Was versteht man unter Psychohygiene?

Ein Mensch sagt, und ist stolz darauf
ich geh in meinen Pflichten auf.
Doch bald darauf, nicht mehr so munter
geht er in seinen Pflichten unter.
Eugen Roth

Psychohygiene gilt als die Wissenschaft und Praxis von der Erhaltung der seelischen Gesundheit (siehe auch ‚Hygiene‘). Sie beschäftigt sich mit Lebensumständen, die sich begünstigend oder schädigend auf den menschlichen Organismus auswirken (siehe dazu auch den Beitrag ‚Psyche, was ist das?‘)

Ziel ist die Frühentdeckung der Beeinträchtigung psychischer Gesundheit, Aufklärung und Prävention. Die Psychohygiene als ein Teilbereich der Hygiene und Gesundheitsvorsorge beeinflusst alle Aktivitäten des täglichen Lebens, sowohl die physiologischen, als auch die psychologischen und geistigen (siehe dazu die Beiträge ‚Burnout – tiefer geblickt und ‚Burnout – Mensch und Arbeit am Scheideweg‚) .

Ziel der Psychohygiene ist es, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und gesunden Lebensführung, psychische Belastungen zu reduzieren bzw. nach Möglichkeit auszuschalten. Belastungen lassen sich in Leistungsdruck, beruflicher Beanspruchung, starke Emotionen, Aufregung, Spannung und Angst differenzieren, wobei diese Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Integrität des Menschen haben und als Stressfaktoren bezeichnet werden.

Wie wird  ’seelische Gesundheit‘ definiert?

Was einem sowohl assoziativ als auch im Internet sofort begegnet ist der Gegenbegriff zu ’seelisch gesund‘, nämlich ’seelisch erkrankt‘. Dazu liest man ‚: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nach wie vor mit Stigmatisierung zu kämpfen. Für die Betroffenen sind Zurückweisung und Ausgrenzung eine enorme Belastung.“

Psychohygiene, so lässt sich also schlussfolgern, hat  zur Aufgabe, psychischer Erkrankung vorzubeugen. Ergebnis guter Psychohygiene ist ‚Resilienz‘.

„Resilienz“ stammt aus dem Englischen (resilience) und kann mit Widerstandsfähigkeit (Elastizität oder Spannkraft) übersetzt werden. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gut umgehen zu können.

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur, seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, insbesondere seine emotionale Intelligenz, d. h., seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren und seine mehr oder weniger ‚pro-aktive‘ Einstellung zu Problemen (Neigung zum Verharren in Problemtrance / Problemfixierung oder aber Problemlösungsorientierung).

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leuten aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als „shared values“ bezeichnet).

Siehe Wikipedia Artikel: Resilienz

Wie kann aber Psychohygiene in einer hochindividualisierten Leistungsgesellschaft möglich gemacht werden? In einer Gesellschaft, in welcher der soziale Zusammenhang immer zufälliger wird und damit die Stabilität und Tragfähikgeit von Beziehungen abnimmt?

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Nik Wallenda (34)  auf einem Hochseil über den Grand Canyon

Antwort: Indem man ‚balancieren‘ lernt, auf auf dem ’schmalen Grat‘ zwischen gegensätzlichen Anforderungen zu gehen lernt, d.h. indem ‚geistig und mental höchst beweglich wird.‘ Das setzt die ‚Fähigkeit voraus, alle Überzeugungen ‚einklammern‘ zu können  und ‚ganz da zu sein‘, d.h. alles was überhaupt wert ist getan zu werden, auch mit ‚ganzer Aufmerksamkteit zu tun‘ (Stichwort: Flow).

„Volle Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“ – Simone Weil

Der Dichter Franz Kafka hat dazu folgendes angemerkt: „Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“

Siehe dazu auch: Psychoneuroimmunologie,  ‚Widerstandskraft entwickeln – aber wie?‚, ‚Output ohne Input, das geht auf Dauer nicht‘ und ‚Wohlwollend neutrales Beobachten‘ und Entspannungsmusik

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Die auf Widerruf gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

I. Bachmann

Das Miteinander wird zunehmend anstrengender.

