktorin A. weiß es: Kinder können leicht erbrechen und ersticken. Sie sagt: „Kommen Sie morgen um acht, nüchtern.“

Die Ärztin ruft zur Sicherheit noch den Oberarzt S. Auch der sagt: Operation am nächsten Tag. Dann aber ändert er seine Meinung. Denn das Pünktchen blutet. „Ned schlimm, ein paar Tropfen“, schreibt die Operationspflegerin in ihr Gedächtnisprotokoll. Der Tupfer sei blutgetränkt gewesen, werden die Beschuldigten später hingegen sagen. Von möglichem „bedrohlichem Blutverlust“ ist nun im Schriftsatz der Spitalsanwälte Harrer & Harrer zu lesen.

Der auf die Eltern etwas gestresst wirkende Oberarzt S. entscheidet nun, dass der Bub aufgenommen und operiert wird. Er ruft den Anästhesisten H. herbei, der sagt: „Das machen wir gleich.“ Abseits der Eltern besprechen sie den Fall.

Dann geht es erstaunlich schnell. „Kann da wirklich nichts sein?“, fragt die Mutter nun den Anästhesisten. „Das Risiko ist so groß wie eine Fahrt von Salzburg nach Bischofshofen“, beruhigt er. Der Bub würde nur kurz dämmern.

Er hält den Eltern einen Aufklärungsbogen hin und sagt: „Unterschreibt das schnell.“ Die Mutter unterzeichnet nicht, weil sie den Buben in den Armen hält. Die Eltern, so steht es nun im Schriftsatz des Spitals, hätten den Risiken „konkludent zugestimmt“ und seien „mündlich aufgeklärt“ worden. Die Mutter bestreitet das vor der Kriminalpolizei: „Es wurde uns niemals erklärt, wie der Eingriff abläuft.“ Das gesteht der beschuldigte Anästhesist H.: „Diese Fragen wurden im Detail nicht durchbesprochen, da es ja ein gesundes Kind war.“

Der Bub bekommt ein Schlafmittel, sackt zusammen, die Mutter überreicht das Kind den Schwestern, die ihn in den OP tragen. „Passt gut auf auf unser Schatzi“, bittet sie. „Keine Angst, in 20 Minuten ist er wieder da“, beruhigt die OP-Schwester.

Die Eltern warten vor dem OP und vertrauen, dass die Oberärzte der besten Kinderabteilungen des Landes alles richtig machen. Die Narkosemittel (Ketanest und Midazolam) werden erstaunlich hoch dosiert, David fällt in einen Tiefschlaf. Eine OP-Schwester will ihm zur Überwachung ein EKG anlegen, der Anästhesist H. lehnt das aber ab. „Nicht nötig.“ In einer Minute ist das Blutschwämmchen verödet. Niemand bemerkt, dass der Bub zur selben Zeit mit dem Tode ringt.

Wenige Minuten später, es ist 21.15 Uhr, öffnen sich auch erstmals die Türen zum Operationssaal, aber das Kind wird nicht herausgeschoben. Im Gegenteil. Ärzte stürmen in den OP, immer mehr von ihnen rennen die Stiegen hinauf. Alarm. Die noch ahnungslosen Eltern erfahren nicht, was da gerade geschieht. Ein Arzt sagt vor der Polizei aus: „Im Zuge der Reanimationsmaßnahmen hörten wir das Schreien der Mutter und Klopfen an der OP-Tür.“ Beide Eltern kauern am Boden. Drei Stunden lang. Ihr Kind, das weiß man heute, ist zu diesem Zeitpunkt schon klinisch tot.

Erst nach drei Stunden erscheint der Anästhesist H. bei den Eltern und sagt: „Jetzt setz ma uns einmal hin.“ Er schwadroniert von Skifahrern, die er schon gerettet habe, und von Kindern, die viel stärker seien. Dann sagt er: „Das Gute ist, ihr Sohn ist nicht tot.“ Die Operation sei „sehr gut verlaufen“, der Bub sei aber dann irgendwie unruhig geworden, er habe noch ein bisschen Propofol gespritzt. Dann sei das Kind auf einmal verfallen. „Ich hab mich nicht mehr auskennt“, sagt der Anästhesist. Die Eltern brechen zusammen. Am nächsten Tag erscheint eine Psychologin, die den Eltern vor allem von ihrem eigenen Kind erzählt („Er hat so schlechte Schulnoten“) und die Eltern bittet, sich ihr Kind auf einer Blumenwiese vorzustellen. Mehr psychologische Betreuung erhalten die Eltern nicht. Als es ganz dramatisch wird, sagt sie: „Die nächsten Tage bin ich nicht da und nicht erreichbar. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“

David liegt nun auf der Intensivstation, bedeckt von einer Kühldecke, die ihn auf 32 Grad herunterkühlt. Sein kleiner Körper krampft, Schläuche stecken in Nase und Mund. Die Eltern können hier nur auf einem Sofa übernachten, sie sitzen auf Barhockern. Als sie einmal am Bettchen singen, weist sie ein Pfleger zurecht.

Die Ärzte erörtern in dieser ersten Woche, ob sie eine „Entdeckelung“ des Schädels vornehmen sollen, damit das angeschwollene Gehirn dem tödlichen Hirndruck entkommen kann. Doch sie verzichten auf den Eingriff. Sie wissen wohl schon, was hier passiert ist. David hatte bei der Verödung des Muttermals das Erdbeerjoghurt erbrochen und eingeatmet. Und der Anästhesist hat es mutmaßlich nicht bemerkt. Im Gegenteil: Als das Kind zusammensackte, ja selbst als die für qualvolle Erstickungen typischen roten Flecken am Brustkorb sichtbar wurden und die Sauerstoffsättigung des Blutes radikal absackte, glaubte er an eine „allergische Reaktion“. Den Herzstillstand hat er – aufgrund des fehlenden EKG – nicht bemerkt.

Im Operationssaal waren alle offenbar vor Schreck erstarrt, zumindest empfand das eine Oberärztin der Kinderintensivstation so, die das Kind schließlich reanimierte. Aus dem Zeugenprotokoll: „Wie ich den OP betreten habe, hatte ich den Eindruck, dass David bereits tot ist und dass ich zu spät gerufen wurde. Am meisten irritierte mich die gefühlte Schockstarre der Beteiligten.“ Alle seien um den Tisch gestanden „und schauten“, dabei war „David gräulich und weißlich. (…) Am Monitor war nur ein weißer Strich. (…) Mir kam nicht vor, dass aktiv gearbeitet wurde. (…) Ich lief zum Kopf von David und erkannte sofort Erbrochenes am OP-Tisch und rund um den Mund.“ 20 Minuten versuchte sie, einen Schlauch durch die Luftröhre zu legen. Eine lange Zeit.

Der von den Eltern privat als Gutachter bestellte Anästhesist Matthias Thöns rügt diese Rettungsaktion. Nach zwei erfolglosen Intubationsversuchen müsse man eine Alternative suchen, ist es dramatisch, hilft nur der Kehlkopfschnitt, sonst sei das Kind tot: „Alle sind in Hektik gewesen“, schreibt Thöns, „keiner fasste den Gedanken, dass es Alternativen gibt. Ein Team mit spektakulär guten Fachärzten betrat den falschen Weg.“ Seine Kernkritik betrifft den Gesamtablauf. Bei einem nicht nüchternen Kind darf man nur im äußersten Notfall operieren, einem offenen Bruch, einem Darmriss oder einer Schussverletzung. An einer kleine Wunde, die man auch noch abdrücken könnte, kann ein gesundes Kind nicht sterben. An einer Narkose bei fehlender Nüchternheit schon.

Wie reagiert das Spital auf die Kritik? Jürgen Koehler, Leiter des Salzburger Landesklinikums, lädt zu einem Gespräch, seine Sprecherin lässt ein Tonband mitlaufen. Man spürt, dass ihn dieser Fall auch persönlich belastet, dass das Spital einer solchen Katastrophe nicht gewachsen ist. Koehler ist erst seit einem Jahr hier. Er steckt in der Zwickmühle, er erkennt, dass die Kommunikation in seinem Haus nicht stimmt, aber den Befreiungsschlag – die offene Kritik an seinen Kollegen – wagt er nicht.

Koehler sagt, das Spital habe den Behörden „volle Transparenz“ zugesichert, dazu ist er freilich verpflichtet. Er sei als Arbeitgebervertreter aber auch zum Schutz der Ärzte verpflichtet, die weder vorverurteilt noch in ihren arbeitsrechtlichen Ansprüchen verletzt werden dürfen. Deshalb sei der am schwersten belastete Anästhesist nicht suspendiert worden. Deshalb seien alle Ärzte weiter im Dienst. Die Ärzteschaft, die jeden Tag unter Stress riskante Entscheidungen zum Wohle der Patienten treffe, müsse sich auf den Rechtsstaat, aber auch auf das Arbeitsrecht verlassen können. Das Spital habe den Eltern die Patientenanwaltschaft empfohlen.

