Was versteht man unter Psychohygiene?

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf
ich geh in meinen Pflichten auf.
Doch bald darauf, nicht mehr so munter
geht er in seinen Pflichten unter.
Eugen Roth

Psychohygiene gilt als die Wissenschaft und Praxis von der Erhaltung der seelischen Gesundheit (siehe auch ‚Hygiene‘). Sie beschäftigt sich mit Lebensumständen, die sich begünstigend oder schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken (siehe dazu auch den Beitrag ‚Psyche, was ist das?‘)

Ziel ist die Frühentdeckung der Beeinträchtigung psychischer Gesundheit, Aufklärung und Prävention. Die Psychohygiene als ein Teilbereich der Hygiene und Gesundheitsvorsorge beeinflusst alle Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl die physiologischen, als auch die psychologischen und geistigen (siehe dazu die Beiträge ‚Burnout – tiefer geblickt und ‚Burnout – Mensch und Arbeit am Scheideweg‚) .

Ziel der Psychohygiene ist es, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und gesunden Lebensführung, psychische Belastungen zu reduzieren bzw. nach Möglichkeit auszuschalten. Belastungen lassen sich in Leistungsdruck, beruflicher Beanspruchung, starke Emotionen, Aufregung, Spannung und Angst differenzieren, wobei diese Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Integrität des Menschen haben und als Stressfaktoren bezeichnet werden.

Wie wird  ’seelische Gesundheit‘ definiert?

Was einem sowohl assoziativ als auch im Internet sofort begegnet ist der Gegenbegriff zu ’seelisch gesund‘, nämlich ’seelisch erkrankt‘. Dazu liest man ‚: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen. Für die Betroffenen sind Zurückweisung und Ausgrenzung eine enorme Belastung.“

Psychohygiene, so lässt sich also schlussfolgern, hat  zur Aufgabe, psychischer Erkrankung vorzubeugen. Ergebnis guter Psychohygiene ist ‚Resilienz‘.

„Resilienz“ stammt aus dem Englischen (resilience) und kann mit Widerstandsfähigkeit (Elastizität oder Spannkraft) übersetzt werden. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur, seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, insbesondere seine emotionale Intelligenz, d. h., seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren und seine mehr oder weniger ‚pro-aktive‘ Einstellung zu Problemen (Neigung zum Verharren in Problemtrance / Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung).

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als „shared values“ bezeichnet).

Siehe Wikipedia Artikel: Resilienz

Wie kann aber Psychohygiene in einer hochindividualisierten Leistungsgesellschaft möglich gemacht werden? In einer Gesellschaft, in welcher der soziale Zusammenhang immer zufälliger wird und damit die Stabilität und Tragfähikgeit von Beziehungen abnimmt?

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Nik Wallenda (34)  auf einem Hochseil über den Grand Canyon

Antwort: Indem man ‚balancieren‘ lernt, auf auf dem ’schmalen Grat‘ zwischen gegensätzlichen Anforderungen zu gehen lernt, d.h. indem ‚geistig und mental höchst beweglich wird.‘ Das setzt die ‚Fähigkeit voraus, alle Überzeugungen ‚einklammern‘ zu können  und ‚ganz da zu sein‘, d.h. alles was überhaupt wert ist getan zu werden, auch mit ‚ganzer Aufmerksamkteit zu tun‘ (Stichwort: Flow).

„Volle Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ – Simone Weil

Der Dichter Franz Kafka hat dazu folgendes angemerkt: „Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“

Siehe dazu auch: Psychoneuroimmunologie,  ‚Widerstandskraft entwickeln – aber wie?‚, ‚Output ohne Input, das geht auf Dauer nicht‘ und ‚Wohlwollend neutrales Beobachten‘ und Entspannungsmusik

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Meditation

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Die Umwege fehlen jetzt

„Die Zeit ist da, aber die Muße fehlt. Diese Rastlosigkeit, die wir spüren, die kommt eben nicht nur von außen, wie wir dachten. Sie kommt auch von innen, was man genau daran sieht, dass wir ….. durch die sozialen Medien surfen oder Netflix anwerfen. Wir tun also Dinge, die kurzgetaktete hohe Stimulationsdichte bei niedrigem Resonanzwert liefern.“

Quelle: taz

Hartmut Rosa, Jahrgang 1965, ist ein Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und seit 2013 zugleich Direktor des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt.

taz: Herr Rosa, Sie haben den Beschleunigungszwang der Moderne als Problem unserer Gesellschaften diagnostiziert. Immer schneller, immer mehr: Wir können uns nur dynamisch stabilisieren, und das macht manche kirre. Wie passt die Coronapandemie, die ja alles enorm entschleunigt hat, in Ihre Theorie?

Hartmut Rosa: Corona hat tatsächlich für eine gigantische und historisch einmalige Entschleunigung im physisch-materiellen Bewegungsprofil der Erde gesorgt. Dessen Dynamik hat ja seit dem 18. Jahrhundert auf allen Ebenen immer zugenommen. Wenn ich das jetzt feststelle, provoziert es die Gegenfrage: Müssen wir damit also glücklich sein?

Sind viele ja offensichtlich nicht.

