Sich widersprechende Anforderungen unter einen Hut bringen wollen…..

Ein Dilemma (‚Zwickmühle‘) ist eine Situation, in welchem die Landkarte  über die Wirklichkeit anzeigt, dass man gefangen ist.  Gleichgültig, wie man versucht herauszukommen, es wird stets dazu führen, immer noch  oder gar noch mehr in Schwierigkeiten zu sein.
Ich betrachte die Dilemma-Situation aus der Perspektive  der Wirklichkeitskonstruktion. Dabei gehe ich bei Zwickmühlen  davon aus, dass Menschen einen Bezugsrahmen aufgebaut haben, der sie  bestimmte Situationen als nicht lösbar wahrnehmen lässt. Dieser Bezugsrahmen  kann als Glaubenssystem konzeptualisiert werden, das falsch ist, aber vom Klienten nicht in Frage gestellt wird. Der Klient (oder das Klientensystem) versucht nur Lösungen, die sich innerhalb des Zwickmühlen-Bezugsrahmens befinden, anstatt Abstand zu nehmen und wahrzunehmen, dass der Bezugsrahmen selbst die
Zwickmühlen-Wirklichkeit ist.

Lassen Sie mich Ihnen ein  einfaches Beispiel  anführen: Ein Kandidat kurz vor seinem  Examen: ,,Nur wenn man etwas leistet, wird man akzeptiert. Ich möchte aber auch  dann akzeptiert werden, wenn es mir nicht gelingt, etwas zu leisten. Wenn ich  meine Kompetenz in diesem Examen zeige, weiß ich immer noch nicht, ob sie an mir als  Person interessiert sind.´Wenn ich meine Kompetenz nicht zeige, um zu sehen, ob sich mich immer noch mögen, dann werde ich die Prüfung nicht schaffen und mir  bestätigen, dass sie nur an denjenigen interessiert sind, die etwas leisten.”

Die Schwierigkeit ergibt sich hauptsächlich aus der Art und  Weise, wie die Realität verstanden wird, selbst wenn manche Menschen dieses  Verständnis bereits in der Außenrealität etabliert haben. Die dementsprechenden  Situationen scheinen dann
Zwickmühlen zu sein oder werden sogar objektiv zu  Zwickmühlen. Die natürliche Reaktion, wenn man sich ohne jede Chance zur Flucht  gefangen fühlt, ist Verzweiflung. Oder umgekehrt: Wenn man sich verzweifelt  fühlt, kann dies ein Signal sein, dass man in einem  Zwickmühlen-Bezugsrahmen lebt, wo etwas Wesentliches gefangen ist.
Weil es so unerträglich ist, sich gefangen zu fühlen,  leugnen die Menschen das Gefühl der Verzweiflung und vergeben die Chance,  herauszufinden, was mit dem Bezugsrahmen nicht stimmt, welcher sie erlebens- und  verhaltensmäßig in Zwickmühlen gefangen sein lässt.
Stattdessen kämpfen sie, um innerhalb des  Zwickmühlen-Bezugsrahmens zurechtzukommen. Wenn sie des Kämpfens müde sind,  resignieren sie, und nach einer Weile kämpfen sie wieder.
Ich habe die Sequenz dieser vier Stadien des Erlebens  und Verhaltens Dilemma – Zirkel genannt. Das sind:
– Verzweiflung
– Verleugnung der Verzweiflung (und der Lebensfragen mit Zwickmühlen-Lösungen),
– Kämpfen (oder Strampeln), und
– Resignation.

Alle vier Stadien befinden sich innerhalb des  Zwickmühlen-Bezugsrahmens, obwohl die Verzweiflung dem Ausgang am nächsten ist, wenn man sie analysierend betrachtet. Innerhalb einer beraterischen Strategie ist es dann  notwendig, den Zwickmühlen-Bezugsrahmen, d.h. die Kombination falscher  Glaubenssätze, zu untersuchen, die zusammen das Netz bilden, in dem der Klient gefangen ist.

