Spontanes Tun, entsprungen höchster Aufmerksamkeit

Im Alltagsleben spielt gezieltes ‚Denken‘ für gewöhnlich die Rolle des Probehandelns. Wir bereiten uns auf erwartbare kommende Situationen vor (planen den Unterricht,  planen eine Rede, etc.). Wir stellen uns eine künftige Situation vor, wobei wir unsere eignen bisherigen Erfahrungen sowie diejenigen ‚kompetenter‘ Anderer zu Rate ziehen. Wir verfertigen dann Handlungspläne, die wir dann in Folge ‚umzusetzen‘ haben. In Wirklichkeit  kommt es dann doch immer etwas anders als in unseren Vorstellungen, egal, jetzt müssen wir uns mal gut vorbereiten, sonst können wir nicht bestehen …..

Jedenfalls liegt dieser Art des Vorgehens folgende – von fast allen Menschen geteilte  – Annahme zu Grunde: Vorbereitung braucht unser aktives Wollen, und damit dann aus diesen  ‚theoretischen‘  Plänen später ‚konkrete‘ Handlungen werden, braucht es wieder unser Wollen. Denn jeder Plan ist bloß eine Handlungsmöglichkeit, er wird erst wirklich, wenn wir ihn auch umsetzen. Wer wir? Oh…. unser ‚freies Wollen‘ natürlich.

In dieser Sichtweise werden das tatsächliche Handeln und das verstehende Vorbereiten auf eine Handlungssituation in zwei streng voneinander abgetrennte Abteilungen unserer Persönlichkeit eingeordnet. Über diesen beiden Abteilungen thront der freie Wille. Unsere Vorbereitung auf etwas (z.B. Unterricht) wird als ‚rein theoretische‘ Aktivität betrachtet, und das Erleben der tatsächlichen Unterrichtssituation wird dann als ‚Herausforderung‘ erlebt, als etwas, das uns zu Handlungen nötigt. In unserer Not greifen wir dann gerne auf unsere Vorbereitungen zurück (eine Art ‚Schummelzettel‘).

So erleben doch viele von uns den ‚praktische Alltag‘ – Theorie dort, Praxis hier. Zwischen beiden ein tiefer Graben – nämlich die Angst, praktisch zu versagen. Mit etwas Routine wird der Graben kleiner:  wir sind vertraut mit dem was kommen kann, wir fürchten uns weniger vor dem Neuen (es gibt wenig Neues mehr), und so bereiten wir uns auch weniger vor (denn das benötigte Wissen ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, und das gibt Sicherheit).

► Mit der Zeit tauschen wir die Not des Anfängers, seine Angst vor dem Neuen gegen die Entlastung aber auch Langeweile der Routine.

Theorie und Praxis interessieren einen Routinier wenig, weiß er sich doch in fast allen Situationen zu helfen. Wird er aber mit neuen Herausforderungen konfrontiert, so beginnt das oben beschriebene Spiel  von neuem.

Muss das so sein? Stimmt die Annahme, dass Denken und Handeln zwei unterschiedliche Aktivitäten sind, welche von unserem freien Willen ihren Ausgang nehmen – und welcher dieser miteinander verbindet? Selten wird diese Frage gestellt (vermute ich jetzt mal). – Tun wir es, probehalber.

Das Stellen dieser Frage, oder das aufmerksame Zuhören, wenn diese Frage gestellt wird, hat bereits eine bestimmte Wirkung. Ja, mehr noch, dass man überhaupt auf so eine Frage kommt, ist Ausdruck von etwas. Wovon? Nun, von einer bestimmten Aufmerksamkeitsstimmung, nämlich von einer Gewohnheiten einklammernden Haltung, von einer investigativen Geisteshaltung. Was ich mir und die anderen mir erzählen, stimmt das auch? Zweifel und Skepsis sprechen so. Wer so fragt, der distanziert sich vom Gewohnten, der beginnt ‚outside the box‘ zu denken und zu fühlen.

Gemütlich ist das nicht.

