Zum Wechselspiel von Politik & Verwaltung im Covid-Krisenmanagement

Wolfgang Gratz (Experte für empirische Verwaltungsforschung. Aus dem Jahr 2012 stammt seine Studie „Zur Ausgestaltung der Nahtstellen zwischen Politik und Bundesverwaltung in Österreich“. Der u.a.Text entstand bis 27. Oktober und umfasst das Wirken in der Krise bis dahin):

Krisen wie die aktuelle sind ganz allgemein Stunden der Nacktheit, in denen sich die Stärken und Schwächen von Organisationen und Institutionen in voller Deutlichkeit zeigen, da sie der schützenden Hüllen von Alltagsroutinen beraubt und großer öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt sind.

Vorkehrungen hätten besser sein können

Die „Flüchtlingskrise“ 2015/16 war vorhersehbar und konnte nur deshalb entstehen, weil man völlig überrascht war und somit keine Entscheidungsalternativen zu einer bloß reaktiven Vorgehensweise hatte. Ebenso war das Auftreten einer Pandemie absehbar. Nicht nur das Global Preparedness Monitoring Board, sondern auch das österreichische Bundesheer (Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020) hielten bereits 2019 ein solches Ereignis für realistisch.

Man mag sich damit trösten, dass es den anderen Ländern auch nicht anders erging. Mit dieser Haltung werden wir aber in die nach Covid-19 nächste, sicherlich kommende Krise ähnlich unvorbereitet hineinrutschen und ähnlich hohe Kosten zu tragen haben wie derzeit.

In einer besseren Welt des Öffentlichen, als wir sie bisher und aktuell haben,

– wäre beispielsweise ein zeitgemäßes Pandemiegesetz vorhanden gewesen;

– hätten spätestens ab Jänner 2020 organisatorische Vorkehrungen stattgefunden, die unter anderem eine rechtzeitige und geordnete Abreise aus Ischgl ermöglicht hätten;

– gäbe es ein flexibles Personalmanagement und Prozesse, um rasch externe Ressourcen, wie etwa juristische Kompetenz, zu erschließen und geordnet in die Legistik einzubauen, um so qualitätsvolle und verfassungskonforme Normen zu gewährleisten;

– bestünden keine Mehrgleisigkeiten von Gremien, Ablaufprozessen und Erfassungssystemen. Aus ausländischer Sicht erscheint das Entstehen zweier unterschiedlicher Informationssysteme zur nationalen Entwicklung der Pandemie ein halbes Jahr nach deren Beginn wohl als folkloristische Besonderheit;

– wäre das Verhältnis Bund-Länder in Form eines lernenden Systems ausgestaltet, in dem vorbehaltlos, offen und neugierig die Pandemiebekämpfung laufend verfeinert wird. Die Arabesken des Bundesregierungs-Wien-Verhältnisses oder Zustände wie am Karawankentunnel am 24. August (tausende Reisende mussten bis zu 18 Stunden wartend ausharren) wären undenkbar;

– wäre ein arbeitsteiliges Krisenmanagement spätestens im Sommer eingerichtet worden, das einerseits die Tagesaktualitäten abarbeitet und andererseits Vorkehrungen für das angekündigte Ansteigen in den nächsten Monaten getroffen hätte. So aber hat man den Eindruck, dass nicht nur im engeren Pandemie-Management, sondern beispielsweise auch im Schulbereich das Ansteigen der Fälle einen hohen Überraschungseffekt hatte, wodurch geordnete Bewältigungsformen der aktuellen Situation nunmehr erst schrittweise entwickelt werden konnten;

– wäre bundesweit zumindest im achten Monat der Pandemie ein rasches belastbares TTI-System (Testing Tracing Isolating) vorhanden.

Wir werden nie in Erfahrung bringen, ob uns solche professionellen und achtsamen Vorkehrungen einen zweiten Lockdown (weitgehend) erspart hätten. Deutlich erkennbar ist jedoch, dass, vornehm formuliert, im Covid-19-Krisenmanagement viel Luft nach oben besteht.