Auf der Hinterbühne versuchen die vom Klinikum eingesetzten Anwälte genau das. Anstatt Entschädigungen anzubieten, wird der Fall zu einem „bedauerlichen Narkosezwischenfall“ heruntergeredet. Die Eltern seien zudem ordentlich aufgeklärt worden. Und eine Entschädigung gebe es nicht, da „der Seelenschmerz über den Verlust naher Angehöriger, der zu keiner eigenen Gesundheitsschädigung geführt hat, nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz des Schädigers zu ersetzen“ sei. Dies sei nicht gegeben.

Auch die Abteilungsleiter versprechen „volle Transparenz“ und setzen zugleich merkwürdige Aktionen. Der Vorstand der Anästhesie, Peter Gerner, erklärt dem Vater, dass „jeder Anästhesist so gehandelt“ hätte wie der behandelnde Arzt H. „Ich wollte die Eltern in keiner Weise verletzen, sondern nur zum Ausdruck bringen, dass die gewählte Anästhesieform nicht unrichtig war“, sagt Gerner zum Falter. Den Vorfall selbst habe er mit der Bemerkung keinesfalls verharmlosen wollen.

Der zweite Abteilungsvorstand, der Kinderchirurg Roman Metzger, versammelt wenige Tage nach dem Erstickungstod alle am Fall beteiligten Ärzte und den Spitalsdirektor. Die Besprechung eines Falles unter Medizinern ist natürlich üblich. Aber das Sitzungsprotokoll hält fest, dass Spitalschef Jürgen Koehler um „Ergänzungen im Gedächtnisprotokoll“ bitte. Warum das? Sollten da Beweismittel verändert werden? Nein, sagt Koehler, „um eine detaillierte Darstellung der Geschehnisse“ zu erhalten.

Noch etwas fällt auf: Gemeinsam mit ihren Chefs erarbeiten die im Fall belasteten Ärzte in der Sitzung nun einen tatsachenwidrigen „Konsens“. Es sei aufgrund der Blutungen des Buben in der Ambulanz ein „Blutbildabfall“ vorgelegen, heißt es da auf einmal. Doch ein Blutbild wurde gar nicht erstellt, wie auch Koehler heute bestätigt. Wegen dieses Blutbildabfalls habe eine „dringliche Operationsindikation“ bestanden, heißt es dann im „Konsens“. Und weiter: „Es trat ein bedauerlicher Narkosezwischenfall ein.“ Wurden hier schon faktenwidrige Verteidigungslinien gelegt? Koehler weist das zurück.

„Bedauerlicher Zwischenfall“, so steht es auch in den Pressestatements, die an die Öffentlichkeit gehen. Kurosh Paya, Professor für Kinderchirurgie in Wien und ebenfalls Privatgutachter der Familie, formuliert es in seinem Gutachten radikal anders: „Hier wurden medizinisch gesehen sogar grob fahrlässig grundlegende medizinische Vorsichtsmaßnahmen ausgeschaltet.“

„Arroganz, Ignoranz, falscher Stolz“, meint Thomas G., der Vater des Kindes, und klappt den Akt zu. „Man hat unser Kind mit allen Mitteln der Medizin umgebracht. Aber die Ärzte dürfen keine Fehler einbekennen“, sagt die Mutter. Der Bub, so klagen sie an, sei Opfer eines Phänomens geworden, das man in der Fachwelt „medizinische Überversorgung“ nennt. Warum drängten die Ärzte innerhalb von nur 20 Minuten zu einer Behandlung, die offenbar völlig unnötig war? Warum wurde nicht abgewartet? Spielen hier finanzielle Interessen mit, also private Zusatzversicherungen? Nein, sagt das Spital.

Das sind Fragen, die der Privatgutachter und Anästhesist Matthias Thöns aufwirft, ein Experte auf dem Gebiet der Überbehandlung. Auf Expertenkonferenzen, sagt er, höre er immer wieder von Spitalsverwaltern, dass man Krankenhäuser auslasten müsse, dass man die aufwendigste Therapie wählen solle.

Am Wort ist die Justiz, sie wartet auf Gutachten. Auch hier sind die Verantwortlichen offenbar nicht ganz bei der Sache. Nach der Feuerbestattung des Buben hat das Neurologische Institut des AKH der Familie noch das Gehirn des Jungen ins Krematorium nachgeschickt. Mit Fedex-Botendienst, 74 Euro.

Die Eltern nahmen die sterblichen Reste vergangene Woche von der Salzburger Bestattung in Empfang. Für die „Urnenabholung für Privatpersonen“ verrechnete der Magistrat den Eltern dann noch einmal 35 Euro und 80 Cent.“

Klenk über Team Kurz

Triumph der Oberflächlichkeit? Der Ökonomisierung aller Lebensbereiche? Des Effektivitäts- und Effizienzwahns? Des ‚Machbarkeitswahns‘ – ‚machen‘ um jeden Preis? Hudelei? Schlamperei? Famous last words: ‚Wird schon gutgehen!‘

„Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so dass man wieder einatmen kann.

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte.

Und weinen können
Das wäre schon
fast wieder
Glück.“

Erich Fried

Wenn man aber in der Narkose ‚erstickt wird‘, wie soll man da aus- und einatmen? Wie sollen die Eltern des Buben das jetzt schaffen, nach all diesen empathiebefreiten Reaktionen der ‚Profis‘?

Auf Anästhesisten lastet eine riesengroße Verantwortung.  Sie sind während eines operativen Eingriffs die Anwälte und Wächter des Lebens. Und wenn die stressigen Routinen dieses Verantwortungsgefühl schlußendlich in einem ‚Bagatellfall‘ lahmlegen? Dann kann das Unvorhersehbare, das Unwahrscheinliche, das Unverfügbare zur tödlichen Falle werden. Zur falschen Risikoabschätzung.

Dann verdinglicht alles.

Dann fehlt es an Kontakt, an lebensnotwendiger Resonanz:

„Wir lassen uns nicht mehr von dem Ort, wo wir sind, oder dem Menschen, mit dem wir sind, berühren. Resonanz ist für mich e in Bestandteil von gelingendem Leben. Dazu gehört erstens, dass mich die andere Seite berührt. Zweitens das Gefühl, die andere Seite erreicht zu haben, mich als „selbstwirksam“ erfahren zu haben. Drittens, in einem Austausch, zum Beispiel in diesem Gespräch, kann es die Erfahrung geben: Nicht einfach routiniert dieselben Fragen und Antworten zu stellen, sondern das Gefühl zu haben, es kommt etwas in Bewegung, sodass man schließlich sagt: Ja, so hatte ich über die Sache gar nicht nachgedacht. Das wäre eine Resonanzerscheinung. Wenn Resonanz eintritt, verändern wir uns immer auch, weil wir hinterher nicht mehr die Gleichen sind. Ich denke dann über irgendeine Frage oder ein Problem ein bisschen anders oder fühle mich vielleicht sogar ein bisschen anders. Wir wissen aber nicht genau, was dabei herauskommt. Also vielleicht sprengt es das, was im Interview geplant war, völlig. Aber: In dem Moment, wo Resonanz auftritt, ist das Ergebnis nicht mehr vorhersehbar. Meine These ist, dass die Struktur der modernen Welt versucht, Resonanz systematisch auszuschalten. Weil wir zu ganz genau festgelegten Schritten, zu ganz genau festgelegten Zeiten ganz genau festgelegte Outputs produzieren wollen.“

Hartmut Rosa

Da schreibt eine Resonanzlose eine in die Welt hinaus:

„Seit ein paar Wochen fühle ich mich ungewohnt leer. Alles kommt mir so belanglos vor. Nichts ist wirklich wichtig oder hat eine Bedeutung für mich, mir fehlt etwas: Bedeutung, Sinn, eine Aufgabe, Freude. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gelächelt und es ernst gemeint habe. Alles ist über Nacht gekommen. Mein Herz ist wie in Dunkelheit getaucht und ich weiß nicht wieso.

Das schlimme ist aber, dass ich diese Stimmung niemanden anvertrauen kann, auch wenn ich es eigentlich gerne möchte. Jedes Mal, wenn ich mich mit meinen Freundinnen unterhalte erzähle ich ihnen, wie toll die Arbeit ist, wie viel Spaß es mir macht und wie froh und glücklich ich doch bin. Und das ganze bringe ich offensichtlich auch noch so überzeugend rüber, dass niemand merkt, wie unglücklich ich eigentlich bin. Ich habe das Gefühl, dass ich für nichts und wieder nichts lebe, in meinem Leben nichts erreiche, was mir persönlich wichtig ist. Ich habe bis jetzt halt immer auf etwas hingearbeitet und wusste, dass es zeitlich begrenzt ist und jetzt soll ich mein Leben lang ein eintöniges leeres Leben führen. Bei diesem Gedanken daran wird mir schlecht.“

Hartmut Rosa dazu über den ‚Zauber des Unverfügbaren‘:

Der permanente Versuch, Dinge vollständig zu kontrollieren und die Grenzen des Verfügbaren zu verschieben, sei kennzeichnend für unser Zeitalter. Dabei sei das letzte Moment von Unverfügbarkeit entscheidend dafür, dass wir Glück erfahren.
Schnee z.B. habe eine große Wirkung, er verändere das Bild, wie wir in der Welt sind. Aber er sei unverfügbar, eine Gabe, er könne nicht erzwungen werden, wir könnten es nicht schneien lassen. Der moderne Mensch versuche zwar, ihn doch verfügbar zu machen, etwa mit Kunstschnee. Aber dabei verliere der Schnee die Fähigkeit, die Welt zu verwandeln und uns berühren zu können.

