Von der Kunst des Weglassens

Hahn

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Ein 3-Minuten-Kunstwerk

 

In der Beschränkung zeigt sich erst der wahre Meister…..

 

„Suang Li hatte endlich die Würde eines Mandarins erlangt. Er bezog einen neuen Palast, der sieben geschwungene Giebel zeigte. Er nahm zehn neue Diener ins Haus. Der Schneider nahm Maß für ein prächtiges Staatskleid aus Schantungseide mit feurigen Ornamenten. Nur eines fehlte noch. Als Mandarin brauchte er jetzt ein Wappen. Als Wappen hatte sich Suang Li einen Hahn ausgedacht. Er begab sich zu einem großen Künstler, der damals im Reich der Mitte Ansehen genoss, und ersuchte ihn:

„Zeichne mir einen Hahn für mein Wappen.“ Der Künstler verneigte sich vor dem Würdenträger. Der Mandarin hinterließ einen Beutel mit Münzen, von denen hätte der Maler sich viele Wochen ernähren können.

Ein Monat verging. Vergeblich wartete Suang Li auf die bestellte Zeichnung. Schließlich beschloss er, den säumigen Künstler zu mahnen und schickte einen Diener zu ihm. Der berichtete, der Hahn sei erst im Entstehen. Der Mandarin möge noch einen Beutel mit Münzen schicken. Nach abermals vier Wochen des Wartens begab sich Suang Li persönlich zum Haus des Künstlers. Der hieß ihn willkommen, weil jetzt der Hahn fast beendet sei. Sobald der Mandarin ein weiteres Beutelchen hergebe, werde er ihm die Zeichnung zu Füßen legen. Misstrauisch zahlte der Auftraggeber. Der Künstler befahl seinem Diener, ein Blatt Papier auszubreiten; es war vollkommen leer. Dann ergriff er den nassen Pinsel und warf mit wenigen Schwüngen die geforderte Zeichnung hin. Suang Li war ein Mann von ausgesprochenem Kunstverständnis, ein Kenner. Er begriff sogleich, dass soeben vor seinen Augen ein Kunstwerk von hohen Graden entstanden war. Der Künstler hatte wirklich ein Meisterstück geliefert.

„Dein Hahn gefällt mir“, lobte der Mandarin, „nur eines erkläre mir, warum ließest Du mich auf diese Drei-Minuten-Arbeit acht Wochen warten?“ Der Künstler verneigte sich und bat den Würdenträger, er möge ihm folgen. Sie stiegen in das obere Stockwerk, wo sich ein großes Atelier des Künstlers befand. Gleich in der Tür blieb der Mandarin voll Betroffenheit stehen. Was erblickte er? An den Wänden des Ateliers hingen mehr als fünfzig Zeichnungen, die alle nichts anderes darstellten als einen Hahn. Der erste Bogen zeigte ihn völlig naturgetreu in jeder Einzelheit sorgfältig ausgeführt. Auf dem zweiten hatte der Künstler sich einige unbedeutende Kleinigkeiten gespart. Auf dem dritten schon weitere, und so vereinfachten sich die Bilder der Reihe nach, bis schließlich nur ganz wenige Striche blieben.“

Hermann Pörzgen, Das Meisterstück. Chinesische Anektode

 

 

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