Individuation

solitude

 

Das In-dividuum (von  individuus,  lat.: ungeteilt) ist das Ergebnis eines Prozesses, des Prozesses der ‚Individuation‘.

Wikipedia zu Individuum: „Der Grad der relativen Selbständigkeit, Besonderheit und Eigentümlichkeit (Individuation) wird auch der Grad der Individualität bezeichnet. Der Grad der Individualität jedes Systems ist abhängig von dem des übergeordneten umfassenden Systems und dem seiner eigenen Elemente.

In Integrationsprozessen nimmt in der Regel der Grad der Individualität von Systemen zu und der ihrer Elemente ab (Integration (Philosophie)). Die Verabsolutierung der Individualität, besonders des einzelnen Menschen, wird als Individualismus bezeichnet.

Im Sinne der oben genannten Auffassung vom Individuum kann man jedoch auch andere Verabsolutierungen der Individualität (z. B. einer territorialen Einheit, einer Berufsgruppe, eines Volkes, einer Nation, der menschlichen Zivilisation auf der Erde) als verschiedene Formen des Individualismus auffassen.“

„Unter einer Persönlichkeit versteht man im Allgemeinen ein Individuum, dem es gelungen ist, sich aus der Masse zu erheben. So sieht denn die Kritik am Individualismus zwei Möglichkeiten: Das anonyme Aufgehen des Einzelnen in der Masse, die unter Umständen von kollektivistischen Bewegungen organisiert werden und dann geschichtsträchtig werden können. Die andere Möglichkeit ist die Höherentwicklung des Individuums zur eigenständigen, emanzipierten Persönlichkeit.

Daraus ergeben sich zwei Bewegungsrichtungen. Eine optimistische unterstellt, dass sich die meisten Individuen zur Persönlichkeit weiterentwickeln können und der Individualismus daher ein Fortschritt auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft ist. Die entgegengesetzte pessimistische unterstellt, dass die Individuen dies nicht schaffen, sondern als Masse lediglich Spielball einer Minderheit sind bzw. werden oder von Demagogen ausgenutzt werden, der Individualismus daher eine Fehlentwicklung sei.“

¡ WAS DEN BEGRIFF INDIVIDUUM BETRIFFT, SO HERRSCHT HIER GROSSE VERWIRRUNG VOR!

Individuation als Prozess, mit graduellen Abstufungen von Individuation, setzt voraus, dass zuvor etwas ‚geteilt‘ worden ist, das danach allmählich wieder zusammenwächst. Was aber wäre dieses ‚Geteilte‘? Wie ist die ursprüngliche Teilung / Trennung zustande gekommen? Und wie kann derart Getrenntes wieder zusammen wachsen? Muss man sich das wie das Zusammenwachsen einer Wunde vorstellen? Und bleiben da Narben zurück? Wir erfahren es nicht.

Stattdessen finden wir in der Psychologie Antworten wie diese:

C.G. Jung: „Man kann hier die Frage aufwerfen, warum es denn wünschenswert sei, daß ein Mensch sich individuiere. Es ist nicht nur wünschenswert, sondern sogar unerläßlich, weil durch die Vermischung das Individuum in Zustände gerät und Handlungen begeht, die es uneinig mit sich selber machen. Von jeder unbewußten Vermischung und Unabgetrenntheit geht nämlich ein Zwang aus, so zu sein und zu handeln, wie man selber nicht ist. Man kann darum weder einig damit sein, noch kann man dafür Verantwortung übernehmen. Man fühlt sich in einem entwürdigenden, unfreien und unethischen Zustand (…) Eine Erlösung aus diesem Zustand aber ergibt sich erst dann, wenn man so handeln kann, wie man fühlt, daß man ist. Dafür haben die Menschen ein Gefühl, zunächst vielleicht dämmerhaft und unsicher, mit fortschreitender Entwicklung aber immer stärker und deutlicher werdend (…) Es muss allerdings anerkannt werden, daß man nichts schwerer erträgt als sich selbst.“ – C.G. Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, Zweiter Teil, Die Individuation, München (dtv), 4. Auflage, S. 110.

Rational erscheint nur folgende Sichtweise zu sein: Dass der Prozess der Individuation die Kehrseite des Prozesses der Sozialisation ist. Je klarer ich meinen Platz in der Gesellschaft finde, desto deutlicher und klarer ist meine ‚personale Identität‘ (relative Autonomie). Dann wäre Individualität ein Gradmesser / Richtmaß für ‚relative psychosoziale Eigenständigkeit und Stabilität‘. Diese Sichtweise entmystifiziert die Begriffe Individuum und Individuation.

Zur Metaphysik des Begriffs Individuation.

Wenn Jung meint, dass man nichts schwerer ertragen könne, als sich selber, dann meint er wohl etwas anderes als ‚relative psychosoziale Eigenständigkeit‘, ‚relative Autonomie‘. Denn diese ist sehr gut zu ertragen: Ich habe Rollenklarheit und kann aus dieser heraus agieren. Ich spiele eine Rolle, die ich aber nicht bin.

Jung meint vermutlich Folgendes: die Vereinzelung des Individuums, die existentielle Einsamkeit des Inviduums. seine Abgetrenntheit, seinen ’sozialen Tod‘. Eine solche Isolation ist tatsächlich nicht zu ertragen.

Aber die Psychologen vergessen die metaphysischen Grundlagen ihrer Begrifflichkeiten. Wer / was ist dieses ‚authentische ICH-BIN‘, welches keine ‚Rolle‘ ist, sondern der ‚Identitätskern der Person‘?