Wenn man nur ein Promille des 50-Milliarden-Euro Schutzschirms, den die Bundesregierung aus Anlass von Covid-19 aufgespannt hat, in die Entwicklung leistungsfähiger, klarer und zugleich flexibler Strukturen und Prozesse gesteckt hätte, stünden wir aktuell deutlich besser da. Anders gesagt: Organisatorische Unterbegabung führt zu Überschussrepression in Form von ansonsten nicht notwendigen Freiheitseinschränkungen und zusätzlichen wirtschaftlichen Belastungen. Noch schlimmer als das Budgetdefizit ist das Defizit an Organisationsfähigkeit. Dieses ist umso bedauerlicher, als die unmittelbaren Dienstleister, also die Lehrer, Polizisten, Finanzbediensteten, Bediensteten der Bezirksverwaltungsbehörden, um nur einige zu nennen, großteils bisher in der Pandemie hohe Leistungsorientierung, Engagement und Flexibilität gezeigt haben. Sie hätten sich eine bessere strategische Steuerung verdient und benötigten diese dringend.

Mehr unter:

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/chronik/oesterreich/2083897-Covid-19-und-die-evolutionaere-Sackgasse-des-Oeffentlichen.html

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Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf

Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.

Marie von Ebner-Eschenbach

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“
„Was ist das Schwerste vor allem?“ Die überraschende Antwort: „Was dir das Leichteste dünkt. Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt“.

Ein anderer erläutert diesen Satz:
„Erfahrung ist nicht, was Dir widerfährt. Erfahrung ist das, was Du aus dem machst, was Dir widerfährt.“

Mehr unter folgendem Link:

https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/Praxiszone_Dorf_4.0/Notizen/Notiz072_Verdinglichung

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Veil of Thoughts

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Nichts Menschliches ist mir fremd…. ‚Tribute to C.G.Jung‘

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Was uns Pandemien über Gesundheit beibringen könnten

Was bedeutet ‚Gesundheitspolitik‘ in Zeiten einer globalen Pandemie?

Es bedeutet vor allem dieses:

Prävention von Pandemien, Kompetenz im Umgang mit einem alltäglich gewordenen gefährlichen Virus (‚Hygiene) und Optimierung der Behandlungsmöglichkeiten schwer Erkrankter.

Hoch ansteckende Krankheiten machen uns primär eines klar: gemeinsam fallen wir, gemeinsam steigen wir. Was soviel heißt, wir als vergesellschaftete Wesen, die nur in Beziehung vorkommen, sind als gesellschaftliche Wesen herausgefordert, für gesundheitsfördernde Beziehungen (Umweltbeziehungen, Sozialbeziehungen, Selbst-Beziehungen) zu sorgen. Ansonsten holt uns diese Tatsache in Form von unkontrollierbarem Massenleid eines Tages unaufhaltsam ein.

Wir erleben selbiges gerade, sind mitten in einer solchen Situation.

Der kollektive Charakter von Gesundheit und Krankheit wird aber durch die notwendige hygienische Maßnahmen der physischen DISTANZIERUNG und sozialen ISOLIERUNG als Intervention zur Unterbrechung eines explodierenden Infektionsgeschehens verschleiert. Jeder ist potentieller Überträger der Krankheit, somit ein potentieller ‚Gefährder‘ der Anderen. Haltet Abstand voneinander, wascht die Hände und tragt Mundschutz! Es liegt an jedem Einzelenen, an der Eigenverantwortung, ob WIR das Virus „in den Griff bekommen, oder nicht.“ – So lauten die aktuellen Botschaften. Und wenn sie nicht ausreichend ‚greifen‘, gibt es wieder einen ‚Lockdown‘ des gesellschaftlichen Lebens. Als eine Art ‚Strafe‘ für ‚Fehlverhalten’…..

So findet jene problematische Remoralisierung von Krankeit und Gesundheit statt, welche die naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin zu überwinden trachtete. Gesundheitspolitik als Einfallstor sozialer Kontrolle und Macht (‚Biopolitik‘). Wir opfern unsere Freiheit der ‚Risikominimierung‘: exkludieren wir doch gemeinsam potentielle Gefährder!

