DER ‚FRISCHE‘ BLICK: Hinschauen – Hinspüren

Aufmerksamkeit für sinnliche Erfahrungen

Da hat jemand vor gut anderthalb Jahrhunderten einen etwas stacheligen Satz riskiert: „Was ist das Schwerste vor allem?“ (Man mag sich da zunächst Antwortrichtungen ausmalen: Schmerzen oder Ungewissheiten aushalten, Armut, Tod, unlösbare Probleme, Verlassenheit usw.) Es geht weiter: „Was dir das Leichteste dünkt“, (Zwischengedanke: Wie das? Was mir leicht von der Hand geht, was ich gut kann – wie soll das das Schwerste sein. Ich müsste es doch auch als das Schwerste spüren)

Fortsetzung: Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt“. Ich nenne den Autor nicht, sein Name weckt allenfalls Ehrfurchtgefühle, die das Nachdenken erstarren lassen, der fatale Effekt, den Denkmalgrößen erzeugen.

Aber was meint er? Einwände drängen sich auf: Denken über Unbekanntes kann schwer sein – man zerbricht sich den Kopf, aber hinschauen auf das, was vor Augen liegt – nichts leichter als das. Allenfalls eine Kopfbewegung, eine angemessene Beleuchtung, aber lässt sich eine einfachere und selbstverständlichere „Art“ mit der Welt sinnlich in Kontakt zu kommen, denken? Und was soll die komische Formulierung: „MIT DEN AUGEN ZU SEHEN“? Kann man denn mit etwas anderem als mit den Augen sehen, fragt unser gesunder Menschenverstand dagegen. Und so neigen wir zur Tagesordnung überzugehen – vielleicht denkt er an Mikroskope, die unsere Sehschwäche in bestimmten Bereichen beweisen, aber was soll das schon bringen…

Behauptet wird, dass ein schreiender Gegensatz besteht zwischen unsrem alltäglichen Meinen und dem tatsächlichen Sachverhalt. Es ist etwas ganz unbekannt, weil es uns so bekannt scheint. Und das in einem Bereich, in dem wir uns wie der Fisch im Wasser zuhause fühlen, im sinnlichen Umgang mit der Welt, die wir in jener wachen Lebenssekunde pflegen und beherrschen. Um eine erste Spur anzudeuten: man mag sich erinnern an die ersten Blicke und Wahrnehmungen beim Betrachten und Beziehen einer neuen Wohnung, eines neuen Zimmers – und man mag sie vergleichen mit dem Blick nach fünf Jahren. Ein anderes Sehen, ein anderes Wahrnehmen. Der Hirnforscher GERHARD ROTH hat seine Leser darauf aufmerksam gemacht, wie unterschiedlich die Aufmerksamkeit von jedem von uns ist, wenn er zum ersten mal ein ihm unbekanntes Arztwartezimmer betritt und wenn er zum wiederholten Mal in einen ihm inzwischen gutvertrauten Raum kommt. Im ersten Fall schaut und spürt man auf Einzelheiten und Zusammenhänge hin, im zweiten Fall genügt ein schneller Blick, der aus wenigen Merkmalen blitzartig ableitet: alles normal, wie immer – man braucht gar nicht mehr hinzuschauen, man weiß Bescheid. Und Roth zeigt, dass hier unterschiedliche Gehirnfunktionen am Werk sind – hier das Knüpfen neuer Verbindungen angesichts unbekannter Wahrnehmungsgegebenheiten, dort das Abrufen schon gespeicherter Verbindungen mit erheblich weniger Energieaufwand, aber auch mit wesentlich weniger originärer Weltberührung. Um auf das Eingangszitat zurückzukommen: Wir sehen offenbar doch nicht nur und immer mit den Augen, unsere Augenwahrnehmungen, das zeigen ganz banale Alltagsgeschichten, sind unterströmt (um nicht zu sagen gesteuert) von Vorerfahrungen, Erwartungen, die im Hinschauen am Werk sind. Und es wäre eine wichtige Unterscheidung gewonnen: die zwischen einem Hinschauen, das von Neuem, Unbekanntem sich betreffen ließe – und einem Blick, der wiedererkennt und einordnet, ohne sich aufstören zu lassen, weil alles normal und bekannt ist.

Um es ein für allemal zu sagen: es geht nicht darum, die beiden Blicke, die beiden Weltzuwendungen gegeneinander auszuspielen, wir brauchen beide zum Überleben. Wohl aber ist die Unterscheidung wichtig, weil jenes Hinschauen und Hinspüren, das Neues und Unbekanntes gewährt, immer in Gefahr ist, unter die Räder zu kommen. Und deshalb besonderer Kultivierung bedarf. Das hatte wohl der Frankfurter Autor im Sinn: Unter dem geläufigen Routineblick jene Aufmerksamkeit auszugraben und frisch zu halten, der die Welt von Fremdheit und Neuartigkeit trieft.

Horst Rumpf

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„Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre allgemeine Politik der Wahrheit: d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren lässt, es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden, es gibt bevorzugte Techniken und Verfahren zur Wahrheitsfindung; es gibt einen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht.“

Michel Foucault

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„Gewohnheitsmuster sind wie Schienen oder Bachbetten: unsere Lebensenergie bewegt sich auf diesen vorgeprägten ‚Bahnen‘. Wenn es uns nicht gelingt, zumindest für einen kurzen Augenblick vor dem Handeln, diesen Automatismus zu unterbrechen, sind wir dazu verurteilt, unser konditioniertes Verhalten ununterbrochen zu wiederholen. Halten wir aber unser Reagieren für eine Weile in Achtsamkeit zurück, dann tun sich ganz neue Möglichkeiten auf.“

Meredith Page

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„Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe Das, was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht »wollen«, die Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem Unvermögen, einem Reize Widerstand zu leisten: – man muß reagiren, man folgt jedem Impulse.“

Friedrich Nietzsche

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