Das Verfügbarmachen von Dingen sei ein Grundzug der modernen Gesellschaft, sagt Rosa, der sich in seinem Buch „Die Unverfügbarkeit“ mit diesem Phänomen auseinandergesetzt hat: Der Versuch, Dinge wissenschaftlich verfügbar zu machen, etwas technisch beherrschbar zu machen und manipulieren zu können. Dies gelte auch für das einzelne Individuum, das auch den Drang verspüre, sich etwas ökonomisch verfügbar zu machen, sich etwas leisten können zu müssen: eine Reise, eine Kreuzfahrt. Wir legten es mit allen Mitteln darauf an, mehr und mehr Welt in Reichweite zu bringen und zur Verfügung zu haben.

Der Versuch, der Dinge habhaft zu werden, sie ganz und gar zur Verfügung zu haben, sei strukturell in moderne Gesellschaften eingelassen, weil sie sich nur durch Wachstum stabilisieren könnten. Überall, bis in den Alltag hinein, begegne uns deshalb das Verhältnis von Verfügbarem und Unverfügbarem. Der permanente Versuch, die Grenzen des Verfügbaren hinauszuschieben, sei ganz besonders kennzeichnend für das moderne Zeitalter und werde irgendwann zum Zwang: Wir seien gezwungen, uns als Individuum einen Internet-Anschluss zu besorgen und auf diesem Wege Welt verfügbar zu machen, weil wir sonst aus unseren Alltagsbezügen herausfallen.

Dabei sei der Aspekt der Unverfügbarkeit essenziell dafür, dass Dinge überhaupt lebendig und interessant seien. Dies sei auch im sozialen Leben so: Wenn uns ein Mensch vollständig zur Verfügung steht, immer das tut, was wir wollen, dann höre er auf, ein sprechendes, resonantes Gegenüber zu sein. Zentral sei aber die Erreichbarkeit einer Sache, ein Resonanzverhältnis und die damit verbundene Selbstwirksamkeitserfahrung. Der Zauber entstehe durch Berühren, erlische aber, wenn etwas vollständig unter Kontrolle gebracht werde. Dann nämlich hörte eine Sache auf, eine Quelle für Resonanzerfahrung zu sein. Wenn etwas umgekehrt vollständig unverfügbar sei, passiere das Gleiche.

Rosa veranschaulicht dies mit einem Beispiel aus seinem Buch und zitiert ein Interview mit dem Pianisten Igor Levit. Beethovens Mondscheinsonate, so hätte Levit berichtet, klinge erstaunlicherweise auch nach dem hundertsten Male immer noch anders. Levit habe das Gefühl, das Stück bliebe beim Spielen im Dialog, er arbeite sich immer wieder aufs Neue daran ab, etwas bliebe für ihn unverfügbar. Er hoffe, dass er niemals damit fertig werde. Dies, so Levit, bedeute für ihn Glück.

Daran, so Rosa könne man sehen: Das letzte Moment des Nicht-Verfügens sei konstitutiv dafür, was wir als Glück und Resonanz erfahren.

Und der Soziologe Richard Sennett merkt dazu an:

„Da Menschen nur dann Halt in ihrem Leben finden können, wenn sie versuchen, etwas um seiner selbst willen gut zu tun, scheint mir der Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik sehr zweifelhaft. Vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen …… Politiker verstanden nicht, wie grundlegend Automatisierung den Produktionsprozess verändert. Der Staat schreckte vor der gewaltigen Aufgabe zurück, diesen Wandlungsprozess abzufedern. Auch Gewerkschaften scheuten sich, dem Problem ins Auge zu sehen. Statt die künftige Arbeitswelt mitzugestalten, konzentrierten sie sich auf den Schutz der bestehenden.[1]

Aber die Kritik des Bestehenden muss noch tiefer gehen, wenn man verstehen will, wie ‚leer‘ und ‚empathiebefreit‘ heute viele menschliche Interaktionen geworden sind.

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.“

Aus: Rilke, Die frühen Gedichte

„Jeder Mensch versteht menschliche Gebärden. In der Gebärde ist genau das …. tägliche Gegenwart: ein einfacher sinnlich wahrnehmbarer Vorgang ist zugleich Träger einer Bedeutung; ja diese Bedeutung ist sein Wesen, denn ohne sie fände er gar nicht statt. In, mit und unter dem sinnlich Wahrnehmbaren nehmen wir das wahr, was als das Unsinnliche gilt. In der Gebärde spricht die Seele; die Gebärde ist erscheinende Seele. Die Seele kann sich freilich in der Gebärde auch verhüllen. Aber dieses Verhüllen ist nur deshalb Verhüllen, weil dieselbe Gebärde auch Erscheinen, auch Zeigen sein könnte, so wie das Urteil des Logikers nur deshalb die Möglichkeit hat, falsch zu sein, weil es wahr sein kann. Ein Klotz hat nichts zu verhüllen, weil er nichts zu zeigen hat. Der Leib des Mitmenschen ist lebendiges Gegenüber … .“

Carl Friedrich v. Weizsäcker, Nachwort zu Goethes Farbenlehre
Goethes Werke (Hamburger Ausgabe) Hamburg 1966, S. 537-554

 

[1] Sennett, Richard (2005): Die Angst, überflüssig zu sein. Die Zukunft des Kapitalismus. Zwang zur Anpassung: Warum der neue Kapitalismus unsere Freiheit nicht vermehrt hat. In: DIE ZEIT, Jg. 2005, Ausgabe 21, 19. Mai 2005.

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Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor …..

Straffen

Aus gegebenen politischen Anlässen sei an den Aufsatz „Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor“ des Psychoanalytikers Arno Gruen erinnert. Er hielt am 30. November 2002 in Helsinki in der Finlandia Hall einen Vortrag zu diesem Thema. Zu Beginn seiner Ausführungen stellt der Autor fest: „Wir leben in einer Welt, in der wir zunehmend voneinander abhängig werden und uns dennoch immer mehr gegeneinander wenden.“ Warum?

Seine Antwort: Nicht zuletzt deshalb, weil sich im Rahmen unserer Sozialisation unsere Beziehungsfähigkeit ‚vergiftet‘ hat. Das hat auch politische Konsequenzen, welche der Autor ausleuchtet.

Einleitende Bemerkungen zum Konzept der Identifikation mit dem Aggressor:

Einer der Ur-Väter der Pssychoanalyse, der Analytiker Sándor Ferenczi, meinte 1932 in einem Vortrag zu seinem Aufsatz ‚Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind‘:  die von Kindern oftmals erlebte Angst und Hilflosigkeit zwinge diese, „sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“. Ferenczi zufolge ist das Kind erfüllt vom Wunsch nach zärtlichen, aber nicht nach sexuellen oder gewalttätigen Beziehungen zu den Erwachsenen. Im Unterschied zur erwachsenen, schuldfähigen Leidenschaftlichkeit befinde sich das Kind auf einer Stufe „passiver Objektliebe“:

    „Haß ist es, was das Kind beim Geliebtwerden von einem Erwachsenen traumatisch überrascht und erschreckt und es aus einem spontan und harmlos spielenden Wesen zu einem den Erwachsenen ängstlich, sozusagen selbstvergessen imitierenden, schuldbewußten Liebesautomaten umgestaltet.“

Solche Erlebnisse übersteigen und überfordern die kindlichen Verständnis- und Verarbeitungsmöglichkeiten, was dazu führen kann, dass es in einen tranceartigen Ausnahmezustand („traumatische Trance“) gerät, in welchem es den Angreifer „introjiziert“, also in seiner (unbewussten) Phantasie in sich hineinnimmt, um ihn als äußere Realität zum Verschwinden zu bringen. Dieser Schutzmechanismus lässt die unerträglich werdende Angst auf Kosten der Realitätswahrnehmung in ein Gefühl traumartiger Geborgenheit umschlagen. Statt sich aktiv mit der bedrohlichen Wirklichkeit des Täters auseinanderzusetzen, wozu es nicht fähig ist, unterwirft es sich dem Willen des Täters und macht ihn zugleich zu einem fremden Teil seiner selbst („Introjektion“). Dies kann bei wiederholten Gewalterfahrungen zu einer regelrechten Zerstückelung der Persönlichkeit („Atomisierung“) führen. Das Kind opfert in einem solchen Extremzustand gewissermaßen sein noch unfertiges, kaum wehrfähiges Selbst, um die lebenswichtige Beziehung zu einer als notwendig wohlwollend vorzustellenden Bezugsperson halluzinatorisch aufrechtzuerhalten. Das überwältigte, emotional und in seiner Wahrnehmungsfähigkeit verwirrte Kind fühlt sich für das Geschehen verantwortlich, was als Introjektion des Schuldgefühls des Angreifers verstanden wird. Dieses Schuldgefühl wird zur Quelle eines beständigen innerseelischen Abwehrkonflikts: Das Opfer entwickelt Hass, der seinerseits wiederum Schuldgefühle hervorruft und daher verdrängt und in Ablenkung vom ursprünglichen Objekt gegen das eigene Selbst gewendet wird. Es kommt in der Folge häufig zu schweren Störungen auf der Beziehungsebene, Depressionen, selbstverletzendem Verhalten oder gesteigerter, nach außen gerichteter Aggressivität.