Nein. Erst mal hat sich für manche Menschen das Leben nicht ent-, sondern beschleunigt. Denken Sie an das Gesundheitssystem. Zweitens hat sich die Entschleunigung in seiner Auswirkung auf die Lebensqualität unterschiedlich angefühlt. Wenn Sie in einer bestimmten Lage im Lockdown sitzen, dann ist es nur eine Tragödie und ganz bestimmt nicht lebensqualitätssteigernd. Ich war im Übrigen nie Entschleunigungsprophet und habe das nie romantisch verstanden, das ist mir wichtig. Mir geht es um Entfremdung. Der Beschleunigungszwang der Moderne ist da ein Problem, wo er zu Entfremdung führt, also brauche ich ein Gegenrezept zu Entfremdung. Das ist Resonanz, und die kann mal durch Entschleunigung, mal durch Beschleunigung entstehen. Allerdings untergräbt permanenter Beschleunigungsdruck Resonanzmöglichkeiten.

Wie ist das für die, die im Homeoffice arbeiten?

Meine Lieblingsdeutung ist, dass jetzt wirklich Realität geworden ist, was Paul Virilio 1980 als rasenden Stillstand beschrieben hat, die physische Stillstellung. Ich sitze im Homeoffice den ganzen Tag in der gleichen Position vor dem Computer, weil die Kamera da ist und das Mikrofon. Ich bin wirklich stillgestellt. Aber in einer Stunde habe ich einen Vortrag an der University of Indiana in Bloomington, vorgestern sprach ich in Delhi, die Datenströme haben extrem zugenommen. Ich bin rasend unterwegs, von einem Ort zum anderen, aber physisch komplett stillgestellt.

Zu Beginn der Pandemie gab es die schöne Vorstellung, die Entschleunigung führe dazu, endlich die „guten“ Bücher zu lesen, von denen man so gern spricht. Viel nachzudenken und kreativ zu sein. Es klappt überhaupt nicht, jedenfalls nicht bei mir.

Wir haben eine massive Weltreichweitenschrumpfung erlebt, der Wohnort ist wieder die Mitte unserer Welt. Und zeitlich haben wir es auch mit Weltreichweitenschrumpfung zu tun, weil man nicht mehr sagen kann, was in einem halben Jahr oder auch nur einem Monat sein wird. Das hat es uns erlaubt, die vermuteten Resonanzpotentiale in der Nähe auszuprobieren, also spazieren gehen, gärtnern oder Klavier spielen. Und dann stellen wir fest, dass es nicht so einfach ist, diese Resonanzpotentiale zu heben, also erfüllend Klavier zu spielen oder Klassiker zu lesen.

Die Erfahrung mache ich jetzt auch.

Ich auch.

Woran liegt das?

Die Zeit ist da, aber die Muße fehlt. Diese Rastlosigkeit, die wir spüren, die kommt eben nicht nur von außen, wie wir dachten. Sie kommt auch von innen, was man genau daran sieht, dass wir anstatt eine Wagner-Oper zu hören oder Thomas Mann zu lesen, doch durch die sozialen Medien surfen oder Netflix anwerfen. Wir tun also Dinge, die kurzgetaktete hohe Stimulationsdichte bei niedrigem Resonanzwert liefern.

Das merke ich auch, dass ich mich kurzgetaktet im Digitalen stimuliere und dann ein unbefriedigtes Gefühl habe.

Ich habe mich neulich sogar bei Katzenvideos erwischt, da dachte ich, jetzt reicht’s aber.

Ist es auch für Sie neu, dass die Rastlosigkeit von innen kommt und nicht aus dem äußeren Hamsterrad des Lebens?

Das ist der Zwiespalt der Moderne: Der Beschleunigungsdruck kommt nicht einfach nur von außen und das Resonanzverlangen nicht nur von innen. Sofern der Kapitalismus am Hamsterrad schuld ist, ist er auch in uns. Theoretisch war mir das klar, aber ich habe es nie so deutlich erfahren wie jetzt. Aber es gibt einen anderen Aspekt, den ich früh thematisiert hatte: Es entsteht nicht nur Aggressivität, sondern eine Art von Lethargie und Erschöpfung. Ich habe gerade ein Seminar gemacht über die Frage: Wo kommt Energie her? Ich beziehe mich da stark auf den Soziologen Randall Collins. Wir haben immer geglaubt, Energie sei eine individuelle und psychische Eigenschaft.

Ist nicht so?

Inzwischen glaube ich: Die Energie, die wir haben und in soziale Interaktion umsetzen, kommt aus der dichten Interaktion selber. Auch aus der irritierenden Interaktion, wenn mich zum Beispiel jemand anrempelt.

Auch geistig?

Genau. Wir sehen jetzt, wie sehr wir das Irritierende, das Überraschende, die erfreuliche oder unerfreuliche soziale Interaktion brauchen, um aus unseren Routinen, auch den gedanklichen, herauskommen zu können. Dieser digitale Austausch, den wir jetzt machen, ist gut, um schnell Informationen auszutauschen. Aber Kultur, sagt Hans Blumenberg, entsteht durch das Gehen von Umwegen – und diese Umwege fehlen jetzt. Ich kann nicht schnell auf einen Kaffee irgendwo hin, ins Kino oder jemanden treffen. Es ist nicht nur so, dass viele Menschen unruhig sind und ihre Resonanzachsen nicht so gut funktionieren, wie sie dachten, sondern dass ihnen eigenartigerweise – ich habe dafür keine empirischen, aber ganz gute anekdotische Evidenzen – sogar der Impuls zu sozialen Kontakten fehlt, wo sie sie haben könnten. Aber dazu fehlt die Energie, und dieser Energieverlust kommt aus der fehlenden sozialen Interaktionsdichte.

Ich habe öfter versucht, mit einem Freund in Kontakt zu treten, der nie das Telefon abnahm. Nun textete er mir, sorry, er sei schlecht drauf. Offenbar kann er sich nicht vorstellen, dass das durch ein Gespräch mit mir besser werden könnte.

