Was versteht man unter Psychohygiene?

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf
ich geh in meinen Pflichten auf.
Doch bald darauf, nicht mehr so munter
geht er in seinen Pflichten unter.
Eugen Roth

Psychohygiene gilt als die Wissenschaft und Praxis von der Erhaltung der seelischen Gesundheit (siehe auch ‚Hygiene‘). Sie beschäftigt sich mit Lebensumständen, die sich begünstigend oder schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken (siehe dazu auch den Beitrag ‚Psyche, was ist das?‘)

Ziel ist die Frühentdeckung der Beeinträchtigung psychischer Gesundheit, Aufklärung und Prävention. Die Psychohygiene als ein Teilbereich der Hygiene und Gesundheitsvorsorge beeinflusst alle Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl die physiologischen, als auch die psychologischen und geistigen (siehe dazu die Beiträge ‚Burnout – tiefer geblickt und ‚Burnout – Mensch und Arbeit am Scheideweg‚) .

Ziel der Psychohygiene ist es, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und gesunden Lebensführung, psychische Belastungen zu reduzieren bzw. nach Möglichkeit auszuschalten. Belastungen lassen sich in Leistungsdruck, beruflicher Beanspruchung, starke Emotionen, Aufregung, Spannung und Angst differenzieren, wobei diese Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Integrität des Menschen haben und als Stressfaktoren bezeichnet werden.

Wie wird  ’seelische Gesundheit‘ definiert?

Was einem sowohl assoziativ als auch im Internet sofort begegnet ist der Gegenbegriff zu ’seelisch gesund‘, nämlich ’seelisch erkrankt‘. Dazu liest man ‚: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen. Für die Betroffenen sind Zurückweisung und Ausgrenzung eine enorme Belastung.“

Psychohygiene, so lässt sich also schlussfolgern, hat  zur Aufgabe, psychischer Erkrankung vorzubeugen. Ergebnis guter Psychohygiene ist ‚Resilienz‘.

„Resilienz“ stammt aus dem Englischen (resilience) und kann mit Widerstandsfähigkeit (Elastizität oder Spannkraft) übersetzt werden. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur, seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, insbesondere seine emotionale Intelligenz, d. h., seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren und seine mehr oder weniger ‚pro-aktive‘ Einstellung zu Problemen (Neigung zum Verharren in Problemtrance / Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung).

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als „shared values“ bezeichnet).

Siehe Wikipedia Artikel: Resilienz

Wie kann aber Psychohygiene in einer hochindividualisierten Leistungsgesellschaft möglich gemacht werden? In einer Gesellschaft, in welcher der soziale Zusammenhang immer zufälliger wird und damit die Stabilität und Tragfähikgeit von Beziehungen abnimmt?

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Nik Wallenda (34)  auf einem Hochseil über den Grand Canyon

Antwort: Indem man ‚balancieren‘ lernt, auf auf dem ’schmalen Grat‘ zwischen gegensätzlichen Anforderungen zu gehen lernt, d.h. indem ‚geistig und mental höchst beweglich wird.‘ Das setzt die ‚Fähigkeit voraus, alle Überzeugungen ‚einklammern‘ zu können  und ‚ganz da zu sein‘, d.h. alles was überhaupt wert ist getan zu werden, auch mit ‚ganzer Aufmerksamkteit zu tun‘ (Stichwort: Flow).

„Volle Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ – Simone Weil

Der Dichter Franz Kafka hat dazu folgendes angemerkt: „Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“

Siehe dazu auch: Psychoneuroimmunologie,  ‚Widerstandskraft entwickeln – aber wie?‚, ‚Output ohne Input, das geht auf Dauer nicht‘ und ‚Wohlwollend neutrales Beobachten‘ und Entspannungsmusik

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Von der Kunst des Weglassens

Hahn

Copyright

Ein 3-Minuten-Kunstwerk

 

In der Beschränkung zeigt sich erst der wahre Meister…..

 

„Suang Li hatte endlich die Würde eines Mandarins erlangt. Er bezog einen neuen Palast, der sieben geschwungene Giebel zeigte. Er nahm zehn neue Diener ins Haus. Der Schneider nahm Maß für ein prächtiges Staatskleid aus Schantungseide mit feurigen Ornamenten. Nur eines fehlte noch. Als Mandarin brauchte er jetzt ein Wappen. Als Wappen hatte sich Suang Li einen Hahn ausgedacht. Er begab sich zu einem großen Künstler, der damals im Reich der Mitte Ansehen genoss, und ersuchte ihn:

„Zeichne mir einen Hahn für mein Wappen.“ Der Künstler verneigte sich vor dem Würdenträger. Der Mandarin hinterließ einen Beutel mit Münzen, von denen hätte der Maler sich viele Wochen ernähren können.

