HELFER-KLUGHEIT

power of listening

Karl Kraus soll einmal gesagt haben: „Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint.“ Das Sprichwort wird auch Kurt Tucholsky zugeschrieben, der gesagt haben soll: „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse sondern gut gemeint“. – Ich vermute aber, dass eine tiefe, alte und anonyme Volksweisheit hinter beiden Sprichwortversionen steht, nämlich: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“

Gute Absichten haben.

Gutes tun wollen, es mit jemandem ‚‘gut meinen‘. „Ich wollte damit doch nur das Beste für Dich erreichen!“

Ohne Zweifel sind solche Aussagen in den meisten Fällen ‚ernst‘ zu nehmen. Da will jemand einem Mitmenschen ‚wirklich‘ etwas Gutes tun. Er meint durchaus es ‚ernst‘ damit…..

Ob das, was da als ‚gut‘ gemeint daher kommt, dann aber tatsächlich auch ‚gut wirkt‘, ist eine Frage, die zumeist nur mehr schwer gestellt werden kann. Sie ‚kränkt‘ den Helfer (der sofort seine ‚guten Absichten‘ in Frage gestellt sieht), aber auch der Empfänger der Hilfe möchte nicht ‚undankbar‘ erscheinen – und hält seine Einwände und Bedenken zurück.

Daher verwundert es nicht, dass ‚Klugheit‘ seit den Anfängen der abendländischen Philosophie bald als eine der wichtigsten aller menschlichen ‚Tugenden‘ galt:

„Klugheit (griechisch φρόνησις phrónesis Vernunft, lat. prudentia) ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanten Faktoren, Handlungsziele und Einsichten, die der Handelnde kennen kann. Platon übernimmt die Idee der vier Kardinaltugenden von Aischylos und ersetzt dessen Frömmigkeit (εὐσέβεια, eusébeia) durch eine kluge Weisheit, die nach jeweiliger Interpretation auch als weise Klugheit verstanden werden kann. Marcus Tullius Cicero zählt die Klugheit in loser Verbindung mit Weisheit zu diesen Kardinaltugenden. Kant befreit Klugheit gänzlich von moralischer Funktion. Er hält sie für ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung des eigenen Wohlseins dienlichen Mittel.“[1]

Ohne ausreichende Kenntnis gegebener Sachverhalte und relevanter Wirkfaktoren kann man schwerlich ‚angemessen‘ in einer gegebenen Situation helfen. Aber auch solches Wissen ist noch nicht hinreichend, es braucht darüber hinaus auch etwas wie ‚Weisheit‘, nämlich die Fähigkeit, einen ‚wohlwollend neutralen Blick‘ auf sich, den Hilfsbedürftigen und die gegebene Situation werfen zu können.

Diese ‘wohlwollende Neutralität’ des Helfers in jeder vorgefundenen Situation sicherzustellen,  ist wohl der am schwersten zu erreichende Aspekt von nötiger ‚Helferklugheit‘.  Genau genommen verlangt dieses Moment ‚weiser Helferklugheit‘ die klare Einsicht des Helfers in seine situativ je aktualisierten Helfermotive (Ängste und Wünsche, Abwehr von Ohnmachtserlebnissen), um auf diese Weise frei von unerkannt wirkenden Vorurteilen die tatsächliche Notlage des Hilfsbedürftigen in angemessenem Tempo erfassen zu können. Erst diese Haltung ermöglicht es, dass sich in der Begegnung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem in Folge jene angemessenen ‚Helferabsichten‘ einstellen, welche dann zur Realisierung jener kompetenten Hilfsmaßnahmen führen, die für den Hilfsbedürftigen tatsächlich ‚gut‘ wirken. Es gibt kaum Schlimmeres im Leben des auf Gegenseitigkeit angewiesenen Menschen, als die Erfahrung, in seiner Hilfsbedürftigkeit falsch verstanden und falsch bedient zu werden. Denn gerade dann, wenn wir am Verletzlichsten sind, brauchen wir das angemessene Verständnis und Können unserer Mitmenschen am dringendsten. Wir sind ihnen in solchen Lebensmomenten ja ‚ausgeliefert‘ (weil wir in solchen Augenblicken mit dem ‚eigenen Latein am Ende sind‘) – und in kaum einem anderen Bereich menschlicher Tätigkeit (von Kindererziehung abgesehen) ist diese feinfühlige Gegenseitigkeit mehr gefragt als in den ‚helfenden‘ und ‚beratenden‘ Berufen.

Aber auch kaum wo passiert unbewusster ‚Missbrauch‘ und unreflektiertes Fehlverhalten häufiger als in diesen Handlungsfeldern: ja, aus leidvoller Erfahrung wissen wir, dass der breite Weg zur ‚Hölle‘ mit den besten Absichten gepflastert ist…..

Siehe auch: Seelenblindheit

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Klugheit

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