Ja, erstaunlich. Es scheint der Antrieb zu fehlen. Was ich versuche als soziale Energie zu fassen, ist so ähnlich wie Vertrauen. Es gibt soziale Ressourcen, die durch den Gebrauch wachsen und nicht weniger werden wie fossile Ressourcen. Der Wunsch und die Kraft zu sozialem Kontakt entsteht durch sozialen Kontakt. Und wo dieser Kontakt fehlt, nimmt erstaunlicherweise der Wunsch ab.

Ich habe jetzt Zeit zum neu Denken, aber ich denke nur das, was ich immer denke. Ich denke dann, Mensch, jetzt denk doch mal was anderes. Geht aber nicht. Es geht erst, wenn ich Leute anrufe, die mich intellektuell irritieren.

Das ist der entscheidende Punkt, und da helfen uns auch viele Zoom-Kontakte nicht weiter. Dabei geht es nicht nur um die Quantität, sondern um die Qualität der Begegnungen. Und die entsteht aus zufälligen oder irritierenden Begegnungen, die uns mit Energie aufladen. Ohne sie laufen wir emotional, psychosozial und sogar intellektuell in den immer gleichen Bahnen. Und zwar in denen, die wir kennen. Die Coronasituation verstärkt das.

Warum?

Ich denke, dass die Dämpfungsmechanismen fehlen. Wenn ich auf der Straße bin und jemand nimmt mir die Vorfahrt, dann ist die Wut, die ich gerade auf Trump oder etwas anderes hatte, erst mal verschwunden und danach ist sie deutlich weniger. Nun haben wir diese Dämpfer nicht und deshalb graben sich Emotionen, Denkverhalten und auch die habituellen Formen immer tiefer ein.

Es gibt im Angesicht der Klimakrise zwei politische und gesellschaftliche Alternativen: den alten Pfad weitergehen oder auf einen neuen wechseln. Aber selbst die, die den Pfadwechsel predigen, tun sich im gelebten Leben mit kleinsten Änderungen schwer.

Um sich im Alltagspraktischen neu zu erfinden, braucht es einen energetischen Impuls, und der fehlt im Moment. Und dann fehlt es auch an einer Vision. Wobei ich aber an meiner Einschätzung festhalte, dass eine Krisensituation ein günstiger Moment ist, um den Pfad zu wechseln. Anders als im Alltag einer Beschleunigungsgesellschaft. Da sind alle so eingespannt in Interaktionsketten, da ändern wir erst mal nichts, da versucht man, seine Aufgaben zu erfüllen. Erst wenn diese Interaktionsketten reißen und die Routinen nicht mehr funktionieren, kann man darüber nachdenken, ob man es nicht anders probieren will. Aber offensichtlich ist auch der Wunsch, zum Alten und Normalen zurückzukehren, groß. Und dummerweise hängt das auch zusammen mit der Wattierung, die wir gerade erleben.

Welche Wattierung?

Social Distancing war ja eigentlich als räumliches Distancing gedacht, aber ist jetzt im Sinne des Wortes soziale Distanzierung geworden und atomisiert die Gesellschaft. Die Folge ist, dass wir uns wie isolierte Atome in einem kalten Universum fühlen. Das ist die Grundangst der Moderne. Und dieses Gefühl lähmt eben auch jede Kraft für eine kulturelle und soziale Neuerfindung. Das meine ich mit Wattierung.

Andererseits wollen wir doch singuläre Individuen sein?

Na ja, der Kollege Reckwitz hat den Trend zur Singularisierung beschrieben, nachdem jeder einzigartig sein will. Aber alles hat eine Rückseite, und hier ist es die tiefe Angst vor der Einsamkeit, vor dem Abgeschnittensein, dem Aus-der-Resonanz-Sein mit der Welt. Und darauf gibt es eine Verschmelzungsantwort, die ich bei der politischen Rechten und Identitären vermute: kollektive Singularität. Die Vorstellung einer Einheit und Homogenität. Ich will eins sein mit den anderen und ein allgemein verbindliches Konzept des Richtigen und Guten haben.

Was ist die liberal-demokratische Alternative?

Die Alternative ist, dass ich mich mit anderen verbinde in der Begegnung, dass ich eine Brücke zu den anderen finden kann, die Verbundenheit spüren lässt, aber nur um den Preis, dass ich nicht starr an meiner Identität festhalte, sondern mich selbst immer wieder verwandle.

Wie erleben Sie den universitären Alltag?

Wenn man schaut, wo auf der Welt Innovationen kultureller, praktischer, technischer, politischer Art entstehen, dann sind das häufig Universitätsstädte. Warum? Weil man eine hohe Interaktionsdichte von jungen Leuten hat, die noch keinen festen Ort in der Welt haben. Die noch suchen, die noch nicht festgefahren sind in ihren Routinen und großen Interaktionsketten. Dadurch entsteht ein Milieu, das hohe soziale und transformative Energie entfaltet. Durch das Gehen von Umwegen und völlig zufällig entsteht da das Neue. Und genau diese Art von Leben ist jetzt still gestellt, und ich glaube, dass es für diese jungen Leute, für Studierende und auch die Gesellschaft als Ganzes eine ziemliche Katastrophe ist, Unis einfach stillzulegen und anzuhalten und zu sagen, man kann doch über das Internet genauso gut lernen. Lernen können sie schon, Stoff aufnehmen. Aber genau dieser Prozess des kreativen Anverwandelns, aus dem Neues hervorgeht, ist angehalten. Das betrifft nicht nur Universitätsstädte, sondern überhaupt diese Art von kreativen Begegnungen. Deshalb können neue Praktiken derzeit nicht entstehen, jedenfalls die kreativen, die aus intellektueller Interaktion hervorgehen, und deshalb fällt uns intellektuell nicht allzu viel ein.