In der Philosophie wurde etwas abghandelt, das sich ‚Prinzip der Individuation‘ nennt.

„Das Individuationsprinzip (lat. principium individuationis; zu individuus, „unteilbar“) bezeichnet das, was die Individualität und Konkretheit des Seienden bedingt und ermöglicht und was die Vielfalt und Verschiedenheit der Individuen erklärt. Seine Diskussion hängt eng mit dem Universalienstreit zusammen.

Die Frage nach dem Individuationsprinzip wird in allen Philosophien zum Problem, die nicht anerkennen, dass die objektive Realität grundsätzlich durch konkrete und individuelle Formen existiert, insofern sie das Allgemeine als das Ursprüngliche überbewerten und als den eigentlichen Seinskern im Seienden ansehen. Für diese Lehren entsteht zwangsläufig die Frage, wie es kommt, dass die Arten dennoch nicht als solche, sondern vielmehr in einer mehr oder weniger großen Vielheit von Individuen existieren. Die Antwort darauf gibt das Individuationsprinzip. Es beantwortet also die Frage: Was muss im Seienden zu dem Allgemeinen, das im Begriff erfasst wird, hinzukommen, damit es zu einem Einzelnen konkret wird?“ – Aus: Wikipedia, Individuationsprinzp

Die Antwort auf diese Frage ist die gesamte Geschichte der Philosophie.

Es ist der alte Streit zwischen den Nominalisten und Begriffsrealisten: Das Allgemeine ist vollkommen, sagen die ‚Realisten‘, und damit sei das Indviduelle nur eine unvollkommene Abweichung davon. Für die Nominalisten ist’s genau umgekehrt: das Allgemeine ist eine unvollkommene Verallgemeinerung des ‚individuell Vollkommenen:

„In der Scholastik wurde zunächst von Thomas von Aquin mit Aristoteles das Individuelle als Spezialfall des Allgemeinen angesehen. Das Einzelne selbst sei wissenschaftlich nicht diskutierbar (Individuum est ineffabile). Der Kern der Lehre von der Haecceitas basiert nun auf dem Gedanken, dass die individuelle Existenz nicht ein Mangel, sondern eine Vollkommenheit ist. Sie ist ein Einmaliges und Besonderes. Auf das Individuum kann man als etwas Einzigartiges nur zeigend hinweisen: ein „Dies-Da“. Durch die Einführung und Verwendung des Begriffs Haecceitas bekommt die bis dahin zweitrangig eingestufte Individualität ein größeres Gewicht. Dem Einzelding als einem positiven Sein wird nunmehr begrifflich erkennbar ein höherer Rang zuerkannt. Zudem wird das Individuelle, das Besondere gegenüber dem Allgemeinen, das Vollkommene. Das Individuum besitzt eine selbstständige Realität, ist dann eine weiter nicht ableitbare Tatsache.“ Quelle: Wikipedia, Haecceitas

Man sieht: die Lösung des Problems der Individuation liegt weder im Nominalismus oder Realismus, jenseits von Idealismus und Materialismus. Pragmatismus, Existentialismus, Lebensphilosophie, der ‚Linguistic Turn‘ etc., sie alle waren moderne Antwortversuche auf das alte Problem. Nishijima Rôshi, ein buddhistischer Gelehrter hat es so  formuliert:

„Nach meiner Ansicht hat der Materialismus am Ende des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht. Der moderne Mensch hat den Glauben an Gott verloren und er wird sich zunehmend der Trennung bewusst, die unsere moderne Zivilisation zwischen Geist und Körper sowie zwischen Intellekt und Natur entwickelt hat. Der Existenzialismus bemüht sich beispielsweise darum, eine Philosophie der Existenz im gegenwärtigen Augenblick aufzubauen, in der Geist und Körper eine Synthese eingehen. Ein anderes Beispiel ist die Philosophie der Phänomenologie, die in ihren Bemühungen, Geist und Körper zu vereinen, die Phänomene als Verbindung zwischen Geist und Körper setzt. Diltheys Philosophie des Lebens sieht das Leben als Vermittler zwischen Geist und Körper. Bei Whitehead ist der Vermittler die aktuelle Wesenheit oder das Ereignis, und bei Wittgenstein ist die Sprache der Vermittler. Wenn man diese Richtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts betrachtet, wird m. E. deutlich, dass die Menschen nach einer Lösung für das Problem der Trennung von Geist und Körper suchen. Der ‚Buddha-Dharma‘ beruht dabei seit jeher auf der gelebten Einheit von Körper und Geist im konkreten Handeln und könnte damit einen wichtigen Beitrag zur Lösung des obigen Problems leisten.

Wir können einige Prinzipien aufstellen, die das Wesentliche des wirklichen Handelns im Hier-und-Jetzt sind:

1. Wirkliches Handeln ist eine völlig andere Dimension als das begriffliche Denken und Wahrnehmen.

2. Wirkliches Handeln wird hier und jetzt vollzogen.

3. Im wirklichen Handeln sind Körper und Geist, Subjekt und Objekt eine Einheit.

4. Wirkliches Handeln geschieht immer im gegenwärtigen Augenblick, und dieser nie wiederkehrende Augenblick ist zeitlos, d. h. er hat das Wesen der Ewigkeit.“ – Gudô Wafu Nishijima Rôshi, Einführung in das Shôbôgenzô

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s