Betritt man so doch neues, unvertrautes Gelände. Und zwar ohne vorgefertigten Plan. Man wagt sich in Gebiete vor, ohne eine Landkarte und ohne einen Plan. Man hat die Annahme, dass Denken und Handeln zwei unterschiedliche Tätigkeiten sind auf diese Weise  praktisch in Frage gestellt. Aber nicht praktisch, sondern auch theoretisch: denn die Erkundungen finden ja im Kopf, im Denken, vermittels Denken statt, und vermittels Nachdenken versuchen wir uns aktuell zu orientieren. Denken und handeln  sind jetzt ein einheitliches Geschehen.

Und so taucht eine weitere Frage auf: könnte man diese Haltung nicht zu seiner Grundhaltung machen? D.h., könnte die erkundende Vorbereitung auf eine künftige Aufgabe nicht bereits wesentlicher Teil der Aufgabe selber gesehen werden? Und die ‚Umsetzung‘ des Vorbereiteten damit nur als der nächste Schritt eines einheitlichen Prozesses? Wenn man das so sehen wollte, dann müsste man aber auch die bisherige ‚Kluft‘ zwischen Theorie und Praxis erkunden, nämlich meine Angst vor dem praktischen Scheitern. Nur so könnte das zu einem vollständigen Erkundungsprozess werden, nur so könnte ich diese Grundhaltung leben.

In den Blick gerät dann, was im vertrauten Bild von Theorie und Praxis systematisch ausgeblendet bleibt: nämlich mein ICH, diese lebendige Einheit von Denken, Erleben und Tun. Ich werde mir dann meines Erlebens von mir und anderen in konkreten Situationen bewusst. Dann gehe ich bewusst von diesem Erleben aus (das ja ohnehin immer da ist, aber keine bewusste Beachtung findet), dann identifiziere ich mich nicht mehr voll und ganz mit diesem Erleben, sondern betrachte es
‚distanzierter‘, nutze es zu meiner Orientierung. Dann bekomme ich Abstand zu mir selbst, kann mir während des Tuns selber über die Schulter schauen. Dann wird mein Wollen tatsächlich ‚freier‘, nämlich frei von dem ansonsten zwanghaftem Befolgen des Gewohnten, freier von den abstumpfenden Wirkungen der unvermeidlichen Routinen, freier von den Ängsten gegenüber Neuem.

Dann kommt mehr Neugier auf – welche ja als die Freude am und aufs Erkunden von Neuem definiert ist. Dann lerne ich ständig um und dazu, und solche Art von Lernen macht dann auch wieder mehr Freude und Spaß: ich lerne bewusster zu leben, erlebe alles bewusster und erlange dadurch auch mehr Kontrolle und Sicherheit mitten im laufenden Geschehen. Ich bin viel ‚selbstbewusster‘ da, weil ich mich und die anderen besser verstehen kann, weil ich dem Neuen aufs Neue begegnen kann – und auch will.

Dann verschwindet die Kluft zwischen Theorie und Praxis.

Die Notwendigkeit der Vor- und Nachbereitung von Handlungssituationen bleibt weiterhin bestehen. Und das ‚sich bewähren‘ in Handlungssituationen auch. Aber alles funktioniert dann viel organischer, flüssiger, vereinheitlichter. Mit mehr Freude und weniger Angst. Mit mehr Mitgefühl und weniger Fremd- und Selbstverachtung (oder Stolz und Neid).

Wenn das viele so machten, dann begegneten einander mehr selbstbewusste Menschen, freiere Menschen lebten und arbeiteten mir freieren Menschen zusammen. Das wäre dann die Verwirklichung dessen, was in unseren Staatverfassungen und Gesetzen steht.

►► Warum passiert es dann aber so wenig und so selten? Warum halten wir so sehr an den alten Vorstellungen von Theorie und Praxis fest (die ja ihren Ursprung in der griechischen Sklavenhaltergesellschaft vor ca. 2 ½ Jahrtausenden haben)? Ist das vielleicht schon die Antwort?