Ein Monat verging. Vergeblich wartete Suang Li auf die bestellte Zeichnung. Schließlich beschloss er, den säumigen Künstler zu mahnen und schickte einen Diener zu ihm. Der berichtete, der Hahn sei erst im Entstehen. Der Mandarin möge noch einen Beutel mit Münzen schicken. Nach abermals vier Wochen des Wartens begab sich Suang Li persönlich zum Haus des Künstlers. Der hieß ihn willkommen, weil jetzt der Hahn fast beendet sei. Sobald der Mandarin ein weiteres Beutelchen hergebe, werde er ihm die Zeichnung zu Füßen legen. Misstrauisch zahlte der Auftraggeber. Der Künstler befahl seinem Diener, ein Blatt Papier auszubreiten; es war vollkommen leer. Dann ergriff er den nassen Pinsel und warf mit wenigen Schwüngen die geforderte Zeichnung hin. Suang Li war ein Mann von ausgesprochenem Kunstverständnis, ein Kenner. Er begriff sogleich, dass soeben vor seinen Augen ein Kunstwerk von hohen Graden entstanden war. Der Künstler hatte wirklich ein Meisterstück geliefert.

„Dein Hahn gefällt mir“, lobte der Mandarin, „nur eines erkläre mir, warum ließest Du mich auf diese Drei-Minuten-Arbeit acht Wochen warten?“ Der Künstler verneigte sich und bat den Würdenträger, er möge ihm folgen. Sie stiegen in das obere Stockwerk, wo sich ein großes Atelier des Künstlers befand. Gleich in der Tür blieb der Mandarin voll Betroffenheit stehen. Was erblickte er? An den Wänden des Ateliers hingen mehr als fünfzig Zeichnungen, die alle nichts anderes darstellten als einen Hahn. Der erste Bogen zeigte ihn völlig naturgetreu in jeder Einzelheit sorgfältig ausgeführt. Auf dem zweiten hatte der Künstler sich einige unbedeutende Kleinigkeiten gespart. Auf dem dritten schon weitere, und so vereinfachten sich die Bilder der Reihe nach, bis schließlich nur ganz wenige Striche blieben.“

Hermann Pörzgen, Das Meisterstück. Chinesische Anektode

 

 

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Spontanes Tun, entsprungen höchster Aufmerksamkeit

Im Alltagsleben spielt gezieltes ‚Denken‘ für gewöhnlich die Rolle des Probehandelns. Wir bereiten uns auf erwartbare kommende Situationen vor (planen den Unterricht,  planen eine Rede, etc.). Wir stellen uns eine künftige Situation vor, wobei wir unsere eignen bisherigen Erfahrungen sowie diejenigen ‚kompetenter‘ Anderer zu Rate ziehen. Wir verfertigen dann Handlungspläne, die wir dann in Folge ‚umzusetzen‘ haben. In Wirklichkeit  kommt es dann doch immer etwas anders als in unseren Vorstellungen, egal, jetzt müssen wir uns mal gut vorbereiten, sonst können wir nicht bestehen …..

Jedenfalls liegt dieser Art des Vorgehens folgende – von fast allen Menschen geteilte  – Annahme zu Grunde: Vorbereitung braucht unser aktives Wollen, und damit dann aus diesen  ‚theoretischen‘  Plänen später ‚konkrete‘ Handlungen werden, braucht es wieder unser Wollen. Denn jeder Plan ist bloß eine Handlungsmöglichkeit, er wird erst wirklich, wenn wir ihn auch umsetzen. Wer wir? Oh…. unser ‚freies Wollen‘ natürlich.

In dieser Sichtweise werden das tatsächliche Handeln und das verstehende Vorbereiten auf eine Handlungssituation in zwei streng voneinander abgetrennte Abteilungen unserer Persönlichkeit eingeordnet. Über diesen beiden Abteilungen thront der freie Wille. Unsere Vorbereitung auf etwas (z.B. Unterricht) wird als ‚rein theoretische‘ Aktivität betrachtet, und das Erleben der tatsächlichen Unterrichtssituation wird dann als ‚Herausforderung‘ erlebt, als etwas, das uns zu Handlungen nötigt. In unserer Not greifen wir dann gerne auf unsere Vorbereitungen zurück (eine Art ‚Schummelzettel‘).

So erleben doch viele von uns den ‚praktische Alltag‘ – Theorie dort, Praxis hier. Zwischen beiden ein tiefer Graben – nämlich die Angst, praktisch zu versagen. Mit etwas Routine wird der Graben kleiner:  wir sind vertraut mit dem was kommen kann, wir fürchten uns weniger vor dem Neuen (es gibt wenig Neues mehr), und so bereiten wir uns auch weniger vor (denn das benötigte Wissen ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, und das gibt Sicherheit).

► Mit der Zeit tauschen wir die Not des Anfängers, seine Angst vor dem Neuen gegen die Entlastung aber auch Langeweile der Routine.

Theorie und Praxis interessieren einen Routinier wenig, weiß er sich doch in fast allen Situationen zu helfen. Wird er aber mit neuen Herausforderungen konfrontiert, so beginnt das oben beschriebene Spiel  von neuem.

Muss das so sein? Stimmt die Annahme, dass Denken und Handeln zwei unterschiedliche Aktivitäten sind, welche von unserem freien Willen ihren Ausgang nehmen – und welche dieser miteinander verbindet? Selten wird diese Frage gestellt (vermute ich jetzt mal). – Tun wir es, probehalber.

