Übertragung und Gegenübertragung des Welt- und Selbsterlebens

Nichts ist ansteckender als Gefühle. Wir können uns gegen die ‚Übertragung‘ von Gefühlen kaum wehren, denn wir sind zutiefst miteinander verbunden, ja ‚Verbundenheit‘ ist unsere wahre Identität. Aber solche ‚Reizungen‘ können blitzschnell reaktive Stimmungslagen auslösen, und man nennt dies dann ‚Gegenütertragung‘. Wir können in Bruchteilen von einer Sekunde in ein emotionales ‚Kuddelmuddel‘ verstrickt sein – und nicht wissen, wie uns geschieht.

Die Tatsache der Verbundenheit (‚interbeing‘, ‚Ich’verstanden als ‚Potential aller möglichen Bewusstseinszustände im Zusammenleben mit anderen Personen in allen möglichen verschiedenen Situationen‘,…..) als ‚Grund der menschlichen Psyche‘ lässt sich am einfachsten als das ‚ICH BIN‘ – Erleben  ausdrücken.

Ich bin – ich bin aber nicht dies und das ……

Du bist schön!

Du bist dumm!

Du bist gemein!

Du bist neidisch!

Du bist klug!

Nein: ICH BIN. Punkt. ICH BIN = Bewusstheit. Dann passiert es, dass in diesem Bewusstseinsfeld ein Verhalten der personalen Einheit X von der personalen Einheit Y als dumm, gemein, neidisch, klug etc. erlebt wird. Dass die personale Einheit X von Y als ‚schön‘ erlebt wird. Dass Y sich zu X hingezogen fühlt oder abgestoßen wird….

Sowohl X als auch Y ‚treffen‘ sich direkt im Medium des Bewusstseinsfelds. Ohne Bewusstseinsfeld kein Erleben, kein Erfahren, kein Selbst- und Fremderleben. Jede ‚Identifikation‘ von ICH BIN mit einer Eigenschaft, einem Phänomen des Bewusstseinsfelds verdunkelt / verzerrt die Spontaneität der Interaktion zwischen X und Y. Durch diese Identifikationen entstehen Spannungen und Konflikte zwischen X und Y. Diese Konflikte können von X und Y verinnerlicht sein. Diese verinnerlichten konflikthaften Interaktionserfahrungen von X und Y gestalten dann das Beziehungsgeschehen zwischen X und Y. Diese Prägungen / Konditionierungen des frei fließenden Bewusstseinsfeldes führen zu dem, was in der Sprache der PSA als ‚Übertragung‘ und ‚Gegenübertragung‘ bezeichnet wird.

Man kann sich ihr nicht entziehen, man kann aber jederzeit in die wohlwollend neutrale Position des ICH BIN zurückkehren und auf diese Weise für sich die entstehenden und entstandenen ‚Verknotungen‘ auflösen.

Diese ‚Distanzierung‘ von Gedanken und Gefühlen kann man üben. Man kann sich und den anderen nur im freien Bewusstseinsfeld direkt begegnen, nicht im ‚Panzer‘ der eigenen Konditionierungen. Auch dann, wenn man eine Rolle zu spielen hat, kann das ICH BIN diese Rolle spielen (und nicht die ‚geprägte Person‘): aufmerksam wahrnehmend was jetzt gerade ‚der Fall‘ ist. Und dann frei aus der Rolle heraus agieren …..

Übertragung und Gegenübertragung in der Psychoanalyse:

„Freud hat zwei Kriterien für die Übertragung bestimmt, erstens die Verzerrung der Realität und zweitens die Wiederholung aus der Vergangenheit. Freuds Übertragungsverständnis liegt die Annahme zugrunde, dass die Wiederholung der Vergangenheit in der Übertragung von der Person, auf die übertragen wird, unabhängig ist. Weil die Übertragung für Freud ein grundsätzliches Hindernis in der Behandlung darstellt, geht es ihm darum, sie möglichst schnell bewusst zu machen. ‚ Freud: ‚Die Übertragung stellt sich in allen menschlichen Beziehungen ebenso wie im Verhältnis des Kranken zum Arzte spontan her, sie ist überall der eigentliche Träger der therapeutischen Beeinflussung, und sie wirkt umso stärker, je weniger man ihr Vorhandensein ahnt. Die Psychoanalyse schafft sie also nicht, sie deckt sie bloß dem Bewusstsein auf und bemächtigt sich ihrer, um die psychischen Vorgänge nach dem erwünschten Ziele zu lenken‘.“

