David Bohm: Vom Dialog

Aus : Bohm, David: Der Dialog, Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Klett-Cotta 1998

 

Wir beginnen die Arbeit in einer Dialoggruppe normalerweise, indem wir über den Dialog reden wir besprechen das Thema, erörtern, warum wir uns damit beschäftigen und was Dialog bedeutet und so weiter. Ich halte es nicht für klug, die Arbeit in der Gruppe zu beginnen, ohne dass die Teilnehmer sich mit all dem auseinandergesetzt haben, zumindest in Grundzügen. Man kann es machen, aber dann muss man darauf vertrauen, dass die Gruppe weiter bestehen wird und dass diese Fragen zu einem späteren Zeitpunkt auf den Tisch kommen. Wenn Sie also in Erwägung ziehen, sich in einer Gruppe zu treffen, würde ich vorschlagen, zunächst eine Diskussion oder ein Seminar über das Thema Dialog abzuhalten, und die Interessierten können dann weitermachen und den Dialog führen. Und machen Sie sich keine allzu großen Sorgen darüber, ob Sie nun einen echten Dialog führen oder nicht – das ist eine der geistigen Sperren. Er kann sowohl das eine als auch das andere sein. Also wollen wir das Thema eine Zeitlang erörtern – was ist das Wesen des Dialogs?

Die Bedeutung, die ich dem Wort ‘Dialog’ gebe, unterscheidet sich leicht von der allgemein üblichen Definition. Die etymologische Ableitung eines Wortes hilft uns oft, eine tiefere Bedeutung zu erschließen. ‘Dialog’ kommt von dem griechischen Wort dialogos. Logos heißt ‘das Wort’ oder auch ‘Wortbedeutung, Wortsinn’. Und dia heißt ‘durch’ – nicht ‘zwei’. Ein Dialog kann von einer beliebigen Anzahl von Leuten geführt werden, nicht nur von zweien. Sogar ein einzelner kann einen gewissen inneren Dialog mit sich selbst pflegen. Wesentlich ist, dass der Geist des Dialogs vorhanden ist. Die Vorstellung oder das Bild, das diese Ableitung nahe legt, ist das eines freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fließt. Das macht einen Sinnstrom innerhalb der ganzen Gruppe möglich, aus dem vielleicht ein neues Verständnis entspringen kann. Diese Einsicht ist etwas Neues, das zu Beginn möglicherweise gar nicht vorhanden war. Sie ist etwas Kreatives. Und dieser untereinander geteilte Sinn ist der ‘Leim’ oder ‘Zement’, der Menschen und Gesellschaften zusammenhält.

Vergleichen Sie dies mit dem Wort ‘Diskussion’, das dieselbe Wurzel hat wie ‘Perkussion’ und ‘Konkussion’ (Gehirnerschütterung). In Wahrheit bedeutet es zerschlagen, zerteilen, zerlegen. Betont wird hier der Gedanke der kritischen Analyse, bei der es viele Ansichten geben kann und bei der jeder eine andere Meinung vorträgt, analysiert und zergliedert. Das hat offensichtlich seinen Wert, aber die Möglichkeiten sind begrenzt, und es wird uns über unsere jeweiligen Standpunkte hinaus nicht viel weiterbringen. Eine Diskussion ist fast wie ein Pingpong-Spiel, bei dem Leute Meinungen vor- und zurückschlagen und dessen Ziel es ist, zu gewinnen oder Punkte für sich zu sammeln. Vielleicht greift man die Meinung eines anderen auf, um die eigene zu untermauern – man mag mit einigen Ansichten übereinstimmen und andere ablehnen -, aber der Kernpunkt ist das Gewinnen des Spiels. Bei einer Diskussion ist das sehr häufig der Fall.

Bei einem Dialog jedoch versucht niemand zu gewinnen. Wenn einer gewinnt, gewinnen alle. Es steckt ein anderer Geist dahinter. In einem Dialog wird nicht versucht, Punkte zu machen oder den eigenen Standpunkt durchzusetzen. Vielmehr gewinnen alle, wenn sich heraus stellt, dass irgendeiner der Teilnehmer einen Fehler gemacht hat. Es gibt nur Gewinner, während das andere Spiel ‚Gewinnen –Verlieren’ heißt – wenn ich gewinne, verlierst du. Aber ein Dialog hat eher etwas von gemeinschaftlichem Teilhaben, bei dem wir nicht gegeneinander spielen, sondern miteinander. In einem Dialog gewinnen alle.