***

Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor

Das Bedürfnis, bestrafen zu müssen

A. Gruen

Wir leben in einer Welt, in der wir zunehmend voneinander abhängig werden und uns dennoch immer mehr gegeneinander wenden. Warum stellen sich Menschen gegen das, was sie miteinander verbindet, gegen das, was sie miteinander gemeinsam haben – ihr Menschsein?

Milovan Djilas, einst Titos Gefährte im Partisanenkrieg gegen die Nazis und später einer seiner schärfsten Kritiker, beschreibt in seinem autobiographischen Bericht „Land ohne Recht“ die Grausamkeiten einer Männerwelt, in der Menschlichkeit als Schwäche verpönt ist: „Einmal, nach dem Krieg, begegnete Sekula (ein Montenegriner und Jugoslawe) auf dem Weg von Bijelo Polje nach Mojkovac ein fremder Muselmane. Dieser Weg war immer gefährlich, da er dicht bewaldet und für einen Hinterhalt wie geschaffen war. Der Muselmane war daher froh über den montenegrinischen Weggefährten; auch Sekula fühlte sich in Gesellschaft eines Türken sicherer, für den Fall, dass sich türkische Heckenschützen in der Gegend herumtrieben. Der Muselmane war offensichtlich ein friedliebender Familienvater. Unterwegs boten sie einander Tabak an und plauderten freundlich. Der gemeinsame Weg durch die Wildnis brachte die beiden Männer einander näher.“ Djilas schreibt, dass Sekula später sagte, er habe keinerlei Ressentiments dem Moslem gegenüber empfunden. Er sei für ihn wie jeder andere gewesen, mit dem einzigen Unterschied, dass er Türke war. Doch gerade diese Unfähigkeit, eine Abneigung zu spüren, weckte in Sekula ein Gefühl von Schuld. Djilas berichtet weiter: „Es war ein heißer Sommertag, weil der Wald aber so dicht war und der Weg einen Bach entlang führte, war es angenehm frisch. Schließlich setzten sie sich ans Bachufer, um im kühlen Schatten zu essen. Sekula prahlte mit seiner wunderschönen Pistole und zeigte sie dem Muselmanen. Der betrachtete die Waffe, lobte sie und fragte Sekula, ob sie geladen sei. Sekula bejahte, und in diesem Augenblick fiel ihm ein, dass er den Türken durch einen leichten Fingerdruck töten konnte. Er hatte sich aber noch nicht dazu entschlossen. Er richtete die Pistole auf den Muselmanen, gerade zwischen seine Augen, und sagte: „Ja, sie ist geladen, und ich könnte dich jetzt töten.“ Der Muselmane blinzelte in die Mündung, lachte und bat Sekula, anderswohin zu zielen, da die Waffe ja losgehen könne. In diesem Augenblick wusste Sekula ganz klar, dass er seinen Weggefährten töten musste. Er hätte die Schande einfach nicht ertragen können, wenn er diesen Türken verschont hätte. So schoss er, wie zufällig, mitten in das lächelnde Gesicht, zwischen die Augen.“

Wenn Sekula später darüber sprach, behauptete er, dass er in dem Augenblick, als er die Pistole im Spaß auf die Stirn des Muslims richtete, keine Tötungsabsichten gehabt hätte. Djilas schreibt: „(Aber) dann habe sein Finger wie von selbst abgedrückt. Irgend etwas war in ihm zum Durchbruch gekommen, was er von Geburt an mit sich herumtrug, und was er einfach nicht zurückhalten konnte.“ Es muss der Moment gewesen sein, in dem sich Sekula dem Türken so nahe fühlte, dass sich die Scham seiner bemächtigte. So absurd es auch klingen mag, er tat, was er tat, nicht aus Hass, sondern im Gegenteil: Er tötete, weil er diesen „Fremden“ nicht hassen konnte. Dafür schämte er sich, dafür fühlte er sich schuldig. Denn die Freundlichkeit und das Gute, das er in sich selbst spürte, verwandelten sich in ein Gefühl der Schwäche. Und dieses Gefühl musste er abtöten. Als er den andern tötete, tötete er die Menschlichkeit in sich selbst.

Klaus Barbie, der Gestapo-Schlächter von Lyon, der den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin zu Tode folterte, sagte in einem Interview mit Neal Ascherson (1983): „Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das Gefühl, dass er ich selber war.“ Das heißt: Was der Schlächter seinem Opfer antat, tat er in gewisser Weise sich selbst an. Auf was ich hinaus will: Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthass zu tun. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, müssen wir uns zuerst mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen. Denn der Feind, den wir in andern zu sehen glauben, muss ursprünglich in unserem eigenen Innern zu finden sein. Diesen Teil von uns wollen wir zum Schweigen bringen, indem wir den Fremden, der uns daran erinnert, weil er uns ähnelt, vernichten. Nur so können wir fernhalten, was uns in uns selbst fremd geworden ist. Nur so können wir weiter aufrecht gehen.

Ein Patient, ein 50jähriger Geologe, berichtet von seinem Vater, der freiwillig in Hitlers Wehrmacht gekämpft hatte. Der Vater zeigte nicht nur eine extrem autoritäre Haltung seinem kleinen Sohn gegenüber, er züchtigte ihn auch körperlich für die kleinsten Abweichungen vom vorgeschriebenen Verhalten. Seine Frau behandelte er ebenfalls herabsetzend und gewalttätig. Die Mutter nahm den Sohn allerdings nie in Schutz. Nur einmal, als das Kind 7 Jahre alt war, griff sie ein, da sie glaubte, der Vater würde ihn in seiner Wut erschlagen. Der Sohn, gehorsam und stets bereit, sich zu fügen, wurde auch als Erwachsener noch von großen Schuldgefühlen geplagt, wenn er an seinem Vater zweifelte. Er kam in die Therapie, weil er sich trotz allem das Gefühl bewahrt hatte, dass mit der Welt, in der er lebte, etwas nicht in Ordnung war. Der Patient hatte schon früh den Entschluss gefasst, niemals Kinder zu haben. Er wurde jedesmal sehr wütend, wenn er Kinder schreien hörte. Er erlebte dieses Weinen als einen Versuch, ihm etwas aufzunötigen. Das machte ihn so rasend, dass er Angst hatte, ein Kind in einer solchen Situation gegen die Wand zu schmettern. Soweit wollte er es nicht kommen lassen.

Hier haben wir es mit einem Menschen zu tun, der nicht weitergeben wollte, was ihm angetan wurde. Trotzdem wirkte die Identifikation unbewusst in ihm weiter. Seine Reaktion auf das Schreien von Kindern war ja die Reaktion des Vaters auf ihn als Säugling. Seine Wut war die Wut seines Vaters. Dessen Hass hatte er völlig als seinen eigenen verinnerlicht.

So wird das Eigene, wie auch die vom Vater übernommene Verurteilung seines Schmerzes, zum Fremden, um es dann außerhalb der Grenzen des eigenen Selbst zu bestrafen.

Eine Studentin in einem Therapiekurs fragte mich während meiner Vorlesung: „Wie kommt es, dass ich selbst in meiner Arbeit mit Asylanten plötzlich rassistische Gedanken hege? Vorgestern sprach ich mit einer Gruppe jugendlicher Albaner. Einige sagten: „Ich will eine Lehrlingsstelle!“ Daraufhin hatte ich das Gefühl, dass sie überhebliche Ausländer sind. Jetzt, durch ihren Vortrag, erkannte ich plötzlich etwas Altes, Vergessenes: Ich durfte nie ich will sagen, sondern nur ich möchte. So hasste ich diese jungen Albaner für das, was ich an mir selbst hassen gelernt habe.“

„Der Krieger“, schreibt Barbara Ehrenreich in „Blood Rites“ (1997) „sucht nach dem Feind und findet Menschen, die in entscheidender Hinsicht erkennbar wie er selbst sind“. In seinem Buch „The Warrior’s Honor“ gibt Michael Ignatieff ein Gespräch wider, das er mit einem serbischen Freischärler in einem Bauernhaus in Ost – Kroatien führte: „Ich wage den Gedanken auszudrücken, dass ich Serbien und Kroatien nicht voneinander unterscheiden kann, und frage ihn: „Warum denkt du, dass du so anders bist?“ Er schaut sich voller Verachtung um und nimmt eine Zigarette aus seinem khakifarbenen Jackett: „Siehst du das? Das sind serbische Zigaretten. Da drüben…rauchen sie kroatische Zigaretten.“ „Aber es sind doch beides Zigaretten?“ „Ihr Ausländer versteht nichts.“ Er zuckt mit der Schulter und fängt wieder an, seine Zavosto-Maschinenpistole zu reinigen. Doch die Frage hat ihn offenbar irritiert. Ein paar Minuten später wirft er seine Waffe auf das Bett zwischen uns und sagt: „Ich will dir sagen, wie ich es sehe. Die da drüben wollen Gentlemen sein. Halten sich für fancy Europäer. Ich sage dir etwas: Wir sind einfach alle balkanische Scheiße!“

