Was versteht man unter Psychohygiene?

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf
ich geh in meinen Pflichten auf.
Doch bald darauf, nicht mehr so munter
geht er in seinen Pflichten unter.
Eugen Roth

Psychohygiene gilt als die Wissenschaft und Praxis von der Erhaltung der seelischen Gesundheit (siehe auch ‚Hygiene‘). Sie beschäftigt sich mit Lebensumständen, die sich begünstigend oder schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken (siehe dazu auch den Beitrag ‚Psyche, was ist das?‘)

Ziel ist die Frühentdeckung der Beeinträchtigung psychischer Gesundheit, Aufklärung und Prävention. Die Psychohygiene als ein Teilbereich der Hygiene und Gesundheitsvorsorge beeinflusst alle Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl die physiologischen, als auch die psychologischen und geistigen (siehe dazu die Beiträge ‚Burnout – tiefer geblickt und ‚Burnout – Mensch und Arbeit am Scheideweg‚) .

Ziel der Psychohygiene ist es, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und gesunden Lebensführung, psychische Belastungen zu reduzieren bzw. nach Möglichkeit auszuschalten. Belastungen lassen sich in Leistungsdruck, beruflicher Beanspruchung, starke Emotionen, Aufregung, Spannung und Angst differenzieren, wobei diese Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Integrität des Menschen haben und als Stressfaktoren bezeichnet werden.

Wie wird  ’seelische Gesundheit‘ definiert?

Was einem sowohl assoziativ als auch im Internet sofort begegnet ist der Gegenbegriff zu ’seelisch gesund‘, nämlich ’seelisch erkrankt‘. Dazu liest man ‚: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen. Für die Betroffenen sind Zurückweisung und Ausgrenzung eine enorme Belastung.“

Psychohygiene, so lässt sich also schlussfolgern, hat  zur Aufgabe, psychischer Erkrankung vorzubeugen. Ergebnis guter Psychohygiene ist ‚Resilienz‘.

„Resilienz“ stammt aus dem Englischen (resilience) und kann mit Widerstandsfähigkeit (Elastizität oder Spannkraft) übersetzt werden. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur, seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, insbesondere seine emotionale Intelligenz, d. h., seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren und seine mehr oder weniger ‚pro-aktive‘ Einstellung zu Problemen (Neigung zum Verharren in Problemtrance / Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung).

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als „shared values“ bezeichnet).

Siehe Wikipedia Artikel: Resilienz

Wie kann aber Psychohygiene in einer hochindividualisierten Leistungsgesellschaft möglich gemacht werden? In einer Gesellschaft, in welcher der soziale Zusammenhang immer zufälliger wird und damit die Stabilität und Tragfähikgeit von Beziehungen abnimmt?

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Nik Wallenda (34)  auf einem Hochseil über den Grand Canyon

Antwort: Indem man ‚balancieren‘ lernt, auf auf dem ’schmalen Grat‘ zwischen gegensätzlichen Anforderungen zu gehen lernt, d.h. indem ‚geistig und mental höchst beweglich wird.‘ Das setzt die ‚Fähigkeit voraus, alle Überzeugungen ‚einklammern‘ zu können  und ‚ganz da zu sein‘, d.h. alles was überhaupt wert ist getan zu werden, auch mit ‚ganzer Aufmerksamkteit zu tun‘ (Stichwort: Flow).

„Volle Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ – Simone Weil

Der Dichter Franz Kafka hat dazu folgendes angemerkt: „Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“

Siehe dazu auch: Psychoneuroimmunologie,  ‚Widerstandskraft entwickeln – aber wie?‚, ‚Output ohne Input, das geht auf Dauer nicht‘ und ‚Wohlwollend neutrales Beobachten‘ und Entspannungsmusik

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Streets of London…

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Wissenschaft als ‚möglichst getreue Anmenschlichung der Dinge’……

Ursache und Wirkung. — „Erklärung“ nennen wir’s: aber „Beschreibung“ ist es, was uns vor älteren Stufen der Erkenntnis und Wissenschaft auszeichnet. Wir beschreiben besser, — wir erklären ebenso wenig wie alle Früheren. Wir haben da ein vielfaches Nacheinander aufgedeckt, wo der naive Mensch und Forscher älterer Kulturen nur Zweierlei sah, „Ursache“ und „Wirkung“, wie die Rede lautete; wir haben das Bild des Werdens vervollkommnet, aber sind über das Bild, hinter das Bild nicht hinaus gekommen. Die Reihe der „Ursachen“ steht viel vollständiger in jedem Falle vor uns, wir schließen: dies und das muss erst vorangehen, damit jenes folge, — aber begriffen haben wir damit Nichts. Die Qualität, zum Beispiel bei jedem chemischen Werden, erscheint nach wie vor als ein „Wunder“, ebenso jede Fortbewegung; Niemand hat den Stoß „erklärt“. Wie könnten wir auch erklären! Wir operieren mit lauter Dingen, die es nicht gibt, mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, teilbaren Zeiten, teilbaren Räumen —, wie soll Erklärung auch nur möglich sein, wenn wir Alles erst zum Bilde machen, zu unserem Bilde! Es ist genug, die Wissenschaft als möglichst getreue Anmenschlichung der Dinge zu betrachten, wir lernen immer genauer uns selber beschreiben, indem wir die Dinge und ihr Nacheinander beschreiben. Ursache und Wirkung: eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie, — in Wahrheit steht ein continuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isoliren; so wie wir eine Bewegung immer nur als isolierte Punkte wahrnehmen, also eigentlich nicht sehen, sondern erschließen. Die Plötzlichkeit, mit der sich viele Wirkungen abheben, führt uns irre; es ist aber nur eine Plötzlichkeit für uns. Es gibt eine unendliche Menge von Vorgängen in dieser Secunde der Plötzlichkeit, die uns entgehen. Ein Intellekt, der Ursache und Wirkung als continuum, nicht nach unserer Art als willkürliches Zerteilt- und Zerstücktsein, sähe, der den Fluss des Geschehens sähe, — würde den Begriff Ursache und Wirkung verwerfen und alle Bedingtheit leugnen.

Aus: F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft

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„Die Seele ist das größte aller kosmischen Wunder und die conditio sine qua non der Welt als Objekt. Es ist im höchsten Grade merkwürdig, daß die abendländische Menschheit, bis auf wenige, verschwindende Ausnahmen, diese Tatsache anscheinend so wenig würdigt. Vor lauter äußeren Erkenntnisobjekten trat das Subjekt aller Erkenntnis zeitweise bis zur anscheinenden Nichtexistenz in den Hintergrund.“
C.G. Jung

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Der Philosoph William James hat diesen Sachverhalt in einer wunderbar anschaulichen Metapher ausgedrückt, im Bild vom ‚strömenden Bewusstsein‘:

“Was zugegeben werden muß ist, daß die bestimmten Bilder der traditionellen Psychologie nur den kleinsten Teil unseres tatsächlichen Seelenlebens ausmachen. Die Ansicht der traditionellen Psychologie gleicht derjenigen, wonach ein Fluß lediglich aus so und soviel Löffeln, Eimern, Krügen, Fässern oder sonstigen Gefäßen voll Wasser bestünde. Auch wenn die betreffenden Gefäße alle tatsächlich in dem Strom standen, würde das freie Wasser doch fortfahren, zwischen ihnen hindurch zu fließen. Gerade dasjenige, was diesem freien Wasser im Bewußtsein entspricht, ist es, was die Psychologen so standhaft übersehen. Jedes bestimmte Bild in unserem Geist wird von dem “freien Wasser”, das es umspült, benetzt und gefärbt. Neben jedem derartigen Bild geht einher das Bewußtsein seiner Relationen, naher und entfernter, das verklingende Wissen, woher es zu uns kam und die aufdämmernde Ahnung, wohin es führt. Die Bedeutung, der Wert des Bildes, liegt ganz und gar in diesem Hof, diesem Halbschatten, der es umgibt und begleitet, — oder vielmehr der mit ihm in eins verschmolzen, Bein von seinem Beine, Fleisch von seinem Fleisch geworden ist. Vergeht er, so läßt er freilich ein Bild von dem gleichen Ding wie vorher zurück, aber das Ding wird dabei neu aufgefaßt und ganz anders verstanden. Wir wollen das Bewußtsein dieses das Bild umgebenden Hofes von Relationen seinen ‚psychischen Oberton‘ oder seine Franse nennen.”

James, William

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Unbegrenzte Möglichkeiten?! Was tun und was nicht – in unserer ‚Multioptionsgesellschaft‘ ?

„So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen
Vergebens werden ungebundene Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muss sich zusammen raffen.
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“

Johann Wolfgang von Goethe: Sonette

 

Wir leben in modernen Zeiten, manche sagen in postmodernen Zeiten. Die Moderne hat sich nach dem Soziologen Zygmunt Bauman – auf den ich mich hier beziehe – eine bestimmte Aufgabe gestellt, und zwar eine unlösbare Aufgabe, nämlich: die Welt rational durchschau- und kontrollierbar zu machen. Das grundlegende Dilemma bestehe dabei darin, sagt er, dass Ambivalenz in die Welt gehöre wie auch in die Sprache. Sie sei „ihr Normalzustand“. Wer rationale Ordnung schaffe, der schaffe zugleich auch ‚irrationale Unordnung‘. Diese Ambivalenz kann nicht (ohne schlimmste Radikalisierungen, wie Diktaturen) ausgeräumt werden. Zwei- und Mehrdeutigkeit ist ein Teil menschlicher Existenz, die nur auf Kosten der Freiheit wegzudenken ist. Die Postmoderne verbiete die Zuflucht bei der Eindeutigkeit; man müsse jetzt lernen, mit dem Zwei- und Mehrdeutigen zu leben, dann lebe man viel freier, wohl aber auch unsicherer. Bauman sieht darin die Chance, die „Verschiedenheit in dieser Welt“ zu akzeptieren und – Toleranz zu üben. Er sieht darin aber auch den Grund für die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Die Migranten als Sündenböcke, auf die alle Angst vor Unsicherheit abgeladen wird.

Für ihn „ist die Moderne vor allen Dingen aber auch die Geschichte der Zeit: Moderne ist das Zeitalter, in dem die Zeit eine Geschichte hat.“ Um dies zu verdeutlichen, benötigt er als korrespondierende Kategorie – verständlicherweise – den Begriff bzw. unsere Vorstellung vom Raum.

In vor-moderner Geschichte konnte der Mensch „Raum“ als das verstehen, was man in einer gewissen Zeit durchqueren kann, und „Zeit“ war eben das, was man benötigt, um ihn zu durchqueren – ohne das Bedürfnis, dieses einfache Verständnis durch Definitionsversuche zu komplizieren (darüber hinaus war in agrarischen Gesellschaften die Zeit zyklisch, siehe Kirchenjahr!). Da war es auch in der alltäglichen Kommunikation hinreichend genau, im Bezugsrahmen des gemeinsamen sozialen Rhythmus zu bleiben, um Verabredungen treffen zu können und sich zu verstehen, da es nur um menschliche Muskelkraft, Pferde, Esel oder Ochsen ging, deren Leistung bei der Überwindung des Raumes zu berechnen war.

Mit den technischen Erfindungen der Neuzeit trat man langsam aus dieser „Prähistorie der Zeit“ heraus. Von natürlicher Muskelkraft befreit, drifteten Entfernungen und Reisezeiten auseinander. Die neue „Hardware“ für den Transport wurde zu einem eigenständigen Faktor, Zeit wurde manipulierbar, löste sich vom Raum. Mit der Angabe einer Raumgröße war nicht die Zeitgröße mit vorgegeben und umgekehrt. Damit geriet Zeit zu einem eigenständigen Problem.

Dass Verhältnis von Zeit und Raum verlor seine Stabilität, es wurde veränderbar, dynamisch. Den Raum erobern hieß nun: über schnellere Maschinen verfügen. Zugewinn funktionierte über Beschleunigung, beschleunigte Bewegung war das einzige Mittel, um Zugang zu größeren Räumen zu ermöglichen, der Besitz des Raumes war das Ziel: „Raum stand für Wert, Zeit lieferte die Mittel und Werkzeuge.“

Bauman hat für die ersten Jahrhunderte der modernen Epoche den Begriff „schwere“ oder später die „solide“ Moderne geprägt: die Zeit der Eroberungen (des Raumes). Für sie musste die Zeit wandlungsfähig bleiben, vor allem schrumpfen: Immer mehr Raum musste in immer weniger Zeit verfügbar gemacht werden. Reichtum und Macht basierten auf „Hardware“ – und blieben damit lange Zeit schwerfällig. In der schweren Moderne beruhte Fortschritt auf räumlichem Wachstum und räumlicher Ausdehnung. Größe, Konzentration und Effizienz gehörten zusammen, Kapital und Arbeit (in zunehmend routinierten Zeitrhythmen) blieben dem Ort verhaftet.

Das war das Zeitalter, das nach Max Weber von „instrumenteller Rationalität“ beherrscht war. Zeit war ein knappes Gut, das mit Bedacht eingesetzt wurde, um einen maximalen Gewinn in Form von Raum zu erzielen.

Dem Hardwarezeitalter folgte nach Bauman das Softwarezeitalter (der „leichten“ Moderne), da steigt die Effektivität der Zeit als Mittel der Wertschöpfung ins Unendliche. Immaterialität und Unmittelbarkeit werden zu zwei zentralen Größen einer „Zeit ohne Folgen“. Insbesondere die „Unmittelbarkeit“ verdient Beachtung, sie meint unmittelbare Erfüllung etwa von Wünschen, aber auch unmittelbares Verschwinden von Interesse. „Die Zeitspanne zwischen Anfang und Ende schrumpft oder schwindet überhaupt“ – Zeit wird zum aggregierten Moment, zum Punkt. Bauman fragt sich, ob „Zeitspanne“ (Dauer) da nicht überhaupt zu einem Paradoxon wird.

Der Philosoph Günther Anders entwickelte schon vorher, bald nach Ende des 2. Weltkriegs die These von der Antiquiertheit des Menschen, d.h., dass die Menschen der Perfektion der von ihnen hergestellten Produkte nicht mehr gewachsen seien (er nennt das bekanntlich die ‚prometheische Scham‘.  Der überforderte Mensch verfalle somit einer Derealisierung menschlicher Wirklichkeit, einem ‚antiquierten‘ Nachhinken gegenüber den ins unendliche  wachsenden technisch realisierten Optionen und Perfektionsansprüchen. Um diese zu realisieren verfalle er  in eine hektische Hyperaktivität,  das sog. ‚Zappelphilipp‘-Syndrom oder ADHS-Syndrom (bzw. Burnout, Panikattacken und Depression).

Durch die mediale Virtualisierung der Realität komme es aber auch zu einer Veränderung in der Zuschreibung der Begriffsbedeutungen von Schein und Wirklichkeit. Die Verknotung von Virtualität und Realität, sowie deren wechselseitige Verknüpfung in verschiedenen Lebensbereichen, veränderten damit auch den Blick auf den phantomartig gewordenen Zwischenzustand der medial vermittelten Welt. Was davon ist wirklich, was ist Fake bzw. Fiktion?