Das Stellen dieser Frage, oder das aufmerksame Zuhören, wenn diese Frage gestellt wird, hat bereits eine bestimmte Wirkung. Ja, mehr noch, dass man überhaupt auf so eine Frage kommt, ist Ausdruck von etwas. Wovon? Nun, von einer bestimmten Aufmerksamkeitsstimmung, nämlich von einer Gewohnheiten einklammernden Haltung, von einer investigativen Geisteshaltung. Was ich mir und die anderen mir erzählen, stimmt das auch? Zweifel und Skepsis sprechen so. Wer so fragt, der distanziert sich vom Gewohnten, der beginnt ‚outside the box‘ zu denken und zu fühlen.

Gemütlich ist das nicht.

Betritt man so doch neues, unvertrautes Gelände. Und zwar ohne vorgefertigten Plan. Man wagt sich in Gebiete vor, ohne eine Landkarte und ohne einen Plan. Man hat die Annahme, dass Denken und Handeln zwei unterschiedliche Tätigkeiten sind auf diese Weise  praktisch in Frage gestellt. Aber nicht praktisch, sondern auch theoretisch: denn die Erkundungen finden ja im Kopf, im Denken, vermittels Denken statt, und vermittels Nachdenken versuchen wir uns aktuell zu orientieren. Denken und handeln  sind jetzt ein einheitliches Geschehen.

Und so taucht eine weitere Frage auf: könnte man diese Haltung nicht zu seiner Grundhaltung machen? D.h., könnte die erkundende Vorbereitung auf eine künftige Aufgabe nicht bereits wesentlicher Teil der Aufgabe selber gesehen werden? Und die ‚Umsetzung‘ des Vorbereiteten damit nur als der nächste Schritt eines einheitlichen Prozesses? Wenn man das so sehen wollte, dann müsste man aber auch die bisherige ‚Kluft‘ zwischen Theorie und Praxis erkunden, nämlich meine Angst vor dem praktischen Scheitern. Nur so könnte das zu einem vollständigen Erkundungsprozess werden, nur so könnte ich diese Grundhaltung leben.

In den Blick gerät dann, was im vertrauten Bild von Theorie und Praxis systematisch ausgeblendet bleibt: nämlich mein ICH, diese lebendige Einheit von Denken, Erleben und Tun. Ich werde mir dann meines Erlebens von mir und anderen in konkreten Situationen bewusst. Dann gehe ich bewusst von diesem Erleben aus (das ja ohnehin immer da ist, aber keine bewusste Beachtung findet), dann identifiziere ich mich nicht mehr voll und ganz mit diesem Erleben, sondern betrachte es
‚distanzierter‘, nutze es zu meiner Orientierung. Dann bekomme ich Abstand zu mir selbst, kann mir während des Tuns selber über die Schulter schauen. Dann wird mein Wollen tatsächlich ‚freier‘, nämlich frei von dem ansonsten zwanghaftem Befolgen des Gewohnten, freier von den abstumpfenden Wirkungen der unvermeidlichen Routinen, freier von den Ängsten gegenüber Neuem.

Dann kommt mehr Neugier auf – welche ja als die Freude am und aufs Erkunden von Neuem definiert ist. Dann lerne ich ständig um und dazu, und solche Art von Lernen macht dann auch wieder mehr Freude und Spaß: ich lerne bewusster zu leben, erlebe alles bewusster und erlange dadurch auch mehr Kontrolle und Sicherheit mitten im laufenden Geschehen. Ich bin viel ‚selbstbewusster‘ da, weil ich mich und die anderen besser verstehen kann, weil ich dem Neuen aufs Neue begegnen kann – und auch will.

Dann verschwindet die Kluft zwischen Theorie und Praxis.

Die Notwendigkeit der Vor- und Nachbereitung von Handlungssituationen bleibt weiterhin bestehen. Und das ‚sich bewähren‘ in Handlungssituationen auch. Aber alles funktioniert dann viel organischer, flüssiger, vereinheitlichter. Mit mehr Freude und weniger Angst. Mit mehr Mitgefühl und weniger Fremd- und Selbstverachtung (oder Stolz und Neid).

Wenn das viele so machten, dann begegneten einander mehr selbstbewusste Menschen, freiere Menschen lebten und arbeiteten mir freieren Menschen zusammen. Das wäre dann die Verwirklichung dessen, was in unseren Staatverfassungen und Gesetzen steht.

►► Warum passiert es dann aber so wenig und so selten? Warum halten wir so sehr an den alten Vorstellungen von Theorie und Praxis fest (die ja ihren Ursprung in der griechischen Sklavenhaltergesellschaft vor ca. 2 ½ Jahrtausenden haben)? Ist das vielleicht schon die Antwort?

Es gibt seit alters her aber auch Gegentraditionen zu dieser Spaltung, im Osten und Westen. Sie betonen und leben die Einheit von Theorie und Praxis. Unsere industrielle Denk- und Lebensweise hat sie seit längerem in den Hintergrund gedrängt.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus diesen Traditionen, recht unsystematisch, aber anschaulich.