Offensichtlich ist vieles von dem, was ‘Dialog’ genannt wird, kein Dialog in dem Sinn, in dem ich das Wort benutze. Beispielsweise gelten die Gespräche, die bei den Vereinten Nationen abgehalten werden, oft als Dialoge, aber diese sind nur in eingeschränktem Sinn als Dialog zu betrachten. Sie sind eher Diskussionen – oder vielleicht Tauschhändel oder Verhandlungen – als Dialoge. Die Teilnehmer sind nicht wirklich gewillt, ihre Grundannahmen in Frage zu stellen. Bei den Abrüstungsgesprächen geht es beispielsweise um untergeordnete Punkte wie die Frage, ob es mehr oder weniger Nuklearwaffen geben soll. Aber der ganze Problemkreis, dass zwei unterschiedliche Systeme existieren, wird nie ernsthaft diskutiert. Es wird vorausgesetzt, dass man darüber nicht reden kann – dass nichts diese Tatsache je ändern könnte. Folglich werden die Verhandlungen nicht ernsthaft geführt, nicht im vollen Ernst. Ein großer Teil von dem, was wir ‘Diskussion’ nennen, wird nicht im vollen Ernst geführt, denn es gibt alle möglichen Dinge, die als nicht verhandelbar angesehen werden und die nicht berührt werden dürfen. Die Leute wollen nicht einmal über diese Dinge reden. Das ist ein Teil unseres Problems.

Also, warum brauchen wir den Dialog? Es fällt den Menschen schwer zu kommunizieren, selbst in kleinen Gruppen. Aber in einer Gruppe von dreißig, vierzig oder mehr Teilnehmern sind die Kommunikationsschwierigkeiten enorm, es sei denn, das Treffen hat eine feste Zielsetzung oder jemand leitet die Gruppe. Warum ist das so? Zum einen hat jeder Mensch andere Annahmen und Meinungen. Es handelt sich um grundlegende Annahmen – nicht einfach um oberflächliche Ansichten – wie Annahmen über denn Sinn des Lebens, über das, was im eigenen Interesse liegt, über die Interessen unseres Landes oder unser religiöses Interesse: über das, was wir für wirklich wichtig halten. Und diese Annahmen werden verteidigt, wenn sie in Frage gestellt werden. Häufig können die Leute der Versuchung nicht widerstehen, ihre Annahmen zu verteidigen, und sie neigen dazu, das hoch emotional zu tun. Wir werden später noch ausführlicher darauf eingehen, aber ein Beispiel werde ich jetzt schon geben. Vor einigen Jahren organisierten wir einen Dialog in Israel. In einer Phase des Dialogs wurde über Politik diskutiert, und jemand bemerkte, eher beiläufig: ‘Es ist vor allem der Zionismus, der einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Arabern im Weg steht. Er ist das Haupthindernis.’ Er sagte das sehr ruhig. Dann konnte sich ein anderer Teilnehmer plötzlich nicht mehr beherrschen und sprang auf. Er war emotionsgeladen. Sein Blutdruck war hoch, und seine Augen traten hervor. Er rief: ‘Ohne den Zionismus würde das Land zerfallen!’

Dieser Mann hatte eine Grundannahme, und der andere hatte eine andere. Und diese beiden Annahmen standen im Widerspruch zueinander. Die Frage ist dann: ‘Was können wir tun?’ Sehen Sie, das ist die Art Annahmen, die all die politischen Probleme verursachen, und zwar auf der ganzen Welt. Und der Fall, den ich gerade beschrieb, ist relativ einfach im Vergleich zu manch anderen Annahmen, mit denen wir in der Politik fertig werden müssen. Der Punkt ist: wir haben alle möglichen Annahmen, nicht nur über Politik, Wirtschaft oder Religion, sondern auch darüber, was ein Mensch tun sollte oder worum es im Leben geht und so weiter.