Nach einem Jahr Corona-Pandemie liegen bei vielen Mitmenschen die Nerven blank. Man kann schwer bis gar nicht längerfristig planen. Vor allem das, was „Spaß“ macht und entlastet: Urlauben. Man kann aber auch nicht im Alltags- und Nahbereich spontan an einer Bar abhängen, sich wo zum Essen treffen, entspannt ohne Hygieneauflagen herumschlendern, uneingeschränkt seinem Lieblingssport nachgehen etc.

Hoffnungen auf ein rasches Ende der strengen Hygieneregimes verpuffen. Man wird grantig. Und bedürftig. Man tut immer noch, was man kann. Aber die gewohnten und entlastenden Alltagsroutinen fehlen. Und auch die gewohnten Unterbrechungen dieser Routinen (welche selbst längst schon wieder zu Routinen geworden sind….).

Und so beginnen sich die meisten ‚gegenseitig auf den Keks zu gehen‘. Was das Zusammenleben erst recht mühsam macht. Was also tun, und was lieber lassen?

Die Frage ist falsch gestellt: das Virus mitten unter uns macht nämlich etwas sichtbar, etwas das wir ganz gar nicht wissen wollten und wollen. UNSERE ABHÄNGIGKEIT von FUNKTIONIERENDEN ROUTINEN. Die Fremdbestimmung durch GEWOHNHEITEN, an welche wir uns so gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr wahrgenommen haben. Was wie Freiheit aussieht / aussah, das erweist sich jetzt als Ensemble von Pflichten und Kompensationen für die Mühen dieser Pflichten ……….

Diese alltäglichen ‚Spielräume‘ und die darin ablaufenden Spiele sind das Element, das uns als Personen ausmacht. Geraten diese längerfristig durcheinander, dann verstört uns das nachhaltig. Ängste kochen hoch, und mit ihnen alle Formen von Angstbewältigungsstrategien.

Überall diese ewigen Anfänger,
die längst am Ende sind.

Das wird nach einem Jahr Corona genz deutlich sichtbar. Für alle, die sehen wollen und – können.

Dieses SEHENKÖNNEN hängt aber nicht zuletzt davon ab, ob man inmitten all der Irritationen einen SICHEREN ORT finden kann, im AUSSEN und INNEN, weil man sich selber nicht über Gewohnheiten, nicht als Bündel von Gewohnheiten definiert.

Genau das ist der rote Faden durch alle Beiträge dieses Blogs. Vorbereitende Psychohygiene für die anwachsenden Herausforderungen im Leben der Zeitenwende. Das Coronavirus ist ja nichts als ein zarter Beginn dessen, was uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten blüht……

Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

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„Alan Watts – When you’re silent it speaks“

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Silence your mind

In dieser ‚lecture‘ verdeutlicht Alan Watts auf leicht nachvollziehbare Weise wie und warum man dem ständigen ‚inneren Terroristen‘ auf die Spur kommen kann/muss.

Eine großartige Zusammenfassung seiner Studien über Taoismus, Buddhismus und Hinduismus für uns ‚Westler‘.

Ein absolutes MUST – must see!!!!

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Hindernisse ‚bypassen’…..

Wenn man heute eine politisches oder institutionelles ‚Problem‘ lösen will, dann weiß man nicht so recht, wo anfangen. Denn es sind zumeist vertrackte Probleme, will heißen, komplexe Zusammenhänge machen lineare Lösungen unmöglich. Und die meisten Lösungen ‚emergieren‘ erst während des Prozesses, wenn überhaupt, was alle ‚Planungen‘ dann immer ‚alt ausschauen‘ lässt…

Die Bewältigungsversuche der aktuellen Covid-Pandemie dürfen da durchaus als aktuelles Beispiel herangezogen werden.