 

  1. Heinirch von Kleist, ‚Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden‘

 

„Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen….

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer

Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere,

kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.“

 

  1. Gilbert Ryle, Die intellektualistische Legende

Ist praktisches Wissen (knowing how) eine Art von theoretischem Wissen (knowing that)? Als der Philosoph Gilbert Ryle dieser Frage Mitte des 20. Jahrhunderts nach­ging, verfolgte er das Ziel, ein bestimmtes Verständnis von Intel­ligenz und intelligenten Tätigkeiten zu hinterfragen, nämlich das herkömmliche Verständnis von intelligenter Praxis. Dieses lautet (die ‚intellektualistische Legende‘): Jede intelligente Praxis sei der Vollzug  und damit Ergebnis eines unbeobachtbaren vorauslaufenden Denkvorgangs. Ein vernünftig Handelnder frage sich, was er in einer gegebenen Situation wohl am besten tun solle, dann besinne er sich auf gültige Regeln, die für seine Situation einschlägig anerkannt wären. Aus diesen Regeln leite er dann sein Tun ab. Intelligentes Handeln sei durch solch theoretisches Regelwissen definiert, theoretisieren gehe jeder intelligenten Praxis voraus.

Ryles Argument lautet: das stimme doch überhaupt nicht. So gingen wir in der Praxis nie vor. Wir reagierten viel schneller, quasi automatisch. Solche reflektieren Denk-Akte wären im praktischen Leben viel zu langsam, um zu funktionieren. Aber das wäre nur ein Hinweis auf ein viel tieferliegendes Problem. Nämlich die Tatsache, dass man bei einem solchen Vorgehen immer mehr Regeln bräuchte, für alle möglichen Situationen; und dann Regeln, welche Regeln man wann zu beachten hätte, usw. usf. Ein unendlicher Regress – und der sei das sicherste Zeichen, dass der ganze Denkansatz falsch sei. – Es gäbe so etwas wie direkte intelligente Praxis, und die funktioniere ganz ohne vorhergehendes Intellektualisieren. Dieses sei selbst eine bestimmte Art von Praxis.

  1. Michael Polanyi, Implizites und explizites Wissen – Wissen und Können ist immer persönlich

Polanyi war ein ungarischer Chemiker, der im Laufe seiner Berufslaufbahn zum Philosophen mutiert ist.  Er versuchte die Tatsache zu verstehen, dass ein Großteil des vorhandenen Könnens und Wissens nicht vollständig explizierbar ist, d.h. in Form theoretischer Regelwerke beschreibbar. Das gilt für jedes praktische Wissen,  ganz grundsätzlich. Alles Handeln sei wissensgesteuert, aber nur der Könner selbst (als Teil einer Gemeinschaft von Experten) sei der, der wirklich „weiß, wie es geht“. Teile seines Wissens können verbalisiert und niedergeschrieben werden (explizites Wissen). Vor allem bei berufserfahrenen Personen, bei Spitzenkönner/inne/n und unter den Bedingungen hohen Handlungsdrucks spielt das ‚implizite‘ Wissen aber eine zunehmend wichtigere Rolle. Es kommt im Tun selbst zum Ausdruck, kann aber nicht oder nur unzulänglich beschrieben. Wissensweitergabe in Form von Berufsausbildung muss daher so organisiert sein, dass dieses nicht-explizierbare Wissen in Form von angeleiteter Praxisteilhabe von Person zu Person übertragen werden kann. Aber die ‚Übertragungsmetapher’ gilt nur sehr eingeschränkt. Denn im Rahmen von eigenständigem Tun muss jeder Neuling die Hinweise seines Lehrers zu deuten verstehen, muss diese für sich selbst in ganz konkreten Handlungssituationen adäquat entschlüsseln können: d.h., er muss fähig sein, sein anfänglich rudimentärer und teilweise auch irrige Verständnis zu verfeinern und schärfen. Durch Übung, Erkundung, Reflexion….durch systematisches Feedback und Selbstfeedback.

Polanyi behauptet, dass jeder systematische Wissenserwerb (am reinsten in den Wissenschaften ausgedrückt) ohne persönliche Hingabe und ohne persönlichen Einsatz niemals über einen bestimmten primitiven Wissensstatus hinausgelangen könne. Persönliches Kommittent gegenüber den anerkannten fachlichen Standards der Praxis-Community und gegenüber den eigenen Überzeugungen und Einsichten seien unabdingbare Voraussetzungen für jeden tiefergehenden Lern- und Erkenntnisprozess. Und genau  das mache den unhintergehbaren ‚persönlichen Faktor’ in allen Wissensanwendungs- und Lernprozessen aus.