Eine ALTERNATIVE dazu wäre das Verlassen dieses Wegs der sozialen Spaltung und Stärkung des Bewusstseins unserer gegenseitigen Abhängigkeiten: gemeinsam fallen wir, gemeinsam steigen wir. Bedeutet konkret: erkennen, wie gefährlichen Viren in menschliche Habitate eindringen bzw. wir als Menschen in natürliche Habitate von Tieren eindringen, welche dann gefährliche Viren auf uns übertragen; dass wir alle für eine gesunde Umwelt verantwortlich sind, anstatt wie wild drauflos zu produzieren und konsumieren….. . Solidarische Sozialbeziehugen statt sazialer Spaltungen und statt einseitiger Ausbeutungsverhältnisse; und nicht zuletzt eine solidarische Gesundheitspolitik, die nicht marktökonomisch ‚optimiert‘ wird, und mangelnde Versorgung und Vorsorge an Behandlungsmöglichkeiten bewirkt. Und last but not least: sich selber gesund ernähren, gesund bewegen, etc.

Bislang ist der ‚alternative Weg‘ noch nicht einmal ansatzweise politisch beschritten worden. Sich empören und ducken ist halt einfacher……sich innerhalb der Lebensweise bewegen, statt diese zu ändern, das ‚System‘ in Frage zu stellen, sich genau informieren und Unhaltbares beenden.

Na ja, klar, fürs erste siegen immer die ’schrecklichen Vereinfacher‘. Lernprozesse dauern halt. Vielleicht haben wir noch ausreichend Zeit dafür. Darf ich meine Zweifel anmelden?

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Handlungssicherheit durch gemeinsame Reflexion

Die prinzipielle Unvereinbarkeit vieler sozialer Anforderungen Individuen anzulasten verstärkt Ausweglosigkeit im Verhalten und einen falschen Einsatz von Moral. Die Praxis zeigt, dass man sich daher im ‚Sowohl-als-Auch‘ arrangiert, aber irgendwie zufällig, wenig reflektiert, selten gemeinsam besprochen und ausgehandelt. Immer lauert dahinter die Gefahr gegenseitiger moralischer Belastung und Entwertung. Strukturelle Widersprüche lassen sich nicht durch Setzung übergeordneter Werte aufheben oder nach richtig und falsch entscheiden. Je nach Situation, Aufgabe, Zielsetzung muss anders balanciert werden. Tragfähige gemeinsam verbindliche Werte entstehen immer erst in gemeinsamen Reflexions- und Aushandlungsprozessen.

Prozessethische Reflexion  ist gemeinsame, d.h. laute und miteinander geteilte Selbstreflexion: Es geht dabei um das miteinander Teilen von Sichtweisen, wechselseitiges Anhören, d.h. um Konfrontation des über Andere Gedachten mit dem von ihnen selbst Gesagten. Unterschiede der Sichtweisen und Werte treffen dabei aufeinander, werden gegenseitig wahrgenommen, einander verständlich gemacht und im günstigen Fall so verhandelt, dass sie in gemeinsam getragene Lösungen münden. Zielsetzung dabei ist es, von der individuellen Selbstreflexion zu einer kollektiven Selbstreflexion voranschreiten zu können, die, auf breitere Basis gestellt, letztlich auch mehr Sicherheit in praktischen Fragen und auch eine umfassendere Orientierung in komplexen Themenstellungen und Herausforderungen ermöglichen soll.

Dabei gibt es aber eine grundlegende Schwierigkeit, nämlich das ‚Paradoxon des Wollens‘:

“ Es gibt zwei Hypothesen, die Hypothese der Wissenschaft, dass es keinen Willen gibt (‚Kausalität‘), und die des allgemeinen Menschenverstandes, dass der Wille frei ist.“ Dieses Paradoxon ist nur zu bewältigen, wenn wir die Fähigkeit haben, im offenen Zwiegespräch „des gemeinsamen Denkens Zwei-in-Einem zu werden“, wie es die Philosophin Hannah Arendt so treffend ausgedrückt hat.