Es gibt aber ein ‚Grundprinzip‘, auf welchem alle erfolgreichen Bewältigungsstrategien von ‚Problemen‘ aufruhen: zuerst mal einen BYPASS durch den Problemdschungel legen. Was ist damit gemeint?

Sich nicht von der Dringlichkeit der Problemlösung terrorisieren lassen, sondern innerlich einen weiten Abstand zur aktuellen Problemsituation gewinnen. Alle ‚Frames‘ hinter sich lassen (indem man sie mental einklammert), in denen das vorliegende Problem bislang ‚eingefasst‘ worden ist. Wären sie ‚passend‘ oder ’stimmig‘, dann wäre eine funktionierende Problemlösung ja schon in Sicht…..

Denn ja …. zumeist ist nämlich die Tatsache des Festhaltens an unpassenden Lösungsversuchen dafür verantwortlich, dass Probleme immer ‚unlösbarer‘ erscheinen bzw. werden. Sich ein paar Momente von allen Vorannahmen und Vorurteilen lösen — das ist mit ‚Bypass legen‘ gemeint. Und auch: sich immer wieder neu auf dieses Fundament besinnen, beziehen. Dann können alle Formen von Kreativität zu blühen beginnen, allerorts, ‚wie von Zauberhand koordiniert‘.

In anderen Worten:

„Wenn der Zuhörer weiterhin außer Kraft gesetzt bleibt, ohne sich in das Zuhören als solches einzumischen, dann geschieht es ganz von selbst, dass der relative, gespaltene Verstand von seiner natürlichen Neigung abgehalten wird, sich mit umständlichen Interpretationen von Worten zu beschäftigen, und er wird zudem daran gehindert, den ununterbrochenen Vorgang des Objekte -Schaffens weiter aufrechtzuerhalten. Dann hat der heile und umfassende Verstand die Möglichkeit, in direkter Verbindung mit dem reinen Sprechen und dem reinen Hören das Yoga der Worte hervorzubringen. Dann ist die Möglichkeit dafür geschaffen, dass die Worte ihre innerste, tiefste und feinste Bedeutung offenbaren.“ – Ramesh S. Balsekar, in: Pointers, S. 190 f

…..in direkter Verbindung mit dem reinen Sprechen und dem reinen Hören das Yoga der Worte hervorzubringen!

Und dieses ‚reine Hören und Sprechen‘ ist’s, das uns heute so bitterlich fehlt. Daher schreitet die Verzweiflung und Komplizieung des Lebens so rapide voran, und damit auch das Anwachsen untauglicher Lösungsversuche.

Die Gefahr wächst dadurch, täglich und stündlich. Und mit ihr jene Angst, die dumm macht.

Bypass legen ist aber eine lebenslange Übung, die viel Ausdauer verlangt. Man ‚hat‘ diese Fähigkeit nicht, sie ist die Aktualität des Prozesses der ständigen Erneuerung seiner selbst.

P.S.:

„In allen Bereichen – Wissenschaft, Technologie, Politik, Religion – neigen wir dazu, nützliche Interpretationen in eingefrorene und potenziell gefährliche Ideologien zu verwandeln. Anstatt die konkrete Anwendung der Wörter zu betrachten, lösen wir sie von der Praxis und versehen sie und die Bilder, die sie erzeugen, mit größerer Realität als die Realität selbst, auf die sie sich beziehen. Wir stehen auf der Seite der Worte, selbst wenn sie anfangen, der zu Grunde liegenden Realität zu widersprechen. Am Ende gibt es nur eine Art von Bedeutung. Wie Wittgenstein es ausdrückt, wenn die Abstraktionen der Philosophie einen Nutzen haben sollen, „muss er so bescheiden sein wie jener der Wörter „Tisch“, „Lampe“, „Tür“. Er könnte „hmm“ hinzugefügt haben.

https://aeon.co/essays/why-meaning-is-more-sunken-into-words-than-we-realise

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Das ‚Welthafte‘ an der Welt geht verloren: Lost in virtual reality