In diesem gesellschaftlichem Umfeld, inmitten dieser Beschleunigung und Unbegrenztheit, findet heute Unterricht, findet Schule statt. Sie ist ein Brennpunkt all dieser Entwicklungen.

Der gesellschaftliche Transformationsprozesses löst also heute lineare und zyklische Zeit zugunsten verschiedener Zeitebenen und willkürlicher Zeitregimes auf, wie zum Beispiel die Tatsache, dass weltweite Kapitaltransaktionen „instantan“ ausgeführt werden, oder individuell flexiblen Zeitregimes in (vielen) Organisationen und damit verbundene variable Lebensarbeitszeitmodelle. Damit sieht sich der Einzelne unterschiedlichen Zeitlichkeiten gegenüber, die er/sie unter einen Hut bringen muss, was uns alle zunehmend überfordert. Die Verdrängung von Tod und Sterben in unserer Gesellschaft sind ein weiteres Phänomen, im Kontext dieser zunehmenden „sozialen Arhythmie“. Das führt zu steigenden Tendenzen, Partner und (dauerhafte) Bindungen okkasionell zu wechseln oder hinauszuschieben und den Kinderwunsch (unbeschadet sozialer Zwänge) in einen hinteren Rang individueller Bedürfnisse zu verdrängen –unter Missachtung „biologischer Uhren“. Das führt dazu, dass ein biologische Rhythmen durch Augenblicke existenzieller Entscheidung ersetzt werden.

Was bleibt aber dann überhaupt noch inmitten all der wechselnden Zeitvorstellungen quasi ‚zeitlos‘ gültig? Machen wir uns ein paar Fakten klar.

Zeit und Raum sind keine ‚objektive’, d.h. gegenständlichen Gegebenheiten (d.h. uns gegenüberstehende Dinge). Zeit und Raum sind Basis-Kategorien des Denkens und sinnlichen Wahrnehmens (ohne sie können wir nicht geordnet denken und beobachten), basale mentale Konstruktionsprogrammbausteine.

Als bewusste Wesen leben wir Menschen also nicht in ‚Raum und Zeit’, vielmehr ist es – kontraintuitiv – genau umgekehrt: Raum und Zeit sind Ausdrucksformen unseres Denkens über das, was wir ‚Wirklichkeit’ nennen. Raum und Zeit konstituieren unsere je spezifische Arten von Wirklichkeitserleben und Wirklichkeitskonstruktion.

Wie aber funktionieren nun diesen mentalen Konstruktionen? Zeit ordnet Ereignisse nach der Kategorie ‚früher / später’, ist also Ausdruck einer Ordnung in der Abfolge von Ereignissen. Ereignisse im Raum folgen nacheinander, von Moment zu Moment. Diese Abfolge erleben wir als Zeit.

Und Raum?

Raum ordnet die sinnlichen Eindrücke im Rahmen der Abfolge von Ereignissen in einer anderen Dimension, nämlich der Dimension der Gleichzeitigkeit. In jedem Augenblick passiert unendlich Vieles gleichzeitig, das nach der Kategorie ‚hier / dort’ räumlich kategorisiert wird.

Hieraus wird auch sichtbar, dass die Kategorien Zeit und Raum einander bedingen. Es kann keine Zeit ohne Raum geben und umgekehrt, so wie es nicht die Vorstellung ‚rechts’ ohne ‚links’ geben kann. Folglich wird eine Veränderung des Konzepts der einen Kategorie auch das Konzept der anderen beeinflussen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich mit dem Phänomen der Zeitlosigkeit beschäftigt, also damit, dass wir immer für alles zu wenig Zeit haben, weil so vieles gleichzeitig erledigt werden muss. Er sagt: „Das große Missverständnis der Beschleunigungsgesellschaft ist es, zu meinen, wir könnten souverän über unsere Zeit bestimmen. Doch wenn die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann ich nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpere ich und falle auf die Nase…Gegen die Beschleunigung einer ganzen Gesellschaft müssen alle individuellen Entschleunigungsstrategien fast notwendigerweise scheitern. Kaum jemand sagt, dass es ein strukturelles, gesellschaftliches Problem ist. Individuell schaut das so aus: Wenn ich mir vornehme, heute mal zu Hause in Ruhe ein Buch zu lesen, dann gäbe es da auch hundert andere Optionen: fernsehen, im Internet surfen, Mails checken… Das heißt: Wenn ich lese, muss ich zugleich das Gefühl haben, dies sei die nützlichste, die sinnvollste Verwendung meiner Zeit.“

Durch das Leben hetzen.

Rosa: „Die Herrschaft über Natur und Welt, an der die Moderne seit dem 18. Jahrhundert in Wissenschaft und Technik, in Politik und Ökonomie unablässig und mit großem Erfolg arbeitet, hat ihr Versprechen, die Menschen von Angst zu befreien und ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen, nicht eingelöst. Das hat «systematische» Gründe. Gutes Leben ist nämlich an die Erfahrung von Resonanz gebunden, und Resonanz kann immer nur in Beziehungen entstehen, in denen der oder auch das jeweilige Andere eigenständig bleibt und mit eigener Stimme spricht. Mithin hängt das Gelingen einer «resonanten Weltbeziehung» davon ab, dass wir die Welt und die Anderen nicht in die Position eines jederzeit verfügbaren Materials oder Objekts bringen. Der beherrschende Zugriff bringt Welt, Menschen und Dinge zum Verstummen und zerstört die «Schwingungen». Wer nicht zu hören und wer nicht selbst zu antworten vermag, wer mit der Welt primär manipulativ oder dirigistisch umgeht, wer dem Gegenüber nur noch in der Rolle eines Managers begegnet, der verfehlt damit gerade das, was er – im Grunde – am meisten sucht: Resonanz…… . Wir lassen uns nicht mehr von dem Ort, wo wir sind, oder dem Menschen, mit dem wir sind, berühren. Resonanz ist für mich ein Bestandteil von gelingendem Leben. Dazu gehört erstens, dass mich die andere Seite berührt. Zweitens das Gefühl, die andere Seite erreicht zu haben, mich als „selbstwirksam“ erfahren zu haben. Drittens, in einem Austausch, zum Beispiel in diesem Gespräch, kann es die Erfahrung geben: Nicht einfach routiniert dieselben Fragen und Antworten zu stellen, sondern das Gefühl zu haben, es kommt etwas in Bewegung, sodass man schließlich sagt: Ja, so hatte ich über die Sache gar nicht nachgedacht. Das wäre eine Resonanzerscheinung. Wenn Resonanz eintritt, verändern wir uns immer auch, weil wir hinterher nicht mehr die Gleichen sind. Ich denke dann über irgendeine Frage oder ein Problem ein bisschen anders oder fühle mich vielleicht sogar ein bisschen anders. Wir wissen aber nicht genau, was dabei herauskommt. Also vielleicht sprengt es das, was im Interview geplant war, völlig. Aber: In dem Moment, wo Resonanz auftritt, ist das Ergebnis nicht mehr vorhersehbar. Meine These ist, dass die Struktur der modernen Welt versucht, Resonanz systematisch auszuschalten. Weil wir zu ganz genau festgelegten Schritten, zu ganz genau festgelegten Zeiten ganz genau festgelegte Outputs produzieren wollen.“

► Liegt hier also ein Potential für die dringend gesuchte Veränderung? Die Kraft für ‚richtiges Grenzen setzen‘, für entschiedenes und nachhaltiges JA und NEIN?

Nun, ich möchte auf drei ‚natürliche‘ Grenzerfahrungs- und Grenzsetzungsvorgänge verweisen, die mir in diesem Zusammenhang eingefallen sind:

  1. Das Horizonterleben
  2. Das Sättigungserleben
  3. Das Gespür für das Richtige im richtigen Moment

 

Das Horizonterleben

Horizont, in der Astronomie eine grob kreisförmige Linie, die den Blick eines Beobachters auf die Erdoberfläche begrenzt, auf der sich Himmel und Erde zu treffen scheinen. Dies ist der sichtbare Horizont. Auf See ist der sichtbare Horizont ein perfekter Kreis mit dem Betrachter im Mittelpunkt, aber an Land ist er aufgrund topografischer Merkmale unregelmäßig. Die Entfernung zum Horizont ändert sich als Quadratwurzel der Höhe des Beobachters für kleine Höhen; bei vierfacher Höhe ist der Abstand zum Horizont doppelt so groß.

Der sichtbare Horizont – die scheinbare Grenzlinie zwischen Himmel und Erde, zwischen Kosmos und Erde, dort, wo sich Himmel und Erde scheinbar berühren.

Scheinbar. Denn sie berühren sich nicht, sie sind eine Einheit. Für unser Auge sieht es aber so aus. Und wenn ich in einem Raumschiff bin? Dann verändert sich der Horizont, weil sich mein Standpunkt von der Erde wegbewegt hat. Dann rückt die Erde in den Himmel und mein Raumschiff wird zum Bezugspunkt, von dem aus ich in den Weltraum blicke. Wohin ich blicke, nur Himmel! Ich bin eine Himmelskörper. Ein weiter Horizont. Man könnte schwindelig werden ob der Horizonterweiterung!

Horizont – ein Phänomen des perspektivischen Wahrnehmens. Eine ganz bestimmte Sichtweise.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer setzt das situative Erleben eines Ereignisses in Analogie zum physiologischen Horizonterleben. In dieser Metapher ist begrenzte Horizontwahrnehmung das, was ein ‚mentaler Horizont‘ erfassen kann. Ein Mensch mit engem Horizont begrenzt dann seinen Blick auf das ihm Naheliegende und Selbstverständliche. Das kann dann ein sehr kleiner Radius sein, denn er hält sich gewöhnlich an das Vertraute. Wenn dann so jemand im Stress ist, dann verengt sich sein Blick weiter, bis hin zum ‚Röhrenblick‘. Denn Stress mobilisiert Angst, was ja ‚Enge‘ bedeutet, das eng werden der Aufmerksamkeit. Wir müssen entweder rasch zuschlagen oder davonrennen…. In modernen Alltagssituationen und bei komplexen Aufgabenstellungen nicht gerade die beste Bewältigungsstrategie.

Besser wäre in solchen Fällen das, was Gadamer ‚Horizontverschränkung‘ nennt, das Verschränken vielfältiger Sichtweisen, also Perspektivenwechsel. Gadamer ist bekanntlich der Philosoph des Verstehens, der Begründer der philosophischen Hermeneutik. Diese geht davon aus, dass es keine Objektivität gibt, wenn es darum geht, Menschen zu verstehen. Sie stehen immer in einem Bezug zu den Dingen und der Welt, bewerten und beurteilen sie.

Alles, was für den Menschen und sein Leben wichtig ist, können wir nur begreifen, wenn wir diesen Bezug, den Kontexte der jeweils relevanten Lebenswelt verstehen: Texte, Kunstwerke, Handlungen, sprachliche Äußerungen, kurz: alle Kulturprodukte. Und vor allem den Menschen selber – im Gespräch. Hier ist Teilhabe und gegenseitige Anteilnahme für das  Verstehen geradezu unabdingbare Voraussetzung.

 

Das Sättigungserleben

Gehen wir vom primär Sozialen und Kulturellen in die Domäne der Physiologie. Hunger und Sättigung sind für unser Überleben unentbehrlich und werden durch ein komplexes und präzises Regelwerk gesteuert, das über zahlreiche Botenstoffe und Rezeptoren sowohl Informationen aus der Peripherie erhält, als auch von Kognition, Sinneswahrnehmungen und Gelerntem beeinflusst werden kann. Die Informationen dieses Regelwerks laufen vor allem im Hypothalamus und im Hirnstamm zusammen. Das Gehirn erhält so eine Nettoinformation über die momentane Energieversorgung sowie die vorhandenen Energiespeicher und kann ein Gleichgewicht zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch aufrechterhalten. Diese sogenannte Energiehomöostase ermöglicht ein langfristig konstantes Körpergewicht bei unterschiedlichen Belastungen. Das Steuerungssystem der Nahrungsaufnahme arbeitet beeindruckend präzise. Trotz wechselndem Energiebedarfs und von Tag zu Tag schwankender Nahrungsaufnahme halten Lebewesen ihr Körpergewicht stabil. Wir nehmen aber nicht Kalorien zu uns, sondern zubereite Lebensmittel. Die Geschmackswerte der verschiedenen Nahrungsmittel dienen sowohl der Identifikation der Nahrung als auch, durch ihre affektiven oder hedonischen Wirkungen, der unmittelbaren und langfristigen Kontrolle der Nahrungsaufnahme. Man nimmt an, dass die durch den Geschmack bestimmte Lust/Unlust-Empfindung die Akzeptanz oder Verweigerung von Nahrung motiviert. Durch die Anbindung an innerorganismische Zustände – Defizite und Überschüsse – wird im Sinne des Motivationsmodells und der Rolle, die darin den Emotionen zugesprochen worden ist, gewährleistet, dass Lebewesen auch ohne Einsicht in die Notwendigkeit, bestimmte Stoffe,aufzunehmen oder andere Stoffe tunlichst zu vermeiden, hinreichende und bekömmliche Nahrung zu sich zu nehmen.

Essstörungen und Fehlernährung

Bestimmt zubereite Nahrungsmittel oder veränderte mentale Bewertungsprozesse können die Steuerung der Energiehomöostase massiv verändern. An Gemüse, Salaten, Suppen und Eintöpfen hat sich noch niemand überessen. Knabberzeug, Süßigkeiten, Fertiggerichte aus einer Kombination Zucker und gehärteten Fetten schalten das Sättigungsgefühl aber aus. Eine ordentliche Portion Salz verstärkt diese Vorgänge noch. Versuche mit Mäusen zeigten: auch satte Tiere lassen sich nach einer mächtigen Mahlzeit nicht mal durch Stromschläge davon abhalten von Wurst, Käsekuchen oder Schokolade weiterzufressen. Man nennt das Phänomen „hedonische Hyperphagie“, wenn man weiter und weiter frisst, obwohl man längst satt sein müsste.

Anorexie als bekannte und verbreitete Essstörung beginnt meist mit einem nach außen harmlos wirkenden Diätverhalten. Auslöser für Diäten können jegliche Veränderungen im Leben der Betroffenen sein: erste Verliebtheit, Auslandsaufenthalte oder die körperlichen Veränderungen während der Pubertät. Betroffene halten Diät, indem sie zunächst bestimmte Lebensmittel (Süßigkeiten, Fleisch) weglassen. Die Anerkennung für die daraus resultierende Gewichtsabnahme wirkt wiederum als Verstärker. Die jungen Mädchen fühlen sich in ihrem Vorhaben bestärkt und haben das Gefühl, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu haben. Selbst nach Erreichen eines bedrohlichen Untergewichts haben Betroffene große Angst, dick zu sein.

Durch ein streng limitiertes Essverhalten oder andere Verhaltensweisen wie Erbrechen, exzessive sportliche Aktivitäten oder die Anwendung von Medikamenten versuchen Magersüchtige, ihr Gewicht immer weiter zu reduzieren. Bei rund 20% aller Patientinnen wird die Erkrankung chronisch, rund 30% kämpfen immer wieder mit Rückfällen. Wenn die inter- und intrapsychischen Konflikten aufgelöst werden, ist Heilung möglich.