Klingt, als seien gerade die jungen Leute besonders hart getroffen von der Pandemie?

Ja, die Jungen sind die größten Verlierer, die Opfer der aktuellen Coronapolitik. Wenn man einen Job hat, eine Familie, ein Häuschen, eine feste Verortung, dann ist es nicht so schlimm, wenn physische Kontakte und Interaktionen für ein Jahr still gestellt sind. Schlimm genug, aber nicht total schlimm. In der Phase, in der Leute mit dem Abi fertig sind und anfangen zu studieren, ist das anders. Die müssten sich jetzt in der Welt verorten – physisch, sozial und kulturell. Bin ich jetzt in Jena zu Hause oder noch bei meinen Eltern? Bin ich in der Hochkultur zu Hause oder auf dem Fußballplatz? Dieser Prozess ist momentan vollständig angehalten. Wie sollen die jungen Leute das machen? Und der Preis, psychisch und sozial, wird wirklich total unterschätzt.

Dann werden sie auch noch der Party-Obsession bezichtigt.

Ja. Man liest immer nur, dass die Jugend nicht solidarisch genug sei, das regt mich langsam richtig auf. In der Jugendpsychiatrie wird inzwischen schon von einer neuen Form von Triage gesprochen, weil nicht mehr alle Selbstmordgefährdeten aufgenommen werden können. Ich nehme das auch selbst wahr; die Depressionsneigungen und die Verzweiflung bei jungen Leuten sind echt hoch. Aber die haben das Gefühl, dass sie nicht so laut klagen sollten, denn sie sind ja noch gesund und relativ ungefährdet durch Corona. Doch die Gefährdung liegt auch woanders, große amerikanische Mental-Health-Studien zeigen, dass die psychischen Auswirkungen bei Jungen viel, viel größer sind als bei Älteren.

Inwiefern stützen die pandemischen Erfahrungen Ihre Theorie, dass die Beziehung von Mensch und Welt in der Moderne gestört ist?

Virologen sagen, dass Viren immer dann auftreten, wenn die Beziehung eines Organismus zu seiner Umwelt gestört ist. Das passt natürlich perfekt in meine Theorie. Ich würde also sagen: Dieses Virus macht deutlich, dass die Weltbeziehung dieser Gesellschaft gestört ist. Die Grundbeziehung zur Welt ist das Atmen. Und die fundamentalste Form der Weltbeziehungsstörung ist, wenn ich dem Atmen nicht mehr trauen kann, wenn ich nicht mehr unbesorgt ein- und ausatmen kann. Ich brauche jetzt einen Filter zwischen mir und der Welt. Das ist eine größtmögliche Verunsicherung, denn der Erdboden und die Luft sind das Fundamentalste, was wir kennen. Ich kann mir selbst nicht mehr trauen – vielleicht ist das Virus schon in meinem Körper. Und ich kann den anderen nicht mehr trauen – vielleicht stecken sie mich an. Wenn die Weltbeziehung von einem derart fundamentalen Misstrauen geprägt ist, habe ich auch wenig Grund, meinen Politikern zu trauen. Hier fundamentalisiert sich also das Misstrauen und dadurch könnte eine neue Form von Wutbürgertum entstehen.

Auf der anderen Seite hatten wir die üblichen Romantiker, die sich durch Corona und die angeblich daraus resultierende Einsicht ein menschlicheres und solidarisches Miteinander erträumten. Ich sehe das überhaupt nicht.

Ich sehe im Moment auch eher einen Energieverlust, eine psychische und soziale Lähmung, die nicht das Gefühl erzeugt, daraus gehe etwas Neues hervor. Aber ich habe eine gewisse Hoffnung auf eine paradoxe Wirkung.

Nämlich?

Bei mir waren alle an der Uni überrascht, denn die Diagnose der Digitalisierungsapostel war ja, dass wir einen gewaltigen Digitalisierungsschritt vorwärts machen und die Kinder und Jugendlichen damit überhaupt kein Problem haben, sondern nur wir alten Säcke. Nun ist es aber zumindest an der Universität und auch an vielen Schulen genau umgekehrt. Dozierende können sich mit digitalem Lehren leichter anfreunden, die meisten pendeln sowieso und müssen nun gar nicht mehr hinfahren, sondern schalten einfach ihren Computer ein. Aber die Studierenden fordern massiv Präsenzunterricht. Für die ist das unglaublich wichtig, sodass ich glaube, dass es eine wahnsinnige körperliche Sehnsucht nach menschlicher Nähe, ich würde sagen, nach leiblichem Miteinander gibt. Ich könnte mir daher vorstellen, dass genau das das Energiereservoir sein wird, aus dem nach der Krise Neues hervorgeht.

Und falls es kein Danach gibt?

Sollte das noch ewig so weitergehen, weil eine Mutante nach der anderen kommt, kann ich mir auch vorstellen, dass es irgendwann zur Revolution kommt. Weil gerade junge Leute dann sagen: Mir ist das Risiko jetzt egal.

Sie haben in „Resonanz“ auch beschrieben, wie Schüler den Ort Schule als resonanzfreie, öde Welt erleben. Nun sind viele zu Hause und vermissen ihre Schule. Ironisch?

