Entscheidende Frage

„Und so formiert sich die Krise des heutigen Westens: Seine Utopie eines pluralen Miteinanders durch gewaltlose Findung von Kompromissen weicht zusehends der Methode, welche das Hysterische, Besserwisserische und Pöbelhafte in den Rang eines Wahrheitskriteriums erhebt. Recht hat, wer alles ignoriert oder niederschreit, was ihm nicht nach dem Munde redet. Haben wir die Schwelle zur Diktatur der Mundtotmacher schon überschritten?“

Peter Strasser, Philosoph

Kein Wunder, dass diese Form von Diktatur gerade jetzt aufkocht….

„Immer mehr Menschen fürchten den Verlust von Besitz und Status, den Verlust einer vertrauten Welt, den Verlust der Hoffnung. Immer mehr Menschen sehen eine wachsende Kluft zwischen der offiziellen, liberal geprägten Wirklichkeit und dem, was sie selbst erleben.
Die globale Wirtschaftsordnung ist zu einer bitteren Parodie der aufgeklärten Gedanken mutiert, auf die sie sich beruft. Sie ersetzt die Rationalität durch die Rationalisierung, den Universalismus durch den globalen Markt, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten und die Gleichheit durch statistische Normierung. Bürgerrechte werden zu Garantieleistungen, denn in dieser Welt braucht man keinen Pass, sondern eine Kreditkarte.
Im globalen Maßstab hat diese Parodie der Aufklärung alte soziale Strukturen zertrümmert und — um mit dem polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman zu sprechen — eine „flüssige Moderne“ geschaffen, in der Gesellschaften, Märkte, Ökosysteme und Identitäten in dauerndem Aufruhr sind.
Diese Parodie erklärt einen Teil der Angst, die in unsere Gesellschaften sickert.
Zur Veränderung kommt die Verlogenheit. Politiker und Ökonominnen sprechen von Wirtschaftswachstum, von Innovation und Produktivität, von Vollbeschäftigung und Wohlstand, aber gleichzeitig verdienen immer weniger Menschen immer mehr, während immer mehr Menschen begreifen, dass es für sie keine
bessere Zukunft gibt, dass sie zwar für das System funktionieren müssen, das System aber nicht für sie ……..

Da aber die Stabilität der westlichen Gesellschaften auf ständigem wirtschaftlichen Wachstum beruht, ist er gezwungen, unentwegt seinen künstlichen Heißhunger zu befriedigen. Dieser Heißhunger lässt sich nur auf Kosten anderer stillen
— und viele von diesen anderen haben das begriffen und wollen lieber beim großen Fressen dabei sein als beim großen Verhungern. Auch so entsteht globale Migration.
Die Wirtschaftsleistung unterdessen wächst und wächst, also ist die Gesellschaft, die Regierung, das Land erfolgreich, zumindest aus der Sicht der offiziellen Beurteilungen.
Aus der Perspektive der Natur stellt sich die Sache freilich anders dar.
Einer unserer wichtigsten kulturellen Partnerorganismen ist Hefe, die es Menschen seit Jahrtausenden ermöglicht, Dinge wie Brot, Bier und Wein zu produzieren. Hefe ist ein einzelliger Pilz, der sich explosiv vermehrt, indem er Zucker frisst,
immer weiter, unersättlich, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind und er an seinen eigenen Ausscheidungen erstickt und verhungert.
Auf individuellem Niveau haben Hefepilze zwar keinen Mozart und keinen Shakespeare hervorgebracht; kollektiv aber scheinen Menschen über Jahrmillionen der Evolution wenig mehr gelernt zu haben als die Hefe.
Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen.
Aber anders als Hefepilze kann Homo sapiens sein Verhalten durch Verständnis, Fantasie und Empathie ändern — und so vielleicht eine Zukunft möglich machen, in der die Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird und Menschen als
Primaten, die dazu neigen, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen.“

Phlipp Blom

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