Es gibt seit alters her aber auch Gegentraditionen zu dieser Spaltung, im Osten und Westen. Sie betonen und leben die Einheit von Theorie und Praxis. Unsere industrielle Denk- und Lebensweise hat sie seit längerem in den Hintergrund gedrängt.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus diesen Traditionen, recht unsystematisch, aber anschaulich.

 

  1. Heinirch von Kleist, ‚Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden‘

 

„Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen….

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer

Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere,

kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.“

 

  1. Gilbert Ryle, Die intellektualistische Legende

Ist praktisches Wissen (knowing how) eine Art von theoretischem Wissen (knowing that)? Als der Philosoph Gilbert Ryle dieser Frage Mitte des 20. Jahrhunderts nach­ging, verfolgte er das Ziel, ein bestimmtes Verständnis von Intel­ligenz und intelligenten Tätigkeiten zu hinterfragen, nämlich das herkömmliche Verständnis von intelligenter Praxis. Dieses lautet (die ‚intellektualistische Legende‘): Jede intelligente Praxis sei der Vollzug  und damit Ergebnis eines unbeobachtbaren vorauslaufenden Denkvorgangs. Ein vernünftig Handelnder frage sich, was er in einer gegebenen Situation wohl am besten tun solle, dann besinne er sich auf gültige Regeln, die für seine Situation einschlägig anerkannt wären. Aus diesen Regeln leite er dann sein Tun ab. Intelligentes Handeln sei durch solch theoretisches Regelwissen definiert, theoretisieren gehe jeder intelligenten Praxis voraus.

Ryles Argument lautet: das stimme doch überhaupt nicht. So gingen wir in der Praxis nie vor. Wir reagierten viel schneller, quasi automatisch. Solche reflektieren Denk-Akte wären im praktischen Leben viel zu langsam, um zu funktionieren. Aber das wäre nur ein Hinweis auf ein viel tieferliegendes Problem. Nämlich die Tatsache, dass man bei einem solchen Vorgehen immer mehr Regeln bräuchte, für alle möglichen Situationen; und dann Regeln, welche Regeln man wann zu beachten hätte, usw. usf. Ein unendlicher Regress – und der sei das sicherste Zeichen, dass der ganze Denkansatz falsch sei. – Es gäbe so etwas wie direkte intelligente Praxis, und die funktioniere ganz ohne vorhergehendes Intellektualisieren. Dieses sei selbst eine bestimmte Art von Praxis.

  1. Michael Polanyi, Implizites und explizites Wissen – Wissen und Können ist immer persönlich

Polanyi war ein ungarischer Chemiker, der im Laufe seiner Berufslaufbahn zum Philosophen mutiert ist.  Er versuchte die Tatsache zu verstehen, dass ein Großteil des vorhandenen Könnens und Wissens nicht vollständig explizierbar ist, d.h. in Form theoretischer Regelwerke beschreibbar. Das gilt für jedes praktische Wissen,  ganz grundsätzlich. Alles Handeln sei wissensgesteuert, aber nur der Könner selbst (als Teil einer Gemeinschaft von Experten) sei der, der wirklich „weiß, wie es geht“. Teile seines Wissens können verbalisiert und niedergeschrieben werden (explizites Wissen). Vor allem bei berufserfahrenen Personen, bei Spitzenkönner/inne/n und unter den Bedingungen hohen Handlungsdrucks spielt das ‚implizite‘ Wissen aber eine zunehmend wichtigere Rolle. Es kommt im Tun selbst zum Ausdruck, kann aber nicht oder nur unzulänglich beschrieben. Wissensweitergabe in Form von Berufsausbildung muss daher so organisiert sein, dass dieses nicht-explizierbare Wissen in Form von angeleiteter Praxisteilhabe von Person zu Person übertragen werden kann. Aber die ‚Übertragungsmetapher’ gilt nur sehr eingeschränkt. Denn im Rahmen von eigenständigem Tun muss jeder Neuling die Hinweise seines Lehrers zu deuten verstehen, muss diese für sich selbst in ganz konkreten Handlungssituationen adäquat entschlüsseln können: d.h., er muss fähig sein, sein anfänglich rudimentärer und teilweise auch irrige Verständnis zu verfeinern und schärfen. Durch Übung, Erkundung, Reflexion….durch systematisches Feedback und Selbstfeedback.