Ich glaube, dass ihnen am meisten die Resonanz mit der Peergroup fehlt. Klar, die lieben einander längst nicht alle. Aber Schule ist ein Paradebeispiel für ganz hohe Interaktionsdichte und ein verdichtetes soziales Gefüge – und jetzt entsteht gerade bei jungen Leuten eine wahnsinnige Entzugserscheinung, obwohl das, was fehlt, eben nicht Friede, Freude, Eierkuchen ist und man auch denken könnte: Eigentlich bin ich froh, die Leute nicht mehr zu sehen.

Im Corona-Exil fehlen einem auch die Arschlöcher?

Wir haben kein Bewusstsein und keine Sprache dafür, was fehlt, wenn dieses verdichtete Sozialgefüge wegfällt. Aber wir stellen fest, dass der Mensch es braucht.

Corona macht nicht misanthropisch?

Ich würde sagen, auf der einen Seite auf jeden Fall. Es dominiert das Gefühl einer Langeweile, die aggressiv macht, wenn einem jemand zu nahe kommt, etwa in einer Schlange. Weil der andere tendenziell eine Bedrohung ist. Misstrauen und das Gefühl, dass menschliche Nähe eine Gefahr ist, wird auch erstaunlich schnell zu einer körperlichen Disposition, etwa wenn man zusammenzuckt, weil im Film sich Menschen umarmen. Auf der anderen Seite entstehen Entzugserscheinungen. Ich stelle fest, ohne diese anderen, die gefährlichen anderen, bin ich lethargisch und depressiv. Das ist eine paradoxe Gemengelage.

Sie sprechen davon, dass Corona eine Gegenwartsschrumpfung verursache. Was heißt das?

Gegenwart bezieht sich auf den Zeit­horizont, in dem ich aus meinen Er­fahrungen der Vergangenheit einigermaßen verlässliche Aussagen auf die Zukunft machen kann. Ich weiß, wie die Sache funktioniert, und gehe davon aus, dass das auch für die Zukunft gilt. Dieser Zeitraum wird kürzer. Viel von dem, was gerade noch galt, gilt nicht mehr, und ich weiß schon gar nicht, was ich vom nächsten Jahr zu ­erwarten habe, sowohl im politischen als auch im privaten Leben. Das ähnelt gewissermaßen einer vormodernen Zeit, in der man nicht wusste, ob morgen ein Erdbeben, eine Dürre oder ein Feind dein Hab und Gut zerstört. Wir leben wieder mit dieser Gegenwartsschrumpfung, und für junge Leute wiegt das ganz besonders schwer, weil für sie die Zukunft unplanbar wird.

Wir in Westdeutschland Geborenen haben in der Bundesrepublik ja in einer ewigen Gegenwart gelebt. Womöglich sind wir überhaupt nicht darauf eingestellt, diese Gegenwart zu verlassen.

Da würde ich Ihnen zustimmen. Obwohl es Gegenwartsschrumpfung in vielen Bereichen auch schon vor Corona gab. Aber dass die Gegenwart so radikal schrumpfen könnte? Wir sehen jetzt erst, wie viele Stabilitätspfeiler wir für ganz selbstverständlich gehalten haben, die das durchaus nicht sind und wegbrechen können.

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Die auf Widerruf gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

I. Bachmann

Das Miteinander wird zunehmend anstrengender.

Nach einem Jahr Corona-Pandemie liegen bei vielen Mitmenschen die Nerven blank. Man kann schwer bis gar nicht längerfristig planen. Vor allem das, was „Spaß“ macht und entlastet: Urlauben. Man kann aber auch nicht im Alltags- und Nahbereich spontan an einer Bar abhängen, sich wo zum Essen treffen, entspannt ohne Hygieneauflagen herumschlendern, uneingeschränkt seinem Lieblingssport nachgehen etc.

Hoffnungen auf ein rasches Ende der strengen Hygieneregimes verpuffen. Man wird grantig. Und bedürftig. Man tut immer noch, was man kann. Aber die gewohnten und entlastenden Alltagsroutinen fehlen. Und auch die gewohnten Unterbrechungen dieser Routinen (welche selbst längst schon wieder zu Routinen geworden sind….).

Und so beginnen sich die meisten ‚gegenseitig auf den Keks zu gehen‘. Was das Zusammenleben erst recht mühsam macht. Was also tun, und was lieber lassen?

Die Frage ist falsch gestellt: das Virus mitten unter uns macht nämlich etwas sichtbar, etwas das wir ganz gar nicht wissen wollten und wollen. UNSERE ABHÄNGIGKEIT von FUNKTIONIERENDEN ROUTINEN. Die Fremdbestimmung durch GEWOHNHEITEN, an welche wir uns so gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr wahrgenommen haben. Was wie Freiheit aussieht / aussah, das erweist sich jetzt als Ensemble von Pflichten und Kompensationen für die Mühen dieser Pflichten ……….

Diese alltäglichen ‚Spielräume‘ und die darin ablaufenden Spiele sind das Element, das uns als Personen ausmacht. Geraten diese längerfristig durcheinander, dann verstört uns das nachhaltig. Ängste kochen hoch, und mit ihnen alle Formen von Angstbewältigungsstrategien.

Überall diese ewigen Anfänger,
die längst am Ende sind.

Das wird nach einem Jahr Corona genz deutlich sichtbar. Für alle, die sehen wollen und – können.

Dieses SEHENKÖNNEN hängt aber nicht zuletzt davon ab, ob man inmitten all der Irritationen einen SICHEREN ORT finden kann, im AUSSEN und INNEN, weil man sich selber nicht über Gewohnheiten, nicht als Bündel von Gewohnheiten definiert.