Polanyi sagt:

  1. Wissen sei immer sozial vordefiniert und grundgelegt, und damit traditionsabhängig
  2. Wissen gründe daher immer auf kritischer Anerkennung überkommener Autoritäten
  3. Wissen sei grundsätzlich zirkulär – d.h. immer von ersten Annahmen her vordefiniert (erste Annahmen begründen eine ‚Metaphysik‘)
  4. Wissen sei nur teilweise bewusst, d.h. als Teilhabende einer Kultur ‚wissen wir immer mehr als wir sagen können‘.
  5. Wissen komme wesentlich durch Einsicht zustande

 

4. Gene Gendlin, Focusing

Eugene Gendlin, wohl der bedeutendste Schüler von Carl Rogers, sagt:

„Ich nenne den Körper nicht Organismus und auch nicht Leib und auch nicht Energie, denn ich meine damit diesen ganz gewöhnlichen Körper, der da im Sessel sitzt.“ Mit dieser scheinbar einfachen Feststellung bekommt der Körper eine neue Rolle: Er ist jetzt da! Ich habe keinen Körper, ich bin ein Körper. Als Phänomen, nicht als Gedanke, als ‚Körperbild‘. Denn „Körper“ bezeichnet traditionellerweise einen Gegenstand, ein Ding, das man von außen betrachten, das man messen und wägen kann. Ein traditioneller Körper ist eine mathematische Einheit, die sich im geometrischen Raum bewegt wie ein Planet am Newtonschen Himmel.

Es geht als um eine radikal neue Sicht auf den Körper. Es geht darum, diesen „gewöhnlichen Körper, der da im Sessel sitzt“ nicht nur von außen zu betrachten und zu behandeln, sondern ihn von innen zu fühlen. Es geht darum, wirklich aufzunehmen, anzunehmen, wahrzunehmen, dass „Körper“ das Von-innen-Fühlen, das In-Sein, das aktuelle Da-Sein ist. Dieser Körper hat Bedeutung für die Praxis, ihn „brauchen“ wir, um Denken, Fühlen und Handeln zu können. Wir brauchen ihn, weil wir dieser Körper sind. Und dieses körperliche Sein zu erkunden – im Sinne von mit ihm sein, mit ihm verweilen, das sei ‚Praxis‘. Denn aus dieser achtsamen Selbstwahrnehmung des Körpers kämen die relevanten Schritte der Veränderung in einer Situation, also das Wissen, wie  richtig zu handeln sei.

Der Körper ist nicht für sich alleine da. Erst unsere Denk- und Sprachformen trennen ihn als Begriff vom Nicht-Körper, von der Umwelt ab. Der Körper ist immer und von allem Anfang an in Wechselwirkung mit seiner Mitwelt. Der Körper ist in der Situation, er ist ein situationaler Körper. Wenn wir die Augen zu machen und den eigenen Körper von innen fühlen, bemerken wir das sogleich. Wir stellen dann fest, dass der Körper kein in sich abgeschlossenes Gefäß ist, sondern sich in die Situation hinein „ausdehnt“ und die Situation in den Körper „hereinragt“. Wir spüren die jeweilige konkrete Situation in unserem Körper, und unser Körper verändert die Situation, er „macht“ sie. Unser ganzes Leben lang war unser Körper in dieser „Interaktion mit …..“, er hat sich in dieser Interaktion „gebildet“ und er hat in dieser Interaktion die jeweiligen Situationen „gestaltet“. Er war diese Interaktion, und er „weiß“ von den Situationen, mit denen er eins war, ein Körper-Situation-Phänomen. Der Körper „kennt“ auch die gegenwärtige, augenblickliche Situation, weil er in und mit dieser Situation ist und sie miterschafft.  Alle vergangenen Situationen sind im Körper da und interagieren auf implizite Weise mit dem, was jetzt gerade vor sich geht. Dadurch erleben wir die Bedeutungen dessen, was augenblicklich passiert.

Das, was wir in einer konkreten Situation körperlich fühlen (ohne daß wir es schon explizit in Worten wissen), nennt Gendlin einen Felt Sense. Ein Felt Sense ist das körperliche Spüren der Situation. Dieses Gespür ist – vom Standpunkt des expliziten Wissens aus – vage, diffus, unklar. Der Felt Sense ist eine körperliche Stimmung. Man fühlt, dass diese Stimmung mit der Situation, mit etwas im Leben, zu tun hat; man fühlt, dass sie bedeutungsvoll ist, auch wenn man nicht gleich weiß, womit sie konkret zu tun hat, welche konkreten Bedeutungen in dieser Stimmung „enthalten“ sind, und man kann nicht gleich sagen, was man spürt. Es „hat“ noch keine Worte.

Ein Felt Sense ist nicht für sich alleine da. Er ist kein Ding, das in einem abgeschlossenen Behälter darauf wartet, entdeckt zu werden. Ein Felt Sense ist immer bezogen auf etwas. Er „gehört“ zu etwas. Er formt sich zu „etwas“ – fortwährend und immer wieder neu. Dieses „Etwas“ kann alles sein: z.B. die Frage „Wie geht es mir jetzt gerade?“; ein Erlebnis, an das ich mich gerade erinnere; eine Person, die gerade da ist oder die ich mir vorstelle; ein Traum der vergangenen Nacht; ein trauriges Gefühl; ein Problem, das ich habe; eine Ent-scheidung, die ich treffen muss; ein Gedanke, den ich tiefer verstehen möchte; ein Text, den ich gerade lese; usw.