Polanyi behauptet, dass jeder systematische Wissenserwerb (am reinsten in den Wissenschaften ausgedrückt) ohne persönliche Hingabe und ohne persönlichen Einsatz niemals über einen bestimmten primitiven Wissensstatus hinausgelangen könne. Persönliches Kommittent gegenüber den anerkannten fachlichen Standards der Praxis-Community und gegenüber den eigenen Überzeugungen und Einsichten seien unabdingbare Voraussetzungen für jeden tiefergehenden Lern- und Erkenntnisprozess. Und genau  das mache den unhintergehbaren ‚persönlichen Faktor’ in allen Wissensanwendungs- und Lernprozessen aus.

Polanyi sagt:

  1. Wissen sei immer sozial vordefiniert und grundgelegt, und damit traditionsabhängig
  2. Wissen gründe daher immer auf kritischer Anerkennung überkommener Autoritäten
  3. Wissen sei grundsätzlich zirkulär – d.h. immer von ersten Annahmen her vordefiniert (erste Annahmen begründen eine ‚Metaphysik‘)
  4. Wissen sei nur teilweise bewusst, d.h. als Teilhabende einer Kultur ‚wissen wir immer mehr als wir sagen können‘.
  5. Wissen komme wesentlich durch Einsicht zustande

 

4. Gene Gendlin, Focusing

Eugene Gendlin, wohl der bedeutendste Schüler von Carl Rogers, sagt:

„Ich nenne den Körper nicht Organismus und auch nicht Leib und auch nicht Energie, denn ich meine damit diesen ganz gewöhnlichen Körper, der da im Sessel sitzt.“ Mit dieser scheinbar einfachen Feststellung bekommt der Körper eine neue Rolle: Er ist jetzt da! Ich habe keinen Körper, ich bin ein Körper. Als Phänomen, nicht als Gedanke, als ‚Körperbild‘. Denn „Körper“ bezeichnet traditionellerweise einen Gegenstand, ein Ding, das man von außen betrachten, das man messen und wägen kann. Ein traditioneller Körper ist eine mathematische Einheit, die sich im geometrischen Raum bewegt wie ein Planet am Newtonschen Himmel.

Es geht als um eine radikal neue Sicht auf den Körper. Es geht darum, diesen „gewöhnlichen Körper, der da im Sessel sitzt“ nicht nur von außen zu betrachten und zu behandeln, sondern ihn von innen zu fühlen. Es geht darum, wirklich aufzunehmen, anzunehmen, wahrzunehmen, dass „Körper“ das Von-innen-Fühlen, das In-Sein, das aktuelle Da-Sein ist. Dieser Körper hat Bedeutung für die Praxis, ihn „brauchen“ wir, um Denken, Fühlen und Handeln zu können. Wir brauchen ihn, weil wir dieser Körper sind. Und dieses körperliche Sein zu erkunden – im Sinne von mit ihm sein, mit ihm verweilen, das sei ‚Praxis‘. Denn aus dieser achtsamen Selbstwahrnehmung des Körpers kämen die relevanten Schritte der Veränderung in einer Situation, also das Wissen, wie  richtig zu handeln sei.