Ignatieff schreibt weiter: „Also erst gibt er mir zu verstehen, dass Kroaten und Serben nichts gemeinsam haben. Alles ist anders, bis hin zu den Zigaretten. Eine Minute später meint er, „Das wirkliche Problem der Kroaten sei, dass sie glauben, besser zu sein wie wir“. Am Ende kommt er zu dem Schluss: Wir sind in der Tat alle dieselben.“

In seinem Essay „Das Tabu der Virginität“ schrieb Freud 1917: „…dass gerade die kleinen Unterschiede (zwischen Menschen) bei sonstiger Ähnlichkeit die Gefühle von Fremdheit und Feindseligkeit zwischen ihnen begründen“. Warum, so fragt sich Ignatieff, können sich Brüder mit größerer Leidenschaft hassen als Fremde? Wieso stellen Männer und Frauen immer ihre Verschiedenheit heraus, obwohl sie bis auf ein, zwei Chromosomen ein identisches Erbgut haben? Ihr Bedürfnis nach Abgrenzung scheint so groß zu sein, dass sie selbst nicht zu leugnende Übereinstimmungen wie intellektuelle Fähigkeiten negieren und als andersartig darstellen, obwohl das Gegenteil längst bewiesen ist. Die Frage, die hinter all dem steht, lautet: Warum empfinden wir gerade den kleinsten Unterschied als bedrohlich? Wie kommt es zu dem Paradoxon, dass wir einen andern vor allem dann als fremd erleben, wenn er uns ähnlich ist? Je näher Beziehungen zwischen menschlichen Gruppierungen, desto feindseliger werden sie voraussichtlich miteinander sein. Es sind die Gemeinsamkeiten, die Menschen dazu bringen, einander zu bekämpfen, nicht die Unterschiede.

Ob Völkermorde, Folter oder die alltägliche Erniedrigung von Kindern durch Eltern – eines haben all diese Beispiele für Gewalt und Hass gemeinsam: Das Gefühl der Abscheu für den andern, den „Fremden“. Die Täter stufen sich selbst als „Menschen“ ein, doch das Gegenüber verdient diese Bezeichnung nicht. Der andere wird zum Unmenschen degradiert. Es ist, als würde man sich durch diesen Vorgang selber reinigen. Indem man andere abtut und sie peinigt, befreit man sich vom Verdacht des Beschmutztseins. Das Reinsein oder Beschmutztsein wird so zum Merkmal, das den Menschen vom Nichtmenschen unterscheidet. Dabei verlagert sich die Wahrnehmung auf eine abstrakte Ebene. Der andere wird nicht mehr in seiner individuellen Menschlichkeit gesehen. Er ist nur noch Bestandteil einer Gruppe. Seine konkreten Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen verschwinden aus dem Blickfeld, statt dessen wird seine Persönlichkeit auf eine einzige Eigenschaft reduziert: Die Zugehörigkeit zur Gruppe. Diese Abstrahierung macht ein empathisches Erleben des andern unmöglich. Empathie ist eine grundsätzliche Fähigkeit aller Lebewesen. Sie ist die Schranke zur Unmenschlichkeit und der Kern unseres Menschseins, also auch Kern dessen, was unser Eigenes ist. Wenn aber dieses Eigene verachtet und als nicht zu uns gehörig abgespalten werden muss, kann sich auch die Empathie nicht frei entwickeln. Unsere Fähigkeiten, mit anderen mitzufühlen, verkümmern. Der Prozess, durch den das Eigene zum Fremden wird, verhindert also, dass Menschen sich menschlich begegnen – mit Anteilnahme, Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verstehen. Statt dessen wird die Abstraktion zur Basis unserer Beziehungen. Der Andere tritt uns nicht als Individuum sondern als Angehöriger einer Gruppe entgegen.

Die Anfänge dieser Entfremdung liegen in der Kindheit. Das wird nirgendwo deutlicher als in dem Satz, den Hitler 1934 bei einer Rede der NS – Frauenschaft formulierte: „Jedes Kind ist eine Schlacht“ (S. Chamberlain, 1997). Damit drückte er in erschreckend klarer Weise aus, was in westlichen Kulturen auch heute noch oft als unumstößliche Wahrheit angesehen wird: Dass es eine natürliche Feindschaft gibt zwischen Säugling und Eltern. Im Kampf der sogenannten Sozialisation muss das Kind dazu gebracht werden, sich dem Willen der Eltern zu unterwerfen. Das Kind muss daran gehindert werden, seinen eigenen Bedürfnissen und Genüssen nachzugehen. Der Konflikt ist unvermeidlich und er muss zum Wohle des Kindes unter Beharrlichkeit der Eltern gelöst werden.

Chamberlains kritische Darstellung der offiziellen Erziehungsmethode des Dritten Reiches veranschaulicht deren pathologische Effekte. Leider beschreibt sie damit aber auch eine Ideologie, die – wenn auch in verhüllter Form – typisch für alle sogenannten großen Zivilisationen ist. Diese besagt: Die Natur der Beziehung zwischen Kindern und Eltern ist die eines Machtkampfes, in dem verhindert werden soll, dass sich der „unreife“ Wille des Kindes durchsetzt. Verschleiert wird dabei aber, dass es nicht um ein „Zivilisieren“, sondern um die Festschreibung von Herrschaft geht. Die so geartete Sozialisation des Kindes soll dafür Sorge tragen, dass die Motivation zum Gehorsam gegenüber den Mächtigen tief in der menschlichen Seele verankert wird. Das geht aber nur, indem man die Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle, die dem Kind eigen sind, zum Schweigen bringt.

Selbst Freud war noch in dieser Ideologie gefangen. Trotz all seiner revolutionären Ideen, mit denen er Kindheit ins Zentrum unseres Denkens rückte, hielt er an der Vorstellung vom „unvermeidlichen“ Kampf zwischen Eltern und Kind fest. Er war der Meinung, jedes Kind sei von universalen Trieben beherrscht und habe nichts anderes im Sinn, als rücksichtslos seine Lüste zu befriedigen. Der Kultur schrieb er die Hauptaufgabe zu, diesen Trieben Einhalt zu gebieten, bevor andere dadurch zu Schaden kämen. Natürlich lassen sich die Ansichten Hitlers und Freuds nicht in einen Topf werfen. Beide haben jedoch eines gemeinsam: Die Einstellung, dass das Kind, das seinen ureigenen Bestrebungen überlassen wird, eine Gefahr für die Gemeinschaft bedeutet.

Chamberlains Buch ist ein wichtiger Beitrag über den Versuch der Nazidiktatoren, sich in ihrem Herrschaftsanspruch zu verewigen. Dieser Aspekt, der ja bis in unsere Zeit hineinwirkt, ist als geschichtlicher Vorgang verleugnet worden. Das von der Naziärztin Dr. J. Haarer veröffentlichte Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ liefert die ideologische Grundlage für eine Erziehung, in der das Eigene des Kindes zum Fremden gemacht wird. Ich möchte die wesentlichen Aussagen deshalb kurz zusammenfassen: Babys und Kleinkinder sind nach Haarer tendenziell unersättlich. Sie können nie genug kriegen von verwöhnender Beachtung, ständig wollen sie herumgeschleppt werden, was den Erwachsenen natürlich lästig ist. „Babys schreien aus Veranlagung, zornig und lang anhaltend, zum Zeitvertreib oder um etwas zu erzwingen. Babys und Kleinkinder wollen sich nicht fügen, wollen nicht so wie die „Großen“ wollen, sie erproben diese, widersetzen sich und tyrannisieren. Von Natur aus sind sie unrein, unsauber, schmuddelig, schmieren herum mit allem, was sich bietet“ (Hervorhebung A.G.; aus Chamberlain, S. 95)

Die Eigenschaften, die Eltern ihren Kindern am häufigsten zuschreiben, sind Unsauberkeit, Unreinheit, Gier, Unstetsein, Zerstörungswut. Kinder sind, auch Freud sah es so, unersättlich in ihrem Trieb, stets darauf erpicht, dem Lustprinzip zu folgen. Es sollte uns hellhörig machen, dass es genau dieselben Eigenschaften sind, die dem gehassten Fremden – ob Jude, Zigeuner, Chinese, Katholik, Kroate, Serbe, Tschetschene, Kommunist usw. immer wieder unterstellt werden.

Der Fremde ist immer derjenige, dessen Unsauberkeit, Unreinheit uns zersetzen könnte. Hitler sah in den Juden das Fremdgut, das „sein“ Volk zersetzen würde. Gleichermaßen betrachtete er die Bekämpfung der Syphilis als eine der wichtigsten Lebensaufgaben der Nation. Die Sterilisation davon betroffener „Erbkranker“ erschien ihm folglich als „unbarmherzige Absonderung unheilbar Erkrankter“ absolut notwendig (Hitler, 1942). In seiner Phantasie sah er Gehirne, Körper und Völker gleichermaßen verfaulen und sich zersetzen.