Aber auch die hedonistischen Fehlsteuerungen des Sättigungsvorgangs lassen sich durch Heilfasten wieder ins natürliche Gleichgewicht bringen. Denn Heilfasten wirkt wie ein – heilsamer – Schock auf den Körper. Er stellt die Physiologie auf den Kopf und löst ganze Kaskaden von biochemischen Reaktionen aus. So werden etwa spezielle Reinigungsmechanismen angeregt: sozusagen die Müllabfuhr und das Recyclingsystem der Zellen. Oder: Fasten hemmt nachweislich Entzündungen und senkt hohen Blutdruck. Oder: Fasten kann, wie neuste Forschungen zeigen, selbst bei Krebsleiden helfen.

 

Das Gespür für das Richtige im richtigen Moment – Lernen in komplexen Umwelten

 

Was braucht es, um als lebender und lernfähiger Organismus zu gelten, der sich eigenständig in komplexen Umwelten zurechtfinden kann?

Es braucht Bewusstsein, als ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘ (was selbstverständlich Verwirrtsein miteinschließt) und die Fähigkeit zur Atmung (als wichtigster Baustein des Metabolismus). Ein menschlicher Körper, der nicht atmet und nicht mehr bewusst wahrnehmen kann, der gilt als tot. Gerade weil ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘ eine derart basale Voraussetzung aller Lebensprozesse ist, wird seine Bedeutung regelmäßig unterschätzt. Nachhaltige Veränderungsprozesse, so könnte man sagen, sind im Wesentlichen nachhaltige Veränderungen des ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘, der Bewusstseinsfähigkeit. Was aber ist Bewusstsein?

Bewusstseinszustände:

  • Bewusstheit, Achtsamkeit (ungeteilte Aufmerksamkeit)
  • Tiefschlaf
  • Traumzustand
  • Wachzustand / Selbstbewusstsein und Du-Bewusstsein

Es braucht einen voll entwickelten und funktionierenden Körper, damit Bewusstsein in allem Umfang funktionieren kann. Wenn der Körper (zum dem wesentlich auch das Steuerungszentrum des Nervensystems zählt, das menschliche Gehirn samt Nervenkostüm) nicht reibungslos und schmerzfrei funktioniert, dann funktioniert auch das Bewusstsein nicht richtig (bzw. dieses verändert seinen funktionalen Zustand: es fällt ins Koma oder wird in künstlichem Tiefschlaf versetzt, es entwickeln sich psychotische oder neurotische Episoden, bis hin zu Dauer-Psychosen und voll entwickelten Neurosen).

Es gibt kein Bewusstsein ohne Bewusstheit, sehr wohl aber Bewusstheit ohne Bewusstsein (Tiefschlaf, Meditation). Bewusstheit ist die Konstante in allen möglichen Bezugssystemen, Bewusstsein ist immer relativ zu den erinnerten Bewusstseinsinhalten. Achtsamkeit ist also der ‚zeitlose Kern‘ jenseits jedes speziellen Bewusstseinszustands.

Bewusstsein ist raumzeitlich veränderlich, Bewusstheit/Achtsamkeit dagegen ist raumzeitlich konstant, unveränderlich. Bewusstheit / Achtsamkeit ist das, was jeder Erfahrung (bewusst oder unbewusst) inhärent ist, d.h. was diese überhaupt erst ermöglicht und was alle Erfahrungen (Momentaufnahmen) miteinander verbindet. Bewusstheit / Achtsamkeit ist, wenn man einen Vergleich bemühen will, so etwas wie die Leinwand, auf welche der Film des Bewusstseins projiziert wird. Die ‚Leinwand‘ bleibt von allen ‚Projektionen‘ unberührt.

Das ist auch der Grund, warum wir uns unserer Achtsamkeit nicht bewusst sein können: es gibt da nichts, dessen wir uns bewusst sein könnten. Man ist achtsam, sobald man ist. Daher ‚entgeht unserer Aufmerksamkeit die Aufmerksamkeit selber‘: so, wie das ‚Sehen-Können‘ sich selbst nicht sehen kann – ist es doch die Voraussetzung für jedes Sehen. Weitere Vergleiche: Die Zähne können sich selbst nicht beißen, das Feuer sich selbst nicht brennen. Was mit sich selbst ‚ident‘ ist, das kann sich selbst nicht wahrnehmen. Achtsamkeit ist der zeitlose Kern aller Zeitlichkeit, oder anders ausgedrückt: Im Hier-und-Jetzt ist alle Zeit enthalten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Wir können aber, auch wenn wir im innersten Kern diese Achtsamkeit selber sind, nur jene Elemente der unendlichen Zeitreihe bewusst erfahren (‚wissen‘), welche uns augenblicklich am Schirm des Bewusstseins erscheinen: daher wird uns alles bewusste Leben zu einer Art Film (‚Kopfkino‘), zu einer ununterbrochenen Abfolge von Momentaufnahmen ( in Form von Narrativen!). Das geht nur, weil wir diese Momentaufnahmen im Gedächtnis speichern können; und so produzieren wir bewusst und unbewusst wie ein Filmemacher unsere persönlichen Filme (‚Erinnerungen‘), deren ‚Hauptdarsteller‘wir damit auch zugleich sind. Und weil wir so identifiziert mit den erlebten Inhalten sind, vergessen wir völlig, dass es nur ein ‚Film‘ und nicht das tatsächliche Geschehen selbst ist, welches wir erinnernd wahrnehmen. Man könnte aus dem ‚wirklichen‘ Rohmaterial viele unterschiedliche Plots zusammensetzen, drehen und schneiden.

Damit wird sogleich klar, welche zentrale Rolle Achtsamkeit / Bewusstheit in Lernprozessen spielt: wenn wir uns unser Art zu Erleben bewusst machen, d.h. wenn wir sehen können, wie wir unser Sinneseindrücke selektieren, formatieren und komponieren, dann entsteht die Freiheit, dieses auch anders zu tun. „Erfahrung“, sagt Aldous Huxley daher zu Recht, „ist nicht, was uns zustößt, sondern das, was wir mit dem machen, was uns zustößt“. – Ohne Achtsamkeit keine Chance für ‚Lernen‘ als den Erwerb intelligenter und kreativer Bewältigungsformen von Herausforderungen.

Wie aber kann Achtsamkeit trainiert, gelernt werden? Nun, die Antwort ist klar: gar nicht. Denn Achtsamkeit ist basale Voraussetzung für jedwede Art von Lernen. Was aber trainiert werden kann, das ist Achtsamkeit beim Tun. Wenn wir essen, wie bewusst essen wir? Wenn wir rechnen, wie bewusst rechnen wir? Wenn wir reden, wie bewusst reden wir? Zum größten Teil unbewusst, automatisiert! Wir müssen das auch, denn unser Bewusstsein wäre schnell überfordert, wenn wir alles, was wir tun, bewusst tun wollten. Es fehlt da also etwas anderes, aber was? Wenn ich etwas ‚achtsam‘ tue, dann ‚bin ich ganz mein Tun‘, dann gibt es keinen ‚Tuenden‘, dann ist in diesen  Augenblick Tun und das Getane und der Täter ein- und dasselbe (auch ‚Flow‘ genannt).

Man kann das in die folgende Segelbootmetapher bringen:

„Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes. Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

Neuronal kann das nichtmetaphorisch auf folgende Weise verstanden werden: das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweier antagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht (diese Verfassung von Körper und Geist wird im Zen-Buddhismus shinjin datsuraku genannt – das Fallenlassen von Körper und Geist‘ -, die Befreiung von den gewöhnlichen Bewusstseinsinhalten von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren). Dann sind wir im ‚Flow‘.

Wenn wir nicht im ‚Flow‘ sind bei all unserem Tun, dann spaltet sich unsere Aufmerksamkeit in bewusste und unbewusste Teile, die miteinander nicht harmonieren (‚Überkreuzmotivationen‘). Dann verbrauchen wir beim unserem Tun mehr Energie, als nötig; dann verwirren wir uns selbst; dann tun wir nicht, was wir wollen und wollen nicht, was wir tun.

Leider ist dieser Geisteszustand für die meisten von uns zum ‚Normalzustand‘ geworden. ‚Eigentlich‘, sagen wir dann, „weiß ich eh, dass ich nicht so viel essen, rauchen, trinken sollte. Ja, ich sollte mehr Bewegung machen.“ etc. etc. Immer wenn Sie das Wörtchen ‚eigentlich‘ verwenden, besteht eine fast 100% – ige Chance, dass sich dadurch solch ein innerer Zwiespalt zum Ausdruck bringt. „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komm nur so selten dazu“, hat Ödön von Horvath dazu gesagt. Besser kann man es kaum ausdrücken.

Also: was fehlt! Was ist es? Dass wir, wenn wir etwas tun, nicht ganz bei der Sache sind, dass wir es nur ‚halbherzig‘ tun, aus Pflichtbewusstsein, aus Perfektionismus oder was auch immer heraus, was mit der Sache selber nichts zu tun hat, also aus ‚Überich-Zwängen‘ heraus, aus einem innerlichen und äußerlichen ‚Getriebensein‘.

Wenn wir uns der ‚Mechanismen‘ bewusst werden, welche unsere Aufmerksamkeit verdunkeln, verwirren, verstören, dann werden sich diese im Licht der Aufmerksamkeit verändern. Es ist wie mit einem Dieb: fühlt er sich beobachtet, dann wird er von seinem geplanten Tun ablassen. Er wird dann, um nicht aufzufallen, sich sehr ordentlich und nützlich verhalten. Zuvor wird er aber ausrauchend Vorsorge treffen, um nicht ‚ertappt‘ zu werden, um weiterhin unbeobachtet im ‚Dunkeln gut munkeln‘ zu können.

Denn unsere Gewohnheiten sind ‚veränderungsresistent‘, d.h. sie schützen sich vor dem ‚bewusst gemacht werden‘. Wie? Indem das Befolgen des Gewohnten mit Lustgefühlen belohnt wird, und das Bewusstmachen mit Unlustgefühlen. Warum? Weil Erziehung und Unterricht primär so funktioniert. Jeder Lehrerin, jeder Lehrer, wird auf Anhieb verstehen, wovon da die Rede ist. Handelt es sich bei schulischem Lernen doch primär immer noch um ‚Verstärkungslernen‘ auf Basis von Belohnung und Strafe. Ohne Belohnung bzw. Angst vor Strafe würden die meisten Kinder nicht tun, was die Lehrer*innen von ihnen wollen.

Kann es unter solchen Umständen dann überhaupt zu Lernen aus Einsicht kommen?

„LEARNING”, sagt der Stanford-Professor Raymond McDermott, “is in the conditions that bring people together and organize a point of contact that allows for pieces of information to take relevance.“

10 Regeln für ‚emergentes Lernen‘ in komplexen Umwelten

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

  1. Halten Sie Mehrdeutigkeiten aus – verfallen Sie angesichts von Unordnung nicht in Panik!
  2. Man wird niemals mit etwas endgültig fertig, es gibt keine Endlösungen. Es gibt aber fast immer notwendige Zwischenlösungen (der notwendige ‚nächste Schritt‘). Das reicht fast immer auch in unübersichtlichen Situationen
  3. Jetzt das relativ Beste zu tun ist daher nötig und besser als gar nichts zu tun oder nichts zu entscheiden. Aktiv warten kann situativ aber auch eine passende Option sein.
  4. Das gerade Unscheinbarste, Leiseste und Nebensächlichste ist systemisch oft das (aktuell aber auch langfristig) Wichtigste
  5. Den Wald vor lauter Bäumen nicht aus den Augen verlieren, gerade dann, wenn der ‚Teufel‘ im Detail zu stecken scheint
  6. Interpretieren sie Daten (deren ‚Bedeutung‘) grundsätzlich im Duktus des Konjunktivs, transportieren und speichern Sie diese Daten aber eindeutig, präzise und klar
  7. Vergessen Sie nicht, dass eine Organisation ein lebender Organismus ist. Visualisieren sie aus Ihrer Sicht diese als solchen und tragen sie zu seiner Erhaltung und Evolution bei
  8. Informieren sie inhaltlich und der Form nach so einfach wie möglich, aber so kompliziert wie nötig
  9. Hierarchien sind funktional notwendig (Meta-Ebenen der Entscheidung und Kommunikation) und daher unbedingt zu beachten
  10. Bestimmen und bewahren Sie die notwendige organisatorische Autonomie ihres Organisationsbereichs (also das, was unbedingt selbst organisiert und verantwortet werden muss, also den notwendigen ‚Spielraum‘, die organisatorischen ‚Freiheitsgrade‘)

 

Anhang:

Kommunikation und ‚Polyvagale Theorie’

 

Der Neurowissenschaftler Stephan Porges geht davon  aus, dass

  • die menschliche Psyche untrennbar mit körperlichen Funktionen verwoben sei, und auf körperlichen Strukturen beruhe, die sich in der Evolution über verschiedene Stufen entwickelt hätten (so genannte Phylogenese)
  • die individuelle Entwicklung vor und nach der Geburt (die so genannte Ontogenese) Gesetzmäßigkeiten folge, die menschliches Verhalten prägen
  • einfache Verhaltensprogramme von höheren überlagert würden (Rückenmark-Reflexe vom Totstell-Reflex, und dieser vom Aktivierungsprogramm (Flucht-Angriff), und das wiederum durch Emotion und Gefühle)
  • die Schnittstelle zwischen Gehirn und peripherem Körper (das Autonome Nervensystem), entscheidend sei für die körperlich-psychische Gesundheit
  • Menschen unbewusst die Umwelt auf Sicherheit prüften (so genannte Neuroception)
  • Eine biopsychosozial gesunde Entwicklung empathische Kommunikation voraussetzt

Das autonome Nervensystem hat die Aufgabe, die inneren Organe den jeweiligen Gegebenheiten der Lebenssituation anzupassen. Es tonisiert, aktiviert oder inaktiviert die Organfunktionen. In der Entwicklungsgeschichte jüngere Gehirnzentren sind für seine Funktionsfähigkeit nicht unbedingt erforderlich, es kann jedoch von dort beeinflusst werden. Z.B. wenn die Atmung, der Grad der Anspannung der Magenmuskulatur oder der Herzfrequenz (vorübergehend) ins Bewusstsein geholt werden.

1995 fasste S. Porges  seine bisherigen Forschungsergebnisse zu einem neuen Verständnis-Modell zusammen, welches er ‚Polyvagale Theorie’ nannte. Nach ihr werden im Wesentlichen zwei unterschiedliche Reaktionsmuster durch Nervenzellen vermittelt, deren Axone gemeinsam durch den Nervus vagus laufen. Diese Differenzierung könnte den evolutionären Schritt von Reptilien zu Säugetieren erklären.

Phylogenese

Die Gehirne der frühen Wirbeltiere entsprachen etwa dem Hirnstamm der Säugetiere mit reflexhaft gesteuerten, relativ robusten Neuralkreisläufen. Sie waren wenig abhängig von einer konstanten Sauerstoff- und Nährstoffsättigung des Blutes und benötigten daher nur ein sehr einfaches autonomes Nervensystem. Die größeren Gehirne der Säugetiere ermöglichten es, Emotionen und Kernbewusstsein als Mittel sozialer Interaktion einzusetzen.

