Die ‚Widerstandskraft‘ stärken….aber wie?

Widerstand aus psychoanalytischer Sicht:

Ich-Stärke

In der Psychologie wird das Ich verstanden als ein Zentrum der Wahrnehmung, das sich im Laufe der Lebensphasen und in den verschieden Rollen als ungebrochene Identität erlebt. Ichstärke bezeichnet eine integrierte Persönlichkeit, die mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt steht, Situationen realistisch einschätzen kann und auf die Wechselfälle des Lebens vangemessen und flexibel zu reagieren vermag, ohne Erfahrungen übermäßig zu unterdrücken oder abzuspalten. Damit verbunden ist eine Willenskraft, die dem starken und elastischen Ich ermöglicht,die eigenen Bedürfnisse und das, was als wichtige Lebensziele erkannt wurde, kreativ und auf ethisch vertretbare Weise zu verwirklichen.

„Was in der gesunden Person die Widerstandsfähigkeit in ihrer lebenserhaltenden Funktion ausmacht, gerät für den Symptomträger zum schützenden, aber auch verarmenden Wall gegen sich selbst und gegen sein Umfeld. … Der Unterschied ist nur, daß im Gesunden die Ich-Grenzen pulsierend, flexibel und durchlässig sind, während diejenigen des Symptomträgers alle möglichen Verformungen aufweisen. Der Widerstand tritt, gemessen am Anlaß, unverhältnismäßig früh, hektisch, übertrieben auf.“

Die gesunden Widerstände, „die dem Menschen innere Sicherheit, Stabilität und eine freie Ordnung sichern“, werden im erkrankten Menschen zu unvernünftigen, wahnhaften, konfusen, fanatischen Widerständen  „Die konstruktiven, lebensnotwendigen und hilfreichen Widerstände erweisen sich im neurotisch Kranken als infantil wirkende Trotzeinstellungen, als starre Fixierungen, als sture Verneinungen.“  Sie engen den Raum der Wahlfreiheit ein. Das Ich als Garant der seelischen Gesundheit und Ordnung wird überrannt, es kann die Anforderungen des Es und des Überich und den Druck der Realität nicht bewältigen.

Aus: Zur Anthropologie des Widerstandes

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„Der reife Erwachsene, der die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen vermag, hat eines gelernt: das Gefühl von den Mustern zu lösen, die unter dem Druck der Abhängigkeit entstanden sind, und den Drang zum Handeln auf das zu richten, was sich ihm als zweckmäßig erweist.  Dank der Kontrolle, der er durch das Verlagern des Gefühlsinhaltes erworben hat, ist auch die Gefühlsintensität unter seiner Kontrolle. Dieses Ziel ist in den schon erwähnten Zielen inbegriffen. Es wird oft unbewußt danach gehandelt, daher die sprunghaften Erfolge oder Mißerfolge. Wenn man das Ziel klar vor sich sieht, dann kann man zielen lernen – und merken, wenn man daneben zielt.“

(Moshe Feldenkrais, Das starke Selbst, S. 146)

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Widerstand aus ‚radikal-vernünftiger‘ Sicht:

Dem ‚Falschen‘ widerstehen durch ’natürliches Vertrauen ins Leben‘

Wissen Sie, was es bedeutet Vertrauen zu haben? Wenn Sie etwas mit Ihren eigenen Händen tun, wenn Sie einen Baum pflanzen und ihn wachsen sehen, wenn Sie ein Bild malen oder ein Gedicht schreiben oder, wenn Sie älter sind, eine Brücke bauen oder eine Verwaltungsarbeit verrichten, so gibt Ihnen das Vertrauen in Ihre Fähigkeit, etwas zu tun….das ist Selbst-Vertrauen: Sie wissen, dass Sie etwas tun können, und Sie fühlen sich wichtig dabei, es zu tun…. . Das Vertrauen eines Menschen, der Dinge erledigen kann, der Ergebnisse erreichen kann, wird immer von der Arroganz seines Selbst gefärbt, vom Gefühl: >Ich bin es, der das geschafft hat.< Dieser Sinn für >mich< und >mein< geht immer einher mit jenem Vertrauen, welches sich innerhalb sozialer Konventionalität zum Ausdruck kommt.