Dieses ursprüngliche Übertragungsmodell formuliert das Verhältnis Therapeut – Patient sehr einseitig: der Patient überträgt, der Therapeut „gegenüberträgt“, d.h. er spiegelt ‚objektiv‘ die Verzerrungen, die sich durch die Übertragung ergeben. Der Einfluss des Analytikers bleibt dabei unbeachtet. In der Nachfolge Ferenczis und Balints betont Thomä (2000), dass die Anerkennung des Beitrags des Therapeuten zur Übertragung des Patienten entscheidend ist. Wenn der Analytiker diesen Beitrag anerkennt, verändert sich seine Haltung grundlegend. Er wird sich leichter und mit weniger schlechtem Gewissen – und Scham, wie ich hinzufügen würde – in ein Handeln verwickeln lassen. Anders ausgedrückt plädiert Thomä dafür, dass die Beeinflussung des Patienten durch den Therapeuten nicht zu umgehen ist, der Therapeut sollte sie vielmehr gründlich reflektieren, als versuchen, sie auszuschalten. In den letzten Jahren ist das Konzept der Übertragung als reine Wiederholung immer fragwürdiger geworden. Die Übertragungsbeziehung ist eher als das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen zwei Unbewussten zu sehen, als eine interaktionelle Symmetrie, in der beide Unbewussten zur gemeinsamen Beziehungsgestaltung beitragen. Der Unterschied besteht darin, dass der fundierte Therapeut trainiert ist, seinen Anteil an dieser Gestaltung zu reflektieren.

Heutzutage wird die therapeutische Situation im Vergleich zu früher viel stärker unter dem Aspekt betrachtet, welche unbewussten Beziehungsphantasien sich zwischen Therapeut und Patient aktuell entfalten. Der Analytiker Gill (1997) vertritt im Widerspruch zur „objektiven“ Sichtweise der Übertragung der meisten amerikanischen ich-psychologischen und allen britischen Richtungen eine „konstruktivistische“ Auffassung. Darüber hinaus definiert er das klassische Übertragungskonzept grundlegend neu, indem er den Begriff „Wahrnehmung“ mit dem der „Phantasie“ austauscht. Dies stellt eine fundamentale Verlagerung der Betonung dar. Der Patient wird nicht mehr als derjenige gesehen, der verzerrt oder projiziert, sondern als jemand, der den Analytiker wahrnimmt und zu plausiblen Hypothesen über ihn kommt. Die Übertragung kann somit nicht mehr ausschließlich als eine Patienten-Variable gesehen werden (Ein-Personen Psychologie), sondern als Bestandteil einer Übertragungs-Gegenübertragungs-Matrix (Zwei-Personen Psychologie). Die Übertragung bildet daher für Gill immer ein Amalgam aus Vergangenheit und Gegenwart. Sie basiert auf einer Reaktion auf die unmittelbare analytische Situation, die sich der Patient so plausibel wie möglich zu erklären versucht. Der Analytiker lenkt seine Aufmerksamkeit auf die „Hier und Jetzt“ – Interaktion mit dem Patienten bezüglich der Realitätsaspekte dieser Interaktion, und nicht nur auf die Reproduktion unbewusster Phantasien des Patienten:

„Statt die psychosoziale Realität in ‚wirklich’ und ‚verzerrt’ aufgespalten zu sehen und die Übertragung dabei als Verzerrung zu definieren, kann man die psychosoziale Wirklichkeit auch als vielschichtig betrachten; zu ihr tragen beide Menschen bei, die an der psychotherapeutischen Interaktion beteiligt sind, und die Übertragung ist in diesem Fall durch die Rigidität gekennzeichnet, mit der die Wirklichkeit gedeutet und konstruiert wird.“