Ohne emotionales Kontaktverhalten wäre die Aufzucht Neugeborener durch das Säugen und Wärmen nicht möglich. Die Fähigkeit, Affekte auszudrücken und soziale Bindungen einzugehen, wurde bei den Säugetieren mit der Notwendigkeit erkauft, für eine gleichmäßige Versorgung des Gehirns mit Nährstoffen zu sorgen. Dieser Funktion dient ein neues differenzierteres autonomes Nervensystem:

Es reguliert den Zustand der Eingeweide und der Blutgefäße so, dass bei Säugetieren letztlich ein stabiles soziales Verhalten möglich wird, d.h. die Fähigkeit zur Kommunikation von Emotionen. Besonders wichtig ist dabei die Regulierung der Herz- und Atemfrequenz. Diese erfolgt bei Wirbellosen noch endokrin, also sehr langsam und auch bei Reptilien und Fischen mit nicht-myelinisierten Fasern immer noch nicht sehr schnell. Säugetiere müssen ihre Umwelt ständig daraufhin untersuchen, ob Gefahr oder Sicherheit besteht, um im zweiten Fall die sympathische Reaktion zu dämpfen. Dazu wird die Herzsteuerung, an der zahlreiche Regelkreise beteiligt sind, bei Säugetieren über myelinisierte (schnelle) Fasern aus dem Stammhirn beeinflusst.

Bei primitiven Wirbeltieren sind die Fasern des Vagus nicht von einem Myelinmantel umgeben. Bei Säugetieren erfolgt dagegen unter dem Einfluss sozialen Lernens in den ersten Lebenstagen und -monaten eine Myelinisierung bestimmter absteigender (efferenter) Bahnen, während andere, die aus dem dorsalen Vaguskern entspringen, unmyelinisiert bleiben. Myelinisierte und nicht myelinisierte Vagusfasern können an gleichen Zielorganen unterschiedliche Reaktionen auslösen und bei jeweils anderen adaptiven Verhaltensweisen beteiligt sein.

Der vordere Vaguskern (Nucleus ambiguus), aus dem die myelinisierten Fasern entspringen, gehört entwicklungsgeschichtlich zu den Kiemenbogen-nerven (N. trigeminus, N. facialis, N. glossphayngeus, N. accessorius). Diesen Nerven obliegt die Kontrolle miteinander koordinierter motorischer, sensorischer und viszeraler Funktionen, die im Wesentlichen folgende Zielorgane betreffen: Herz, Bronchien, Thymus, Pharynx, Larynx, Kopf- und Halsmuskulatur.

Weitere enge Beziehungen der Koordination bestehen mit phylogenetisch älteren Nerven wie N. vestibulocholeraris (Gleichgewicht), N. hypoglossus (Zunge) und dem dorsalen Motornukleus des N. vagus.

Die Aufgabe der Kiemenbogennerven ist die Sicherung einer sozialen Einstellung zur Umwelt: Kauen, Säugen, gemeinsam Fressen, Kommunikations-Zentrierung auf Artgenossen durch Geräuschfilter im Mittel-Ohr, Gesichtsfunktion und Mimik (Emotionsvermittlung, Kommunizieren), Stimmgebung (Kehlkopf, Rachen), ruhige Aufmerksamkeit und Zuwendung (Augenlid-Öffnen, Kopfdrehung), Beruhigung (Bremsfunktion der Herzfrequenz).

3 Systeme:

  1. Sozialer Kontakt
  2. Kampf-Flucht-Reflex
  3. Totstellreflex

Ad 1.

Dieses Verhalten kommt nur bei Säugetieren (und einigen Vögeln) vor und erfordert Ruhe und Sicherheit. Die Evaluierung einer sicheren Umgebung läuft unbewusst und erfordert die Rückmeldung der auf Kommunikation ausgerichteten Hirnnervenkerne. Das resultierende Verhaltensmuster beruht auf der Aktivierung myelinisierter motorischer Vagusfasern (‚Smart Vagus‘), die die Herzfrequenz und die Atmung dämpfen. Dieses Verhalten ist erforderlich für Nahrungsaufnahme, das ’sich Kümmern‘ um den Nachwuchs oder schwächere Gruppenmitglieder und das Lernen von Anderen.

Ad 2.

In bedrohlichen Situationen wird die Bremse des myelinisierten Vagus für die Mobilisierung abgeschaltet: Es resultiert eine Sympathikus-Aktivierung mit Kampf- oder Flucht-Verhalten. In dieser Phase ist die Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt oder unmöglich. Pädagog*innen sollten daher wissen, dass verängstigte Kinder nichts lernen können und nicht aufnahmebereit sind für ein „Für und Wider“ von vernünftigen Erklärungen. Allerdings ist es beim Menschen möglich, den myelinisierten Vagus und den Sympathikus gleichzeitig zu aktivieren. In der Sportwissenschaft wird diese Situation als ‚Flow‘ bezeichnet, einer gleichmäßigen, als beglückend empfundenen Bewegungsabfolge, die bei genussvollem Jogging, Schwimmen, Segeln oder Skifahren auftreten kann. In nahezu allen westlichen und östlichen Kampfsportarten wird großer Wert darauf gelegt, trotz voller Aufmerksamkeit und selbst starker körperlicher Belastung auf Bedrohung nicht mit Angst zu reagieren, d.h. Atmung und Herzfrequenz ruhig zu halten.

Ad 3.

Wenn die ersten beiden Lösungsmuster versagen, reagieren Säugetiere paradoxerweise mit Immobilisation,  In-Ohnmacht-fallen und der Entleerung von Magen und Darm. Dieser phylogenetisch älteste und primitivste neurale Kreislauf wird durch den nicht myelinisierten Vagus (‚Vegetativer Vagus‘ aus dem dorsalen Motornukleus) vermittelt. Er machte bei Reptilien Sinn, zum Beispiel bei der Tauchreaktion der Schildkröten oder der Einschränkung der metabolischen Aktivität bei Schlangen. Für Säugtiere ist diese Reaktion nur selten hilfreich und im Gegenteil möglicherweise lebensbedrohlich. Es wird postuliert, dass sich dieses Reflexmuster deshalb erhalten hat, weil es bei Säugetieren auch nutzbringend angewandt werden kann: das Muster ‚Bewegungslosigkeit ohne Angst‘ begegnet uns beim Stillen und in bestimmten Phasen des Partnerverhaltens. Es beinhaltet die bedingungslose Aufgabe des eigenen Grenzbereiches und kann deshalb nur zustande kommen, wenn ein besonders großer Vertrauensvorschuss gegenüber dem Partner besteht. So spielen bei der Sexualität Sympathikus und Vagus in komplexen Aktivierungsmustern zusammen, bei denen sowohl Aktivierung als auch Immobilisation möglich sind. Diese Reaktionsform wird durch die Ausschüttung des Hypophysenhinterlappen-Hormons Oxytozin vermittelt. Wird dieses Vertrauensmuster durchbrochen, wie zum Beispiel bei Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung, gestörten Eltern-Kind-Bindungen, etc. wird die normale Funktion der Regelkreise schwer geschädigt.

Säugetiere besitzen ein auf sozialen Kontakt ausgerichtetes System

► Direkten Einfluss auf die vagale Reaktion haben Impulse von Hirnnervenkernen, welche die soziale Interaktion vermitteln. Die Spiegelung der eigenen Emotionalität erfolgt über Gesichtsausdruck.

Die Aktivierung der Mittelohrmuskeln (M. stapedius VII, M. Tensor tympani VIII) dämpft nieder-frequente Hintergrundgeräusche, um so die höher-frequenten Töne der Vokalisierung und Stimmgebung deutlicher hervorzuheben (Prosodie, ‚Der Ton macht die Musik‘). Weiter tonisierend auf den jüngeren Vaguskern wirken Geruch, Betätigung der Kaumuskeln, Rachen- und Kehlkopfmuskeln, sanfte Kopfdrehung, Öffnen der Augenlider und ruhige Bewegung der Augenmuskeln. Sozialer Kontakt erfordert Beruhigung und damit eine Absenkung der Herz- und Atemfrequenz.

 

Die kommunikativen Konsequenzen der ‚Polyvagal Theorie’

Heftige Probleme oder existenzielle Bedrohungen führen zu Stress (Fluch-Angriff-Totstell-Verhalten).

► Entwicklungskrisen verlaufen wie auf einer „Achterbahn“. Solange Kinder im adaptiven Stress sind, und mit aller Macht Orientierung suchen, brauchen sie die Orientierung gebende Unterstützung der Pädagog*innen

Vor einer Informationsvermittlung im Rahmen sozialer Kommunikation muss immer eine Beruhigung stehen. Die Schaffung sicherer stressfreier Zustände. Abstrakte Erklärungen sind zur Beeinflussung eines verängstigten Zustandes im Stadium der Sympathikus-Aktivierung sinnlos.

► Vor einer Informationsvermittlung im Rahmen sozialer Kommunikation muss immer Beruhigung durch Kontaktherstellung und Kontaktaufnahme stehen, also durch Schaffung sicherer stressfreier Zustände. Abstrakte Erklärungen sind zur Beeinflussung eines verängstigten Zustandes im Stadium der Sympathikus-Aktivierung sinnlos.

► kontaktorientierte Prosodie, Mimik und Körperhaltung vermitteln die Bereitschaft sich zu öffnen und eine Beziehung einzugehen. Und mit dem Gefühl der Sicherheit lösen sich Stress und Angst.

 

Literatur:

Stephen W. Porges, Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation & ihre Entstehung. Junfermann 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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The ways in which the nature of the real processes are covered up……

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Do we really understand how paradoxical / absurd the ‚human condition‘ (conditio humana) essentially is? I doubt it!

We cannot exist / think / speak without making generally valid assumptions about ‚us‘ and the ‚world‘ (generalizations, mythologies, metaphysical assumptions), but the moment we believe in them we fall prey to them (i.e. then we are missing proprioception of thought, as David Bohm used to say). Absurd, isn’t it?
The ‚meaning of life‘ seems to be nothing more and nothing less than gaining INSIGHT into the absurdity of the ‚human condition‘. This Insight means freedom from meaningless absurdity – and ‚that’s it‘!!!!

⇒ „The thinker and the thought, and the observed and the observer are just different phases of one thing, one process.“

Siehe auch: Todesverleugnung

⇒⇒>You may ask, „How could an image ever get power?“ ……. Why should the image of the self have such power? Because there are tremendous values which are attributed to it. Whatever has value, the whole system must try to act on it. That is an absolute necessity and the way it works.<

Suspending impulsive action: „Your first impulse might be to try and go out and insult the person and do something, and in earlier times you might even have hit the person. And now you say don’t do any of those things, but let the feelings come up and watch what’s going on. We’re regarding it as a sort of test display of the process, you understand? So then you’ll see these angry feelings which will produce tension in the solar plexus and the belly and the chest, and affect your breathing, and heartbeat, and all sorts of things. You’ll be able to see a sort of movement of responses all over the body, such as a tension of the jaw, in the neck.“

All the huge achievements of humankind throughout history, whether it’s building the pyramids or flying to the moon, have been based not on individual abilities, but on this ability to cooperate flexibly in large numbers. What enables us alone, of all the animals, to cooperate in such a way? The answer is our imagination. We can cooperate flexibly with countless numbers of strangers, because we alone, of all the animals on the planet, can create and believe fictions, fictional stories. And as long as everybody believes in the same fiction, everybody obeys and follows the same rules, the same norms, the same values.…..what I want to emphasize is that exactly the same mechanism underlies all other forms of mass-scale human cooperation, not only in the religious field.

Take, for example, the legal field. Most legal systems today in the world are based on a belief in human rights. But what are human rights? Human rights, just like God and heaven, are just a story that we’ve invented. They are not an objective reality; they are not some biological effect about homo sapiens. Take a human being, cut him open, look inside, you will find the heart, the kidneys, neurons, hormones, DNA, but you won’t find any rights. The only place you find rights are in the stories that we have invented and spread around over the last few centuries. They may be very positive stories, very good stories, but they’re still just fictional stories that we’ve invented.

The same is true of the political field. The most important factors in modern politics are states and nations. But what are states and nations? They are not an objective reality. A mountain is an objective reality. You can see it, you can touch it, you can even smell it. But a nation or a state, like Israel or Iran or France or Germany, this is just a story that we’ve invented and became extremely attached to.“

***

November 1989 Ojai, California

Lee Nichol: It is not unusual for people to spend an entire lifetime carefully scrutinizing their personal inclinations and motivations, their whole psychological make-up. But, somehow, even if one spends that much time and that much energy, the mind seems to maintain its basic patterns, without any fundamental change. The question is, is it possible that after years of study and work in this area that a person could continue to make fundamental mistakes with regard to observation?

David Bohm: Yes. You see the whole field is very deceptive. Things are not what they appear to be. The structures are a lot different from what they seem. For example, one of the basic assumptions that we make is that one can look at the mind as if one were a separate observer, looking at something different, as I, for example, can look at the chair and see that my thought is one thing and the chair is another. The chair is independent of my thought, and my thought can move independently of the chair. We may make a similar assumption as we look at our own internal processes, but this is not true. Our thought profoundly affects the emotion and the whole state of the body, which in turn profoundly affects thought in a cycle, a feedback loop that tends to build up. This is one of the basic mistakes. If you thus start with a false assumption, your whole enquiry may make things worse, and add more complications to those already there. There are many such false assumptions that are operating within our sociocultural context.

LN: If we make this assumption that we can look at the mind as separate from the looker, and then add to that some approach aimed at bringing about order or solving problems, it seems that, as you say, this only compounds it.

DB: Yes, you see, if the assumption of separation of observer and observed were correct (which it isn’t), it would make sense to project, to find out what is the problem and try to bring about some desired result as a goal. In such an approach, which is suitable, for example, in practical affairs, you may change your goal through further insight, but the basic idea of having some kind of a goal to direct you is always there. On the other hand, within the mind, this approach may be totally out of place because there is no separation of the kind that has been assumed, the goal you project is therefore fantasy, with arbitrary features of certain ideas that you are simply trying to impose on top of the confusion that’s already there, about which you’re actually doing nothing.

LN: Would it be fair to say that until this particular issue is quite thoroughly cleared up, any activity in the realm of self-investigation could only lead to further confusion?

DB: Well it’s very likely to. Maybe it could be helpful on a certain level for people who are extremely disturbed. We can probably get them past some of their disturbing fantasies with such investigation and treatment (subject/object approach). But it cannot really get to the root of the problem. In the long run it will add to it. This, I think, is one of the key points that Krishnamurti made in all of his talking.

LN: So coming to terms with the dynamics of assuming an internal separation is fundamental to real investigation. Now, it seems that part of the difficulty is that we may read this or hear it, and in some way, it seems quite clear. Then we assume !hat this is not really the issue; that there is another more important issue or a series of more important issues, and so we proceed to observe these other issues; but once again, without having really cleared up this apparently simple and basic question of how we look at ourselves.

