Relate, Relationen & Kategorien

Woher kommt die Theorie, dass die Relation die Relate bestimmt?

Relate sind traditionell interpretiert selbstseiende Dinge, die mit sich identisch sein sollen und dann, gleichsam „zufällig“, auch in Relationen eintreten. Doch niemand ist „Mutter“, um dann zufällig sich in Relation zu einem „Kind“ zu begeben (eine Frau enthält als Begriff keine Relation zu Kindern, wohl aber zu „Mann“, „anderen Frauen“, „Natur“, „Gesellschaft“ usw.). Im Relat Mutter liegt die Relation zum Kind als Voraussetzung. Diese Denkform gilt für alle Kategorien, aber eben auch für das, was durch diese Kategorien erfasst wird: Geld, Handlung, Sprache usw. Die europäische Philosophie hat sich vom Substanzdenken nur schrittweise entfernt (vgl. z.B. Ernst Cassirer: Substanzbegriff und Funktionsbegriff). In der indischen, genauer der buddhistischen Philosophie wurde das ausführlich zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert diskutiert und weitgehend geklärt. Die Physik ist hier in ihrer (impliziten) erkenntnistheoretischen Position viel weiter als z. B. die Ökonomie: Kein Körper ist ohne Beobachter in Masse und Bewegung definiert; kein Teilchen ohne Beobachter. Es ist die Relation des Experiments, der Beobachtung, der Handlung, in der sich dann die Pole „physikalischer Beobachter/Meßgerät“ und „beobachtetes/gemessenes Objekt“ konstituieren. Ein anderes Gerät ergibt andere „Dinge“ und vielleicht eine andere Physik. Mit dem Auge den Himmel beobachtet (= Relation), ergibt für die erste Reflexion das, was Ptolemäus dann modelliert hat. Ein Umbau des Modells (Planetarien mit der Sonne als Mittelpunkt) ergibt die kopernikanische Wende. Und der Verliebte, der die Sterne betrachtet, sieht weder das eine noch das andere als „Natur“. Doch auch er sieht etwas.

Zu den Kategorien: Wenn ich mich denkend schon immer in Kategorien bewege, wie kann ich daraus ausbrechen? Kann ich etwas ÜBER Kategorien sagen, wenn ich mich immer IN ihnen bewege? Woher weiß ich, was richtige und was falsche Kategorien sind?

Es gibt keine kategoriale Position über den Kategorien, keine Sprache über der Sprache. Die Bedeutungen einer Metasprache müssten aus der Alltagssprache erst übersetzt werden. Man kann nicht – ohne viel Erfahrung in Meditationstechniken – aus dem reflektierenden Denken einfach ausbrechen. Aber Denken ist nicht gleich Bewusstsein. Es gibt das offene, achtsame Gewahren. Das kann man üben und als Quelle der Veränderung von Gedanken entdecken. Jeder kreative Gedanke vollzieht sich so, auch wenn die Herkunft meist unbekannt ist. Man kann sprechend über Sprache sprechen, Begriffe für Begriffe machen usw. So kann man natürlich Kategorien, wie sie je schon mein Denken bestimmen, wiederum reflektieren – „im Spiegel des Bewusstseins“ betrachten. Dies geschieht natürlich immer durch andere Kategorien. Also erweist sich jede Kategorie als abhängig von anderen; sie hat keine Identität und keine Selbstnatur. Ihr Wesen ist das, was sie nicht ist – also ihre Abhängigkeit (kognitiv, gedanklich und praktisch die Handlungen lenkend) von anderen Kategorien. …..“Richtig“ und „falsch“ bei Kategorien ist immer eine Interpretation, klar. Keine Kategorie ist völlig falsch. Eine „falsche“ Kategorie in einer sozialen Situation ist eine, die darin keine innere, keine Teilnahmebedeutung besitzt. Ich gehe erinnernd (oder aus anderen Situationen herkommend: vorstellend) in diese Situation und bemerke, dass bestimmte „Auslegungen“, „Beschreibungen“ darin nicht funktionieren, nicht vorkommen. Z.B. die „Gleichung“ beim Tauschen; das ist eine von außen oktroyierte Behauptung. Niemand setzt beim Tauschen zweier Produkte etwas an oder mit ihnen „gleich“. Oder bei der Kommunikation: Niemand sendet „Informationen“; jeder sagt etwas, also eine bestimmte Bedeutung. Beim Telefonieren kann der Informationsbegriff richtig sein als technischer Begriff – wenn das Rauschen so groß ist, dass ich dich nicht verstehe. Die Teilnahme ist also das Maß, nicht ein äußeres „Wahrheitskriterium“.

Quelle: http://patrickseabird.blogspot.com/2010/12/interview-mit-karl-heinz-brodbeck-uber.html

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