Analytiker und Analysand werden so zu Beobachtern, die sich gegenseitig beim Beobachten beobachten und sich fortwährend im Prozess der wechselseitigen Beschreibung verändern. Erkenntnistheoretisch ist diese Interaktion von Patient und Analytiker als wechselseitiger und selbstbezüglicher Prozess zweier Teilnehmer zu beschreiben und zu konzipieren. Die Exploration dieser Interaktion ist dabei von entscheidender, technischer Bedeutung. Das hermeneutisch-konstruktivistisch-interaktive Modell Gills führt zwangsläufig zu einer Neudefinition der allgemein anerkannten Konzeption der Übertragung:

„Die Übertragung basiert dann auf dem Beitrag beider Beteiligten zur Interaktion im Hier und Jetzt und zugleich darauf, wie beide durch die Vergangenheit geprägt wurden“.

Die moderne Psychoanalyse ist – wie bereits erwähnt – dadurch gekennzeichnet, dass sie Intersubjektivität als ihre Erfahrungsgrundlage anerkennt. Sie unterscheidet sich von der klassischen Psychoanalyse, indem sie den Schwerpunkt von einer intrapsychischen auf eine intersubjektive oder interpersonelle Sichtweise verschiebt.

„Übertragung bezieht sich ihrem Wesen nach weder auf Regression, Verschiebung, Projektion oder Verzerrung, sondern vielmehr auf die Assimilierung der analytischen Beziehung in die thematischen Strukturen der persönlichen, subjektiven Lebenswelt des Patienten. So verstanden ist Übertragung Ausdruck eines universellen seelischen Bestrebens, Erfahrungen zu organisieren und Bedeutungen herzustellen.“

Übertragung ist in ihrer formalen Struktur also keine pathologische Reaktion, sondern sie ist der Ausdruck und die Wirkung einer natürlichen Tendenz, die dem Überleben dient. Bestimmte Schemata bestimmen dabei, was wir wahrnehmen und wie wir unsere Wahrnehmungen kategorisieren. Die inneren Schemata sind Bestandteil der inneren Strukturen, die in der Psychoanalyse als „innere Repräsentanzen“ bezeichnet werden. Affektgeladene organisierende Prinzipien oder Schemata verzerren in dieser Sicht nicht eine „objektive Realität“, sondern tragen zur Konstruktion einer „subjektiv erfahrenen Realität“ bei. Alle Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Handlungstendenzen des Analytikers werden als informationsreiche „Antwort“ auf die Übertragung des Patienten verstanden und entsprechend interpretiert.

„Dieser Begriff der Gegenübertragung wäre der weitest mögliche, er umfasst alle Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse des Analytikers. Die therapeutische Situation wäre als reale, konflikthafte Beziehung zu verstehen, die von beiden Beteiligten gemäß ihrer unterschiedlichen Rollen gestaltet und fortentwickelt wird. Die Rolle des Analytikers sieht vor, die Beziehungskonflikte mit seinem Patienten nicht nur zu „beantworten“, sondern als inneren Konflikt selbst zu erleben und durchzuarbeiten.“

Es findet so etwas wie gegenseitige ‚projektive Identifizierung‘ statt: Aspekte dieser projektiven Identifizierung zwischen Arzt und Patient:

(1) Ein Aspekt des Selbst wird projektiv verleugnet, indem er unbewusst in eine andere Person verlagert wird. (2) Der Projizierende übt auf interpersonaler Ebene Druck aus, der die andere Person zwingt, das, was projiziert wurde, zu erleben oder sich unbewusst damit zu identifizieren. (3) Der Empfänger der Projektion (in der analytischen Situation) agiert ihr entsprechend und „hält“ die projizierten Inhalte, was zu einer Reintrojektion durch den Patienten in modifizierter Form führt. Hier wird das Konzept der projektiven Identifikation eindeutig interaktionell gefasst.

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s