DB: Yes, it’s not so easy to clear it up, you see, because we’re caught up in it. One can say that one of the problems is, that we may have insight into this issue on a certain level, but that then there is still the problem of distraction. In this connection, I have a friend who was studying young children. There has been a belief, based on the work of Piaget, that children learn certain concepts, such as conservation of water at a certain age. But my friend has shown that such learning has to do with the function of distracting factors. If you can reduce the distracting factors, they can learn it much earlier. And if you increase the distracting factors, there may be delays. Or to put it differently, attention is required to learn, and distracting factors may draw the attention elsewhere. Similarly, at an intellectual level, you may see fairly clearly, that the problem that we are talking about here is that of the observer and the observed, but when the time comes to look in another context, there are a lot of distracting factors. One of these is the ability of the mind to create very powerful, vivid, convincing images that are experienced as real, especially when they move very fast. Thus, if we take a television set and there is a telephone bell ringing, when we look into the image and see a telephone, we experience that telephone ringing in the image though there is no telephone, nothing there except spots of light. But on the other hand, if it doesn’t look consistent, for example, if nobody answers it, we may think it’s the telephone in the next room and experience it that way. So the way we experience depends on attribution.

A basic property of thought is to attribute a quality or a property to something. And then it’s experienced as intrinsic to that thing, right? So I suggest that once you have the assumption of the observer and the observed, the mind can create an image of an observer looking at the observed, as you could have in the television set. You could have some man looking at something and you could say there’s the observer, and there’s the observed — but nothing is going on at all of that nature. And similarly, in the mind, there will seem to be the observer and the observed, and various little things indicating that combination. Thought attributes the whole of the process to the observer who is looking at the observed, and who says that thought comes out of the thinker. What actually happens however is that thought creates the image of the thinker, and then it attributes its origin to that image. Thought then behaves as if it were being produced by a thinker, but in fact, thought is producing an image which it calls the thinker and attributes itself to that. The thinker and the thought, and the observed and the observer are just different phases of one thing, one process. And therefore, as a person is thinking, very often tacitly and implicitly without knowing that he’s thinking, all of this is attributed to a thinker, which gives it great authority.

LN: You’re suggesting that this separation is actually hidden.

DB: What is covered up is the true nature of the whole process. Actually there is no real separation, but the assumed separation is attributed to an image, and the resulting experience is regarded as proof that there is a real separation. That is to say, the image is experienced as if it were real, and that is taken as proof that the assumption is correct. This is part of the way in which the real nature of the process is covered up.

LN: But all of this that you’re describing is generally an unconscious process.

DB: Yes. We’ll call it unconscious, implicit, tacit. The thought behind it is implicit.

LN: If, by definition, this other process is implicit or unconscious, it seems that it would take something more than conscious thinking to reveal the actual dynamics. Perhaps that’s the starting point.

DB: Yes. You may say consciously and rationally and logically this is what’s the case, but if your whole feeling and whole experience and sensation are telling you otherwise, you really can’t be deeply convinced by it, right?

LN: So there are two things going on. An intellectual recognition that something may be operating in one way, but at the same time, a deeper set of sensations and experiences apparently indicating something very different.

DB: We wouldn’t necessarily say deeper, but different. It is a set of experiences that don’t agree with your intellectual conclusions, even though your intellectual conclusions are probably right; you’ve probably had a real intellectual insight at that level. So we mustn’t decry the intellect or say it is never of any value in this context.

LN: Instead of viewing that contradiction that you’ve just described as a further difficulty, is it possible that that contradiction, properly attended to, could actually lead to a deeper understanding of the whole process?

DB: Yes. You have to give attention to this contradiction — that’s quite right. And the question, then, is how. For this whole process of covering up and deception is going on. There’s a constant „show“ being put on, implying that all this is real, and that the intellectual stuff is not real. For example, the person may well say, “I’m not an intellectual, that’s just a lot of ideas. My real gut feeling is that it’s the other way.“ And, „I don’t go in for this intellectualism“, so I ignore all that you say, right? What I wanted to say is that this gut feeling is what is deceptive. There are true deep feelings, you know, you may get all sorts of responses if somebody dies that you’re close to, or if you look at nature, seeing the beauty and so on. But then I say there are also feelings which appear to be deep feelings, but are not, because they are produced by thought.

LN: But they have all the attributes of such feelings.

DB: They don’t have all or else we could never get out of it. But they have enough attributes to get by, to be accepted by us as real. The point is, now, to be able to see that this is what’s going on. That we are producing feelings out of thought. Everybody knows you can whip up feelings by certain shouts and cries and clamors and marches and songs, political rallies, etc. It’s well known that feelings can in this way be whipped up, essentially by actions directed by thought, so that such a response need not be a surprise. What about this sort of feeling as compared with deep feelings? At the moment that it is happening a person might not be able to tell the difference. You have a crowd shouting and screaming and a great leader in front of them shouting and screaming and driving and urging them on, and so on. So that establishes the principle that feelings can be produced artificially. But what I was talking about is much more common than this. It doesn’t require a demagogue or some unusual set of shouts, screams, and cries to do it. Rather, one simply has to notice that the meaning of a thought tends to be carried out in terms of feelings all over the body.
DB: In order to demonstrate this, you may take the case of getting angry. This is a feeling that is not as difficult to look at as say fear or pleasure — deceptive feelings of pleasure — which you know too can be produced by thought, a seductive thought. You see, a person may first get an outburst of anger and then cool down — it simmers down, but it’s still there. You may put it in abeyance because something more important comes up, but it’s still there ready to come up. My suggestion is to call it up on purpose by trying to find the words that express the reason for being angry. Thus, you may say, „I’m angry, and I have good reason because he did this and that and that.“ You will find that you are getting still angrier. Usually you’ll say, „I shouldn’t get angry, so I’d better stop this.“ But now we’re going to use this on purpose, not for the sake of getting angry, because we’re going to suspend the angry feelings, neither by stopping them, nor letting them come out. Is that clear what I mean?

LN: Yes, but there are some difficulties with suspending.

DB: Well you see, it’s not being done right in the heat of your original outburst of anger, but still, you’re not calling it up to get rid of the angry feelings. Your first impulse might be to try and go out and insult the person and do something, and in earlier times you might even have hit the person. And now you say don’t do any of those things, but let the feelings come up and watch what’s going on. We’re regarding it as a sort of test display of the process, you understand? So then you’ll see these angry feelings which will produce tension in the solar plexus and the belly and the chest, and affect your breathing, and heartbeat, and all sorts of things. You’ll be able to see a sort of movement of responses all over the body, such as a tension of the jaw, in the neck.

LN: Now let me raise one of the difficulties that commonly occurs here. Even if one waits a bit beyond the heat of the moment, there still comes up a very strong resistance to acknowledging that one is actually in this state.

DB: Yes, that’s part of our sociocultural conditioning, which says that you shouldn’t be angry, and not only that, you yourself have seen by clear thought that it’s leading you astray. You see, both reason, and society and everything is telling you, you shouldn’t be angry. Now there’s a serious mistake in there. Of course, it’s right that you shouldn’t be angry, if only because it is very destructive to your deeper interests. But the attempt to say you just shouldn’t be angry is simply not affecting the anger, it’s just trying to impose another pattern on top of the anger. This will come out as we go along, but the first point is to realize that such resistance is false and that this falseness will come out as we go through this process and pay attention to it.

LN: The falseness of the sociocultural as well as the personal judgment.

DB: Yes. This is very tricky, because in some ways the judgment appears to be right. But there’s a fundamental, deeper falseness in it. So we also have to give attention to our tendency to say, „I shouldn’t be angry, I must stop being angry“, and we will see that this too, has to be suspended. In this process one will begin to get certain feelings, at first perhaps very faintly because of all the resistance, and later more strongly — you’ll see the play of these feelings over the body, because the action is being suspended. If you actually did something, you would no longer notice the feelings … if you went out and hit somebody or punched him in the nose, or insulted him, or otherwise tried to get redress for your anger. You might momentarily feel a lot better, because the tension would go (until the other person retaliated in a similar way). But now, when action is suspended, you can see that the words are calling up the feelings, and you’ll be able to get a sense that there’s some sort of mechanical connection between the words and the feelings.

For example, you may find that the words may be, „He shouldn’t have done this; he shouldn’t treat me that way; he hasn’t due regard for me, he’s always doing that; he’s never taking my rights into account. It’s not the first time.“ So you may notice the feelings coming up rather mechanically, and that those feelings are producing mechanical pressure, making it very hard to look at those thoughts and see whether they’re right or not.

LN: Let’s go very slowly here. You say they produce mechanical responses and mechanical feelings. Now it seems to be a very thin line, because when you do what you suggest, if it’s really activating these responses you’re talking about, they don’t feel mechanical.

DB: No, but you can see a certain mechanical quality in the sense that the word is followed by the feeling. And you’ll see there is a little something also in that pressure of the feeling to avoid examining the meaning of the words, to avoid seeing whether you really have a good reason to be angry. LN: A resistance to seeing the connection. DB: Yes, that’s right. You see, if it were really a straightforward process, there would be no resistance to examining it. Now you can begin to suspect that it looks a little mechanical. Here you can use a certain amount of knowledge which has come from biofeedback. You have a device that, I forget what they call it, in the so-called lie detector, you attach an electrode to your finger, and you see, this measures the activity of the autonomic nervous system.

LN: The polygraph.

DB: The polygraph, yes. When the autonomic nervous system is aroused, you’ll get the solar plexus and heartbeat and the adrenaline and all those things acting. When somebody says something disturbing, or you think something disturbing, that arouses you in this way, then roughly three seconds later, the needle jerks. If it’s not very disturbing, you may be hardly aware that anything has happened, yet the needle jerks. So it does look very mechanical when you look at it that way. It takes three seconds. We could say that your thought is in the pipeline for three seconds, but you don’t pay attention to this. Then suddenly the emotional response appears. It suddenly appears in this way as if it were spontaneous. However, there’s been another thought in the background all the time saying that everything which appears suddenly like that is deep gut feeling, so that it’s really very important. That produces more thought which goes into the pipeline, and three seconds later there comes another jerk, and the whole process thus builds up. The thought that this is a deep gut feeling is now taken as further proof that you have good reason to be angry. See, the original proof was that he’s always doing this, right? Now you have an additional proof — the deep gut feeling — saying I have a deep feeling which is instinctive. I’ve been badly treated. In the case of fear, that’s even more clear. You can similarly produce a response of fear by thinking of danger, and a short time later, you have this sinking sensation in the solar plexus. You now say I have an instinctive feeling of danger. The animal would get just that feeling as the first sense of danger, right? Or you yourself might be in a very dangerous situation and get it. So that could be a real warning of danger. But the assumption is that it’s always a warning of danger. This ignores the fact that it could be an entirely false warning arranged by thought mechanically.

LN: Why do you think that there is a resistance to looking at the mechanical nature of this process?

DB: Because it has gotten tied up with the self/world image. One feels uneasy about saying that one’s deep gut feelings may have no meaning because it begins to threaten the notion of the self-identity. For you identify yourself, among other things, with those deep gut feelings. So if you begin to think these deep gut feelings may have no meaning, and you have depended on them for the foundation of a lot of your life, you begin to worry about your whole self, right? There’s a thought behind it that’s ready to defend the self by not allowing this to be seen. It’s really defending the self-image. We don’t know what the self is, nobody has ever managed to look at the self, but what we have is a kind of an image of a self with an image of a world in which it lives. This image creates a wide range of neurophysiological effects, implying that this is all a reality of very great significance. We have already discussed some of these effects. And if this image is altered, the whole neurophysiological system goes into chaos so that there’s a response from the body and from the brain to do something to restore equilibrium. The most immediate way to do that would be to produce thoughts which would change those responses toward equilibrium. But then that would be a mechanical way of thinking, which is false. So you get mechanical feelings and mechanical thoughts working on each other.

LN: Just to put this into perspective from where we started, it seems that this apparently simple notion of observation, pursued in the way that you’ve described it, will actually lead one into difficulty and not necessarily clarity. For the act of looking at the connections in the way that you’ve indicated will eventually lead to this very point of questioning the meaning of one’s deepest feelings.

DB: Yes, and also one’s deepest thoughts.

LN: And one’s deepest thoughts. This is not a particularly comfortable position to find oneself in. Is it possible that this is one reason that observation never penetrates beyond a certain point?

DB: Yes, I think that there’s a kind of defense which is based on the assumption that whenever this whole system starts getting too disturbed, it’s best to keep away from whatever is disturbing it. The whole body reacts instinctively that way to pain, moving away from the pain, and then that same reaction is carried up into the higher functions of the brain by some movement of thought, away from the issue which is disturbing it. It moves in such a way as to ease the system. And that’s not an intelligent way for thought to operate.

LN: Now, let’s say that a person comes to the point that you’re describing. The deeper feelings and thoughts which constitute the sense of self for that individual begin to be exposed.

DB: Yes, as mechanical, and therefore having little value.

LN: Isn’t it particularly important at this level to have developed a certain skill? That skill being the ability to suspend judgment regarding the fact that one holds these beliefs or feelings or ideas. Because once you penetrate to a particularly deep and sensitive level, if you again begin to judge, it seems that it can be very destructive, and that this mechanism to protect might be appropriate.

DB: Well yes, you might say you could easily become very depressed or something.

LN: Yes, that’s the issue I’m trying to point to — how to avoid becoming deeply depressed at this point and so depressed at least, that it inhibits pursuing the question.

DB: I think the idea is not to push it too hard in the sense, don’t push it to the point where it would carry you into depression. You have to find a certain skill of pushing it to the point where you can observe and not to push too much, because that’s really more mechanical action again. You need insight, you see, and the whole point of suspension is merely to get insight, not to produce predetermined results. Only the insight can change you. The insight that this process is mechanical will change you. It will decrease the importance of the process in your mind, and therefore, the whole thing will change. But there’s always a danger that you haven’t gone far enough in doing this, because there’s more to the process. There’s all sorts of deeper things you haven’t touched yet, and you are beginning to shake them, too. But all I’m saying is: Don’t go too fast. Start with anger, where people generally realize that the thing is
destructive, so that you are able to work on it. It doesn’t shake you too much to discover these things about anger. You might then work on fear, because fear has a similar structure. And so does desire and pleasure. They all have a similar structure. In fact, desire comes from projecting in the imagination, the thing you want, and anticipating the satisfaction of pleasure, or whatever. And fear is the same thing except you anticipate all the trouble and pain that’s coming. So between desire and fear, there’s very little difference; it’s just that you anticipate something nice or something bad.

LN: Both rooted in anticipation.

DB: Yes. Anticipation is a function you need, but here it’s begun to go wrong. Because you’re anticipating the internal state of the mind and not realizing it’s just an image.

LN: Okay, so a person is observing patiently and not pushing the process too hard, and at the same time, not becoming complacent. There’s some skillful balance and willingness to continue.

DB: That’s right, and he’ll find that as certain issues come up in relationship, that they’re distracting. In this way, he loses sight of the insight because of powerful distractions. Then he needs to get insight into that distraction in a similar way. What Krishnamurti once said was „there is no distraction“ – every distraction is just a part of the process, which helps to reveal the process. We call it distraction, and the assumption that it is a distraction makes it a distraction.

LN: Which decreases one’s energy.