Ich kann also zu jedem „Etwas“ einen Felt Sense entstehen lassen, und auch umgekehrt: Ich kann einen Felt Sense in meinem Körper spüren und ihn dann sozusagen fragen, wozu er gehört und was er bedeutet. Das Kommenlassen und Verweilen mit einem Felt Sense zu etwas heißt Focusing.

  1. Dogen Zenji, Shobogenzo (Ungeiltes Tun)

Zen-Meister Dôgen wurde nach der westlichen Zeitrechnung im Jahr 1200 in Kyôtogeboren. Das Wort Shôbôgenzô setzt sich aus 4 Schriftzeichen zusammen: Shô bedeutet »richtig« oder »wahr«, hô (hier ›bô‹ gelesen) bedeutet »Dharma« oder »die kosmische Ordnung«, gen bedeutet »das Auge« oder »der wesentliche Kern« und zô ist einm »Speicher« bzw. eine Kammer, in der kostbare Schätze aufbewahrt werden.

Shôbôgenzô steht also für eine Schatzkammer, in der das Kostbarste des wahrenDharmas oder der Kern der Lehre Gautama Buddhas aufbewahrt wird: Die Praxis.

Die Praxis der Meditation

Das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweierantagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht, und diese Verfassung von Körper und Geist wird shinjin datsuraku genannt. So bedeutet shinjin datsuraku »Das Fallenlassen von Körper und Geist«, das heißt die Befreiung von dem gewöhnlichen Bewusstsein von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren:

►► „Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes.

Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

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Der ganz normale Wahnsinn

 

Siehe auch: INCELS

https://mobil.derstandard.at/2000092615853/Incels-Recht-auf-Sex-als-radikale-Ideologie?ref=article

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Have we added years to life or life to years?

The old man answers:

„A long lifespan cannot be bought with money or gained through physical comfort. If you have led a meaningful life and know what you want out of life, then the older you grow physically, the more happiness and youth of mind you will have. If you enjoy great physical comfort but have led an empty life, then the older you grow, the unhappier you become. You have to travel as a tourist a lot (or engange in other distractions) to distract your mind from worrying about death. On the other hand, if your life has meaning, the closer you approach death, the more you feel like someone returning to his birhtplace.“

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Ambiguity about threat

Everything we found was consistent with the idea that getting “creeped out” is an unpleasant emotional experience that occurs in situations where there is ambiguity about threat. This is not the same thing as fear or disgust—those emotions result from confronting threats that are very clear to us. Rather, when it comes to creepiness, we find ourselves facing confusing signals from an individual that leave us at a loss to know for sure what’s going on. The person behaves in ways that make him unpredictable: Maybe he laughs too hard or at inappropriate times. Perhaps he stands too close to you, licks his lips a bit too frequently while speaking, or his eye contact is inappropriately intimate or oddly distant. Does he keep steering the conversation in the direction of sex or other topics that seem ill-suited to the setting?

It would seem rude or embarrassing to run away from someone who has done nothing overtly threatening. But, on the other hand, it could be perilous to ignore your intuition and get more deeply involved in an interaction that could lead to trouble. After all, you may sense, if this person is clueless about mundane rules of human interaction, what other rules might he be willing to violate? Ambivalence leaves you frozen in place, mired in unease. Our “creep detectors” activate in situations like this, to help us maintain a state of hyper-vigilance to help us figure out if there is in fact anything to fear. Further, being creeped out can be mentally exhausting because it commandeers a lot of our available cognitive processing capacity.

Our instincts evolved to protect us from harm at the hands of predators and enemies. If you are walking down a city street late at night and hear the sound of something moving in the dark alley to your right, you will respond with a heightened level of arousal and sharply focused attention. If it turns out that it is just a stray cat or a gust of wind, you have lost little by overreacting. On the other hand, had you failed to activate this response, and there really was something bad lurking in the alley, the cost of your miscalculation might be quite high. Thus, we have evolved to err on the side of caution in ambiguous situations. Ambiguously threatening places—and people—are equally likely to unnerve us. Better to be safe than sorry.

Our research confirmed that we do indeed think that creepy people are more likely to be men than women, and that women are especially likely to fear that a creepy male may pose a sexual threat. Our survey participants did not necessarily infer bad intentions on the part of people who are creepy, but they worried that they may be dangerous, nonetheless. Most participants also believed that creepy people cannot change—and only 8.6% of our responders believed that creepy people are aware that they are creepy.

Human-resources professionals are an organization’s zookeepers. They are responsible for the care and feeding of the inhabitants of each ecological niche in the landscape. As such, they must understand the entire cast of characters—the busybody, the bully, the grouch, the office mom, and, yes, the office creep. The latter may need an extra dose of nurturing. He is probably a well-intentioned individual unable to grasp why he always seems to be operating on the fringes of the group. Such individuals may need more guidance when it comes to understanding the unwritten rules of the workplace—dress codes, appropriate topics for conversation, policies about bringing reptiles into the office. (This, of course, can become especially awkward if the HR person is the office creep.)