Wir können diese Annahmen auch ‘Meinungen’ nennen. Eine Meinung ist eine Annahme. Das Wort ‘Meinung’ wird in verschiedenen Sinnzusammenhängen gebraucht. Wenn ein Arzt eine Meinung hat, ist diese Meinung die beste Annahme, zu der er aufgrund der medizinischen Befunde kommen kann. Vielleicht wird er dann sagen: ‘Gut, ich bin mir nicht ganz sicher, also lassen Sie uns eine zweite Meinung einholen.’ In dem Fall wird er, wenn er ein guter Arzt ist, nicht reagieren, um seine Ansicht zu verteidigen. Sollte sich heraußtellen, dass sich die zweite Meinung von seiner unterscheidet, springt er nicht emotional hochgeladen auf, wie es der Mann vorhin bei der Zionismusdiskussion tat, und ruft: ‘Wie können Sie so etwas behaupten?’ Die Meinung dieses Arztes wäre ein Beispiel für eine rationale Meinung. Aber die meisten Meinungen sind nicht rational, sondern werden mit einer starken Gefühlsreaktion verteidigt. Mit anderen Worten, die Menschen identifizieren sich mit ihren Meinungen. Sie sind eng an die Bedeutung, die das Eigeninteresse für sie hat, gebunden.

Der Punkt ist: der Dialog muss all den Zwängen auf den Grund gehen, die hinter unseren Annahmen stehen. Der Dialog befasst sich mit den Denkprozessen hinter den Annahmen, nicht nur mit den Annahmen selbst.

 

Dialog und Denken

 

Die verschiedenen Meinungen, die wir haben, sind ein Ergebnis der Gedanken, die wir einmal gedacht haben: sämtlicher eigenen Erfahrungen, dessen, was andere Leute gesagt haben und von was nicht sonst noch alles. All das ist in unser Gedächtnis einprogrammiert.

Es ist wichtig, das zu erkennen. Später identifizieren wir uns vielleicht mit diesen Meinungen und reagieren, um sie zu verteidigen. Aber das macht weinig Sinn. Wenn die Meinung richtig ist, braucht sie eine solche Reaktion nicht. Und wenn sie falsch ist, warum sollten wir sie verteidigen? Aber wenn wir uns mit ihr identifizieren, werden wir sie verteidigen.

Es ist, als würden wir selbst angegriffen, wenn unsere Meinungen in Frage gestellt werden. Meinungen werden daher oft als ‘Wahrheiten’ erlebt, obwohl sie vielleicht lediglich unseren eigenen Annahmen und unserer Vorgeschichte entspringen. Wir haben sie von unseren Lehrern, unserer Familie, aus Büchern oder sonst woher. Dann identifizieren wir uns aus irgendeinem Grund mit ihnen, und wir verteidigen sie.

Im Grunde ist es Ziel des Dialogs, dem Denkvorgang auf den Grund zu gehen und den kollektiven Ablauf der Denkprozesse zu ändern. Dem Denken als Vorgang haben wir eigentlich nie sonderlich viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wir denken, aber unsere Aufmerksamkeit gilt lediglich dem Gedankeninhalt, nicht dem Vorgang an sich. Warum erfordert das Denken Aufmerksamkeit? Nun, schließlich erfordert alles Aufmerksamkeit. Wenn wir´Maschinen laufen ließen, ohne uns groß um sie zu kümmern, würden sie bald nicht mehr funktionieren. Unser Denken ist ebenfalls ein Prozess, und der erfordert unsere Aufmerksamkeit, wenn nicht alles schief gehen soll.

Ich werde versuchen, einige Beispiele anzuführen. Eine der auftretenden Schwierigkeiten ist die Fragmentierung, die ihren Ursprung im Denken hat – es ist das Denken, das alles zerteilt und aufspaltet. Jede Teilung, die wir vornehmen, ist das Resultat unserer Denkweise. In Wirklichkeit besteht die ganze Welt aus ineinander fließenden Übergängen. Aber wir wählen bestimmte Dinge aus und trennen sie von anderen, zunächst aus Bequemlichkeit. Später messen wir dann der erfolgten Unterscheidung große Bedeutung bei. Wir bilden separate Nationen, die gänzlich ein Resultat unseres Denkens sind, ebenso wie die Trennung in verschiedene Religionen und die Abgrenzungen innerhalb der Familie. Die Struktur der Familie in unserer Gesellschaft ist auf unsere Denkweise zurückzuführen.