Aber dies ist leichter gesagt als getan.Ich habe das Problem, welches dem Berater begegnet,  wenn er Zwickmühlen- Situationen gegenüber steht, so beschrieben:

Die beratende Situation selbst ist (von Seiten des Klienten) als Zwickmühlen-Situation konstruiert. Sehr oft tritt der Berater, ohne es zu  bemerken, in diesenBezugsrahmen und ist dann auch gefangen. Er wird  versuchen, mit diesem komplexen Problem mit Hilfe der Konzepte umzugehen,  die er gelernt hat. Aber er wird wahrscheinlich den entscheidenden Punkt nicht  treffen. Um dem Klienten dabei zu helfen, seinem Dilemma zu begegnen und zu  verstehen, wie er oder sie dies aufrecht erhält, ist es notwendig, sie oder ihn mit der  Verzweiflung in Kontakt zu bringen, mit dem Ziel, das Kämpfen innerhalb des  Zwickmühlen – Bezugsrahmens aufgeben zu können. Üblicherweise verlangt dies ein heikles Vorgehen.

Dr. Bernd Schmid

Siehe auch ‚Tetralemma-Arbeit‘:

Zu König Salomon, dem Richter, dessen Weisheit sprichwörtlich war, kamen zwei Nachbarn, die miteinander im Streit lagen. Der erste trug seinen Standpunkt vor. Der Richter hörte aufmerksam zu und sagte zu ihm, als er alles gehört hatte: „Da hast Du recht.“

Dann hörte er den anderen, der alles ganz anders vortrug. Er hörte aufmerksam zu und sagte auch zu ihm, als er alles gehört hatte: „Da hast Du recht.“

Der Wesir, der dem aufmerksam gefolgt war, konnte nicht mehr an sich halten und sprach dem König leise ins Ohr: „Die Aussagen der beiden widersprechen sich völlig. Sie können doch überhaupt nicht beide recht haben!“ Da wandte sich der König ihm zu, lächelte und sagte: „Da hast Du recht.“

Das Tetralemma ist ein Struktur aus der traditionellen indischen Logik zur Kategorisierung von Haltungen und Standpunkten. Es wurde im Rechtswesen verwendet zur Kategorisierung der möglichen Standpunkte, die ein Richter in einem Streitfall zwischen zwei Parteien einnehmen kann. Er kann der einen Partei recht geben oder der anderen Partei oder beiden (jede hat recht) oder keiner von beiden. Diese vier Positionen wurden (…) um die Negation des Tetralemmas (Die sogenannte vierfache Negation) erweitert.

Das Tetralemma ist ein außerordentlich kraftvolles allgemeines Schema zur Überwindung jeder Erstarrung im schematischen Denken. Er stellt also eine Synthese von schematischem Denken und Querdenken auf höherer Ebene dar.“

Mit diesen Worten führt Matthias Varga von Kibéd, der die systemische Therapie um die „Systemischen Strukturaufstellungen“ erweitert hat, in das Thema ein. (Varga v. Kibéd, „Ganz im Gegenteil“, 2003, S.77).

Im Folgenden beschreiben wir zunächst die vier Positionen, also die „Ecken“ des Tetralemmas. Danach kommt die Auflösung des Tetralemmas (die „vierte Negation“ nach Varga von Kibéd).

Die vier Positionen im Tetralemma

Das Eine

Das kann zum Beispiel die Lösung sein, die für den Klienten seine „einzig richtige“ darstellt, die für ihn im Vordergrund steht, oder die er in der Vergangenheit schon immer angewendet hat.

Das Andere:

Das Andere macht die gegenüberliegende Ecke des Tetralemmas aus, es steht gewissermaßen im Gegensatz dazu. Im Beispiel von Varga von Kibéd ist das „der Fehler“. Somit steht es im direkten Gegensatz zur „richtigen Lösung“ (siehe 1. „Das Eine“). Und damit ist das Dilemma perfekt!