Source: Psychology today

 

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Trauma

What is trauma exactly? Or the ever-elusive concept known as the “flow state”? And why do some people just flat-out creep us out? It can all be explained by the autonomic nervous system — our body’s autopilot that keeps our heart beating, our lungs breathing, and our gut digesting; without us even thinking about it. The Polyvagal Theory is a new understanding of how our nervous system works, and explains everything from trauma, to the very essence of social behavior; while shedding light on possible treatments for autism and trauma. You’ll never think of your body and brain the same way again.

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Statusspiele und Persönlichkeitsentwicklung

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Kennen Sie die Situation: Sie nehmen sich vor, Ihrem Kollegen endlich mal die Meinung zu sagen. Wenn Sie ihm dann gegenüber stehen, kommen Sie sich aber klein vor.
Ihre eigenen Argumente prallen an ihm ab; Sie schaffen es nicht, ihn von Ihrer Meinung zu überzeugen, obwohl Sie sich intensiv auf dieses Gespräch vorbereitet haben. Dabei handelt es sich um ein typisches  Statusspiel.

Was ist passiert? Wie konnte Ihr Kollege oder Kollegin Oberwasser bekommen? Wieso fühlen Sie sich auf einmal unterlegen? Wenn sich zwei Menschen begegnen, dann läuft automatisch das Statusspiel ab. Dieses Spiel dauert nur wenige Augenblicke. In dieser kurzen Zeitspanne entscheidet sich, wer welchen Status einnimmt. Nach einer kurzen Sequenz entscheidet sich, welche Person wo steht:

  • eine Person im Hochstatus (demonstriert durch sein Verhalten
    Überlegenheit, übernimmt die Kontrolle)
  • und die andere Person im Tiefstatus (demonstriert durch sein
    Verhalten Unterlegenheit, gibt die Kontrolle ab)
  • beide im Gleichstatus (demonstriert durch sein Verhalten die
    Ebenbürtigkeit, teilt die Kontrolle)

Der Hochstatus ist nicht besser oder sympathischer als der Tiefstatus. Der Status selbst hat auch nichts damit zu tun, ob ein Mensch freundlich oder unfreundlich ist, sondern damit, welche Strategien er einsetzt, um seine bewussten oder unbewussten Ziele zu verfolgen.

Keith Johnstone

Das Statuskonzept geht auf Keith Johnstone zurück. Mit dem Prinzip der Wippe „Ich geh rauf und du gehst runter“, beschreibt er das Spiel zwischen Menschen, die den Hoch- oder Tiefstatus einnehmen. Dieses Statusspiel wird ständig von allen Menschen in allen Altersklassen, überall auf der Welt gespielt. Tag für Tag.

Der Status bezieht sich immer auf zwei spezifische Personen: eine Person A kann sich gegenüber der einen Person B im Hochstatus und gleichzeitig gegenüber einer anderen Person C im Tiefstatus befinden.

Während des Statusspiels kann eine Person ihr Gegenüber durch einseitiges Verhalten in den Hoch-, Tief- oder Gleichstatus drängen. Das Statusspiel, so wie es Keith Johnstone versteht, unterscheidet sich in der Regel von dem sozialen Status, der uns durch ein Amt, eine Stellung oder Rolle zugeteilt wird.

Statusspiele werden immer gespielt, wenn Menschen zusammenkommen. Es findet statt im, Arztzimmer zwischen den Privat- und Kassenpatienten, auf Klassentreffen,
im Verein und in der Familie.

Statusspiel beim Medikamentenpoker

Ab einem bestimmten Alter gehört der Medikamentenpoker zu den beliebten Statusspielen. Es geht darum, wer vom Arzt die teuersten Pillen verschrieben bekommt, um den höchsten Blutdruck oder die höchsten Zuckerwerte, den kompliziertes Bruch oder die schwierigste Operation zu heilen. Oft verknüpfen diese Patienten ihre Erzählungen mit einer Geschichte darüber, wie sie am Montagmorgen beim Arzt zwei Stunden warten mussten, weil mal wieder eine Reihe von Privatpatienten vom Arzt bevorzugt behandelt wurden.

Autokauf und Statusspiel

Beim Autokauf werden wahre Rabattschlachten ausgetragen, typische Statuspiele. Gewonnen hat, wer den höchsten Rabatt ergattert hat. Es geht auch darum, wer den geringsten Treibstoffverbrauch hat. Teure Reparaturen und das Montagsauto sind beliebte Beispiele für den Tiefstatus.

Kennzeichen von Statusspielen in der Kommunikation

Aber nicht nur der Inhalt ist entscheidet darüber, ob sich jemand beim Statusspiel im Hoch- oder Tiefstatus befindet, es kommt auf den Gesamteindruck an. Personen, die sich inhaltlich in den Tiefstatus begeben, können sich auf der Ebene der Köpersprache im Hochstatus befinden. Eine Schilderung über das Montagsauto, das mal wieder in die Werkstatt muss, wirkt befremdlich, wenn es mit einem breiten Grinsen einhergeht. Der Status
einer Person zeigt sich in der verbalen (Sprache), nonverbalen (Körpersprache, Verhalten) und paraverbalen (Stimme, Stimmung) Kommunikation