Die Fragmentierung ist eine der Schwierigkeiten des Denkens, aber die Wurzeln liegen tiefer. Das Denken ist sehr aktiv, aber der Denkprozess denkt, dass er gar nichts tut, sondern einem nur mitteilt, wie die Dinge eben sind. Fast alles um uns herum entspringt im Grunde dem Denken – Häuser, Fabriken, Bauernhöfe, Strassen, Schulen, Nationen, Wissenschaft, Technologie, Religion. Sie können anführen, was immer Sie wollen. Unser Denken ist Ursache aller ökologischen Probleme, denn wir haben gedacht, die Welt sei da, damit wir sie ausbeuten können, und sie sei unbegrenzt, so dass wir unbedenklich Luft, Wasser und Erde verschmutzen können, ohne dass es etwas ausmacht.

Wenn wir irgendwo ein ‘Problem’ sehen, ob nun Umweltverschmutzung, Kohlenmonoxid oder was auch immer, sagen wir uns: ‘Wir müssen dieses Problem lösen.’ Aber durch die Natur unseres Denkens produzieren wir fortwährend diese Art Problem: nicht nur ein bestimmtes Problem, sondern diese Art Problem. Wenn wir weiterhin denken, dass die Welt ausschließlich zu unserer Bequemlichkeit da sei, werden wir sie weiterhin ausbeuten und irgendwo ein anderes Problem schaffen, sobald eins gelöst ist. Wenn wir beispielsweise die Umweltverschmutzung in den Griff bekommen sollten, werden wir dadurch irgendein anderes Problem hervorrufen, vielleicht wirtschaftliches Chaos. Wir können die Gentechnik einsetzen, aber wenn schon die ganz normale Technik solche gewaltigen Probleme verursachen kann: malen Sie sich einmal aus, in welchen Schlamassel wir erst durch die Gentechnik geraten könnten – sofern wir unsere Denkweise beibehalten. Die Gentechnik wird je nach Lust und Laune der Verantwortlichen und ihrer Denkweise entsprechend eingesetzt werden.

Der entscheidende Punkt ist: Das Denken bewirkt etwas, sagt aber, ich war’s nicht. Und das ist ein Problem. Das Schlimme ist: einige der vom Denken hervorgebrachten Resultate gelten als äußerst wichtig und wertvoll. Das Denken hat die Nation hervorgebracht, und es erklärt, dass die Nation einen außerordentlich hohen Stellenwert hat, einen überragenden Stellenwert, und Vorrang vor fast allem anderen besitzt. Dasselbe kann von der Religion gesagt werden. Dadurch wird die Gedankenfreiheit beeinträchtigt, denn wenn die Nation einen so hohen Stellenwert hat, ist es notwendig, diese Denkweise beizubehalten. Daher muss ein Druck erzeugt werden, der sie sicherstellt. Ein Impuls ist erforderlich, weiterhin der eigenen Nation, der eigenen Religion, der eigenen Familie oder wem auch immer extrem hohe Bedeutung einzuräumen, und es muss sichergestellt werden, dass alle anderen diesen Impuls auch haben. Man muss verteidigen, was einem so lieb und teuer ist.

Wenn man etwas verteidigen will, muss man die Verteidigung zuerst denken. Gedanken, die die Sache, die man verteidigen will, in Frage stellen könnten, müssen beiseite geschoben werden. Das geht nicht ohne Selbsttäuschung ab. Man schiebt einfach Tatsachen und Standpunkte beiseite, die man lieber nicht anerkennen will, indem man sich sagt, dass sie falsch sind, indem man Tatsachen verdreht und so weiter. Das Denken verteidigt seine Grundannahmen gegen Hinweise, dass sie falsch sein könnten.

Wenn wir uns damit auseinandersetzen wollen, müssen wir das Denken genauer untersuchen, weil hier die Ursache des Problems liegt. Wenn wir ein Problem haben, sagen wir normalerweise: ‘Ich muss darüber nachdenken, damit ich das Problem lösen kann.’ Aber wie ich zu erklären versuche, ist ja eben das Denken das Problem. Was also sollen wir tun? Lassen Sie uns zunächst zwei Arten des Denkens betrachten, das individuelle und das kollektive. Ich als Individuum kann die verschiedensten Dinge denken, aber ein Großteil des Denkens ist kollektiven Ursprungs und uns allen gemeinsam. Tatsächlich stammt das meiste aus einer kollektiven Quelle. Sprache ist kollektiv. Die meisten unserer Grundannahmen stammen aus dem Reservoir unserer Gesellschaft, eingeschlossen unsere Annahmen über das richtige Funktionieren der Gesellschaft, über Beziehungen, Institutionen und darüber, was für eine Art Mensch wir sein sollen. Daher müssen wir sowohl dem individuellen als auch dem kollektiven Denken unsere Aufmerksamkeit zuwenden.