Genau das ist der rote Faden durch alle Beiträge dieses Blogs. Vorbereitende Psychohygiene für die anwachsenden Herausforderungen im Leben der Zeitenwende. Das Coronavirus ist ja nichts als ein zarter Beginn dessen, was uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten blüht……

Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

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„Alan Watts – When you’re silent it speaks“

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Silence your mind

In dieser ‚lecture‘ verdeutlicht Alan Watts auf leicht nachvollziehbare Weise wie und warum man dem ständigen ‚inneren Terroristen‘ auf die Spur kommen kann/muss.

Eine großartige Zusammenfassung seiner Studien über Taoismus, Buddhismus und Hinduismus für uns ‚Westler‘.

Ein absolutes MUST – must see!!!!

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Hindernisse ‚bypassen’…..

Wenn man heute eine politisches oder institutionelles ‚Problem‘ lösen will, dann weiß man nicht so recht, wo anfangen. Denn es sind zumeist vertrackte Probleme, will heißen, komplexe Zusammenhänge machen lineare Lösungen unmöglich. Und die meisten Lösungen ‚emergieren‘ erst während des Prozesses, wenn überhaupt, was alle ‚Planungen‘ dann immer ‚alt ausschauen‘ lässt…

Die Bewältigungsversuche der aktuellen Covid-Pandemie dürfen da durchaus als aktuelles Beispiel herangezogen werden.

Es gibt aber ein ‚Grundprinzip‘, auf welchem alle erfolgreichen Bewältigungsstrategien von ‚Problemen‘ aufruhen: zuerst mal einen BYPASS durch den Problemdschungel legen. Was ist damit gemeint?

Sich nicht von der Dringlichkeit der Problemlösung terrorisieren lassen, sondern innerlich einen weiten Abstand zur aktuellen Problemsituation gewinnen. Alle ‚Frames‘ hinter sich lassen (indem man sie mental einklammert), in denen das vorliegende Problem bislang ‚eingefasst‘ worden ist. Wären sie ‚passend‘ oder ’stimmig‘, dann wäre eine funktionierende Problemlösung ja schon in Sicht…..

Denn ja …. zumeist ist nämlich die Tatsache des Festhaltens an unpassenden Lösungsversuchen dafür verantwortlich, dass Probleme immer ‚unlösbarer‘ erscheinen bzw. werden. Sich ein paar Momente von allen Vorannahmen und Vorurteilen lösen — das ist mit ‚Bypass legen‘ gemeint. Und auch: sich immer wieder neu auf dieses Fundament besinnen, beziehen. Dann können alle Formen von Kreativität zu blühen beginnen, allerorts, ‚wie von Zauberhand koordiniert‘.

In anderen Worten:

„Wenn der Zuhörer weiterhin außer Kraft gesetzt bleibt, ohne sich in das Zuhören als solches einzumischen, dann geschieht es ganz von selbst, dass der relative, gespaltene Verstand von seiner natürlichen Neigung abgehalten wird, sich mit umständlichen Interpretationen von Worten zu beschäftigen, und er wird zudem daran gehindert, den ununterbrochenen Vorgang des Objekte -Schaffens weiter aufrechtzuerhalten. Dann hat der heile und umfassende Verstand die Möglichkeit, in direkter Verbindung mit dem reinen Sprechen und dem reinen Hören das Yoga der Worte hervorzubringen. Dann ist die Möglichkeit dafür geschaffen, dass die Worte ihre innerste, tiefste und feinste Bedeutung offenbaren.“ – Ramesh S. Balsekar, in: Pointers, S. 190 f

…..in direkter Verbindung mit dem reinen Sprechen und dem reinen Hören das Yoga der Worte hervorzubringen!

Und dieses ‚reine Hören und Sprechen‘ ist’s, das uns heute so bitterlich fehlt. Daher schreitet die Verzweiflung und Komplizieung des Lebens so rapide voran, und damit auch das Anwachsen untauglicher Lösungsversuche.

Die Gefahr wächst dadurch, täglich und stündlich. Und mit ihr jene Angst, die dumm macht.

Bypass legen ist aber eine lebenslange Übung, die viel Ausdauer verlangt. Man ‚hat‘ diese Fähigkeit nicht, sie ist die Aktualität des Prozesses der ständigen Erneuerung seiner selbst.

P.S.:

„In allen Bereichen – Wissenschaft, Technologie, Politik, Religion – neigen wir dazu, nützliche Interpretationen in eingefrorene und potenziell gefährliche Ideologien zu verwandeln. Anstatt die konkrete Anwendung der Wörter zu betrachten, lösen wir sie von der Praxis und versehen sie und die Bilder, die sie erzeugen, mit größerer Realität als die Realität selbst, auf die sie sich beziehen. Wir stehen auf der Seite der Worte, selbst wenn sie anfangen, der zu Grunde liegenden Realität zu widersprechen. Am Ende gibt es nur eine Art von Bedeutung. Wie Wittgenstein es ausdrückt, wenn die Abstraktionen der Philosophie einen Nutzen haben sollen, „muss er so bescheiden sein wie jener der Wörter „Tisch“, „Lampe“, „Tür“. Er könnte „hmm“ hinzugefügt haben.

https://aeon.co/essays/why-meaning-is-more-sunken-into-words-than-we-realise

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Das ‚Welthafte‘ an der Welt geht verloren: Lost in virtual reality