Kommunikationsform Beschreibung
verbale Kommunikation
  • Inhalt (worüber geprochen wird)
  • Fachsprache
  • Umgangssprache
  • Fremdsprache
Nonverbale Kommunikation
  • Mimik (Mund, Augen, Augenbrauen, Stirn)
  • Gestik (Hände, Haltung der Arme)
  • Physiologie (Körperhaltung, Atmung, Kopfhaltung, Haltung der Beine und Fußstellung)
Paraverbale Kommunikation
  • Tempo der Sprache
  • Klang
  • Lautstärke
  • Rhythmus

Diese Signale drücken aus, ob sich eine Person im Hochstatus oder Tiefstatus befindet. Er ist unabhängig von der Rolle, die eine Person einnimmt. Ein Vorgesetzter kann sich gegenüber einem Mitarbeiter im Tiefstatus befinden.

Da es anfangs schwer ist, alle diese Punkte zu beobachten, sind in der nachfolgenden Tabelle die wichtigsten Punkte zusammengefasst

Statusspiele und Körpersprache

Kommunikationsform Beschreibung Beschreibung
Kopfhaltung
  • Kopf hoch
  • Kopf schräg
  • nickt mit dem Kopf
Fußstellung
  • Nach aussen gerichtet
  • nach innen gerichtet
Körperhaltung
  • straffe Körperhaltung
  • zusammengsunken
Bewegung
  • raumgreifende Schritte
  • der Raum gehört mir
  • ziegerichtete Bewegungungen
  • aufrechter Gang
  • eher an der Wand stehend
  • nimmt kaum Platz ein
  • macht anderen sofort Platz
  • schlaffer Gang
Atmung
  • ruhige und gleichmäßigeAtmung
  • eher flache und schnelle Atmung
Blick
  • sucht und hält denBlickkontakt
  • sucht den Blickkontakt,
    hält ihn aber nicht
  • schaut öfters weg
  • zwinkert / blinzelt selten
  • schaut eher horizontaloder nach oben
  • der Blick ist ruhig
  • zwinkert / blinzelt öfters
  • schaut eher nach unten
  • der Blick schweift oft umher
Arme und Hände
  • ruhige Armbewegungen
  • Arme sind am Körperangelehnt
  • die Hände bleiben ruhigin der Körpermitte
  • fahrige Armbewegungen
  • häufiges berühren des Geischtes mitden Händen

Verhalten bei Statusspielen

Hochstatus Tiefstatus
Berührungen
  • kein berühren des eigenenKörpers
  • häufiges berühren des
    eigenen Körpers
Gang
  • geht ohne mit derWimper zu  zuckenzielstrebig auf andere zu
  • zusammengsunken
Reden
  • redet wann er will
  • läßt sich durch anderenicht unterbrechen
  • schweigt wenn andere reden
  • oder wenn andere ihn
    unterbrechen
  • läßt sich unterbrechen

Sprache (verbale Kommunikation)

Hochstatus Tiefstatus
Inhalt
  • klare Aussagen
  • Argumente sind hieb undstichfest
  • ausweichende Aussagen
  • redet um den heissen Brei
    herum
Fehler
  • behauptet, er habe sichnichts zu Schuldenkommen lassen
  • neigt zu Entschuldigungen
Geschichten
  • Die Geschichten, dieer erzählt sind nochprächtiger als die allerVorredners
  • Er besitzt das Montagsauto
  • ist bei jedem Stau dabei

Stimme (paraverbale Kommunikation)

Hochstatus Tiefstatus
Stimmung
  • herzhaftes Lachen
  • klare Stimme
  • gekünsteltes Lachen
  • hüsteln, räuspern
  • stottern
Stimme
  • volle Stimme
  • normal lautes Sprechen
  • eher tiefe Stimmlage
  • dünne Stimme
  • leises sprechen
  • eher hohe Stimmlage
Laute
  • mmh, ja
  • ääh, tja ..

Bewusstwerden des eigenen Status

In der nachfolgenden Tabelle ist beschrieben, wie man sich seinen eigenen Status
bewusst machen kann, um ihn dann dafür einzusetzen, die eigenen Ziele in der jeweiligen
Interaktion mit dem Gegenüber zu verwirklichen.

Beschreibung
wahrnehmen deseigenen Status
  • In welchem Kontext findet das Statusspiel satt
  • in welchem Status befinde ich mich gerade innerlich.
  • wie verhalte ich mich in dem Statusspiel (Körpersprache, Stimme, Inhalt)
  • in welchem Status befinde ich mich gerade äußerlich
  • sind innerer und äußerer Status im Einklang
wahrnehmen des Statusder anderen Person
  • Welchen Status zeigt mein Gegenüber
  • Welchen Status weist er mir zu
  • Wirkt mein Gegenüber kongruent
welche Entscheidungentreffe ich bezüglich des
Satuseinsatzes
  • Nehme ich das Statusangebot meines Gegenübers an?
  • mache ich ein eigenes Statusangebot?

Viel Erfolg bei der Beobachtung des eigenen Status und dem Status des Gegenübers.

Quelle: entwicklung-der-persönlichkeit.de

Siehe auch: Neurozeption

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