Falls Sie aber den Einfluss der Konventionen auf Sie durchschauen und sich dadurch von diesen Einflüssen frei machen können, dann werden Sie feststellen, dass ein Vertrauen entsteht, das nicht vom Gefühl der Arroganz verdorben ist. Es ist das Vertrauen der Unschuld. Es ist wie das Vertrauen eines Kindes, das durch und durch unschuldig ist, so dass es alles versuchen wird….. Ist es nicht eine Tragödie, dass wir uns fast alle nur damit beschäftigen, wie man sich der Gesellschaft anpasst oder wie man sie reformiert? Eine solche Einstellung zerstört jegliches Vertrauen, jegliche Initiative. Deshalb ist es so wichtig, die Gesellschaft zu verstehen, in der man lebt, und – durch diesen Vorgang des Verstehens – auszubrechen.

Wissen  Sie, die meisten von uns haben Angst. Ihre Eltern fürchten sich, Ihre Lehrer haben Angst, die Regierungen und Religionen fürchten sich davor, dass Sie ganz Individuum werden, weil sie alle wollen, dass Sie im Gefängnis der Umwelt- und Kultureinflüsse bleiben. Wenn Sie sich aber von diesem Druck frei machen können, gewinnen Sie ein ganz anderes Vertrauen, ohne Sinn für eigene Wichtigkeit. Und dann werden Sie die so wichtige Unterscheidung zwischen ‚Selbstvertrauen’ und ‚Vertrauen ohne Selbst’ verstehen können. Dann werden Sie den Herausforderungen des Lebens gewachsen sein. Der Mensch sucht heute nach einer neuen Antwort auf das Leben, nach einem neuen Zugang zum Leben, weil die alten Wege verfallen. Wenn Kulturen, Völker, Zivilisationen unfähig sind, sich der Herausforderung des Neuen total zu stellen, gehen sie unter. Es ist also sehr wichtig, das Problem zu verstehen, warum  der Geist sich immer im Gewohnten einrichtet und in festen Bahnen läuft, warum er sich auf einem bestimmten Gleis bewegt wie eine Straßenbahn und sich davor fürchtet, etwas in Frage zu stellen und zu untersuchen. Aber nur wenn Sie das tun, wird der Geist frisch, jung, aktiv, lebendig, so dass jeder Tag ein neuer Tag ist und jede Dämmerung ein freudiger Anblick.

Aus: J. Krishnamurti, Antworten auf Fragen des Leben (‚Think on these things’)

Dazu merkt der Schriftsteller und Psychotherapeut Arno Gruen Folgendens an:

„Lernen bedeute üblicherweise, schreibt Heinrich Jacoby in Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“ (1987) – „möglichst schnell zum Ziel zu gelangen, möglichst wenig Fehler zu machen beziehungsweise die „richtigen“ Antworten zur Verfügung zu haben“. Doch Lernen sollte gerade das nicht sein, Lernen sollte vielmehr mit der Bereitschaft zu tun haben, sich dem Leben zuzuwenden. Jacoby charakterisiert dieses Lernen als `Einarbeiten´, als Aufarbeiten durch eigenes Erfahren und Entdecken. Dadurch lernt ein Kind nicht nur zu erkennen, was richtig ist, sondern vor allem auch, wie das Richtige zustande kommt und warum gerade dieses das Richtige ist.
Unserer gängigen Vorstellung zufolge sollen Kinder die Wirklichkeit `erlernen´, ohne sie jedoch zuvor selbst entdeckt zu haben. Ein solches Lernen ist ein erzwungenes, ein Lernen, das auf intensiven Reizen basiert, die sich durch die Umkehr ein positives Vorzeichen angeeignet haben.
Lernen heißt hier, den Gehorsam gegenüber der Autorität zu zementieren, wobei Kreativität verloren geht – was wiederum Erstaunen darüber erweckt, dass Kinder in ihrem Denken steril werden. An Stelle von Kreativität tritt vorprogrammiertes Denken.
Heutzutage vollzieht sich dieser Vorgang – auf verschleierte subtile Art: Nicht der erzwungene Gehorsam, die Bestrafung der alten Schule, soll Lernen bewirken, sondern es soll sich über Belohnung vollziehen. Belohnung als Erziehungsmittel lässt uns nämlich die Illusion aufrechterhalten, das Kind könne sich frei entscheiden, könne seinen eigenen Weg finden. Doch die Entdeckung und Entfaltung seines Selbst wird dadurch keineswegs erleichtert. Nur die Erziehenden fühlen sich besser, da sie glauben, mit dem Prinzip Belohnung seien alle Entscheidungen dem freien Willen des Kindes überlassen, es werde nicht von ihnen genötigt, beherrscht. Doch das Prinzip Belohnung ist nichts anderes als eine raffinierte Verhüllung des Drucks zum Erfolg. Und durch diesen Erfolgsdruck wird das Selbst vorprogrammiert.
Der Soziologe Richard Sennett sagte kürzlich in einem Interview über die Kindererziehung, man tue so, als
würde alles für das Wohl der Kinder getan. Aber es geht immer nur: „Du kannst es! Du schaffst es! Nie darum, obwohl man das auch will.“
Es ist eine seelische Art, wie Eltern ein Kind auf ihre Spur bringen. Das Gewaltmittel ist dann nicht eine körperliche Bestrafung sondern eine seelische. Das Kind wird dazu gebracht, sich als Verräter an der gemeinsamen Sache zu fühlen, wenn es nicht mitmacht. Das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, wird so zum Thema für Kinder und Erwachsene.

Jacoby, H.: Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“, Christians: Hamburg, 1987.

Aus: A. Gruen „Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität“
Vortrag im Rahmen der 52. Lindauer Psychotherapiewochen 2002

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Resumee:

In der Entwicklung von Achtsamkeit geht es zunächst darum, im Reinen Beobachten alles anzunehmen, was sich in Körper und Geist abspielt, ohne es festzuhalten oder abzulehnen, zu kommentieren oder zu bewerten. Das ist – in den Worten westlicher Psychotherapie – das genaue Gegenteil jedweder Unterdrückung und ein effektives Mittel zur Integration abgespaltener Teile der Persönlichkeit.
Beim genauen Hinsehen erkennen wir also folgende paradoxe Situation: Ein Übungsweg, der in buddhistischen Begriffen zur Ichlosigkeit führt, ist in der Sprache heutiger Psychologie ichstärkend! In der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation, die Ichlosigkeit fördert, wird genau das entwickelt, was in der Psychotherapie unter Ichstärke verstanden wird.

Neurotisches Leiden löst sich nicht unbedingt durch Meditation (z.B. der stets vergebliche Versuch, „Probleme wegzumeditieren“), und herkömmliche Therapien lindern nicht einen universellen/essentiellen Leidensdruck.
Nur ein nach westlicher Psychologie gefestigtes Ich ist stark genug, um den Herausforderungen eines authentischen geistigen Weges zur Ichlosigkeit gewachsen zu sein. Das Ich wird auf dem geistigen Weg nicht überwunden, losgelassen oder gar zerstört, sondern es wird transzendiert. Das Ich ist eine für die Belange des Alltags hilfreiche Geisteskonstruktion, die man benutzen kann, ohne sich mit ihr zu identifizieren und/oder sie als letztlich existent anzuerkennen.

Siehe dazu: DIE SACHE MIT DEM EGO – ICH-STÄRKE ODER ICH-LOSIGKEIT?

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