Der innere Feind, der mit dem Fremden identisch ist, ist jener Anteil im Kind, der verwirkt wurde, weil Mutter oder Vater oder beide ihn verwarfen, weil sie das Kind Ablehnung und Strafe erleben ließen, wenn es auf seine eigene und wahre Sicht bestand. Ich sage „wahr“, weil die frühesten Wahrnehmungen eines Kindes auf seinen empathisch erlebten Perzeptionen beruhen und deshalb nur wahr sein können. Hitler muss diese Ablehnung seiner eigenen Lebendigkeit auch erfahren haben und seinen inneren Teil als fremd abgestoßen haben, um eine Verbindung mit seinen Eltern aufrechtzuerhalten. Der Hass auf das Eigene bringt Kinder hervor, die sich nur noch als aufrecht gehend erleben können, wenn sie diesen Hass nach außen wenden können. Indem das Eigene als fremd von sich gewiesen wird, wird es zum Auslöser der Notwendigkeit, Feinde zu finden, um die so erlangte Persönlichkeitsstruktur aufrechtzuerhalten.

Die Folgen dieses Prozesses sind verheerend: Man verleugnet nicht nur, dass man selbst zum Opfer gemacht wurde. Man kann auch die Ursachen des eigenen Opferseins nicht mehr erkennen. Statt dessen muss der Prozess weitergegeben werden, indem man andere zum Opfer macht. Das geschieht so lange, wie das eigene Opfer nicht erkannt werden darf. Es muss verleugnet werden, weil sonst der alte Terror, der allem zugrunde lag, wieder aufsteigen würde. Kein Kind, auch nicht das in uns bedrohte, kann sich diesem Terror widersetzen.

Als Kinder waren wir ausgeliefert und hilflos. Unser Überleben hing von einer Übereinstimmung mit den Eltern ab. Der innere Terror des Opferseins ist deshalb zutiefst existentiell. So kommt es, dass uns die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, von gesellschaftlichen Positionen oder sozialen Rollen in den Grundfesten unserer Persönlichkeit erschüttern kann. Wenn unser Selbstwert vorwiegend auf Erfolg, Status und materiellem Gewinn beruht, muss ein möglicher Verlust solcher äußerer Errungenschaften, aber auch die Bedrohung durch mehr Freiheit als existenzgefährdend erlebt werden, weil dadurch der alte Terror der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins und der Scham wiederaufersteht.

Wenn Identität auf der Identifikation mit Autorität basiert, bringt Freiheit Angst. Solche Menschen müssen dann das Opfer in sich selber mit Gewalt gegen andere verdecken.

Die innere Not und der Druck, dem alten Terror zu entkommen, werden so groß, dass man sie nur noch mit verstärkter Energie abwehren kann. Dies geschieht, indem das Eigene, das ja Auslöser des inneren Terrors ist, in äußeren Fremden gesucht und bekämpft wird. Dabei findet man das Eigene natürlich am ehesten bei Menschen, die einem ähnlich sind.

Jetzt verstehen wir die schreckliche Wahrheit, die Klaus Barbie mit dem Satz ausdrückte: „Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das Gefühl, dass er ich selber war.“

Die Entstehung des Fremden und dessen Externalisation stehen in direktem Bezug zum Intimsten des Menschen, nämlich seiner Identität. Entscheidend ist die Frage: Was bleibt für deren Entwicklung, wenn all das, was dem Menschen eigen ist und ihn als Individuum ausmacht, verworfen und zum Fremden gemacht wird? Dann reduziert sich Identität auf die Anpassung an äußere Umstände, welche das seelische Überleben des Kindes sichert: Es tut alles, um den Erwartungen der Mutter und des Vaters gerecht zu werden. Kern dieses Prozesses ist die Identifizierung mit den Eltern. Das Eigene des Kindes wird durch das Fremde der Eltern ersetzt.

Eine Identität, die sich auf diese Weise entwickelt, orientiert sich nicht an eigenen inneren Prozessen, sondern am Willen einer Autorität. Das hat natürlich weitreichende Konsequenzen für das Individuum, aber auch für die Gesellschaft.

Wenn Identität eine grundlegende Konstellation von immanenten Persönlichkeitsmerkmalen ist, dann deuten diese Beobachtungen darauf hin, dass viele Menschen keine solche Indentität besitzen. Die Nazimentalität war darauf versessen, Menschen ihre Identität zu nehmen. Das KZ-Grauen hatte nicht einfach die körperliche Vernichtung im Sinn. Übergeordnetes Ziel war vielmehr, die menschliche Würde, die Persona, zu zerstören. Es waren Menschen ohne eigene wirkliche Identität, die anderen das nehmen mussten, was sie selbst nicht besaßen. Aus Rache töteten sie das eigene Fremde, das sie selbst zu einer eigenen wirklichen Identität hätte führen können.

Menschen,die vom inneren Fremdsein bestimmt sind, hatten nie die Möglichkeit, ein Urvertrauen als festen Bestandteil ihrer Persönlichkeit zu entwickeln. Statt dessen übernehmen sie eine „falsche Identität“, die sie auch weiterhin dazu veranlasst, repressive Autoritäten zu idealisieren und Rettung ausgerechnet von jenen zu erhoffen, die eigentlich ihre Peiniger sind.

Unter solchen Umständen kann sich kein Inneres entwickeln, das uns vor der abstrakten Nacktheit des Menschseins bewahren könnte, von dem H. Arendt (1973) sprach. Die Nacktheit kommt zustande, wenn die Entfaltung einer wahren Identität verhindert wurde. Sie ist dagegen Bestandteil einer falschen Identität, die auf Leistungen beruht und die auseinanderfällt, wenn der gesellschaftliche Kontext diese Leistungen unmöglich macht.

Ein Überleben in den Todeslagern und im Gulag war jedoch nur möglich mit einer Identität, die auf inneren Vorgängen basierte. Das zeigte auch die Studie von Des Pres (1976) mit Überlebenden. Wenn Identität nur das Ergebnis äußerer Kriterien wäre, dann müssten wir der Naziphilosophie recht geben.

Wir müssen davon ausgehen, dass jeder, der in unserer Kultur aufgewachsen ist, die Entfremdung des Eigenen zu einem gewissen Grad erlebt hat. Es kann uns deshalb allen passieren, dass wir einmal unser Inneres beiseite drängen.

Dieser Vorgang wird oft in der Psychotherapie wiedererlebt. Eine Patientin, deren Mutter unberechenbar war – einmal z.B. lief ihr die Mutter mit einem Messer nach und warf es nach ihr – sprach in einer Sitzung über mehrere solche Erlebnisse. In der darauffolgenden Sitzung erzählte sie: „Als ich von der Sitzung wegging, fiel eine große Sehnsucht nach meiner Mutter über mich her. Gleichzeitig fühlte ich so einen leeren Raum. Meine Schultern waren verspannt und plötzlich schrie ich nach Mama. Da ist so ein Gefühl einer schwarzen Energie, ein vom Leben Abziehen. Es hat alles mit Mutter zu tun. Trotzdem hatte ich das Gefühl, es könne mir nichts passieren, wenn ich mit ihr bin. Aber nach unserer Sitzung und dem Schrei ‚Mama‘ spürte ich diese Dunkelheit wieder und sie wurde zu einem Stück Geborgenheit.“ Hier haben wir das Wiedererleben des Moments vor uns, in welchem der Terror umgewandelt wird in Geborgenheit. Es scheint, dass, wenn Angst für ein Kind in seinem Ausgeliefert-Sein und in seiner Hilflosigkeit unerträglich wird, sie ins Gegenteil, nämlich Geborgenheit, umkippen kann. Auch Erwachsene können diesen Vorgang unter den Bedingungen einer Gefangenschaft und unter Folter wiederholen, wie Jacob Timmerman (1982) es für die argentinische Diktatur und der Nobelpreisträger, Wole Soyinka (1972) es für Nigeria unter dem Diktator General Gowan beschrieben haben. Eine Variante davon wird in einer vor kurzem erschienenen Studie von Spence (1996) beschrieben. Politische Gefangene im heutigen chinesischen Gulag waren überzeugt, dass es ihre eigene Schuld war, nicht die ihrer Peiniger, dass sie am Verhungern und Sterben waren.

Der Fremde in uns ist das eigentliche Opfer unseres Selbst. Dieses Selbst wird verzerrt durch einen Gehorsam, der es fast unmöglich macht, die Wahrheit des ganzen Vorgangs zu erkennen. Gehorsam, könnte man sagen, dient nicht nur dazu, sich dem Unterdrücker unterzuordnen, sondern auch seine Taten zu verschleiern. Mit anderen Worten: Gehorsam untermauert Macht. Er macht es unmöglich, die angestaute Wut gegen jene zu richten, die für sie verantwortlich sind. Die Wut jedoch ist da, genauso wie der Hass auf das eigene Opfer, das man als fremd von sich weisen muss, um sich mit den Mächtigen zu arrangieren (Gruen 1997, 1999, 1987, 1968; Werner 1989).