1992 schrieb Ivan Illich in einem Geburtstagsbrief an seinen Freund Hellmut Becker, seines Zeichens damals Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung in Berlin:

„Wir waren in den Schlüsselposten, als das Fernsehen den Alltag entrückte. Ich selbst habe mich dafür geschlagen, dass regensicher, auf jedem Dorfplatz von Puerto Rico, der Universitäts-Sender strahlen musste. Ich wusste damals noch nicht, wie sehr damit die Reichweite der Sinne schrumpfen musste, und der Horizont mit verwalteten Darstellungsmöbeln verrammelt würde. Ich dachte nicht daran, dass bald das europäische Wetter aus der Abendschau schon den ersten Morgenblick durchs Fenster einfärben würde. Mit unfassbaren Dingen, wie einer Milliarde Menschen als Säulendiagramm, bin ich Jahrzehnte unzüchtig umgegangen. Seit Januar kommt nun mein Kontoauszug von Chase Manhatten mit einer Säulengraphik dekoriert: Sie erlaubt mit einem Blick meine Ausgaben für Kneipen und für Büromaterial zu vergleichen. Durch Hunderte von kleinsten Informations-, Verwaltungs- und Beratungsleistungen, die sich mir anbiedern, wird mir meine conditio humana interpretiert. So smooth and slick habe ich mir den Einbau des Erziehungsvorhabens in den lebenslangen Alltag nicht vorstellen können, als ich mit Dir, Hellmut, vor mehr als zwanzig Jahren von diesem Thema sprach.

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen. Die Erziehung zum unwirklichen Machwerk beginnt mit den Lehrbüchern, deren Text auf Legenden zu Graphik-Kästen zusammengeschrumpft ist, und endet mit dem Sich-Festhalten des Sterbenden an ermunternden Test-Resultaten über seinen Zustand. Erregende, seelisch besetzende Abstrakta haben sich wie plastische Polsterüberzüge auf die Wahrnehmung von Welt und Selbst gelegt. Ich merke es, wenn ich zu jungen Leuten über die Auferstehung vom Tode spreche: Ihre Schwierigkeit besteht nicht an einem Mangel an Vertrauen, sondern an der Entkörperung ihrer Wahrnehmung, ihr Leben in konstanter Ablenkung vom Fleisch.

Du und ich bereiten uns vor, in einer dem Tode feindlichen Welt nicht mehr „zu Tode zu kommen“, sondern intransitiv zu sterben. Lass uns zu Deinem siebzigsten Geburtstag die Freundschaft feiern, in der wir Gott für die sinnhafte Wirklichkeit der Welt, durch unseren Abschied von ihr loben sollen.“

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen.

Wir Menschen werden also technisch und sozial immer mehr und unmerklich zu ‚Cyborgs‘, d.h. zu ‚cybernetic organisms‘. Was würde Illich zum heurigen Jahr sagen, im Dezember 2020? Wir erleben gerade einen witeren gewaltigen ‚Digitalisierungsschub‘ der zwischenmenschlichen Kommunikation und des menschlichen Lebens, also etwas, das Illich mit dem treffenden Wort ‚Weltschwund‘ bezeichnete – Home Office, Distance Learning, Tele-Medizin, etc.

Es geht uns scheinbar wie dem berühmten Zauberlehrling …..

„Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.“

Aber merkt das überhaupt noch wer? Dem jungen Zauberer war die Gefahr bewusst, die er herauf beschworen hatte, hat er doch selber wissentlich zu zaubern versucht. Sind wir, die chronisch Verzauberten, uns unserer Lage überhaupt noch bewusst?

Ich fürchte, dass wir uns noch tiefer in den gerade ablaufenden Alptraum verstricken.

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Future zone

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Das Unerhörte ist alltäglich geworden

Die Überschrift ist ein Satz von Ingeborg Bachmann.

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Was meint dann so gesehen heute ‚erhört‘? Nun, das Gedicht nennt die Voraussetzungen dafür: Tapferkeit vor dem Freund, und – Geduld. Vor allem Geduld mit sich selber und anderen, nicht im Sinne von alles ‚erduldend‘, sondern von ‚wachsam lauschend‘, einen ‚offenen Geist habend‘: und damit Geheimnisse verratend, welche die menschliche Würde verletzen, und niemandem blind gehorchen.

>‘Du bist die einzige Person, welche Dir Zeit geben kann.‘ Dieser Satz bringt in mir etwas zum Schwingen. Ja, tatsächlich: niemand sonst kann einem ‚Zeit geben‘. Das ist wirklich fundamental: Lernen, sich Zeit zu nehmen.< – Walter Carrington

„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.“ – Franz Kafka

„Das menschliche Leben ist so gemacht, dass es nur erträglich ist, wenn wir uns über seine Mängel hinwegtäuschen. Diejenigen aber, welche jede Selbsttäuschung zurückweisen, ohne jedoch gegen ihr ‚Schicksal‘ zu rebellieren, enden schließlich an einem Ort außerhalb von Raum und Zeit, welcher ihnen erlaubt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt.“ – Simone Weil

„Die Wirklichkeit hat keinen Inhalt und keine Form. Daher kann sie auch nicht erkannt werden. Für gewöhnlich sieht man sich aber um und sagt, ‚Der Raum hier ist doch sicherlich wirklich. Mit Sicherheit ist der Inhalt dieses Raums wirklich‘. Nein! Dieser ‘Inhalt’ ist nur das, was Du gerade in ihn hineinsiehst. ‚In Wirklichkeit‘ ist das, womit Du wahrnehmen kannst, das, was wirklich ‚wirklich‘ ist. Genehmige Dir also die Möglichkeit und wirf Dich selber mit Haut und Haar in die Suche nach dem Ursprung von allem und jedem, jenseits aller Reize und Anschaulichkeit, nach dem Urgrund, welcher von außen betrachtet nichts als Dunkelheit und Stille ist.  – Albert Low