Diese Fähigkeit ist uns Menschen als ‚Sehnsucht nach Einheit in Vielfalt‘ zugänglich gegeben, in  jeder Lebenssituation, in jedem Moment. Man kann sie aber nicht explizit herstellen und formal nicht repräsentieren, höchstens metaphorisch andeuten und praktisch leben. Man kann aber die Stolpersteine auf diesem Weg benennen, die Abwege und Blockaden, und so den Weg der gemeinsamen Reflexion frei machen, frei halten.

Siehe auch:

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Umgang mit dem Unheimlichen


>Im Unterschied zu heute galt früheren Zeiten die Fähigkeit, ungewisse, gar gefährliche Begegnungen, zumal mit Fremdem, in friedliche und angstreduzierte Bahnen zu lenken, ungleich mehr.<
>Von derlei zivilisatorischen Errungenschaften sind wir wieder weit entfernt.<


„Lebenserfahren nennt man jemanden, der viel herumgekommen ist, viel erlebt hat, zahlreiche unterschiedliche Länder, Menschen, Sitten und Gewohnheiten kennengelernt, ja sie buchstäblich erfahren hat. Dagegen wird man Menschen, die nie aus ihrem kleinen Dorf hinausgekommen sind und solchen, die das geistige Milieu ihres Konfirmationsstuhlkreises ihr Lebtag nicht verlassen haben, einen eher beschränkten Horizont attestieren. Erfahren kann nur werden, wer sich Gefahren aussetzen kann, wobei hier als Gefahr nicht nur eine existentielle Lebensgefahr gemeint ist, sondern jegliche Konstellation, in der man nicht sicher voraussehen kann, was sich als Nächstes ereignen wird. Für dieses Fehlen von Gewissheit gibt es im Deutschen den schönen Begriff unheimlich. Unheimlich kann schon der dichte Wald sein, in dem das flaue Gefühl der Orientierungslosigkeit auftaucht, was in aller Regel das berüchtigte Pfeifen im Walde hervorruft. Wer noch genügend Phantasie hat, mag sich vorstellen, wie es wohl gewesen sein muss, als sich Gefährten auf unsicheren Schiffen das erste Mal aufs offene Meer hinauswagten und außer Wasser rings herum nichts anderes mehr zu sehen war. Im Unterschied zu heute galt früheren Zeiten die Fähigkeit, ungewisse, gar gefährliche Begegnungen, zumal mit Fremdem, in friedliche und angstreduzierte Bahnen zu lenken, ungleich mehr.
Auch ohne die philosophische Aufklärung des Westens haben viele Kulturen den inneren Zusammenhang zwischen Gefahren und Erfahrung intuitiv verstanden. Der Ethnologe Arnold van Gennep berichtete von zahlreichen Übergangsriten, mit deren Hilfe die schwierige biografische Passage vom Jugendlichen zum Erwachsenen gefordert, erleichtert und eingeübt wurde. Auch in Europa war über viele Jahrhunderte hinweg nach der Lehrzeit in etlichen Handwerksberufen die Wanderschaft, auch Walz genannt, die Voraussetzung dafür, überhaupt Meister werden zu können. Selbst die von allem Weltlichen zurückgezogenen Klöster schickten Mönche auf gefährliche Reisen durch ganz Europa, um wertvolle Bücher zu kopieren. Klugheit und Erfahrung wurden ebenso geschätzt wie die Gelassenheit, nicht bei jeder kleinen Unterbrechung des Gewohnten gleich aus der Haut zu fahren. Die Großväter erzählten nicht nur von früher, sondern auch von draußen, dem außerhalb der vertrauten Umgebung.“

Quelle: Boris Blaha

„Wirkliche Einfachheit liegt in der goldenen Mitte zwischen Gedankenlosigkeit und Affektiertheit. Einfache Menschen sind nicht von äußeren Dingen überwältigt, sodass sie nicht mehr denken können, und sie sind auch nicht an endlosen Spitzfindigkeiten interessiert, die sie nur befangen machen würden. Wer darauf achtet, wohin er geht, ohne die Zeit damit totzuschlagen, über jeden Schritt zu argumentieren oder ständig zurückzuschauen, der ist wirklich einfach. Solche Einfachheit ist ein großer Schatz.“ -Fènelon, Francois de Salinac de la Mothe-F.