1992 schrieb Ivan Illich in einem Geburtstagsbrief an seinen Freund Hellmut Becker, seines Zeichens damals Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung in Berlin:

„Wir waren in den Schlüsselposten, als das Fernsehen den Alltag entrückte. Ich selbst habe mich dafür geschlagen, dass regensicher, auf jedem Dorfplatz von Puerto Rico, der Universitäts-Sender strahlen musste. Ich wusste damals noch nicht, wie sehr damit die Reichweite der Sinne schrumpfen musste, und der Horizont mit verwalteten Darstellungsmöbeln verrammelt würde. Ich dachte nicht daran, dass bald das europäische Wetter aus der Abendschau schon den ersten Morgenblick durchs Fenster einfärben würde. Mit unfassbaren Dingen, wie einer Milliarde Menschen als Säulendiagramm, bin ich Jahrzehnte unzüchtig umgegangen. Seit Januar kommt nun mein Kontoauszug von Chase Manhatten mit einer Säulengraphik dekoriert: Sie erlaubt mit einem Blick meine Ausgaben für Kneipen und für Büromaterial zu vergleichen. Durch Hunderte von kleinsten Informations-, Verwaltungs- und Beratungsleistungen, die sich mir anbiedern, wird mir meine conditio humana interpretiert. So smooth and slick habe ich mir den Einbau des Erziehungsvorhabens in den lebenslangen Alltag nicht vorstellen können, als ich mit Dir, Hellmut, vor mehr als zwanzig Jahren von diesem Thema sprach.

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen. Die Erziehung zum unwirklichen Machwerk beginnt mit den Lehrbüchern, deren Text auf Legenden zu Graphik-Kästen zusammengeschrumpft ist, und endet mit dem Sich-Festhalten des Sterbenden an ermunternden Test-Resultaten über seinen Zustand. Erregende, seelisch besetzende Abstrakta haben sich wie plastische Polsterüberzüge auf die Wahrnehmung von Welt und Selbst gelegt. Ich merke es, wenn ich zu jungen Leuten über die Auferstehung vom Tode spreche: Ihre Schwierigkeit besteht nicht an einem Mangel an Vertrauen, sondern an der Entkörperung ihrer Wahrnehmung, ihr Leben in konstanter Ablenkung vom Fleisch.

Du und ich bereiten uns vor, in einer dem Tode feindlichen Welt nicht mehr „zu Tode zu kommen“, sondern intransitiv zu sterben. Lass uns zu Deinem siebzigsten Geburtstag die Freundschaft feiern, in der wir Gott für die sinnhafte Wirklichkeit der Welt, durch unseren Abschied von ihr loben sollen.“

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen.

Wir Menschen werden also technisch und sozial immer mehr und unmerklich zu ‚Cyborgs‘, d.h. zu ‚cybernetic organisms‘. Was würde Illich zum heurigen Jahr sagen, im Dezember 2020? Wir erleben gerade einen witeren gewaltigen ‚Digitalisierungsschub‘ der zwischenmenschlichen Kommunikation und des menschlichen Lebens, also etwas, das Illich mit dem treffenden Wort ‚Weltschwund‘ bezeichnete – Home Office, Distance Learning, Tele-Medizin, etc.

Es geht uns scheinbar wie dem berühmten Zauberlehrling …..

„Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.“

Aber merkt das überhaupt noch wer? Dem jungen Zauberer war die Gefahr bewusst, die er herauf beschworen hatte, hat er doch selber wissentlich zu zaubern versucht. Sind wir, die chronisch Verzauberten, uns unserer Lage überhaupt noch bewusst?

Ich fürchte, dass wir uns noch tiefer in den gerade ablaufenden Alptraum verstricken.

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Future zone

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Das Unerhörte ist alltäglich geworden

Die Überschrift ist ein Satz von Ingeborg Bachmann.