Der Körper ist nicht für sich alleine da. Erst unsere Denk- und Sprachformen trennen ihn als Begriff vom Nicht-Körper, von der Umwelt ab. Der Körper ist immer und von allem Anfang an in Wechselwirkung mit seiner Mitwelt. Der Körper ist in der Situation, er ist ein situationaler Körper. Wenn wir die Augen zu machen und den eigenen Körper von innen fühlen, bemerken wir das sogleich. Wir stellen dann fest, dass der Körper kein in sich abgeschlossenes Gefäß ist, sondern sich in die Situation hinein „ausdehnt“ und die Situation in den Körper „hereinragt“. Wir spüren die jeweilige konkrete Situation in unserem Körper, und unser Körper verändert die Situation, er „macht“ sie. Unser ganzes Leben lang war unser Körper in dieser „Interaktion mit …..“, er hat sich in dieser Interaktion „gebildet“ und er hat in dieser Interaktion die jeweiligen Situationen „gestaltet“. Er war diese Interaktion, und er „weiß“ von den Situationen, mit denen er eins war, ein Körper-Situation-Phänomen. Der Körper „kennt“ auch die gegenwärtige, augenblickliche Situation, weil er in und mit dieser Situation ist und sie miterschafft.  Alle vergangenen Situationen sind im Körper da und interagieren auf implizite Weise mit dem, was jetzt gerade vor sich geht. Dadurch erleben wir die Bedeutungen dessen, was augenblicklich passiert.

Das, was wir in einer konkreten Situation körperlich fühlen (ohne daß wir es schon explizit in Worten wissen), nennt Gendlin einen Felt Sense. Ein Felt Sense ist das körperliche Spüren der Situation. Dieses Gespür ist – vom Standpunkt des expliziten Wissens aus – vage, diffus, unklar. Der Felt Sense ist eine körperliche Stimmung. Man fühlt, dass diese Stimmung mit der Situation, mit etwas im Leben, zu tun hat; man fühlt, dass sie bedeutungsvoll ist, auch wenn man nicht gleich weiß, womit sie konkret zu tun hat, welche konkreten Bedeutungen in dieser Stimmung „enthalten“ sind, und man kann nicht gleich sagen, was man spürt. Es „hat“ noch keine Worte.

Ein Felt Sense ist nicht für sich alleine da. Er ist kein Ding, das in einem abgeschlossenen Behälter darauf wartet, entdeckt zu werden. Ein Felt Sense ist immer bezogen auf etwas. Er „gehört“ zu etwas. Er formt sich zu „etwas“ – fortwährend und immer wieder neu. Dieses „Etwas“ kann alles sein: z.B. die Frage „Wie geht es mir jetzt gerade?“; ein Erlebnis, an das ich mich gerade erinnere; eine Person, die gerade da ist oder die ich mir vorstelle; ein Traum der vergangenen Nacht; ein trauriges Gefühl; ein Problem, das ich habe; eine Ent-scheidung, die ich treffen muss; ein Gedanke, den ich tiefer verstehen möchte; ein Text, den ich gerade lese; usw.

Ich kann also zu jedem „Etwas“ einen Felt Sense entstehen lassen, und auch umgekehrt: Ich kann einen Felt Sense in meinem Körper spüren und ihn dann sozusagen fragen, wozu er gehört und was er bedeutet. Das Kommenlassen und Verweilen mit einem Felt Sense zu etwas heißt Focusing.

  1. Dogen Zenji, Shobogenzo (Ungeiltes Tun)

Zen-Meister Dôgen wurde nach der westlichen Zeitrechnung im Jahr 1200 in Kyôtogeboren. Das Wort Shôbôgenzô setzt sich aus 4 Schriftzeichen zusammen: Shô bedeutet »richtig« oder »wahr«, hô (hier ›bô‹ gelesen) bedeutet »Dharma« oder »die kosmische Ordnung«, gen bedeutet »das Auge« oder »der wesentliche Kern« und zô ist einm »Speicher« bzw. eine Kammer, in der kostbare Schätze aufbewahrt werden.

Shôbôgenzô steht also für eine Schatzkammer, in der das Kostbarste des wahrenDharmas oder der Kern der Lehre Gautama Buddhas aufbewahrt wird: Die Praxis.

Die Praxis der Meditation

Das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweierantagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht, und diese Verfassung von Körper und Geist wird shinjin datsuraku genannt. So bedeutet shinjin datsuraku »Das Fallenlassen von Körper und Geist«, das heißt die Befreiung von dem gewöhnlichen Bewusstsein von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren:

►► „Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes.

Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

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