Realitätssinn und Möglichkeitssinn

Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ – Robert Musil

 

Das, was ist, nicht wichtiger nehmen, als das, was nicht ist (‚Möglichkeitssinn‘): gar nicht so leicht, oder? Zumindest dann, wenn man kein chronischer ‚Tagträumer‘, kein ‚Phantast’, oder schlimmer noch – ein hoffnungslos zurückgebliebener ‚Metaphysiker‘ ist , sondern ein ‚Realist‘ auf der Höhe der Zeit; einer dem logisches Schlussfolgern auf Basis bewährte Erfahrung nahezu ‚heilige‘ Eigenschaften sind, welche ‚gesundes‘ Denken auszuzeichnen und damit auszumachen hat. – Der heute vorherrschende ‚rationale Empirismus‘ (der sich selbst als ‚kritischer Rationalismus, Konstruktivismus, etc. wahrnimmt) mag ja wohl einer der Gründe sein, warum der Möglichkeitssinn in unserer Zeit so ein beschämendes Mauerblümchendasein fristet. Lebendiger Realismus (als Überwindung von einseitigem ‚Empirismus‘ und ‚Rationalismus‘) besteht offenbar aus beiden Aspekten von Wirklichkeit: der organischen Verbindung von Möglichkeitssinn und  Realitätssinn.

 

Wie aber kann man als aufgeklärteres Mitglied der westlichen Moderne, diese unbekannte, nicht (d.h. ‚noch-nicht‘ bzw. ‚nicht-mehr‘) verwirklichte Seite des Seins, also  ihr Potential (ihre potentielle Seite) gleich wichtig nehmen wie die bereits manifeste, was wörtlich ja so viel bedeutet wie: die ‚greifbare‘, ‚handfeste‘ (= sinnliche, empirische) Seite der Wirklichkeit?

 

Nun, jeder erfolgreiche Unternehmer – wenn er seinen Erfolg nicht purem Zufall verdankt – hat seinen wirtschaftlichen Erfolg seiner Fähigkeit zu Visionen (‚Möglichkeitssinn‘) ebenso sehr zu verdanken, wie seiner Fähigkeiten, diese wahrgenommenen Möglichkeiten dann auch technisch und finanziell zu realisieren (‚Realitätssinn‘).  Es handelt sich hier also nicht um Fähigkeiten, die in den Bereich einer irrlichternde ‚Mystik‘, abgehobene ‚Esoterik‘ oder ‚verstaubten Metaphysik‘ gehören. – Man darf aber mit Fug und Recht bezweifeln, dass man von erfolgreichen Unternehmern wohl reflektierte Auskünfte erhalten kann, welche sich auf  ihr offenbar vorhandenes ‚intuitive Potential‘ beziehen. ‚Geschäftsgeheimnisse‘ verrät man besser nicht, man bringt sie vielmehr ‚unternehmerisch‘ zur Anwendung, ohne viel über diese Fähigkeiten selbst nachzudenken – und all diejenigen, diesen Markt erfolgreich bedienen,  die sog. ‚Management-Gurus‘, die mystifizieren ihren Gegenstand (wie schon alle ‚Pfaffen‘ vor ihnen): nur so können sie ihr Geschäftsfeld aufrecht erhalten und gewinnbringend bedienen.

Das, was (NOCH) NICHT IST, das entzieht sich jedem groben und gierigen Zugriff; es erschließt sich nur dem, der seine Sinne dafür öffnet, der sich dafür trainiert. Aber was für eine Arbeit dieses Training doch ist!

Arthur Rimbaud beschreibt dieses ‚Training‘ am 15. Mai 1871 in einem berühmt gewordenen Brief. Er äußert sich gegenüber Paul Demeny (‚La Lettre du Voyant‘) zur Zukunft der Dichtung und der Dichter in der Moderne:

 

„Der Dichter macht aus sich einen ‚Seher‘ – durch langes, rationales und ungeheuerliches Training seiner Sinne. Alle Formen der Liebe, des Leidens und der Verrücktheit: darin sucht er sich selbst; er verbraucht all die in ihm vorhandenen Gifte, und behält bloß deren Quintessenz zurück. Leidet unaussprechliche Qualen, für welche er all seinen Glauben braucht, während der er der große Geduldige wird, der große Kriminelle, der große Beschuldigte – und der große Kenner der Menschen! – Weil er zu den unsterblichen Gestalten vordringt, und sich als deren Autor versteht.

Ich fahre fort:

Auf diese Weise ist der Poet der wahre Dieb des Feuers.

