Ein subtiler, stillschweigender Prozess

Einstein, Problem Solving

 „Die Welt hat keine zugelassenen Feiertage, sie ist ein Feiertag. Die Zeit ist [eine] geheime langsame Feier, auf die die Unbeteiligten starren, die am Rand des Festsaals stehen. Der Festsaal ist leer. Wir lesen die Uhren ab, blättern in den Kalendern. Wir haben nicht gelebt. Wir haben uns keine Federn angesteckt, wir sind nicht jeden Tag vor Glück umgesunken, wir haben, in den falschen Häusern, in den verdrehten Kleidern, in den schmerzenden Schuhen, in dem starren Dreck, die Luft, verunreinigt von Abgasen und Gedankenlosigkeit, eingeatmet.“ – Ingeborg Bachmann

„Die Hölle, das sind die Anderen.“ – Jean Paul Sartre

 

„Die Welt ist ein Feiertag…….Der Festsaal ist leer……wir haben nicht gelebt.“

Nicht nur die Dichter, auch Wissenschaft und Philosophie haben herausgefunden, dass wir für gewöhnlich uns gegenseitig das Leben unnötigerweise schwer bis unerträglich machen. Besonders und vor allem in den ‚Keimzellen’ der Gesellschaft, in den Familien.

Was einer erfährt, hat weit weniger mit dem ‚objektiven Geschehen‘ zu tun als mit dem, wie einer darüber denkt (intellektuell, emotional, motorisch). Aldous Huxley hat diesen Sachverhalt eindrücklich in folgender Formel zusammenfasst: „Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt; es ist das, was der Verstand / das Denken daraus macht.“

Daniel Kahneman, Psychologe und Nobelpreisträger, hat diesen Sachverhalt seit langem experimentell nachgewiesen. Er machte in seinen Forschungen eine für ihn überraschende Entdeckung: tatsächlich Erlebtes, also die gemessenen Erfahrungen der Probanden während des Experiments stimmten zumeist keineswegs mit deren subjektiven Bewertungen des Erfahrenen überein. Kahneman nennt diese auf den ersten Blick überraschende Diskrepanz ‚Rüchschaufehler’, Verzerrung des tatsächlich Erlebten (Verzerrung der Eindrücke des ‚erlebenden Selbst’) durch das ‚erinnernde Selbst’. Kahneman zählt diese Verzerrung des ‚objektiv Erlebten’ durch inkongruente subjektive Bewertungen des Erlebten zu  den ‚systematischen Urteilsfehlern’ unseres intuitiven ( = automatisierten, unbewussten) Denkens[1]. Diesen ‚erlebenden Selbstanteil’ unseres Selbst nannte der Quantenphysiker David Bohm schon  lange vor Kahneman (aber in völliger Übereinstimmung mit Kahneman) die ‚stillschweigende Ebene’ unserer Denkprozesse:

„Das kollektive Denken ist mächtiger als das individuelle Denken. Wie bereits erwähnt, ist das individuelle Denken zum größten Teil das Ergebnis kollektiven Denkens und der Interaktion mit anderen Menschen. Die Sprache ist rein kollektiv, und die meisten in ihr enthaltenen Gedanken sind es ebenfalls. Jeder einzelne trägt seinen Teil zu diesen Gedanken bei – er leistet einen Beitrag. Aber nur wenige ändern sehr viel.

Die Kraft der Gruppe ist ungleich höher, als es der Annzahl der Teilnehmer entspricht. Andernorts habe ich gesagt, dass das mit einem Laser verglichen werden könne. Gewöhnliches Licht wird ‘inkohärent’ genannt, was bedeutet, dass es in alle möglichen Richtungen strahlt und die Lichtwellen nicht phasengleich sind, so dass sie nicht einschwingen. Aber ein Laser baut einen sehr konzentrierten Lichtstrahl auf, und der ist kohärent. Die Lichtwellen gewinnen an Kraft, weil alle in dieselbe Richtung gehen. Dieser Strahl kann alle möglichen Dinge bewirken, die gewöhnlichem Licht nicht möglich sind.

Nun könnte man sagen, dass unser normales Denken in der Gesellschaft inkohärent ist – es geht in alle möglichen Richtungen, und die Gedanken widersprechen sich und heben sich gegenseitig auf. Aber wenn Menschen gemeinsam auf kohärente Weise dächten, hätten die Gedanken eine ungeheuerliche Macht. Das ist meine These. In einer Dialogsituation, mit einer Gruppe, die den Dialog eine ganze Weile aufrechterhalten hat, so dass die Teilnehmer einander besser kennen lernen konnten, wäre eine solche kohärente Gedankenbewegung, eine kohärente Kommunikationsbewegung, möglich. Das Denken wäre nicht nur auf der bewussten Ebene kohärent, sondern auch auf der stillschweigenden Ebene, der Ebene, für die wir nur ein vages Gefühl haben. Eine Kohärenz auf dieser Ebene wäre noch wichtiger.

‘Stillschweigend’ bedeutet das, was unausgesprochen bleibt, was nicht beschrieben werden kann – wie das Wissen, das zum Radfahren erforderlich ist. Das stillschweigende Wissen ist das konkrete Wissen, und das kann kohärent sein oder nicht. Ich möchte vorschlagen, dass das Denken in Wirklichkeit ein subtiler, stillschweigender Prozess ist. Der konkrete Denkprozess läuft in hohem Masse stillschweigend ab. Bedeutung wird im wesentlichen stillschweigend angenommen. Das, was wir explizit ausdrücken können, ist nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen. Ich denke, uns allen ist bewusst, dass so gut wie unser ganzes Tun auf dieser Art von stillschweigendem Wissen beruht. Das Denken taucht aus dem stillschweigenden Grund auf, und jede grundlegende Veränderung des Denkens wird aus dem stillschweigenden Grund kommen. Wenn wir also auf der stillschweigenden Ebene kommunizieren, ist vielleicht eine Veränderung des Denkens möglich.

Der stillschweigende Prozess ist gemeinschaftlich. Er wird miteinander geteilt. Es geht nicht nur um die explizite Kommunikation und die Körpersprache und all das, obwohl es ein Teil des untereinander Geteilten ist, sondern um einen tieferen, stillschweigenden Prozess, an dem alle teilhaben. Ich glaube, die ganze Menschheit wusste das eine Million Jahre lang, und in fünftausend Jahren der Zivilisation haben wir dieses Wissen verloren, weil unsere Gesellschaften zu groß wurden, um ihm entsprechend zu handeln. Aber jetzt müssen wir uns wieder darauf besinnen, weil es dringlich geworden ist, dass wir miteinander kommunizieren. Wir müssen ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln und fähig sein, gemeinsam zu denken, damit wir auf intelligente Weise tun können, was auch immer getan werden muss. Wenn wir anfangen, uns dem zu stellen, was in einer Dialoggruppe geschieht, ist das gewissermaßen der Kern dessen, was in der Gesellschaft geschieht. Wenn man allein ist, entgeht einem ein Grossteil dieses Prozesses, und selbst bei einem Gespräch zu zweit bekommt man es nicht richtig mit.“[2]

 

Anmerkungen

[1] „So seltsam es auch erscheinen mag, ich bin mein erinnerndes Selbst, und das erlebende Selbst, das mein Leben lebt, ist für mich wie ein Fremder.“ Daniel Kahneman, Schnelles Denken, Langsames Denken. Siedler, München 2012, S. 481)

[2] Aus: David Bohm, Der Dialog

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