Es geht um das bewusste Gestalten von ‚Übergängen’……

Heintel: „Man hat sich oft gewundert, warum Menschen den Berufsverkehr – also Abend-und Morgenstau – trotz guter öffentlicher Verkehrsmittel im eigenen Auto, meist allein sitzend, in Kauf nehmen. Also weder die U-Bahn benützen noch Fahrgemeinschaften eingehen. Auch wenn in dieser Haltung langsam eine Wende einzutreten scheint, ein Motiv war und ist vielleicht immer noch wichtig: Die Autofahrer gaben nämlich fast übereinstimmend an, daß es ihnen wichtig sei, guttue, zwischen Beruf und Familie eine Ruhepause dazwischen zuschieben, wo sie mit sich allein sind, abklingen können, den Tag Revue passieren lassen. So gleich vom Beruf nach Hause, das ginge zu schnell, und die vielen Leute im Bus ließen zuwenig Nachdenklichkeit zu. Es geht also um Übergänge.“

Übergänge sind dadurch gekennzeichnet, dass wir bestimmte Zustände verlassen, sie sind  ein Zwischenstadium, die Zeit des ‚Nicht-mehr‘ und des ‚Noch-nicht‘. Das ist eine Zeit für Abschlüsse und eine Zeit für Einstimmung. Wie wir nun diese Zwischenstadien sinnvoll gestalten können, das ist hier die Frage. Abrupte Übergänge wirken jedenfalls psychisch und körperlich belastend und führen zu  unnötigen Erschwernissen / Beschwerden.
Man muss heute Übergänge zwischen verschiedenen sozialen Rollen ‚bewusst‘ gestalten, denn die hoch individualisierten gesellschaftlichen Rahmenbedinungen sorgen ‚ritueller Weise‘ nicht mehr dafür, ganz im Gegenteil.

Jeder Mensch braucht seine Rituale, seine Möglichkeiten und muss seine eigenen Wege gehen. Wie gut, wenn die Menschen, mit denen wir zusammen leben, uns dafür die nötigen Übergangs-Räume lassen bzw. teilen.

Es handelt sich nämlich darum, ALLES zu leben.  Auch die ‚Übergänge’……

„Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so still und weit…
Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, ALLES zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht eines fernen Tages in die Antworten hinein.“ – aus: Rilke, Brief an einen jungen Dichter

Geduld haben mit dem ‚Ungelösten im Herzen‘! Derart aufmerksam durchs Leben ‚tanzen‘ – Tanzen ist immer Jetzt. Präzise, flüchtig, in jedem Moment neu. Tanzen ist ‚im Fluss sein‘. Alles, was fließt, befindet sich in einer ihm eigenen Harmonie oder öffnet der Erfahrung neue Wege. Verspannungen werden wahrnehmbar und können durch das Zusammenspiel zwischen Bewegung, Bewusstheit und Atem aufgelöst werden.
Du steckst  in einem Gefühl fest (schlechte Laune, Angst, Wut, Trauer…)? Such‘ dir eine Musik, die dieses Gefühl für dich ausdrückt. Stell dich hin, atme bewusst und beginne dich zu bewegen…..

Dort draussen,
wo ich mich hinwende,
das bin ich.

Und der weite Horizont öffnet sich
wie eine Blume in meinem Herzen.
Erst seit ich tanze lebe ich
vorher habe ich nicht existiert.

Wo immer der/die Tanzende mit dem Fuss auftritt,
da entspringt dem Staub ein Quell des Lebens.

(Rumi)

Dazu folgende Geschichte:

„Eine Lehrerin berichtet von ihren Schwierigkeiten in der Schule: „ Die Klingel schellt. Ich eile, weil gerade noch in einem Gespräch mit einem Kollegen, mit dem ich demnächst auf Klassenfahrt gehe, zu meinem Klassenraum. Schon von Weitem höre ich einen hohen Lärmpegel. Ich öffne die Tür, stehe im Raum, versuche Ruhe zu schaffen, um mit dem Unterricht beginnen zu können. Oft dauert es weit in die Stunde hinein, bis ich bemerke, dass ich innerlich noch gar nicht wirklich im Klassenraum bin. Es ist, als funktioniere da ein Teil in mir wie mechanisch, aber ich selbst bin nicht dabei. Das sind die Tage, an denen die Schülerinnen und Schüler unruhig, laut, undiszipliniert sind und Unterrichten bedeutet fast nur „Dompteur“ spielen. Danach fühle ich mich wie leblos, ausgelutscht, fast wie missbraucht und kann mit mir selbst nichts mehr anfangen.“

Es erhob sich die Frage, wie es möglich sein könnte, dass diese Lehrerin sich selbst mit ins Klassenzimmer nimmt, wie sie die Achtsamkeit für sich selbst und ihre Schülerinnen und Schüler aufrecht erhalten kann. Wie wäre es, wenn es einen Moment der Sammlung, der Achtsamkeit gäbe, bevor sie das Klassenzimmer betritt? Aber dafür ist kein Zeit, sagte sie, der Druck wäre immens unter dem sie dort stünden. Es müsste also eine Winzigkeit, ein kleiner Moment sein, der sich organisch in den Ablauf einpasst und doch eine kurze Unterbrechung darstellt. Die Türklinke! Es wird die Idee geboren die Hand an der Türklinke wirklich zu spüren, leibhaftig und darin einen Augenblick des bewussten Kontaktes zu sich selbst aufzubauen. Sie will es ausprobieren.

Als sie zum nächsten Gespräch kommt berichtet sie strahlend von ihren Erfahrungen: Ja, es sei ihr schwergefallen dem Sog zum sofortigen Intervenieren in der Klasse zu widerstehen, aber schon nach kurzer Zeit hätte sie geradezu ein Bedürfnis verspürt, die Schwelle wirklich in dieser bewussten Weise zu überschreiten, sich darin zu sammeln und mitzunehmen. Dadurch sei das Gefühl sich selbst zu verlieren stark vermindert, sie sei gesammelter, präsenter. Am erstaunlichsten sei aber die Wirkung auf die Klasse gewesen: Es sei, als habe diese etwas „gerochen“, denn sie wurde von allein ruhig, so dass der Unterricht in gesammelter und freundlicher Weise beginnen konnte. Ja, sie habe einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Sammlung und Präsenz und der Atmosphäre in den Klassen erlebt.“

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