Das ICH – eine ‚Denk-Fühl-und Handlungsblase’

Fast jeder Mensch bewegt sich ständig  zirkulär in seinem persönlichen ‚Referenzsystem’, in seiner ‚Denk-Fühl-und Handlungsblase’, Um einander aber kommunikativ begegnen zu können, muss man in die Denk- und Fühlwelt des Gegenübers eintreten, sich an diese ‚ankoppeln’ können. Das ist aber gar nicht so einfach, denn…..

„…es ist nämlich grundsätzlich nicht möglich, aus der eigenen ‚Blase‘ herauszutreten und sie sozusagen von außen zu betrachten. Dies hängt namentlich damit zusammen, dass sie weitgehend aus ‚Selbstverständlichkeiten‘ besteht, das heißt unbewusst ist. Die Folge sind unausweichliche Verzerrungen unserer Wahrnehmung – insbesondere auch der Wahrnehmung fremder Bezugssysteme -, die trotz möglichen Bewusstseins über diesen Sachverhalt immer nur teilweise abbaubar sind. Mit anderen Worten, es gibt, wie mehrfach schon erwähnt, keine ‚objektiven Wahrheiten‘, sondern bloß ‚operationale Stimmigkeiten‘ innerhalb eines selektiven Kontexts. Zugleich zeichnen sich die genannten ‚Blasen‘ durch ihre relative Kohärenz und Geschlossenheit aus. Zwar nehmen auch sie durch Assmilation und Akkomodation dauernd Elemente der Außenwelt in sich auf und verändern dadurch im Interaktionsbereich stets ein wenig ihre Struktur. Indessen bleibt ihre Grundorganisation, in Übereinstimmung sowohl mit psychoanalytischen Erkenntnissen wie mit den von Maturana et al. Entwickelten Konzepten  über die Eigenschaften selbstorganisatorischer Systeme, immer dieselbe: Da alle Operationen  in einem solchen System der Aufrechterhaltung der charakteristischen Eigenorganisation dienen, bildet auch das ‚psychische System‘ ein operational in sich geschlossenes Ganzes. Diese funktionelle Geschlossenheit von Eigenwahrheiten kommt, wie erläutert, namentlich dadurch zustande, daß sie sich durch die Regulation von Wahrnehmung und Kommunikation rekursiv immer wieder selber bestätigen und rekonstruieren.

Diese tief in grundlegenden, biologischen Mechanismen verankerte Funktionsweise der Psyche ist zweifellos für das Überleben in einer einigermaßen stabilen natürlichen Umwelt höchst sinnvoll. In einer enorm rasch veränderlichen, hochtechnisierten Welt wie der unsrigen mit ihrer zunehmend intensiven, allseitigen Kommunikation  zwischen Menschengruppen mit total verschiedenem Erfahrungshintergrund jedoch kann die darin enthaltene Beschränkung – eben die Unmöglichkeit des Heraustretens aus der eigenen ‚Blase‘ – zur ernsten Gefahr werden. Da die Vorstellungen und Wertsysteme von Menschen anderer Herkunft sich notwendigerweise stark unterscheiden, sind heftige Spannungen und Konflikte unvermeidlich, besonders, wenn die Bezugssysteme abrupt aufeinander prallen.

……..

Ganz abgesehen von massiv implizierten, handfesten materiellen Interessen sollte man nicht vergessen, dass auch auf der geistig – ideologischen Ebene alle solchen Kontakte…..eine tiefgehende Infragestellung der eigenen Identität, und damit eine existentielle Gefährdung bedeuten. Nichts muss heftiger abgewehrt werden als eine derartige Infragestellung – und kein Abwehrmechanismus steigert bekanntlich die ‚Identität’, das heißt den psychosozialen Zusammenhalt eines psychosozialen Systems, mehr als die Aggression gegen einen äußeren Feind. Aggressive Abwehrreaktionen gegen andersartige ‚Eigenwahrheiten’ sind deshalb ganz ähnlich wie Unverträglichkeitsreaktionen im biologischen Bereich zunächst nur  die logische – und an sich durchaus sinnvolle – Folge von selbstorganisatorischen Regulationen.“[1]

Anm.:

[1] Luc Ciompi, Außenwelt, Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1988, S.295f

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