Er fühlt sich für die gesamte Menschheit verantwortlich, sogar für die Tiere: er muss seine Erfindungen nämlich riechbar, fühlbar und hörbar machen: wenn das, was er von ganz unten nach oben bringt Form hat, dann gibt er ihm Form: das Formlose belässt er ohne Form. Für alles einen sprachlichen Ausdruck zu finden – damit das möglich wird, wobei jedes Wort einer Idee entsprechen wird, muss das Zeitalter einer universellen Sprache anbrechen! Es ist notwendig ein Akademiker zu sein – eine Akademiker, toter als ein Fossil – um das Wörterbuch irgendeiner Sprache zu vervollständigen. Alles kleingeistiges Denken über den ersten Buchstaben eines Alphabets würde aber schnell in Verrücktheit versinken!

Diese neue Sprache wird daher Seele für die Seele sein, alles enthaltend; Gerüche, Töne, Farben, Gedanken die an Gedanken rühren und einander ziehen. Der Dichter würde die Menge des Unbekannten definieren, würde als die universellen Seele seiner Zeit erwachen: er würde der Welt mehr geben, als die Ausformulierung seiner eigenen Gedanken, er würde den Maßstab des Fortschritts verkörpern! Als eine Ungeheuerlichkeit die zur Norm wird, von allen angenommen, würde er so wahrlich zum Förderer des Fortschritts!“

 

Man sieht sofort: Da macht einer aus der Dichtung das Gegenstück zur Wissenschaft, welche alles Sein in Formeln bringen will, und damit der menschlichen Machbarkeit zugänglich (‚Realitätssinn‘). Dem Poeten bleibt in der Moderne das Kultivieren der fehlenden zweiten Hälfte des Wirklichen: die Vollendung des ‚Möglichkeitssinns‘.

Nun, es hat nach Rimbaud noch viele Schriftsteller und Dichter gegeben, welche Dichtung und Poesie als notwendige ‚Beseelung‘ der verwaisten modernen ‚Seele‘ verstanden haben. Diese Dichter sind den ungeheuerlichen Ansprüchen Rimbauds (‚Geniewahn‘) nach 2 Weltkriegen mit nüchterner Skepsis begegnet. Trotz ihres gewachsenen ‚Realitätssinns‘ haben sie ihr Gespür für den Möglichkeitssinn bewahrt. Als Beispiel sei hier neben den bereits oben zitierten Robert Musil der Dichter Elias Canetti erwähnt. Im Jänner 1976 hielt er in München eine berühmt gewordene Rede. Diese Rede trägt den Titel ‚Vom Beruf des Dichters‘. Darin kommt folgende bemerkenswerte Passage vor:

 

„Vielleicht ist es der Mühe wert, darüber nachzudenken, ob es in dieser Situation der Erde etwas gibt, wodurch Dichter oder was man bisher dafür hielt, sich nützlich machen könnten. Immerhin ist, trotz aller Schicksalsschläge, die das Wort für sie zu erdulden hatte, etwas von seinem Anspruch geblieben.

Literatur mag sein, was sie will, sie ist eines nicht, so wenig wie die Menschheit, die noch an ihr festhält: sie ist nicht tot. Worin müsste das Leben dessen bestehen, der sie heute vertritt, was sollte er zu bieten haben? Durch Zufall bin ich kürzlich auf die Aufzeichnung eines anonymen Autors gestoßen, dessen Namen ich schon darum nicht nennen kann, weil niemand ihn kennt. Sie trägt das Datum: 23. August 1939, das war eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und lautet: »Es ist aber alles vorüber. Wäre ich wirklich ein Dichter, ich müsste den Krieg verhindern können.« Welch ein Unsinn, sagt man sich heute, da man weiß, was seither geschehen ist, welche Anmaßung! Was hätte ein einzelner verhindern können, und warum gerade ein Dichter? Lässt sich ein Anspruch denken, der wirklichkeitsferner ist?

Und was unterscheidet diesen Satz vom Bombast derer, die durch ihre Sätze bewusst den Krieg herbeigeführt haben? Ich las ihn irritiert, ich schrieb ihn mit steigender Irritation heraus. Hier, dachte ich, habe ich gefunden, was mir an diesem Wort >Dichter< am meisten zuwider ist, einen Anspruch, der in krassestem Widerspruch steht zu dem, was ein Dichter bestenfalls vermöchte, ein Beispiel für die Großsprecherei, die dieses Wort diskreditiert hat und einen mit Misstrauen erfüllt, sobald einer der Gilde sich auf die Brust schlägt und mit seinen kolossalen Absichten herausrückt.