Der Versuch, Menschen in Kranke und Nicht-Kranke einzuteilen, ist zum Scheitern verurteilt, weil er die eigentliche Krankheit, die unser Opfersein hervorbringt, nicht berücksichtigt. Wenn aber diese Grundlage unserer Entwicklung ignoriert wird, muss unser Geschichtsbewusstsein ein unvollständiges sein. Das Vorhaben, die Geschichte des Menschen zu verstehen, wird so lange scheitern, wie wir nicht in der Lage sind, das Allgegenwärtige des Fremden in uns zu erkennen.

Die Einsicht ist versperrt, weil wir den Terror und das Leid, denen wir ausgesetzt waren, verleugnen müssen. Diese Verschüttung der Quellen des Opferseins führt dazu, dass der Gehorsam immer wieder inszeniert und weitergetragen wird. Dabei ist das Perfide am Gehorsam seine eingebaute Sicherung: Gegen ihn zu verstoßen bedeutet, mit Schuld überladen zu sein.

Wenn ein Kind einem solchen inneren Terror ausgesetzt ist, muss es alles tun, um zu überleben. Hier setzt das ein, was Ferenczi schon 1932 als das Umkippen von Angst und Terror in Geborgenheit beschrieb (1984). Dieser Vorgang ist in einem gesellschaftlichen Umfeld verankert, das Erwachsenen erlaubt, die Abhängigkeit eines Kindes zur Steigerung des eigenen Selbstwertes zu missbrauchen. Er führt dazu, dass ein Kind plötzlich seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen verwirft, um eine lebensnotwendige Verbindung mit dem versorgenden Erwachsenen aufrecht zu erhalten. Ein Kind tut dies, indem es sich den Erwartungen des Erwachsenen ganz und gar unterwirft. Ferenczi beschrieb es so: „Kinder fühlen sich körperlich und moralisch hilflos, ihre Persönlichkeit ist zu wenig konsolidiert, um auch nur in Gedanken protestieren zu können, die überwältigende Kraft und Autorität des Erwachsenen macht sie stumm, ja beraubt sie oft der Sinne. Doch dieselbe Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht, zwingt sie automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich selber ganz zu vergessen, sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“ (Ferenczi 1984).

Diese Identifizierung führt nicht nur dazu, dass das Opfer sich mit dem Täter verbündet, sondern auch, dass es ihn idealisiert. In den Augen des Opfers beginnt der Täter Geborgenheit auszustrahlen. Gleichzeitig fängt das Opfer an, seinen Schmerz als Schwäche zu empfinden, weil der Täter diese Gefühle verbietet. Doch der Schmerz und die daraus resultierende Wut existieren weiter in dem Opfer, nur diesmal gegen das Eigene, das nun als fremd erlebt wird. Es gehört zum normalen Anpassungsprozess, diese Wut gegen das Fremde nach außen zu richten. Die Allgegenwart dieses Vorgangs ist bestimmend für den Verlauf unserer Geschichte.

Was untersucht werden muss, ist der gesamte Organismus, und das ist die Aufgabe einer Psychologie, die der Individualität dient. Das zentrale Problem ist dann, welchen Teil unseres Menschseins wir verloren haben, wie und warum dies passierte und auf welchem Weg wir ihn wiedergewinnen können (siehe auch S. Diamonds Diskussion über Geschichte, 1979).

Dieser Prozess der Entfremdung, der unser gesellschaftliches und politisches Problem ist, wodurch der Mensch sich in eine „freiwillige Knechtschaft“ begibt, ist schon von Etienne de la Boetie im Jahre 1550 beschrieben worden (1991). „Für dieses Mal will ich nur untersuchen, ob es möglich sei und wie es sein könne, dass so viele Menschen, so viele Dörfer, so viele Städte, so viele Nationen sich manches mal einen einzigen Tyrannen gefallen lassen, der weiter keine Gewalt hat als die, welche man ihm gibt; der nur soviel Macht hat, ihnen zu schaden, wie sie aushalten wollen, der ihnen gar kein Übel antun könnte, wenn sie es nicht lieber dulden als sich ihm widersetzen möchten. Es ist sicher wunderbar und doch wieder so gewöhnlich, dass es einem mehr zum Leid als zum Staunen sein muss, wenn man Millionen über Millionen von Menschen als elende Knechte und mit dem Nacken unterm Joch gewahren muss“(S. 11-12).

Boetie beschreibt die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor, welche Ferenczi so klar in unsere Kindheit plazierte. „…der Tyrann hat die, die um ihn sind und um seine Gunst betteln und schwenzeln, immer vor Augen; sie müssen nicht nur tun, was er will, sie müssen denken, was er will und müssen oft, um ihn zufrieden zu stellen, sogar seinen Gedanken zuvorkommen… Sie müssen ihrem Temperament Zwang antun und ihre Natur verleugnen, sie müssen auf seine Worte, seine Stimme, seine Winke, seine Augen achten; Augen, Füße, Hände, alles muss auf der Lauer liegen, um seine Launen zu erforschen und seine Gedanken zu erraten“ (S. 41). Und dann beschreibt er das Weitergeben des eigenen Opfers, das Bestrafen des Fremden: „Sie leiden freilich manchmal unter ihm, aber diese Verlorenen, diese von Gott und den Menschen Verlassenen lassen sich das Unrecht gefallen und geben es nicht dem zurück, der es ihnen antut, nein, sie geben es an die weiter, die darunter leiden wie sie und sich nicht helfen können“ (S. 40).

Mit dieser Beschreibung der politischen Auswirkungen der Identifikation mit dem Aggressor kommen wir nicht nur zurück zu der Problematik der inneren Entfremdung, sondern auch auf die tiefen Verletzungen, die dem Menschen zugefügt werden. Nur können diese nicht wahrgenommen werden, denn das wäre ein Verstoß gegen das Gebot des Gehorsams, das die Idealisierung der Macht uns auferlegt, um ihre Existenz zu sichern. Das Ergebnis ist das, was in unserer Kultur als „normales“ Verhalten bezeichnet wird: Der lebenslange Versuch, diesen schmerzhaften Teil des Menschseins, den wir verloren haben und uns für immer ohnmächtig fühlen lässt, dadurch in den Griff zu bekommen, dass wir andere zum Opfer machen, um sie dann für den Schmerz, den wir nicht haben dürfen, und das Opfer, das wir nicht sein dürfen, zu bestrafen.

 

Literatur

  1. Arendt: The Origins of Totalitarianism. New York: Harcourt, 1973, S. 300; (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Piper).
  2. Ascherson: The „Bildung“ of Barbie, in: The New York Review of Books, November 1983.
  3. de la Boetie: Knechtschaft, Münster: Klemm/Oelschläger, 1991.
  4. Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Giessen: Psychosozial, 1997, S. 96.
  5. DesPres: The Survivors, New York: Oxford, 1976.
  6. Diamond: Kritik der Zivilisation, Frankfurt: Campus, 1979. S. 79-80.
  7. Djilas: Land Ohne Recht, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1958.
  8. Ehrrenreich. Blood Rites. New York: Metropolitan Books, 1997.

S.Fereczi: Sprachverwirrungen zwischen den Erwachsenen und dem Kind, Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. 3, Berlin: Ullstein, 1984.

  1. Freud: Das Tabu der Virginität, Gesammelte Werke Bd. XII, S.169, Frankfurt: Fischer, 1947.
  2. Gruen: Ein früher Abschied. Objektbeziehungen und psychosomatische Hintergründe beim Plötzlichen Kindstod, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1999.

A.Gruen: Der Verlust des Mitgefühls, München: dtv. 1997.

  1. Gruen: Der Wahnsinn der Normalität, München: dtv. 1987.
  2. Gruen: Autonomy and Identification: The paradox of their Opposition, Int. Journal of Psycho-Analysis, 49, 1968.
  3. Hitler: Mein Kampf, München: NSDAP, 1942, S. 280.
  4. Ignatieff: The Warrior’s Honor, London: Chatto & Windus, 1998.
  5. Soyinka: The Man Died, New York: Harper, 1972.
  6. Spence: In China’s Gulag, The New York Review of Books, August 10, 1996.
  7. Timmerman: Wir brüllten nach innen. Folter in der Diktatur heute, Frankfurt: Fischer, 1982.

E.E. Werner: High-risk children in young adulthood. A longitudinal study from birth to 32 years. American Journal Orthopsychiatry, 59, 1989.

Der Autor

Prof. Dr. Arno Gruen, geboren 1923 in Berlin, 1936 Emigration in die USA, Studium der Psychologie, promovierte als Psychoanalytiker bei Theodor Reik, Tätigkeiten an verschiedenen Universitäten und Kliniken, zuletzt Forschungsprofessur in Neurologie an der medizinischen Fakultät der Cornell University und Professor an der Rutgers Universität New Jersey. Seit 1958 psychotherapeutische Praxis. Zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften und Zeitungen. Lebt seit 1979 in der Schweiz.