Im Dialog kommen Menschen zusammen, die in der Regel einen anderen individuellen Hintergrund haben und so unterschiedliche Grundannahmen und Meinungen besitzen. In fast jeder Gruppe wird man wahrscheinlich eine Vielzahl von Annahmen und Meinungen finden, derer sich die Teilnehmer im Moment vielleicht gar nicht bewusst sind. Es ist eine Frage der Kultur. Die Gesamtkultur setzt sich aus unzähligen Meinungen und Annahmen zusammen, die gemeinsam diese Kultur ausmachen. In Jeder Gesellschaft gibt es jedoch viele Subkulturen, die sich auf irgendeine Weise voneinander unterscheiden: nach ethnischer Herkunft oder wirtschaftlicher Situation, Rasse, Religion und tausend anderen Faktoren.

Jeder einzelne kommt aus einer anderen Kultur oder Subkultur in die Gruppe, und seine Annahmen und Meinungen unterscheiden sich von denen der anderen. Den Teilnehmern mag das nicht bewusst sein, aber sie haben die Tendenz, ihre Annahmen und Meinungen reaktiv gegen Hinweise zu verteidigen, dass sie nicht richtig sind, oder einfach die Tendenz, sie gegen Andersdenkende zu verteidigen.

Wenn wir unsere Meinungen auf diese Art verteidigen, werden wir keinen echten Dialog führen können. Und oft verteidigen wir unsere Meinungen unbewusst. Normalerweise tun wir es nicht mit Absicht. Zuzeiten mag uns bewusst sein, dass wir sie verteidigen, aber meistens werden wir dessen nicht gewahr. Wir haben nur das Gefühl, dass etwas so wahr und richtig ist, dass wir gar nicht anders können, als zu versuchen, diese dumme Person davon zu überzeugen, wie unrecht sie hat, wenn sie anderer Meinung ist als wir.

Das scheint die natürlichste Sache der Welt zu sein. Scheinbar ist es unvermeidlich. Aber wenn wir einmal darüber nachdenken, ist es eigentlich unmöglich, auf dieser Basis eine gut funktionierende Gesellschaft aufzubauen. Die Demokratie soll auf diese Weise arbeiten, aber es läuft nicht so, wie es laufen sollte. Wenn jeder eine andere Ansicht hat, gibt es lediglich einen Wettstreit der Meinungen, den der Stärkste gewinnen wird. Der Stärkste ist nun nicht notwendigerweise der mit der richtigen Meinung, und vielleicht hat auch keiner recht. Und so stellen wir es nicht richtig an, wenn wir versuchen, uns zu einigen. Das Problem tritt auf, wann immer Menschen zum Dialog zusammentreffen oder beispielsweise Mitglieder einer gesetzgebenden Körperschaft oder Geschäftsleute versuchen, sich zu einigen. Wenn wir alle zusammen eine Aufgabe zu erfüllen hätten, würden wir wahrscheinlich feststellen, dass jeder einzelne verschiedene Meinungen und Annahmen hat, so dass eine Bewältigung der Aufgabe uns schwer fallen würde. Die Gemüter könnten sich gewaltig erhitzen. Tatsächlich sehen sich große Unternehmen häufig mit dem Problem konfrontiert, dass alle Führungskräfte unterschiedlicher Meinung sind und sich nicht einigen können. Folglich arbeitet das Unternehmen ineffektiv, fängt an, Verluste zu machen, und meldet Konkurs an. Es wird versucht, Gruppen zu gründen, in denen Topmanager miteinander sprechen können.

Wenn Politiker das ebenfalls täten, wäre das eine gute Sache. Religiöse Menschen wären sicher am schwersten zu bewegen, sich zu einigen. Die Annahmen der verschiedenen Religionen sind so tief verwurzelt, dass mir kein Fall bekannt ist, wo zwei Religionen oder selbst Untergruppen derselben Religion nach einer Spaltung wieder zusammengekommen wären. Die christliche Kirche beispielsweise versucht seit Ewigkeiten durch Gespräche zwischen den Konfessionen die Spaltung zu überwinden, aber es bleibt alles beim alten. Es werden Gespräche geführt, und eine Annäherung scheint sich anzubahnen, aber dann passiert nie etwas. Sie reden von Einheit, Eintracht und Liebe, aber die anderen Annahmen sind stärker. Sie sind uns einprogrammiert. Einige religiöse Menschen machen den ernsthaften Versuch, sich zu einigen, aber es scheint, dass sie es einfach nicht schaffen.