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

Was meint dann so gesehen heute ‚erhört‘? Nun, das Gedicht nennt die Voraussetzungen dafür: Tapferkeit vor dem Freund, und – Geduld. Vor allem Geduld mit sich selber und anderen, nicht im Sinne von alles ‚erduldend‘, sondern von ‚wachsam lauschend‘, einen ‚offenen Geist habend‘: und damit Geheimnisse verratend, welche die menschliche Würde verletzen, und niemandem blind gehorchen.

>‘Du bist die einzige Person, welche Dir Zeit geben kann.‘ Dieser Satz bringt in mir etwas zum Schwingen. Ja, tatsächlich: niemand sonst kann einem ‚Zeit geben‘. Das ist wirklich fundamental: Lernen, sich Zeit zu nehmen.< – Walter Carrington

„Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.“ – Franz Kafka

„Das menschliche Leben ist so gemacht, dass es nur erträglich ist, wenn wir uns über seine Mängel hinwegtäuschen. Diejenigen aber, welche jede Selbsttäuschung zurückweisen, ohne jedoch gegen ihr ‚Schicksal‘ zu rebellieren, enden schließlich an einem Ort außerhalb von Raum und Zeit, welcher ihnen erlaubt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt.“ – Simone Weil

„Die Wirklichkeit hat keinen Inhalt und keine Form. Daher kann sie auch nicht erkannt werden. Für gewöhnlich sieht man sich aber um und sagt, ‚Der Raum hier ist doch sicherlich wirklich. Mit Sicherheit ist der Inhalt dieses Raums wirklich‘. Nein! Dieser ‘Inhalt’ ist nur das, was Du gerade in ihn hineinsiehst. ‚In Wirklichkeit‘ ist das, womit Du wahrnehmen kannst, das, was wirklich ‚wirklich‘ ist. Genehmige Dir also die Möglichkeit und wirf Dich selber mit Haut und Haar in die Suche nach dem Ursprung von allem und jedem, jenseits aller Reize und Anschaulichkeit, nach dem Urgrund, welcher von außen betrachtet nichts als Dunkelheit und Stille ist.  – Albert Low

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Zum Wechselspiel von Politik & Verwaltung im Covid-Krisenmanagement

Wolfgang Gratz (Experte für empirische Verwaltungsforschung. Aus dem Jahr 2012 stammt seine Studie „Zur Ausgestaltung der Nahtstellen zwischen Politik und Bundesverwaltung in Österreich“. Der u.a.Text entstand bis 27. Oktober und umfasst das Wirken in der Krise bis dahin):

Krisen wie die aktuelle sind ganz allgemein Stunden der Nacktheit, in denen sich die Stärken und Schwächen von Organisationen und Institutionen in voller Deutlichkeit zeigen, da sie der schützenden Hüllen von Alltagsroutinen beraubt und großer öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt sind.

Vorkehrungen hätten besser sein können

Die „Flüchtlingskrise“ 2015/16 war vorhersehbar und konnte nur deshalb entstehen, weil man völlig überrascht war und somit keine Entscheidungsalternativen zu einer bloß reaktiven Vorgehensweise hatte. Ebenso war das Auftreten einer Pandemie absehbar. Nicht nur das Global Preparedness Monitoring Board, sondern auch das österreichische Bundesheer (Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020) hielten bereits 2019 ein solches Ereignis für realistisch.

Man mag sich damit trösten, dass es den anderen Ländern auch nicht anders erging. Mit dieser Haltung werden wir aber in die nach Covid-19 nächste, sicherlich kommende Krise ähnlich unvorbereitet hineinrutschen und ähnlich hohe Kosten zu tragen haben wie derzeit.