DB: Not only that, it misleads you. If it’s a distraction you’re going to say, „Well, my job is to get back on line;“ but your job is not to get back on line. You see, the line is the distraction.
Your job is to look at the distraction, not to say, „I was looking at fear before, and now I’m looking at something else. I’d better get back to fear.“ But rather, „I’d better get on to the fact that I’m distracted by such and such, finding out the thoughts that are distracting. “

LN: In that respect, potentially, everything is a basis for observation.

DB: Yes, and everything that happens is part of the process. There really is no genuine distraction in this process. Every one of those distractions is just part of the cover-up, you see. If there were no cover up, the process couldn’t exist, right? I mean, it’s too absurd to go on with if it’s not covered up and given a false interpretation.

LN: This is like an improvised dance. Because you cannot predict what apparent distraction is going to come at any moment. But if you are. willing and able to reorient your attention each time there is a distraction, then perhaps the notion of „no distraction“ could become a reality. But it is so common for us to have this sense, „Well, I don’t really want to look at that. I’m looking at this now. Don’t bother me with that.“

DB: That might make sense in another context, a practical context, „I have this job to do and I can’t be bothered with all this other stuff you’re bringing in.“ But it’s not true here because what you’re dealing with here is just the way the mind is working, and this so-called distraction is an essential part of the phenomenon. It’s not a distraction – it’s actually the same process you’re looking at, just taking a somewhat different form.

LN: To the point that we’ve discussed this, have we come to the picture of self and world?

DB: Yes, we’re sort of getting into it because all this anger and fear and pleasure and desire is a part of the constitution of the self and its relation to the world. These are part of the values which move you. Value has the same root as valor and valiant. It means strength. And values, or things of high value, give great strength to what we do, and give it high priority. Now we have a vast set of values which thus moves us. Some respond to one situation and some to another. We are moved by the values much faster than we can think.

LN: These values are like the branches of a tree, right?

DB: Yes.

LN: Are we getting closer to the generating source, to the root?

DB: Yes, we’re moving that way. You see, if somebody is prejudiced, for example, he’s got a value judgment which he may not be conscious of — for example, that people of a certain group are bad. Now he experiences this not as a thought, but rather as an apparent perception of the badness which is projected into a particular person who is being perceived, at a given moment, the same as the telephone in the television set.

LN: So it has the full appearance of reality.

DB: Yes. All sorts of value judgments of that kind affect your perception and your intentions at the same time. You see, people have the notion of freedom of choice and freedom of will but these values operate very fast and people think they have chosen, but they haven’t.

LN : Yes, well that’s the question I would like to look at. What do all these values have to do with the self?

DB: The self is determined by the values with which it’s identified, for example the supreme value of your religion or your country or your money or fame or power or ambition or your family or whatever it is. Or your body, your security, your comfort. Whatever has highest value will override the other values. And this generally leads to contradiction, you see. Thus you may have the value of honesty and truth, and so on; but if your value is also comfort and security of the self, or if your country comes first no matter what else is at stake, then when the time comes, such values may take over. And though you profess the right values of honesty and truth, they’re not really the dominant values. So the self is determined, in a way, by the whole set of values which are as much sociocultural as individual.

LN: Is this all there is to the self?

DB: Well, it is a dominant feature. If the values were not there, the self would collapse, would have no energy. It would be like something which is inflated. When someone removes the air, it collapses.

LN: When you say a dominant feature, do you mean, as well, an essential feature?

DB: Yes, it’s a moving essential power. There may be some other assumptions, perhaps, behind it, but these values are the moving essential power without which the self would have no power. It would be just an image. You may ask, „How could an image ever get power?“ Thus the telephone in the television set never does anything except produce a pattern of light. Why should the image of the self have such power? Because there are tremendous values which are attributed to it. Whatever has value, the whole system must try to act on it. That is an absolute necessity and the way it works.

LN: Yes. So we can suspend these values …

DB: Well, not so easily. They come very fast, you see.

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An 0pen Mind

Attention is narrowed perception. It is a way of looking at life bit by bit, using memory to string the bits together — as when examining a dark room with a flashlight having a very narrow beam. Perception thus narrowed has the advantage of being sharp and bright, but it has to focus on one area of the world after another, and one feature after another. And where there are no features, only space or uniform surfaces, it somehow gets bored and searches about for more features. Attention is therefore something like a scanning mechanism in radar or television. . . . But a scanning process that observes the world bit by bit soon persuades its user that the world is a great collection of bits, and these he calls separate things or events. We often say that you can only think of one thing at a time. The truth is that in looking at the world bit by bit we convince ourselves that it consists of separate things, and so give ourselves the problem of how these things are connected and how they cause and effect each other. The problem would never have arisen if we had been aware that it was just our way of looking at the world which had chopped it up into separate bits, things, events, causes, and effects.

The self-conscious feedback mechanism of the cortex allows us the hallucination that we are two souls in one body — a rational soul and an animal soul, a rider and a horse, a good guy with better instincts and finer feelings and a rascal with rapacious lusts and unruly passions. Hence the marvelously involved hypocrisies of guilt and penitence, and the frightful cruelties of punishment, warfare, and even self-torment in the name of taking the side of the good soul against the evil. The more it sides with itself, the more the good soul reveals its inseparable shadow, and the more it disowns its shadow, the more it becomes it.

Thus for thousands of years human history has been a magnificently futile conflict, a wonderfully staged panorama of triumphs and tragedies based on the resolute taboo against admitting that black goes with white.

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Skilled action

last-moment

‚Skilled action‘ (oder ‚gewusst wie‘) wird als sofortige und stimmige Reaktion auf die Anforderungen einer Situation beschrieben. Sie geht nicht aus absichtlich geplanten Handlungen hervor. Dieser Art des Handelns kann am besten mit Hilfe des daoistischen Konzepts ‚wu-wei – Handeln durch Nicht-Handeln‘ verstan den werden – d.h. Mühelosigkeit als Grundform menschlichen Handelns (‚flow‘).

Diese Sicht steht im Widerspruch zur (westlichen) dualistischen Spaltung zwischen Geist und Materie, und weist damit auch zurück, was der Philosoph Gilbert Ryle als ‚Intellektualismus‘ bezeichnet hat. Intellektualismus versucht, die Intelligenz geschickter Handlungen durch innere Kontemplationsakte zu erklären. Wenn z.B. eine Läuferin zum richtigen Zeitpunkt loslegt, um ihre Konkurrenten erfolgreich zu überholen, muss dies nach kognitivistischen Konzepten daran liegen, dass sie relevante Fakten über den richtigen Zeitpunkt für Loslegen vorab weiß und dieses Wissen dann aktuell zutreffend berücksichtigt. Für den intellektualistischen Zugang muss jedes ‚knowing-how‘ auf ein vorausgehendes ‚knowing what‘ zurück geführt werden können, ein repräsentatives Modell von sich und der Welt.
In Anbetracht seines seines Angriffs auf den vorherrschenden Intellektualismus könnte man erwarten, dass Ryle Befürworter einer just-do-it-Sichtweise gewesen ist. Tatsächlich trifft aber das genaue Gegenteil zu. Für Ryle ist Denken beim gekonnten Tun von zentraler Bedeutung ist, weil er von einem anderen Begriff des Denkens und gekonnten Tuns ausgeht als es der vorherrschende Intellektualismus tut. Nach Ryles Ansicht kann Denken nicht als innere Rede oder Kontemplation verstanden werden, als geplante Abfolge von Hypothese, experimentellem Handeln und anschließender Evaluation.

Wenn nicht so, wie dann? Suchen wir Auskuft bei einem anderen US-Philosophen, beim zeitgenössischen Philosophen Gene Gendlin.

Eine Person (ein Organisamus) handelt immer in einer ‚Umwelt‘, es gibt keine ‚freischwebenden Organismen‘, sagt Gendlin. Er entwickelt nun zwei unterschiedliche Begriffe von Umwelt, unter denen diejenige, die der Beobachtung entstammt, Umwelt # 1 (environment) genannt wird. Umwelt # 1 ist jene Umwelt, die vom Betrachterstandpunkt aus die Umwelt eines Organismus definiert. Diese Umwelt wird im Kantschen Sinne durch unsere Sinneswahrnehmung und unseren Verstand zugänglich. Umwelt # 2 bedeutet keine andere Umwelt, bedeutet jedoch einen anderen Zugang dazu, wodurch beide Umweltbegriffe nicht eins zu eins nebeneinander zu stehen kommen bzw. verglichen werden können. Umwelt # 2 ergibt sich, indem die Aussenbetrachtung verlassen wird, in der wir – gleichsam untangiert – eine Umwelt aus Gegenständen in ihren jeweiligen Zusammenhängen synthetisieren. Umwelt # 2 entsteht, wenn ein „Datum“ hinzukommt, das in der klassischen Sinneswahrnehmung nicht miteinbezogen ist. Es ist die erlebte Interaktion zwischen dem Organismus und dem ihn Umgebenden. Diese Interaktion besteht als Einheit, die nicht statisch zu verstehen ist, sondern prozesshaft. Nimmt man beispielsweise die Luft als Umgebung des Körpers, so wird dieser Aspekt von Umwelthaftigkeit im Sinne von Gendlins Umwelt # 2 gut sichtbar. Denn die Luft als Umgebung des Körpers wird durch die Interaktion mit der Lunge zu einem Geschehen, Umgebung und Körper sind in dieser Hinsicht nicht mehr voneinander zu trennen: Der lebendige Körper besteht aus der Lungenarbeit, die sich als ein Kontinuum vollzieht in dem Luftzufuhr/ Lungenausdehnung/ Zellstoffwechsel ineinandergreifen. Der Körper besteht aus der engen Interaktion, die als prozessuelle Identität bezeichnet werden kann (denn ohne Luft endet auch der Körper bzw. hört auf, Körper zu sein). Aufgrund dieser Interaktion ist der Körper, wie er ist. Umwelt # 2 setzt somit einen grundlegend anderen Ausgangspunkt an, weil sie nicht von Entitäten, sondern von deren ursprünglichen Interaktion ausgeht. Viele Prozesse mögen in Interaktionen involviert sein, viele unterschiedliche Ereignisse einen Prozess ausmachen. Üblicherweise geht man von diesen gesonderten Abfolgen aus und setzt sie dann miteinander in Beziehung. Gendlin kehrt im Begriff der Umwelt # 2 diese Denkreihenfolge um: weder die Ereignisse, noch die Prozesse sind gesondert zu denken – d.h. nicht die Entitäten kommen zuerst, sondern der interaktive Bezug.

Also: Handlen im Einklang mit dem, was gerade der Fall ist….. Es ist weder primär vergangenheits- noch zukunftsorientiertes Tun, weil es beides zugleich ist und keines von beiden …. Diesen ‚Nullpunkt‘ (wieder) zu entdecken/aufdecken, das ist der Sinn von ‚Fortschritt‘ in jedem Lernprozess. Es ist also so etwas wie Neues erlernen & Altes verlernen zugleich. Je schneller wir das Falsche (falsch, weil immer nur situativ bedingt gültig, aber falsch verallgemeinert) wieder verlernen, während wir für das situativ Neue offen sind, desto schneller sind / werden wir frei für kreatives Lernen in Form von ’skilled action‘.

Die Grundhaltung, in der solches Lernen stattfindet, hat Simone Weil folgendermaßen beschrieben: „Achtsamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen… Meistens verwechselt man eine gewisse Muskelanstrengung mit Aufmerksamkeit. Wenn man Schülern sagt: ›Nun passt einmal gut auf‹, sieht man sie die Brauen runzeln, den Atem anhalten, die Muskeln anspannen. Fragt man sie dann nach zwei Minuten, worauf sich ihre Aufmerksamkeit richtet, so wissen sie keine Antwort. Sie haben überhaupt nicht aufgepasst; sie waren nicht aufmerksam. Sie haben ihre Muskeln angespannt. In solchen Muskelanstrengungen vergeudet man oft seine Kräfte. Weil man dabei am Ende ermüdet, hat man den Eindruck, gearbeitet zu haben.“ (Aus: Zeugnis für das Gute, Zürich 1998)

Moshé Feldenkrais drückt es so aus: „Die Bewusstheit der meisten Menschen ist so unzureichend entwickelt, so armselig, dass die Betreffenden jedes neue Phänomen, das sie sehen, sofort – wie eine Maschine – in ein Muster oder Schema packen. Sie beziehen es auf Merkmale und Eigenschaften, die sie bereits kennen, und vergleichen es mit ihnen, so als weigerten sie sich, es als eine neue Sache zu betrachten. Das bedeutet, sie führen keine Selbstbeobachtung durch…. Selbst-Untersuchung ist nicht möglich, sie geschieht nicht. Sie ist in der Tat eine Illusion, wenn der Mensch – während er zuhört, denkt und schaut – die ganze Zeit urteilt und ‚das ist gut’, ‚das ist nicht gut’, ‚genau!’ oder ‚stimmt nicht’ sagt. Damit unterbricht er die Fähigkeit seiner Bewusstheit, klar und korrekt zu sehen. Wenn wir ein kleines Kind beobachten, dessen Bewusstheit sich entwickelt, können wir sehen, dass es einen unbekannten Gegenstand normalerweise anschaut ohne zu urteilen oder zu vergleichen. Wir sehen, dass es still wird. Es sieht und hört nichts anderes mehr. Es lässt sich nicht ablenken; es schaut einfach, und sieht, was es sieht. Das zieht seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es ist wie wir sagten, die Fähigkeit zu beobachten, während es sich selbst lauscht. Das Kind achtet auf nichts anderes, all seine Bewusstheit ist darin versunken. Diese Fähigkeit können wir nur bei Kindern beobachten oder bei denjenigen, die sich diese kindliche Tugend erhalten haben – manchmal hoch gebildete und gelehrte Menschen. Diese kindliche Tugend besteht in der Fähigkeit etwas anzuschauen, ohne das festgelegte mechanische Feedback vorzubereiten, sondern das Gefundene stattdessen zu erhellen, es ins Licht unserer Bewusstheit zu rücken und zuzulassen, dass sich der Mechanismus daran nährt und sättigt, ohne alle vorherigen Erwägungen und Urteile……. ich meine, diese Bewusstheit kann in dem Maße erlernt und gelenkt werden, dass sie nicht nur einen kurzen Augenblick im Leben der Menschen ausmacht.“ (Aus: , Verkörperte Weisheit. Huber 2013)

Was sind die neuronalen Grundlagen für derartiges Lernen?

Das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweierantagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht, und diese Verfassung von Körper und Geist wird shinjin datsuraku genannt. So bedeutet shinjin datsuraku »Das Fallenlassen von Körper und Geist«, das heißt die Befreiung von dem gewöhnlichen Bewusstsein von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren:

►► „Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes. Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

***

Wenn wir nicht (wieder) so zu leben und handeln lernen, inmitten all unserer Technologien – dann werden wir als Menschheit keine Zukunft auf diesem Planeten haben. Dann berauben uns die unerwünschten Wirkungen und Nebenwirkungen unseres Tuns unserer Lebensgrundlagen.

Siehe auch: https://psyhygiene.wordpress.com/2019/09/30/situational-understanding/

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Lehrer als Begleiter und Förderer ‚permanenter kognitiver Revolution‘?