Auch Wissenschaftler geraten in diese Situation. Jeder hält an seiner Sichtweise der Wahrheit fest, so dass keine Einigung möglich ist. Oder sie haben verschiedene Eigeninteressen. Ein Wissenschaftler, der für eine Firma arbeitet, die die Umwelt verschmutzt, hat vielleicht ein gewisses Eigeninteresse zu beweisen, dass die Verschmutzung unbedenklich ist. Und ein anderer mag ein Eigeninteresse daran haben, das Gegenteil zu beweisen. Und vielleicht gibt es irgendwo einen unparteiischen Wissenschaftler, der versucht, sich ein Urteil darüber zu bilden.

Die Wissenschaft soll angeblich der Wahrheit und den Fakten verpflichtet sein und die Religion einer anderen Art von Wahrheit und der Liebe. Aber das Eigeninteresse und die Annahmen gewinnen die Oberhand. Wir wollen keineswegs den Stab über diese Leute brechen. Es ist nur so, dass Annahmen oder Meinungen wie Computerprogramme in den Köpfen stecken. Und diese Programme gewinnen die Oberhand, trotz bester Absichten – sie bringen ihre eigenen Absichten hervor.

Wir könnten also sagen, dass eine Gruppe von ungefähr zwanzig oder vierzig Teilnehmern fast ein Mikrokosmos der Gesamtgesellschaft ist. Wie bei den Gruppen, die wir gerade betrachtet haben, gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Meinungen und Annahmen. Es ist auch möglich, mit nur einer Person oder mit zwei, drei oder vier Personen einen Dialog zu führen, und selbst ein einzelner kann die dialogische Haltung verinnerlichen und bei sich alle Meinungen abwägen, ohne sich für eine zu entscheiden. Aber eine zu kleine Gruppe arbeitet nicht allzu gut. Wenn fünf oder sechs Leute zusammenkommen, können sie sich normalerweise so weit einander anpassen, dass sie nichts zur Sprache bringen, was die anderen aufregen oder beunruhigen könnte. Es kommt zu einer ‘bequemen Anpassung’. Es gelingt den Teilnehmern ohne weiteres, sehr höflich zueinander zu sein und problematischen Themen auszuweichen. Und wenn es in einer so kleinen Gruppe tatsächlich zu einer Konfrontation zwischen zwei oder mehr Teilnehmern kommt, lässt sich der Streit sehr schwer beilegen. Er fährt sich fest. In einer größeren Gruppe hingegen mögen die Teilnehmer am Anfang sehr wohl höflich sein, aber nach einer Weile gelingt es ihnen selten, alle schwierigen Themen zu umgehen. Die Höflichkeit hält nicht lange vor. In einer Gruppe, die aus weniger als ungefähr zwanzig Teilnehmern besteht, kann das anders sein, weil die Leute sich kennen lernen und um die ‘heissen Eisen wissen, die es zu vermeiden gilt. Es ist ihnen möglich, das alles zu berücksichtigen. Es ist nicht zu viel. Aber in einer Gruppe von vierzig oder fünfzig ist es zu viel.

Wenn Sie also die Annzahl der Gruppenmitglieder auf ungefähr zwanzig erhöhen, geschieht etwas, ein Prozess kommt in Gang. Mehr als vierzig Leute lassen sich schlecht in einem Kreis unterbringen – allerdings wären zwei konzentrische Kreise denkbar. In einer Gruppe dieser Größe erhalten wir langsam eine ‘Mikrokultur’ der Gesellschaft. Das heißt, genug Teilnehmer aus unterschiedlichen Subkulturen mit einem breiten Spektrum von Standpunkten beteiligen sich, so dass eine Art Mikrokosmos der Gesamtkultur entsteht.