In einer besseren Welt des Öffentlichen, als wir sie bisher und aktuell haben,

– wäre beispielsweise ein zeitgemäßes Pandemiegesetz vorhanden gewesen;

– hätten spätestens ab Jänner 2020 organisatorische Vorkehrungen stattgefunden, die unter anderem eine rechtzeitige und geordnete Abreise aus Ischgl ermöglicht hätten;

– gäbe es ein flexibles Personalmanagement und Prozesse, um rasch externe Ressourcen, wie etwa juristische Kompetenz, zu erschließen und geordnet in die Legistik einzubauen, um so qualitätsvolle und verfassungskonforme Normen zu gewährleisten;

– bestünden keine Mehrgleisigkeiten von Gremien, Ablaufprozessen und Erfassungssystemen. Aus ausländischer Sicht erscheint das Entstehen zweier unterschiedlicher Informationssysteme zur nationalen Entwicklung der Pandemie ein halbes Jahr nach deren Beginn wohl als folkloristische Besonderheit;

– wäre das Verhältnis Bund-Länder in Form eines lernenden Systems ausgestaltet, in dem vorbehaltlos, offen und neugierig die Pandemiebekämpfung laufend verfeinert wird. Die Arabesken des Bundesregierungs-Wien-Verhältnisses oder Zustände wie am Karawankentunnel am 24. August (tausende Reisende mussten bis zu 18 Stunden wartend ausharren) wären undenkbar;

– wäre ein arbeitsteiliges Krisenmanagement spätestens im Sommer eingerichtet worden, das einerseits die Tagesaktualitäten abarbeitet und andererseits Vorkehrungen für das angekündigte Ansteigen in den nächsten Monaten getroffen hätte. So aber hat man den Eindruck, dass nicht nur im engeren Pandemie-Management, sondern beispielsweise auch im Schulbereich das Ansteigen der Fälle einen hohen Überraschungseffekt hatte, wodurch geordnete Bewältigungsformen der aktuellen Situation nunmehr erst schrittweise entwickelt werden konnten;

– wäre bundesweit zumindest im achten Monat der Pandemie ein rasches belastbares TTI-System (Testing Tracing Isolating) vorhanden.

Wir werden nie in Erfahrung bringen, ob uns solche professionellen und achtsamen Vorkehrungen einen zweiten Lockdown (weitgehend) erspart hätten. Deutlich erkennbar ist jedoch, dass, vornehm formuliert, im Covid-19-Krisenmanagement viel Luft nach oben besteht.

Wenn man nur ein Promille des 50-Milliarden-Euro Schutzschirms, den die Bundesregierung aus Anlass von Covid-19 aufgespannt hat, in die Entwicklung leistungsfähiger, klarer und zugleich flexibler Strukturen und Prozesse gesteckt hätte, stünden wir aktuell deutlich besser da. Anders gesagt: Organisatorische Unterbegabung führt zu Überschussrepression in Form von ansonsten nicht notwendigen Freiheitseinschränkungen und zusätzlichen wirtschaftlichen Belastungen. Noch schlimmer als das Budgetdefizit ist das Defizit an Organisationsfähigkeit. Dieses ist umso bedauerlicher, als die unmittelbaren Dienstleister, also die Lehrer, Polizisten, Finanzbediensteten, Bediensteten der Bezirksverwaltungsbehörden, um nur einige zu nennen, großteils bisher in der Pandemie hohe Leistungsorientierung, Engagement und Flexibilität gezeigt haben. Sie hätten sich eine bessere strategische Steuerung verdient und benötigten diese dringend.

Mehr unter:

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/chronik/oesterreich/2083897-Covid-19-und-die-evolutionaere-Sackgasse-des-Oeffentlichen.html

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Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf

Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.

Marie von Ebner-Eschenbach

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“
„Was ist das Schwerste vor allem?“ Die überraschende Antwort: „Was dir das Leichteste dünkt. Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt“.

Ein anderer erläutert diesen Satz:
„Erfahrung ist nicht, was Dir widerfährt. Erfahrung ist das, was Du aus dem machst, was Dir widerfährt.“

Mehr unter folgendem Link:

https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/Praxiszone_Dorf_4.0/Notizen/Notiz072_Verdinglichung

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Veil of Thoughts

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