Quelle:

Arno Gruen: Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor – Das Bedürfnis, bestrafen zu müssen

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 1/00; Reha Druck Graz

 

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Selbstoptimierung: Wie ich mein bewusstes Erleben designe…..

Das Folgende nenne ich das „Prinzip der phänomenal-kognitiven Liberalität“: In einer freien, offenen Gesellschaft hat jeder Bürger selbstverständlich und ganz prinzipiell das Recht, mit seinem Gehirn und seinem bewussten Geist das zu tun, was er selbst für richtig hält. Mein Gehirn gehört mir! Wie ich mein bewusstes Erleben designe, ist ganz allein meine Sache! Dieses Prinzip ist schön, wichtig, und leicht dahergesagt. Aber es ist zu billig.“

So Thomas Metzinger, 51, Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz in der ‚Zeit Online‘

Warum ‚zu billig‘?

Einfach deshalb weil es ein falsches Prinzip ist, sich bloß ‚privatistisch‘ an der geistigen Oberfläche bewegt. Der Herr Professor dazu:

„Oft berührt die geistige Selbstoptimierung die Interessen anderer Menschen. Gehört das Gehirn von Eltern nicht auch ihren Kindern, die für ihre eigene psychologische Entwicklung ein Anrecht auf eine „normale“ Mami und einen „normalen“ Papi haben, die nicht ständig fantastisch gelaunt und hellwach sind?

Gehört mein Gehirn nicht auch der Solidargemeinschaft in meiner Krankenkasse, die möglicherweise für die Spätfolgen meines ruchlosen beruflichen Ehrgeizes und meiner mitleidlosen Selbstausbeutung mit dem neuesten ‚Hallo Wach‘ der Pharmaindustrie finanziell aufkommen muss?“

Ja, wir Menschen sind Gemeinschaftswesen, kommen als isolierte Individuen nicht vor, sind als ‚atomisierte‘ Einzelne nicht überlebensfähig. Als solche verkümmern wir psychosozial, sind als evolutionäre ‚Mängelwesen‘ nicht außerhalb von Kutrurgemeinschaften überlebensfähig.

Und dann platzen ziemlich plötzlich in unsere mehr oder weniger schön designten Gemeinwesen diese anarchistischen Selbstoptimierer mit ihren Selbst-Design-Ansprüchen hinein. Plötzlich?

Nein.

Dieser Mindset hat sich lange vorbereitet: ideologisch, ökonomisch, mental, technisch.

Die Ware Arbeiskraft musste sich marktwirtschaftlich seit langem am ‚freien Arbeitsmarkt‘ verkaufen, und hat zu diesem Zweck vor über 100 Jahren eine Lobbyorganisation gegründet, die Gewerkschaften. Seit Beginn der ’neoliberalen Wende‘ wird aber ökonomische EMANZIPATION groß geschrieben, und seither gilt: jeder ist auch ‚Unternehmer‘, er unternimmt vor allem anderen einmal sich selbst: als ‚ICH-AG‘. Dann darf er sich mit anderen ‚vernetzen’…..

Ökonomisch und sozialpolitisch globalisierte sich die Marktwirtschaft, Flexibilität und Innovation sind seither die Leitwerte, an denen sich erfolgreiche Menschen auszurichten haben. So geraten sie in einen Dauerkonkurrenzdruck, und nur die ‚Fittesten‘ schaffen die Herausforderungen, heißt es.

Und mental wird am Individuum seit über hundert Jahren mittels einer Unmenge an Psychotherapienmethoden ‚herumtherapiert‘, um den Einzelnen zu optimieren, anzupassen, mental ‚fit‘ zu halten bzw. zu machen.

Und dann die Etwicklung der Technologie!

Seit Entwicklung des interaktiven Internets, des PCs, der sozialen Plattformen und der billig erhältlichen Smartphones scheint der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung keine Grenze mehr gesetzt zu sein.

Seither ist die Ideologie des Individualismus konkret und handgreiflich geworden. Jeder Einzelne hat in Lichtgeschwindigkeit Zugang zum Internet des Wissens, der Waren und Mitmenschen. Die Grenzen zwischen ‚virtuell‘ und ‚real‘ verschwimmen, was ‚Fiktion‘ ist, und was ‚Fakt‘ lässt sich immer schwerer auseinanderhalten. Nicht nur im Leben des ‚Einzelnen, wo Eskapismus in vielerlei Spielarten den Einzelnen vor Demotivation und Verzweiflung rettet; auch in der Späre des Gemeinwesens – der Politik.

In diesem Klima gedeiht der Drang und Zwang zum optimierenden „Selbstdesign“, plausibilisiert sich das „Prinzip der phänomenal-kognitiven Liberalität“.

So sehr plausibel ist es schon geworden, dass es sinnvoll erscheint, an die bislang kurzlebige Künstlichkeit dieser Denk-Fühlweise zu erinnern.

Der Preis, auch der individuelle Preis, dieser Entwicklungsrichtung wird nun immer deutlicher sichtbar.

Im sozialen und politischen Kontext kommt es zu einem Revival des Tribalismus – WIR gegen DIE ANDEREN. Zunehmende Fragmentierung von Kommunkation in ‚Echokammern‘, frei flottierende Angst und Wut über zunehmende existentielle Unsicherheit in der bislang ‚besten alles Gesellschaften‘ entlädt sich an Sündenböcken – den ‚bösen und gefährlichen Fremden‘. Und in Räuschen aller Art….

Persönlich kommt es zu einer Art ‚bidermeierlichen Rückzug ins Private‘, was den autoritären Tendenzen im Raum der Politik weiteren Vorschub leistet. Die Vielzahl der Informationen und Angebote überfordert und erschlägt. Man filtert radikal aus. Sachliche Zusammenhänge werden ausgeblendet, an die Stelle von Dialog und Diskurs treten Sentiment und Resentiment. Populistische Politiker nutzen diese, um die vorhandene Unsicherheit weiter aufzuheizen, um damit SICHERHEITSPOLITIK zu propagieren und zu betreiben, d.h. Abbau von demokratischen Bürgerrechten zugunsten zentralistischer Kontrolle.

So zerstört sich eine schon lange SELBSTWIDERSPRÜCHLICHE bürgerliche Demokratie und Kultur im Namen der SELBSTOPTIMIERUNG systematisch von innen und außen her..

Absurd. Dennoch ‚real‘.

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Vertrauensbrüche…..

MISSBRAUCH VON VERTRAUEN

Sich dem bislang Fremden im Anderen ‚anzuvertrauen‘, die Tragfähigkeit gemeinsam zu erkunden, bedeutet: VERTRAUEN RISKIEREN. Hoch riskant! Aber Vertrauen kann nur wachsen, wenn es vorgeschossen wird. Aber damit geht einher, dass es vom anderen ‚gebraucht‘ wird, d.h. missbraucht wird. Aber, dieser falsche ‚Gebrauch‘ v4on Vertrauen schadet dem Vertrauensbrecher mehr als dem, der vertraut hat. Der muss mit der ‚Ent-täuschung‘ fertig werden, mit der Tatsache, dass das Gegenüber sich nicht vertrauenswürdig verhalten hat. Man wird danach mehr ‚Vor- und Umsicht‘ walten lassen, um nicht wieder und wieder enttäuscht zu werden. —- Aber der Vertrauens-Missbraucher muss sich seinen Missbrauch ’schön reden‘, wenn er nicht reuig ist. Nach einem Vertrauensbruch wieder Vertrauen gegenseitig aufzubauen, dass kann beglückend sein. Setzt aber von beiden Seiten voraus, dass der eine nach einer Probezeit ‚vergibt‘, und der andere sich in der Probezeit durch Reue ändert.

ODER: Nicht ausreichend Vertrauen können….

Vertrauen kann nur wachsen, wenn es vorgeschossen wird. Aber damit geht einher, dass es ‚belastet‘ wird, d.h. nicht erwidert wird. Aber, dieser falsche ‚Gebrauch‘ von Vertrauen schadet dem NICHT VERTRAUEN KÖNNENDEN mehr als dem, der Vertrauen zugemutet /vorgeschossen hat. Der muss zwar mit der ‚Ent-täuschung‘ fertig werden, mit der Tatsache, dass sein Gegenüber sich nicht so vertrauenswürdig, so belastbar erwiesen hat, wie erwartet. Man wird danach mehr ‚Vor- und Umsicht‘ walten lassen, um nicht wieder und wieder enttäuscht zu werden. Aber man wird nicht nachlassen, weiter zu vertrauen. —- Aber der Misstrauende muss sich sein nicht vertrauen können zuerst mal vor sich und anderen ’schön reden‘, solange er nicht einsichtig genug ist. Nach einem Vertrauenseinbruch wieder Vertrauen gegenseitig aufzubauen, dass kann beglückend sein. Setzt aber von beiden Seiten voraus, dass der eine nach einer Probezeit den Vertrauenseinbruch des Anderen versteht und ‚vergibt‘, und der andere sich in dieser ‚Probezeit‘ durch Einsicht ändert.

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Natural Networking

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Saving the appearances……

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