Nach unseren Erfahrungen ist es hilfreich, wenn „das Andere“ eine echte Alternative zum „Einen“ ist. Eine einfache Negation des „Einen“ reicht nicht aus, da sie keine eigene Substanz einbringt.

Ein Beispiel: „Mach ich jetzt meine Arbeit oder trinke ich einen Kaffee?“ ist eine echte Alternative. Kaffee ist substantiell etwas anders als Arbeit. „Mach ich jetzt meine Arbeit oder nicht?“ ist nur eine Scheinalternative, da es zur Arbeit noch keine echte Alternative gibt – sie nicht zu tun, ist lediglich eine Vermeidung. Das beweist sich auch in der nächsten Position, wo es darum geht, beides zu sehen. Bei einer Scheinalternative sehen wir nur das Eine – und auf der anderen Seite nichts.

Beides:

Die dritte Position bringt ein neues Element ins Spiel. Sie lässt sich als erste Metaposition zum alten Dilemma definieren. Von dieser außenstehenden Position kann man beide Positionen gleichzeitig betrachten und die Gemeinsamkeit und Unterschiede bei ihnen entdecken. Damit sieht der Betrachter einen neuen „Frame“, so dass typische Reframings möglich werden. Das spricht auch Varga von Kibéd unmittelbar an: „dass die Handlungsweise, die Sie jetzt als Fehler ansehen, zu einer Fülle von wichtigen Einsichten, Lernprozessen und Erfahrungen durch Konfrontation mit den Schwierigkeiten, die aus dem Fehler entstanden, geführt hat…. (a.a.O., S.78).“ Dies ist ein wichtiger Schritt zur Vereinbarkeit der Positionen.

4. „Keins von Beiden“

Während wir in der dritten Position eher noch ein teilnehmender Beobachter waren, der inhaltlich Gemeinsamkeiten und Sinn sucht, können wir in der vierten Position unseren alten Konflikt mit hinreichender Distanz ganz von außen betrachten. Das ist also eine völlig dissoziierte Metaposition. „Wir sind nicht mehr verwickelt. Wir betrachten diese Position daher auch als externe Kontexterweiterung.“ (a.a.O., S.85). Es geht nicht mehr nur um Vereinbarkeit, sondern um den Kontext, in dem das Dilemma, der Gegensatz von Richtig und Falsch, entstanden ist.

Prozessorientiertes Arbeiten

Das Tetralemma ist ein Prozessschema; Varga von Kibéd betont das ausdrücklich und sagt dazu: „Wir haben die vier Positionen nicht von vorneherein, sondern lernen sie erst beim Durchgehen des Tetralemmas kennen…. es entsteht ein Dilemma, ein Hin- und Herpendeln zwischen beiden Positionen. …So erhalten wir ein Sowohl-als-auch, bis sich schließlich beide Pole in der Position Beides verbinden.“

Dadurch entsteht zuweilen eine Position das „weder-noch“ als „ prozesshafte Vorstufe“ zur nächsten Position. In dieser Phase gibt es auch Risiken:

  1. den Rückfall (Aus „das eine“ wird „das Gleiche in Grün“ – karikiert in dem Psychoanalyse-Witz: Ich pinkle noch ins Bett, aber es macht mir nichts mehr aus)
  2. die Symptomverschiebung: Das „Andere“ in anderer Form.

Aber auch diese Phasen können ihr Gutes haben. „Solche Ehrenrunden sind manchmal wichtig, um sich nicht zu schnell zu verändern, denn für eine Veränderung ist auch der richtige Zeitpunkt wichtig.“ (a.a.O., S.90)

Literatur:

Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer: „Ganz im Gegenteil – Tetralemmaarbeitund andere Grundformen Systemischer  Strukturaufstellung für Querdenker und solche, die es werden wollen“. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2003

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