„Lehrer/innen sind ihr Berufsleben lang Lernende: als Lehrende mit ihren Kindern und Jugendlichen in der Schule, an der Hochschule oder an der Universität im Sinne professionellen lebenslangen Lernens, sie sind aber auch Teil der lernenden Organisation Schule.

Sie übernehmen Verantwortung für die Lernprozesse ihrer Schüler/innen, für ihre eigenen und die von Kolleginnen und Kollegen. Der Dialog auf Augenhöhe im Umgang miteinander ermöglicht es. Lehrer/innen müssen lernen, erfolgreich zu lehren. Dies kann beispielsweise an positiven Lernfortschritten, höheren Schulleistungen oder höherer Motivation, aber auch am besseren Sozialverhalten der Schüler/innen festgemacht werden (Hopf, 2010, S. 271). Eine Lehrperson muss unter anderem in der Lage sein, die tägliche Arbeit selbstständig, kreativ, handwerklich korrekt, auf wissenschaftlicher Grundlage und auf Basis einer Berufsethik zu erfüllen.

Dafür benötigt sie didaktische Kompetenz, die sie schrittweise durch Theoriestudium und praktische Tätigkeiten in pädagogischen Feldern entwickelt (Prozess der Fach- oder Berufssozialisation), wobei auch andere Faktoren wie etwa ein breites Handlungsrepertoire oder die Reflexion des unterrichtspraktischen Handelns eine wesentliche Rolle spielen (Jank & Meyer, 2009, S. 159–162). Strukturtheoretische Forschungen zur pädagogischen Professionalität betonen ein beachtliches Maß an Unsteuerbarkeit, Undurchschaubarkeit und Ungewissheit des beruflichen Handelns sowie unaufhebbare Antinomien (z. B. Nähe- und Distanzverhältnis) (Combe & Kolbe, 2008, S. 857). Lehrer/innen müssen professionelles Handeln lernen. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, in nie genau vorhersehbaren, einmaligen Lehr-Lern- Situationen zielorientiert zu handeln, widersprüchliche Anforderungen zu durchschauen, die daraus erwachsenden Paradoxien auszuhalten und die Folgen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten (Jank & Meyer, 2009, S. 169). Pädagogisches Handeln wird als absichtsvolles Handeln verstanden, daher stehen die Lehrkräfte oft vor dem Problem der Differenz zwischen Handlungsintention und Handlungsergebnis, einschließlich nicht intendierter Folgen. Es ist somit die Schwierigkeit gegeben, im pädagogischen Handeln bestimmte Zielzustände treffsicher initiieren zu können (Combe & Kolbe, 2008, S. 857).

‚Sich bilden‘ vs. ‚sich verwertbar machen‘

Von Hentig sagt über den Prozess der ‚Bildung‘: „Bilden ist sich bilden. Der prägnante Sinn des Wortes Bildung kommt jedenfalls in der reflexiven Form des Verbums am klarsten zum Ausdruck. Nicht immer sind wir das Subjekt dieses Vorgangs, und wir sind es auch nicht immer erst am Ende (das es genaugenommen gar nicht gibt). Aber der Anteil, den wir selber daran haben, sollte immer größer werden und nie, auch in den frühen Stadien nicht, ausgeschlossen sein, vielmehr: nicht geleugnet werden, denn ‚ausschließen‘ lässt [sic] er sich nicht. Das kleine Kind ist in ungleich höherem Maße sein eigener Lehrmeister, als es später der Schüler sein wird – und vieles davon ist nicht nur Entdeckung und Übung von Fähigkeiten, sondern deren eigentümliche Gestaltung, die ‚sich bilden‘ genannt zu werden sehr wohl verdient: in der Sprache, in der Aufmerksamkeit für andere Menschen, im Spiel der Einbildungskraft, in der Empfänglichkeit für Musik, für die Schönheit der Dinge, für die Rätsel und Wunder der Natur. (Hentig, 2004, S. 37).“ [1]

Schule soll sowohl individuelle Bildung (Förderung aller individuellen Talente) ermöglichen als auch den Einzelnen für die Anforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft verwertbar machen. Stillschweigend wird voraus gesetzt, dass beide Aspekte gut miteinander vereinbar sind. Das sind sie aber nicht: Schule selektioniert, reproduziert entlang traditioneller sozioökonomischer Ordnungen (hinkt der sozialökonomischen Entwicklung immer nach). Wenn die Schule heute für die Gesellschaft von morgen bilden und ausbilden soll, dann fragt sich: Wie schaut die Zukunft unserer Gesellschaft aus? Worauf bereiten die Lehrer die Schüler vor? Wie schaut das Leben heute aus, wie das in 10 bzw. 15 Jahren?

Wie ist dieser ‚Sprung in die Zukunft‘ zu schaffen? Seit es Pflichtschulen gibt, gibt es Schulreform und Reformpädagogik. Das Ergebnis: die heutige Schulrealität. Kommt Schule also schon immer zu spät? Ist Schule per se eine ‚konservative Einrichtung‘? Und wirkt die heutige, weil wir in Zeiten beschleunigter Veränderung leben, ganz besonders rückständig?

Dazu Zygmunt Bauman[2]:

„Ich muss Ihnen gestehen, dass ich neulich einen Alptraum hatte. Ich wachte schweißgebadet auf. In meinem Alptraum war ich ein kreativer Coach. Ich sah mich einem unglaublichen Widerspruch ausgesetzt zwischen meinen Vorsätzen und den tatsächlichen Umständen, einer Ambivalenz, die ich nicht einfach auflösen konnte.

In einer ähnlichen Lage befand ich mich bereits mehrere Male, als ich meine Studenten an der Universität Leeds und zuvor an der Universität Warschau unterrichtete. Ich stand vor einem Dilemma, weil ich, wie Sie, eine Vorstellung von einer idealen Persönlichkeit hatte, einem Ideal, dem meine Studenten entsprechen sollten. Ich wollte, dass sie begeistert und kreativ sind, auf ihren eigenen Füßen stehen, anstatt sich buchstabengetreu an Anweisungen zu halten.

Andererseits wusste ich sehr wohl, dass die Studenten, wenn sie so würden, wie ich es Ihnen nahegelegt hatte, wahrscheinlich bei ihrer Doktorprüfung durchfielen. Denn irgendjemand im Prüfungsausschuss würde befinden, dass diese Studenten zu originell, zu kreativ und zu ungewöhnlich seien… Das war also ein Widerspruch, ein wirklich starker Widerspruch. Man hat eine Vorstellung von einem idealen Menschen. Man möchte solch einen idealen Menschen fördern, aber es kann sehr wohl passieren, dass die Welt, in der diese Menschen arbeiten und funktionieren müssen, nicht empfänglich ist für Originalität, Kühnheit, Mut und Unehrerbietigkeit gegenüber Autoritäten.“[3]

Professor Bauman charakterisiert unsere heutigen Zeit als eine Phase gesellschaftlicher Entwicklung, die er ‚flüchtige Moderne‘ nennt – auf gut Österreichisch also als eine Zeit, die charakterisiert werden kann  durch das Motto ‚Nix is fix‘:

„Zum ersten Mal in unserer Geschichte werden wir konfrontiert mit dem Wandel als einer dauerhaften Gegebenheit des menschlichen Lebens. Also müssen wir die geeigneten Verhaltensweisen und Kontaktmöglichkeiten für ein Leben in diesem Zustand des beständigen Wandels entwickeln. Sich nach einem Präzedenzfall zu richten, ist kein guter Rat mehr.

Das Anhäufen von Wissen und darauf angewiesen zu sein, sich auf das vor langer Zeit erworbene Wissen zu verlassen, ist heutzutage kein guter Vorschlag. Sich auf unveränderte Routine zu verlassen, die man tatsächlich annehmen und blind befolgen kann, ist auch kein gutes Rezept. Das gleiche gilt für gewohnheitsmäßiges und überliefertes Handeln. All das ist kontraproduktiv in einer sich schnell wandelnden Welt, in der es keine vorherrschende Autorität mehr gibt, sondern einen Wettbewerb von Autoritäten, die sich sehr häufig gegenseitig widersprechen. Die Verantwortung für die Wahl zwischen diesen Autoritäten fällt gänzlich der betreffenden Person zu ….. . Unsere Gesellschaft ist also von Projekten durchwoben. Wir leben von einem Projekt zum nächsten. Projekte sind normalerweise kurzfristig angelegt, und wie die heutigen Fachleute für Beschäftigungssoziologie sagen, „man ist so gut wie sein letztes Projekt“. Denken Sie auch daran, meine Damen und Herren, dass das Gedächtnis in unserer „flüchtigen“ modernen Welt ebenfalls kurz ist. An den Erfolg bei Ihrem letzten Projekt wird man sich also nicht lange erinnern. Das große Problem ist also, wie man sich vernünftigerweise in einer solchen Welt würdig und ethisch korrekt verhält und dennoch erfolgreich sein kann. Das ist nun ein Widerspruch, der sehr schwer auflösbar ist. Deshalb empfand ich den Traum, in dem ich ein Coach war, als eine Art Alptraum.“[4]

Der Philosoph und Soziologe Bauman diagnostiziert, dass wir Heutigen vor einer höchst beunruhigenden, weil ‚verrückt machenden‘ Aufgabe stünden: Der Einzelne würde verstärkt dazu gezwungen, ganz für sich alleine anwachsende Widersprüche des Sozialsystems zu lösen. In Baumans Worten: „Früher bestand die Aufgabe derjenigen, die gemeinschaftliche Leistungen koordinierten, darin, die Handlungsmöglichkeiten der Untergebenen auf eine sehr geringe Anzahl von Optionen zu beschränken und Ihnen Verantwortung zu entziehen. Heute verhält es sich andersherum. Sie, die Untergebenen, müssen ein Gefühl der Verantwortung entwickeln und gleichzeitig enorme Risiken eingehen, die untrennbar mit Selbstbestimmung und Emanzipation verbunden sind.“[5]

Politiker und Vorgesetzte nicht mehr als Vorgesetzte und ‚Leader‘, sondern als Moderatoren und Coaches. Jeder muss sich in Zukunft selber führen, selber für sein Leben vorsorgen, ganz individuell. Institutionen geben ihm keinen Halt mehr. Eine solche soziale Situation löst existentielle (‚ontologische‘) Unsicherheit aus.

„Das „Unbehagen der Postmoderne” bzw. der liquid modernity ist auf die „Freiheit, die auf der Suche nach Lustgewinn zu wenig individuelle Sicherheit toleriert“, zurückzuführen. Das Unbehagen der solid Moderne dagegen geht auf das Übermaß an Ordnung und Mangel an Freiheit zurück (Bauman 1999: 11). „If solid modernity was an era of the wars of liberation, liquid modernity is the time of the wars of recognition.” (Bauman 2001: 143) Der Zwang zur Identitätskonstruktion und die Knappheit der dazu erforderlichen materiellen, symbolischen wie psychischen Ressourcen machen Identitätskonstruktionen besonders prekär. Die Einsicht in die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns von Identitätsprojekten gibt der Tendenz zur Essentialisierung von Differenzen und Grenzen des Selbst neuem Auftrieb. Unter diesen Umständen fällt es besonders schwer, die Dämonisierung von Anderen zu vermeiden, die für das Scheitern des eigenen Identitätsprojekts zur Verantwortung gezogen werden. Ein möglicher Grund, so Young (1999: 148, 165), ist die ontologische Unsicherheit derjenigen, die sich selbst im Zentrum der Welt platzieren, und ontologische Unsicherheiten sind eine interne strukturelle Bedingung der liquid modernity. In der Neuen Weltordnung der Ströme und Flüsse von Subjekten, Objekten, Symbole, Informationen etc. (Lash und Urry 1999), in der die verbindende Klammer zwischen Nation und Staat schwächer wird, avanciert sich die Kultur zu einer Essenz und unveränderlicher Quelle der Identität. „[C]ultural fundamentalism which is grounded in an essentialist notion of culture is a specific ideological response to a specific problem, namely that posed by foreigners ‘in our midst’” (Franklin et. al. 2000: 158).

Auch wenn der biologische Rassismus heute als überwunden gilt, erleben essentialistische Sichtweisen und Wahrnehmung der Anderen zurzeit eine erneute Blüte. Religiöser Fundamentalismus, essentialistischer Kulturalismus, Orientalismus, Okzidentalimus, etc. gehören zu den bekanntesten.“[6]

Ontologische Unsicherheit, der Verlust von Urvertrauen (Urvertrauen verstanden als ‚ontologische Sicherheit‘) in die soziale Ordnung und in sich selber, befördert diesen Befunden zufolge also Angst und Irrationalismus. Der Psychiater Ronald D. Laing hat den Ausdruck ‚ontologische Unsicherheit‘ in seinem psychiatrischen Standardwerk ‚Das geteilte Selbst‘ geprägt. In diesem Werk beschäftigt er sich mit der Genese von Psychosen (Schizophrenie).

„Wenn eine Position der primären ontologischen Sicherheit erreicht wurde, stellen die gewöhnlichen Lebensumstände keine fortwährende Bedrohung der eigenen Existenz dar. Wenn eine solche Lebensgrundlage nicht erreicht wurde, bilden die gewöhnlichen Situationen des tagtäglichen Lebens eine kontinuierliche und tödliche Bedrohung. Nur wenn man sich das klar macht, ist es möglich zu verstehen, wie bestimmte Psychosen sich entwickeln können.“[7] Die permanente Vernichtungsangst äußere sich als Angst vor Verschlungenwerden, Implosion (zerstörerisches Eindringen der Realität ins Selbst) oder als Petrifikation (Versteinerung durch Schrecken) und Depersonalisierung.

Die Befunde der Soziologie und Sozialpsychiatrie konvergieren unter diesem Aspekt. Eine äußerst beunruhigende Tatsache, verweisen sie doch auf eine vorprogrammierte systematische Überforderung von Lehrer/innen!

Betrachten wir also in diesem Kontext nochmals die einleitend zitierte Aussage: „Lehrer/innen müssen professionelles Handeln lernen. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, in nie genau vorhersehbaren, einmaligen Lehr-Lern- Situationen zielorientiert zu handeln, widersprüchliche Anforderungen zu durchschauen, die daraus erwachsenden Paradoxien auszuhalten und die Folgen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten.“

War sich der Autor dieser Sätze bewusst, was er da von Lehrer/innen fordert? Jeden ‚normal Sterblichen‘ treibt so eine Anforderung, sollte er / sie sich damit identifizieren, in den Wahnsinn (wie R.D. Laing nachgewiesen hat): Depersonalisierung, Versteinerung, das Gefühl unheilbar zu versagen: So werden die fortgeschrittenen Stadien dessen, was heute unter ‚Burnout‘ verstanden wird, beschrieben.

Und die ‚Konsumenten‘ solch bildungspolitischer Imperative, die Schüler, werden sie gleichermaßen in diese organisierte Überforderung im Namen von ‚Lernen für die Zukunft‘ von solcherart ‚engagierten Lehrer/innen hinein getrieben? Eher nicht.