Aber dann, während der folgenden Tage, spürte ich zu meinem Erstaunen, dass der Satz mich nicht losließ, dass er mir immer wieder in den Sinn kam, dass ich ihn hernahm, zerlegte, wegstieß und wieder hernahm, als liege es nur an mir, einen Sinn darin zu finden. Es war schon sonderbar, wie er begann: »Es ist aber alles vorüber«, Ausdruck einer vollkommenen und hoffnungslosen Niederlage zu einer Zeit, da die Siege beginnen sollten. Da alles auf sie abgestellt wurde, spricht er bereits die Trostlosigkeit des Endes aus und zwar so, als wäre es unvermeidlich. Der eigentliche Satz aber: »Wäre ich wirklich ein Dichter, ich müsste den Krieg verhindern können« enthält bei näherem Zusehen das Gegenteil einer Großsprecherei, nämlich das Eingeständnis kompletten Versagens. Noch mehr aber drückt er das Eingeständnis einer Verantwortung aus und zwar dort – das ist das Verwunderliche daran -, wo man von Verantwortung im üblichen Sinne des Wortes am wenigsten sprechen könnte.

Hier wendet sich einer, der offenbar meint, was er sagt, denn er sagt es in der Stille, gegen sich selbst.“

 

Diese Rede ist lesenswert!  Hier sucht ein  Wahrer des Möglichkeitssinns mitten in einer Welt sich vollendender Sachzwänge seine Rolle und Aufgabe zu konkretisierend zu reflektieren. Und Canetti kommt dabei zu folgender Kernaussage:

„Ich habe sie (die Dichter, Anm. G.G) als die Hüter der Verwandlungen bezeichnet, aber sie sind es noch in einem anderen Sinne. In einer Welt, die auf Leistung und Spezialisierung angelegt ist, die nichts als Spitzen sieht, denen man in einer Art von linearer Beschränkung zustrebt, die alle Kraft an die kalte Einsamkeit der Spitzen wendet, das Danebenliegende aber, das Vielfache, das Eigentliche, das sich zu keiner Spitzenhilfe anbietet, missachtet und verwischt, in einer Welt, die die Verwandlung mehr und mehr verbietet, weil sie dem Allzweck der Produktion entgegenwirkt, die bedenkenlos die Mittel zu ihrer Selbstzerstörung vervielfältigt und gleichzeitig zu ersticken sucht, was an früher erworbenen Qualitäten des Menschen noch vorhanden wäre, das ihr entgegenwirken könnte, in einer solchen Welt, die man als die verblendetste aller Welten bezeichnen möchte, scheint es von geradezu kardinaler Bedeutung, dass es welche gibt, die diese Gabe der Verwandlung ihr zum Trotz weiter üben. Dies, meine ich, wäre die eigentliche Aufgabe der Dichter. Sie sollten, dank einer Gabe, die eine allgemeine war, die jetzt zur Atrophie verurteilt ist, die sie sich aber mit allen Mitteln erhalten müssten, die Zugänge zwischen den Menschen offenhalten. Sie sollten imstande sein, zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten. Ihre Lust auf Erfahrung anderer von innen her dürfte nie von den Zwecken bestimmt sein, aus denen unser normales, sozusagen offizielles Leben besteht, sie müsste völlig frei sein von einer Absicht auf Erfolg oder Geltung, eine Leidenschaft für sich, eben die Leidenschaft der Verwandlung.

Es würde ein immer offenes Ohr dazugehören, doch wäre es damit allein nicht getan, denn eine Überzahl der Menschen heute ist des Sprechens kaum mehr mächtig, sie äußern sich in den Phrasen der Zeitungen und öffentlichen Medien und sagen, ohne wirklich dasselbe zu sein, mehr und mehr dasselbe. Nur durch Verwandlung in dem extremen Sinn, in dem das Wort hier gebraucht wird, wäre es möglich zu fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten ist, der wirkliche Bestand dessen, was an Lebendem da ist, wäre auf keine andere Weise zu erfassen. Es ist ein geheimnisvoller, in seiner Natur noch kaum untersuchter Prozess und doch ist es der einzige wahre Zugang zum anderen Menschen.“

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2 Antworten zu Realitätssinn und Möglichkeitssinn

  1. Hendrik schreibt:

    Hi, aus welchem Buch stammt das Eingangszitat? LG Hendrik

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