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Wer zum Teufel spielt hier falsch?

Die grassierende Beleidigtheit, Gekränkheit, woher stammt sie? Ich würde mal folgende Vermutung wagen: sie entstammt der Idee, dass die Welt ‚für meine Bedürfnisse da zu sein hat‘, sie mir also ‚zu Diensten zu sein hat‘, wie ein wirklich super Supermarkt.

Der König ‚Kunde‘! Die Welt als ‚Ware‚. Bitte, DAS habe ich NICHT bestellt! Und niemand entschuldigt sich dafür, was für ein Skandal. Nun, irgendwer / irgendwas muss doch ’schuldig sein‘, oder? Und schon sind wir im Reich der Phantasie, der Spekulation. In der Welt der ‚bösen Absichten‘. Irgendwer hat da irgendwas ‚verhext‘ – zum Teufel mit ihm / ihr!!!

Und schon sind wir mitten in dem aktuell vorherrschenden Spiel der gegenseitigen Verdächtigungen und Kränkungen.

Wie kommen wir da wieder raus? Oh, es gibt tausende Wege, aber dies hier, der von Alan Watts hier erinnerte, der ist der KÖNIGSWEG aus diesem Drama, aus dieser Falle:

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Verborgene Gesundheit

Wenn man die Reduktion von Krankheit auf Reparatur von Dysfunktionalität vermeiden bzw. überwinden will, was bedeutet dann ‚Krankheit‘ und ‚Gesundheit‘?

Glücklichsein wirkt sich auf mehreren Wegen positiv auf die Gesundheit aus. Glückliche Menschen haben relativ geringe Mengen des Stresshormons Cortisol im Blut, das bei Diabetes, Bluthochdruck und Krankheiten des Immunsystems sowie auch bei Depressionen eine Rolle spielt. Mehr als 200 gesunden Personen im Alter von 45 bis 59 Jahren sollten eine Art Glücktagebuch schreiben. Die Probanden mit den wenigsten Glücksmomenten im Alltag hatten unter Stress neben Cortisol auch einen wesentlich höheren Gehalt des Blutgerinnungsstoffs Fibrinogen als glückliche Menschen. Ein erhöhter Fibrinogenanteil zählt als Risikofaktor für Herz- und Gefäßerkrankungen. (Proceedings of the National Academy of Sciences 2005, 10.1073/pnas.0409174102).

„Die Lebenskunst besteht darin, Honig aus jeder Blüte zu saugen“ meinte Kleist. Und u.U. gehört zu den Blüten auch die Krankheit?

Anbei weitere Stichworte dazu:

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Corona-Müdigkeit? Oder die Grenzen zentraler Krankheits- / Gesundheitsverwaltung…..

Wir lesen in letzter Zeit öfter Texte unter Schlagzeilen wie „Warum wir so coronamüde sind“, „Corona-Müdigkeit macht Ärzten Sorge“ oder „Corona-Müdigkeit: eine Studie“, etc.

„Anfangs habe es ein großes Informationsbedürfnis gegeben, im Sommer sei Optimismus aufgrund der Lockerungen aufgekommen, jetzt im Herbst sei eine gewisse Corona-Müdigkeit festzustellen. Die Zustimmung, Freiheitsrechte aufzugeben befinde sich im Sinkflug….. .“

Ja, ja, da sind sie, die Erhebungen von Stimmungslagen in der Bevölkerung plus ‚Erklärungen‘ dieser Stimmungslagen‘ durch weitere Experten…

Könnte die sogenannte Corona-Müdigkeit aber nicht auch ganz wesentlich eine ‚Experten-Müdigkeit‘ sein, also eine Folge andauernd schwerer Bevormundung durch Expertengremien und auf diese fokussierte Politiker sein?