Denn viele „Jugendliche empfinden den Unterricht eher als eine mühsame Unterbrechung der Freizeit, in der man sich Computergames, Sport und Hobbys widmen kann. Auch wird von diesen Schülern die Schule nicht mit sozialem Aufstieg assoziiert. Man hat ja schon alles. Die Folge: Es fehlt an intrinsischer Motivation zu lernen. Könnten diese Schüler selber wählen, würden sie die Hälfte der Stunden streichen.

Die Pädagogik hat reagiert. Individualisierter Unterricht ist eingeführt, der Lehrerberuf professionalisiert und die Didaktik verfeinert worden. Angehende Lehrer feilen an ihrem Auftritt, eignen sich Kommunikationskompetenz an und lernen Methoden, um auf den einzelnen Schüler einzugehen. Das selbständige Lernen wird gefördert, die Lektionen werden rhythmisiert, und multimedial eingerichtete Schulzimmer helfen, Lektionen abwechslungsreich zu gestalten. Der Lehrerberuf hat sich zu einer Profession entwickelt, in der nicht persönliche Erfahrungen im Vordergrund stehen, in der die Lehrpersonen sich vielmehr am aktuellen Fachdiskurs und an nationalen Bildungsstandards ausrichten.“[8]

Der Autor obiger Zeilen, eine Schweizer Psychotherapeut, meint weiter:

„Lernen ist ein vielschichtiger Prozess. Kinder und Jugendliche eignen sich spielerisch und auf natürlichem Weg im Laufe ihrer Entwicklung unzählige Kompetenzen und eine Unmenge Wissen an. Die Sprachentwicklung eines Kindes ist ein Wunder, und Kleinkinder müssen mehr als tausend zum Teil schmerzliche Stürze ertragen, bis der aufrechte Gang einigermaßen klappt. Die große Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen zeichnet sich durch einen unbändigen Lernwillen aus. Man gibt nicht auf, bis man das Rollbrettfahren, ein Computerspiel beherrscht oder die Inseln im Pazifik kennt. Das Problem ist, dass sich die natürliche Lernbegeisterung nicht immer auf die Schule überträgt und ab der Vorpubertät zurückgeht. Dem Lernstoff, den die Schule offeriert, wird keine große Begeisterung entgegengebracht. Die Bildungswünsche vieler Kinder und Jugendlicher decken sich nicht mit jenen der Erwachsenen.“[9]

Schüler wissen sich also unter Rückgriff auf ihre ‚natürliche Lernbegeisterung‘ vor Burnout durch die Anforderungen der Schule zu schützen. Jedenfalls anfänglich. Je erfolgreicher aber die pädagogischen Tricks der Lehrer/innen sind, desto mehr werden auch die Konsumenten dieser pädagogischen Künste integraler Teil des Systems. Wie hat es der Pädagoge Hartmut von Hentig doch formuliert? Das kleine Kind ist in ungleich höherem Maße sein eigener Lehrmeister, als es später der Schüler sein wird …… .“

Liegt nicht in dieser Tatsache das eigentliche ‚pädagogische Drama‘, welches dem Philosophen Zygmunt Bauman Alpträume bescherte? Und nicht nur ihm, sondern jedem Lehrer, jeder Lehrerin?

Kann die Schule das spielerische Lernen von Kindern so ‚nützen‘, dass am Ende der Pflichtschulzeit gut verwertbare Arbeitskräfte heraus kommen? Kreative und sozial angepasste Arbeitskräfte….

Wenn die Gesellschaft (der ‚Arbeitsmarkt‘) tatsächlich an umfassend kreativen jungen Menschen interessiert wäre, dann wäre diese Aufgabe nicht viel mehr als eine Frage der Entwicklung von geeigneten pädagogischer Methoden. Dann wäre es eine leicht zu beantwortende ‚didaktische‘ und ‚fachdidaktische‘ Fragestellung.

Das scheint aber nicht der Fall zu sein, denn die Kernkompetenz heutiger Lehrer ist, wie oben dargestellt, vielmehr der paradoxe Arbeitsauftrag,  systemische Widersprüche auf individuelle Weise bewältigen zu können, d.h. fähig zu sein“ in nie genau vorhersehbaren, einmaligen Lehr-Lern- Situationen zielorientiert zu handeln, widersprüchliche Anforderungen zu durchschauen, die daraus erwachsenden Paradoxien auszuhalten und die Folgen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten.

Eine wahrhaft unlösbare Aufgabe in Zeiten wachsender sozialer Widersprüche und unsicherer werdender Zukunftsperspektiven.

Wenn das so ist (und es scheint tatsächlich so zu sein), dann bedeutet pädagogische ‚Kernkompetenz‘ primär einmal die Fähigkeit zur ‚Entparadoxierung‘ der paradoxen sozialen Anforderungen an Schule und pädagogische Professionalität. Einzelne Lehrer/innen werden die Herausforderung vermutlich intuitiv gut bewältigen (vermutlich unter Rückgriff auf ihre lebendig gebliebene ‚natürliche Lernbegeisterung‘). Diese Fähigkeit muss aber auch zentraler Gegenstand systematischer Lehreraus- und Lehrerfortbildung werden.

Andernfalls treibt die zweifellos notwendige ‚Modernisierung‘ des Schul- und Bildungswesen (die sozial notwendige ‚Begleitung und Förderung permanenter kognitiver Revolution‘ durch das Schul- und Bildungssystem) alle Beteiligten nur noch tiefer in unlösbare Widersprüche, und damit in entmenschlichende Überforderungen hinein.

Wie kann eine solche ‚Ent-Paradoxierung‘ aber konkret aussehen? Abschließend ein paar skizzenhafte Andeutungen.

Der Kern dieses ‚Aufklärungsprozesses‘ ist Rollenklärung.  Wer eine soziale Rolle einnimmt der übernimmt damit eine mehr oder weniger wohl definierte soziale Verantwortung. Was aber ist mit ‚Verantwortung‘ gemeint?

Vielleicht mal so: Jemand handelt aufgrund einer Norm, eines Wertes oder Ideals auf eine bestimmte Art und Weise und nimmt die allfälligen Konsequenzen seines Handelns in Kauf.

Konkreter betrachtet hat Verantwortung verschiedene Gesichter. Denn je nach Rolle, die wir einnehmen, sind wir unterschiedlichen Normen und Werten verpflichtet und befinden uns in je anderen Verantwortlichkeiten.

Gezielt verantwortungsvolles Handeln setzt Bewusstheit voraus. Dafür müssen wir uns im Klaren sein, aus welcher Rolle heraus wir in Verantwortung gehen oder stehen und welchen Normen, Werten und Idealen wir uns dabei verpflichtet fühlen. Auf uns zurückgeworfen stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung wir in den einzelnen Rollen übernehmen müssen, können und wollen. Zu viel Verantwortungsübernahme ist überfordernd, zu wenig ist unbefriedigend.

Ein gutes Maß an Verantwortung wirkt Sinn stiftend. Neben Rollenklarheit ist es aufschlussreich genau hinzuschauen, auf welcher Ebene wir in Verantwortung stehen. Der Begriff Verantwortung beinhaltet das Wort Antwort. Um antworten zu können, müssen wir die Frage hören. In Verantwortung zu gehen, setzt eine Offenheit für die Fragen des Lebens voraus. Es bedingt hinzuschauen, sich nicht abzuwenden, sich nicht zu verschließen.

Wir hören einfach nur sehr selten ganz zu; zwischen uns und dem zu Hörenden schiebt sich fast immer diese Projektionsleinwand unserer eigenen Gedanken, Wünsche, Schlussfolgerungen und Vorurteile. Um einfach zuhören zu können braucht es ‚innere Stille‘, eine Haltung von Nicht-Wollen und Nichts-Erreichen müssen, also entspannte Aufmerksamkeit. Erst dieser höchst aufmerksame, aber passive Zustand des Geistes macht einfaches Zuhören möglich; ein Zuhören, das über das Ziehen vorschneller Schlussfolgerungen hinausgeht. Diese Form des Zuhörens wäre zu trainieren.

Es ist aber keine soziale Rolle vorstellbar, die mich „als Ganzes“ repräsentiert. Es sind immer nur einzelne, in der Regel nicht ganz zur Deckung bringende (manchmal sogar entgegengesetzte) Anteile, die es mir ermöglichen, ein bestimmtes Rollenverhalten zu repräsentieren. Trotz oder gerade wegen dieser „Unvollständigkeit“ erlaubt es das Wahrnehmen einer Rolle, einzelne mich auszeichnende Qualitäten in besonderer Weise auszuspielen, mein Gegenüber darauf aufmerksam zu machen und vielleicht sogar davon zu überzeugen. Und der Vorteil: Wir müssen uns nicht auf eine Rolle beschränken. Wir können, ganz wie im Theater, immer neue Rollen dazulernen, uns und andere auf diese Weise neu kennen lernen und so ein reflektiertes Verhältnis zu uns und der Welt einnehmen. Was wir hingegen sozial nicht können, ist außerhalb einer Rolle zu leben, weil die Rollen die unabdingbare Voraussetzung dafür sind, das was mich ausmacht, in eine Form bzw. in eine Gestalt zu bringen.

Gäbe es diese Fähigkeit in Rollen zu schlüpfen nicht, blieben unsere persönlichen Qualitäten weitgehend ungeformt. Bestrebungen auf ‚asoziale‘ Rollenüberwindung lassen weniger die Möglichkeit zur kreative individueller Gestaltbarkeit, denn Verzweiflung über ein verheerendes, weil diffuses Durcheinander meines psychischen Haushalts aufkommen.

→ Diese unmittelbare Einsicht in die Rollenhaftigkeit jeder Kommunikation mit anderen ist eine Grundbedingung gelingender Professionalität und Menschlichkeit.

Erst ‚Masken‘ erlauben, wahrhaft ‚Person‘ zu sein

Vieles spricht dafür, dass sich die Qualität menschlicher Kommunikation am besten daran erweist, ob es gelingt, sich entlang bestimmter Rollen zu verständigen; die aber kann man nicht kaufen. Sie müssen gelernt und geübt  werden, um Orientierung zu schaffen; um uns darin wiedererkennen zu können und um sie  – gerade weil wir sie einnehmen – gegebenenfalls auch überschreiten zu können. Also erfahren wir einmal mehr, was uns die Beschäftigung mit Kunst paradigmatisch erzählt: Dass Form und Inhalt eng aufeinander bezogen sind und wir daher Inhalte dann gut vermitteln können, wenn erst einmal die formalen Rollen zu ihrer Vermittlung geklärt sind. In anderen Worten: Wenn sie ihren passenden inszenatorischen Ausdruck finden.

Die Schule als ‚Bühne‘ betrachtet…..

Schule kann auch als die größte Bühne des Landes gesehen werden, in dem jeden Tag ein Stück der besonderen Art aufgeführt wird. Dessen Regeln bestehen genau darin, eine spezifische Form der Inszenierung ins Werk zu setzen, welche bei allen Beteiligten den Eindruck erweckt, es handle sich um keine ‚Inszenierung‘, sondern um ‚den Ernst des Lebens‘ selbst (die sog. Verhaltenskreativen‘ bringen diese Inszenierungen ja nur zu oft zum ‚Kippen‘, haben und hätten also so gesehen eine wichtige Funktion im ‚Schultheater‘).

‚Ernste‘ und ‚echte‘ Lehrpersonen verweigern sich aber hartnäckig der Idee, dass Schule Inszenierung sei; in der Hoffnung  damit ‚authentisch‘  – d.h. ’sie selbst‘ bleiben zu können. Sie nehmen damit ungewollt und unbewusst in Kauf, dass sie gerade mit dieser Entscheidung an der Fortsetzung der Inszenierung von Schule teilnehmen, in der das beteiligte Personal aber auf Teufel komm raus versucht, den Charakter des Inszenatorischen des eigenen Tuns zu verbergen, in der Hoffnung, damit  Echtheits- bzw. Wirklichkeitseffekte herbeizuführen. Das Ergebnis ist ebenso einfach wie realitätsnah: Das Stück „Schule“ wird als immer schlechter empfunden und dazu werden ihre Protagonist/innen – entgegen ihren eigenen Absichten – immer unglaubwürdiger.

Die Alternative dazu wäre anzuerkennen, dass es sich auch bei Schule um ein soziales ‚Spiel‘ handelt, in dem verschiedene Rollen vergeben werden, die es gilt, bestmöglich auszufüllen. Und dabei dafür zu sorgen, dass diese Rollenvergaben  nicht endgültig erfolgen, sondern wie in keiner anderen Institution immer neue Rollen entwickelt, (kennen)gelernt, erprobt und auch in Frage gestellt werden können. Für Lehrer/innen und Schüler/innen ebenso.

Ja, dieser Blick auf Schule als eine ganz besondere, weil grandiose Form der Inszenierung ist durchaus denk- und machbar. Und wir sollten einfach damit aufhören, diese Qualität zu verbergen. Ganz im Gegenteil: Mit dem Ende des Versteckspiels könnte Schule wesentlich an Glaubwürdigkeit (und dazu an Wirksamkeit) ihrer Vermittlungsbemühungen gewinnen. Lehrer/innen werden also nicht umhin können, sich von manchen lieb gewordenen Authentizitätsansprüchen) zugunsten einer performativen Professionalität zu verabschieden.

Aber selbstverständlich ist ein solcher Paradigmenwechsel nicht so leicht zu haben. Voraussetzung dafür wäre das Training der bislang so brach liegenden sozialen Phantasie (und damit das gezielte Training ‚permanenter kognitiver Revolution‘), also dessen, was der Dichter Robert Musil ‚Möglichkeitssinn‘ genannt hat:

„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“[10]

Lit.:

[1] Aus: Kompetenzorientierter Unterricht in Theorie und Praxis, BIFIE (Hrsg.), Graz: Leykam, 2011, S. 7ff

[2] Dr. Zygmunt Bauman, em. Professor der Universitäten Leeds und Warschau, ist weltweit bekannt durch eine Vielzahl von Publikationen (z.B. „Flüchtige Moderne“ 2003). Er erhielt den Amalfi European Prize 1990 und den Adorno Preis 1998.

[3] Vortrag auf der ANSE-Konferenz 2004 „Die Werteproblematik als Herausforderung für Praxis und Konzept von Supervision und Coaching“ am 07. Mai 2004 in Leiden/Niederlande

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Yasar Aydin, Zum Begriff der Hybridität, S. 2f.  Hamburger Universität  für Wirtschaft und Politik . Hamburg, September 2003  ISSN 0178-174X, siehe auch:  http://www.wiso.uni-hamburg.de/fileadmin/sozialoekonomie/fachbereich/_dwp-ordner/Forschung/Publikationen/Zum_Begriff_der_Hybriditt.pdf

[7] Das geteilte Selbst. Eine existentielle Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn, 1987 (orig. The Divided Self. An existential study on sanity and madness, 1960), S. 41

[8] Allan Guggenbühl : «Schräge» Lehrer, begeisterte Schüler, Leidenschaft und Interesse. 16. Januar 2014, 10:30, Neue Zürcher Zeitung. http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/leidenschaft-und-interesse-1.18221810

[9] Ebd.

[10] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Roman [1930/32]. Neuausgabe 1978. Reinbeck: Rowohlt, 1987, Band I, p. 16

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