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Zum Wechselspiel von Politik & Verwaltung im Covid-Krisenmanagement

Wolfgang Gratz (Experte für empirische Verwaltungsforschung. Aus dem Jahr 2012 stammt seine Studie „Zur Ausgestaltung der Nahtstellen zwischen Politik und Bundesverwaltung in Österreich“. Der u.a.Text entstand bis 27. Oktober und umfasst das Wirken in der Krise bis dahin):

Krisen wie die aktuelle sind ganz allgemein Stunden der Nacktheit, in denen sich die Stärken und Schwächen von Organisationen und Institutionen in voller Deutlichkeit zeigen, da sie der schützenden Hüllen von Alltagsroutinen beraubt und großer öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt sind.

Vorkehrungen hätten besser sein können

Die „Flüchtlingskrise“ 2015/16 war vorhersehbar und konnte nur deshalb entstehen, weil man völlig überrascht war und somit keine Entscheidungsalternativen zu einer bloß reaktiven Vorgehensweise hatte. Ebenso war das Auftreten einer Pandemie absehbar. Nicht nur das Global Preparedness Monitoring Board, sondern auch das österreichische Bundesheer (Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020) hielten bereits 2019 ein solches Ereignis für realistisch.

Man mag sich damit trösten, dass es den anderen Ländern auch nicht anders erging. Mit dieser Haltung werden wir aber in die nach Covid-19 nächste, sicherlich kommende Krise ähnlich unvorbereitet hineinrutschen und ähnlich hohe Kosten zu tragen haben wie derzeit.

In einer besseren Welt des Öffentlichen, als wir sie bisher und aktuell haben,

– wäre beispielsweise ein zeitgemäßes Pandemiegesetz vorhanden gewesen;

– hätten spätestens ab Jänner 2020 organisatorische Vorkehrungen stattgefunden, die unter anderem eine rechtzeitige und geordnete Abreise aus Ischgl ermöglicht hätten;

– gäbe es ein flexibles Personalmanagement und Prozesse, um rasch externe Ressourcen, wie etwa juristische Kompetenz, zu erschließen und geordnet in die Legistik einzubauen, um so qualitätsvolle und verfassungskonforme Normen zu gewährleisten;

– bestünden keine Mehrgleisigkeiten von Gremien, Ablaufprozessen und Erfassungssystemen. Aus ausländischer Sicht erscheint das Entstehen zweier unterschiedlicher Informationssysteme zur nationalen Entwicklung der Pandemie ein halbes Jahr nach deren Beginn wohl als folkloristische Besonderheit;

– wäre das Verhältnis Bund-Länder in Form eines lernenden Systems ausgestaltet, in dem vorbehaltlos, offen und neugierig die Pandemiebekämpfung laufend verfeinert wird. Die Arabesken des Bundesregierungs-Wien-Verhältnisses oder Zustände wie am Karawankentunnel am 24. August (tausende Reisende mussten bis zu 18 Stunden wartend ausharren) wären undenkbar;

– wäre ein arbeitsteiliges Krisenmanagement spätestens im Sommer eingerichtet worden, das einerseits die Tagesaktualitäten abarbeitet und andererseits Vorkehrungen für das angekündigte Ansteigen in den nächsten Monaten getroffen hätte. So aber hat man den Eindruck, dass nicht nur im engeren Pandemie-Management, sondern beispielsweise auch im Schulbereich das Ansteigen der Fälle einen hohen Überraschungseffekt hatte, wodurch geordnete Bewältigungsformen der aktuellen Situation nunmehr erst schrittweise entwickelt werden konnten;

– wäre bundesweit zumindest im achten Monat der Pandemie ein rasches belastbares TTI-System (Testing Tracing Isolating) vorhanden.

Wir werden nie in Erfahrung bringen, ob uns solche professionellen und achtsamen Vorkehrungen einen zweiten Lockdown (weitgehend) erspart hätten. Deutlich erkennbar ist jedoch, dass, vornehm formuliert, im Covid-19-Krisenmanagement viel Luft nach oben besteht.

Wenn man nur ein Promille des 50-Milliarden-Euro Schutzschirms, den die Bundesregierung aus Anlass von Covid-19 aufgespannt hat, in die Entwicklung leistungsfähiger, klarer und zugleich flexibler Strukturen und Prozesse gesteckt hätte, stünden wir aktuell deutlich besser da. Anders gesagt: Organisatorische Unterbegabung führt zu Überschussrepression in Form von ansonsten nicht notwendigen Freiheitseinschränkungen und zusätzlichen wirtschaftlichen Belastungen. Noch schlimmer als das Budgetdefizit ist das Defizit an Organisationsfähigkeit. Dieses ist umso bedauerlicher, als die unmittelbaren Dienstleister, also die Lehrer, Polizisten, Finanzbediensteten, Bediensteten der Bezirksverwaltungsbehörden, um nur einige zu nennen, großteils bisher in der Pandemie hohe Leistungsorientierung, Engagement und Flexibilität gezeigt haben. Sie hätten sich eine bessere strategische Steuerung verdient und benötigten diese dringend.

Mehr unter:

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/chronik/oesterreich/2083897-Covid-19-und-die-evolutionaere-Sackgasse-des-Oeffentlichen.html

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