Statt mit Unsicherheit gut leben zu lernen, mit dem Virus gut hygienisch umgehen zu lernen, wurde von Beginn an in Form von LOCKDOWNS ‚scharf geschossen‘ (>war on virus<). Die Pandemie war und  ist die Blütezeit der Statistiker – ‚flatten the curve‘, Reproduktionsrate, usw.

WIR VERWALTEN DAS VIRUS ZENTRAL, durch VORGABEN VON OBEN, durch Testung und Messung.

Was dabei völlig vergessen wird ist die Tatsache, dass statistisch gültige Aussagen über soziale Aggregate (interessant und wichtig für Gesundheitsbehörden) nichts über den Einzelfall als solchen aussagen, über Dich und mich, Dein und mein Risiko im Umgang mit dem Virus. Denn wir als LEBENDE PERSONEN sind mehr und anderes als Mittelwerte statistischer Aussagen, mehr und anderes als Objekte der Gesundheitsverwaltung.

Könnte die ‚Corona-Müdigkeit‘ nicht auch Ausdruck dieser bürokratischen ‚Statistik-Orientierung‘ der Gesundheitspolitik sein? Die Verwaltung der Pandemie, das ist Sache der Gesundheitsbehörden, jawohl. Aber die FOLGEN der Maßnahmen, die tragen wir, JEDER EINZELNE VON UNS. Und nachdem sich ‚schnelle Erfolge‘ der Behörden und Experten im Umgang mit Covid 19 nicht einstellen, steigt halt der Zweifel an der Sinnhaftigkeit der ‚Maßnahmen‘, bis hin zur ‚Verzweiflung‘, zur Leugnung der Gefahren der Pandemie. Darüber hinaus gelten auch noch die Wirkungen des ‚Präventionsparadoxons‘ zentral gesteuerter Gesundheitspolitik:

„Das sogenannte Präventionsparadox wurde Anfang der 1980er Jahre vom britischen Epidemiologen Geoffrey Rose am Beispiel der koronaren Herzkrankheiten beschrieben. Es stellt ein grundlegendes Dilemma der bevölkerungs- und risikogruppenbezogenen Prävention und Krankheitsprävention dar. Seine Kernaussage ist: Eine präventive Maßnahme, die für Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringt, bringt dem einzelnen Menschen oft nur wenig – und umgekehrt.

Wenn viele Einzelne mit geringem Risiko (z.B. grenzwertiger Bluthochdruck, leicht auffälliger Cholesterinspiegel, Prä-Diabetes) eine präventive Maßnahme durchführen, nützt diese der Gesamtpopulation in der Regel viel. Bei einer großen Menge von Menschen werden kardiovaskuläre Krankheitsereignisse oder vorzeitige Todesfälle langfristig gesenkt. Eine Einzelperson mit leichtem Risiko wird aber nur selten einen direkten Nutzen durch kurz- oder mittelfristige Verbesserungen der Gesundheit oder durch eine Verlängerung ihrer behinderungsfreien Lebenszeit erfahren. Anders stellt sich die Lage für Interventionen bei kleinen Gruppen mit hohem Risiko dar, z.B. bei klinisch adipösen Menschen oder bei Patientinnen und Patienten mit manifester Hypertonie, Hypercholesterinämie oder Diabetes mellitus Typ II. Hier ist der individuelle Gesundheitsgewinn durch Früherkennung, Frühbehandlung und tertiäre Prävention ungleich höher als bei Menschen mit mittlerem und niedrigerem Risiko. Allerdings ergibt sich für die Population kein vergleichbar großer Effekt.