Und dann beginnt die Frage der Kultur – des kollektiven, untereinander geteilten Sinns – eine Rolle zu spielen. Das ist entscheidende, denn diese kollektiv geteilte Bedeutung hat große Macht. Das kollektive Denken ist mächtiger als das individuelle Denken. Wie bereits erwähnt, ist das individuelle Denken zum größten Teil das Ergebnis kollektiven Denkens und der Interaktion mit anderen Menschen. Die Sprache ist rein kollektiv, und die meisten in ihr enthaltenen Gedanken sind es ebenfalls. Jeder einzelne trägt seinen Teil zu diesen Gedanken bei – er leistet einen Beitrag. Aber nur wenige ändern sehr viel.

Die Kraft der Gruppe ist ungleich höher, als es der Annzahl der Teilnehmer entspricht. Andernorts habe ich gesagt, dass das mit einem Laser verglichen werden könne. Gewöhnliches Licht wird ‘inkohärent’ genannt, was bedeutet, dass es in alle möglichen Richtungen strahlt und die Lichtwellen nicht phasengleich sind, so dass sie nicht einschwingen. Aber ein Laser baut einen sehr konzentrierten Lichtstrahl auf, und der ist kohärent. Die Lichtwellen gewinnen an Kraft, weil alle in dieselbe Richtung gehen. Dieser Strahl kann alle möglichen Dinge bewirken, die gewöhnlichem Licht nicht möglich sind. Nun könnte man sagen, dass unser normales Denken in der Gesellschaft inkohärent ist – es geht in alle möglichen Richtungen, und die Gedanken widersprechen sich und heben sich gegenseitig auf. Aber wenn Menschen gemeinsam auf kohärente Weise dächten, hätten die Gedanken eine ungeheuerliche Macht. Das ist meine These. In einer Dialogsituation, mit einer Gruppe, die den Dialog eine ganze Weile aufrechterhalten hat, so dass die Teilnehmer einander besser kennen lernen konnten, wäre eine solche kohärente Gedankenbewegung, eine kohärente Kommunikationsbewegung, möglich. Das Denken wäre nicht nur auf der bewussten Ebene kohärent, sondern auch auf der stillschweigenden Ebene, der Ebene, für die wir nur ein vages Gefühl haben. Eine Kohärenz auf dieser Ebene wäre noch wichtiger.

‘Stillschweigend’ bedeutet das, was unausgesprochen bleibt, was nicht beschrieben werden kann – wie das Wissen, das zum Radfahren erforderlich ist. Das stillschweigende Wissen ist das konkrete Wissen, und das kann kohärent sein oder nicht. Ich möchte vorschlagen, dass das Denken in Wirklichkeit ein subtiler, stillschweigender Prozess ist. Der konkrete Denkprozess läuft in hohem Masse stillschweigend ab. Bedeutung wird im wesentlichen stillschweigend angenommen. Das, was wir explizit ausdrücken können, ist nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen. Ich denke, uns allen ist bewusst, dass so gut wie unser ganzes Tun auf dieser Art von stillschweigendem Wissen beruht. Das Denken taucht aus dem stillschweigenden Grund auf, und jede grundlegende Veränderung des Denkens wird aus dem stillschweigenden Grund kommen. Wenn wir also auf der stillschweigenden Ebene kommunizieren, ist vielleicht eine Veränderung des Denkens möglich.

Der stillschweigende Prozess ist gemeinschaftlich. Er wird miteinander geteilt. Es geht nicht nur um die explizite Kommunikation und die Körpersprache und all das, obwohl es ein Teil des untereinander Geteilten ist, sondern um einen tieferen, stillschweigenden Prozess, an dem alle teilhaben. Ich glaube, die ganze Menschheit wusste das eine Million Jahre lang, und in fünftausend Jahren der Zivilisation haben wir dieses Wissen verloren, weil unsere Gesellschaften zu groß wurden, um ihm entsprechend zu handeln. Aber jetzt müssen wir uns wieder darauf besinnen, weil es dringlich geworden ist, dass wir miteinander kommunizieren. Wir müssen ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln und fähig sein, gemeinsam zu denken, damit wir auf intelligente Weise tun können, was auch immer getan werden muss. Wenn wir anfangen, uns dem zu stellen, was in einer Dialoggruppe geschieht, ist das gewissermassen der Kern dessen, was in der Gesellschaft geschieht. Wenn man allein ist, entgeht einem ein Großteil dieses Prozesses, und selbst bei einem Gespräch zu zweit bekommt man es nicht richtig mit.

 

 

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