Handlungssicherheit durch gemeinsame Reflexion

Die prinzipielle Unvereinbarkeit vieler sozialer Anforderungen Individuen anzulasten verstärkt Ausweglosigkeit im Verhalten und einen falschen Einsatz von Moral. Die Praxis zeigt, dass man sich daher im ‚Sowohl-als-Auch‘ arrangiert, aber irgendwie zufällig, wenig reflektiert, selten gemeinsam besprochen und ausgehandelt. Immer lauert dahinter die Gefahr gegenseitiger moralischer Belastung und Entwertung. Strukturelle Widersprüche lassen sich nicht durch Setzung übergeordneter Werte aufheben oder nach richtig und falsch entscheiden. Je nach Situation, Aufgabe, Zielsetzung muss anders balanciert werden. Tragfähige gemeinsam verbindliche Werte entstehen immer erst in gemeinsamen Reflexions- und Aushandlungsprozessen.

Prozessethische Reflexion  ist gemeinsame, d.h. laute und miteinander geteilte Selbstreflexion: Es geht dabei um das miteinander Teilen von Sichtweisen, wechselseitiges Anhören, d.h. um Konfrontation des über Andere Gedachten mit dem von ihnen selbst Gesagten. Unterschiede der Sichtweisen und Werte treffen dabei aufeinander, werden gegenseitig wahrgenommen, einander verständlich gemacht und im günstigen Fall so verhandelt, dass sie in gemeinsam getragene Lösungen münden. Zielsetzung dabei ist es, von der individuellen Selbstreflexion zu einer kollektiven Selbstreflexion voranschreiten zu können, die, auf breitere Basis gestellt, letztlich auch mehr Sicherheit in praktischen Fragen und auch eine umfassendere Orientierung in komplexen Themenstellungen und Herausforderungen ermöglichen soll.

Dabei gibt es aber eine grundlegende Schwierigkeit, nämlich das ‚Paradoxon des Wollens‘:

“ Es gibt zwei Hypothesen, die Hypothese der Wissenschaft, dass es keinen Willen gibt (‚Kausalität‘), und die des allgemeinen Menschenverstandes, dass der Wille frei ist.“ Dieses Paradoxon ist nur zu bewältigen, wenn wir die Fähigkeit haben, im offenen Zwiegespräch „des gemeinsamen Denkens Zwei-in-Einem zu werden“, wie es die Philosophin Hannah Arendt so treffend ausgedrückt hat.

Diese Fähigkeit ist uns Menschen als ‚Sehnsucht nach Einheit in Vielfalt‘ zugänglich gegeben, in  jeder Lebenssituation, in jedem Moment. Man kann sie aber nicht explizit herstellen und formal nicht repräsentieren, höchstens metaphorisch andeuten und praktisch leben. Man kann aber die Stolpersteine auf diesem Weg benennen, die Abwege und Blockaden, und so den Weg der gemeinsamen Reflexion frei machen, frei halten.

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