Das Präventionsparadox gilt für alle auf Risikofaktoren basierenden medizinischen Interventionen und Zielsetzungen, insbesondere für Maßnahmen der Verhaltensprävention. Typische Anwendungsbeispiele sind:

  • Screenings auf unentdeckte Hypertonie zur Infarktprophylaxe, Diabetes-Screenings, PSA-Bluttestungen zur Prostatakarzinom-Früherkennung,
  • invasive Früherkennungsmaßnahmen wie die Vorsorgekoloskopie zur Darmkrebsprophylaxe.
  • Das Paradox hat auch Gültigkeit bei Jodprophylaxe und Schutzimpfungen, für die Krankenhaus- oder Pflegehygiene gegen Erreger, die gegen Antibiotika mehrfach resistent sind (MRSA), bei der Verpflichtung zum Tragen von Sicherheitsgurten im Auto zur Verhinderung/Milderung von Unfallfolgen, für Nichtraucherförderung und Raucherentwöhnungsprogramme, für Bewegungsförderung oder bei Maßnahmen des Arbeits-, Gesundheits- und Klimaschutzes.

Ein anderes Verständnis des Präventionsparadoxons findet sich im bevölkerungsbezogenen Impfschutz und der Infektions-/Impfepidemiologie. Wird gegen eine Infektionskrankheit geimpft, ist zudem die Impfung in der Bevölkerung akzeptiert und sinkt in der Folge die Inzidenz, verliert sich allmählich das klinische Bild der Erkrankung im Bewusstsein der Bevölkerung. Zugleich erscheinen Nebenwirkungen der Impfungen sowie potenzielle und reale (wenn auch seltene) Impfschäden gravierender als die Infektionskrankheit selbst. Dies führt zu einem Vertrauensverlust in die Impfung mit der Folge sinkender Impfbereitschaft, verringerter Impfquoten und partieller Impfverweigerung bzw. offener Gegnerschaft (z.B. bei Masern, auch Tuberkulose). Dadurch kann es zu neuen Ausbrüchen kommen, wobei erst diese die Impfbereitschaft wiederum steigern. Die Paradoxie wird gerade unter dem Aspekt von potenziellen (Impf-)Zwangsmaßnahmen bei Gesunden in der Public Health-Ethik problematisiert und kontrovers diskutiert.

Aus Public Health-Sicht ist eine bevölkerungsweite Intervention bei Erfolg zwangsläufig lohnender, weil sie mehr Krankheitsereignisse oder vorzeitige Todesfälle verhindern kann. Diese Bevölkerungsstrategie wendet sich an alle Menschen bzw. an größere Teilpopulationen, ungeachtet der individuellen Erkrankungswahrscheinlichkeit. Mit der Größe der Gruppe sinkt zwar der Anteil derjenigen Menschen, die einen direkten gesundheitlichen Nutzen erfahren – allerdings ist der epidemiologische Nutzen höher, die Zahl der vermiedenen bzw. „geretteten“ Fälle größer. Also wird eine große Zahl von Personen untersucht und/oder zur Änderung ihres Verhaltens bewegt, die auch ohne Screening bzw. Verhaltensänderung keine Krankheit (z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall) erlitten hätten. Mit zunehmender Orientierung auf kleinere Gruppen von Risikoträgern und besonders gefährdeten Menschen (Risikogruppenstrategie) werden präventive Maßnahmen aufwändiger und komplexer.

Als Lösung des Präventionsparadoxes empfiehlt die WHO seit Anfang der 2000er Jahre eine „richtige Balance“ zwischen Bevölkerungs- und Teilpopulationsstrategie (BS) und Hoch-Risiko-Strategie (HRS). Die BS wird differenziert umgesetzt unter Berücksichtigung epidemiologischer und sozialökologischer Mediatorvariablen (z.B. Alter, Geschlecht, sozialer Status und Bildungsstatus, Lebensweise, Gesundheitsverhalten, präventivmedizinischer Risikostatus).“*

Es zeigen sich am Symptom ‚Corona-Müdigkeit‘ deutlich die Grenzen zentral gesteuerter Gesundheitspolitik.

Warum  werden diese eigentlich nicht in den Mittelpunkt der Gesundheitsdebatte gerückt?


* Quelle: Peter Franzkowiak

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