Ganz Individuum werden…..

„Wissen Sie, was es bedeutet Vertrauen zu haben? Wenn Sie etwas mit Ihren eigenen Händen tun, wenn Sie einen Baum pflanzen und ihn wachsen sehen, wenn Sie ein Bild malen oder ein Gedicht schreiben oder, wenn Sie älter sind, eine Brücke bauen oder eine Verwaltungsarbeit verrichten, so gibt Ihnen das Vertrauen in Ihre Fähigkeit, etwas zu tun….das ist Selbst-Vertrauen: Sie wissen, dass Sie etwas tun können, und Sie fühlen sich wichtig dabei, es zu tun…. . Das Vertrauen eines Menschen, der Dinge erledigen kann, der Ergebnisse erreichen kann, wird immer von der Arroganz seines Selbst gefärbt, vom Gefühl: >Ich bin es, der das geschafft hat.< Dieser Sinn für >mich< und >mein< geht immer einher mit jenem Vertrauen, welches innerhalb sozialer Konventionalität zum Ausdruck kommt.

Falls Sie aber den Einfluss der Konventionen auf Sie durchschauen und sich dadurch von diesen Einflüssen frei machen können, dann werden Sie feststellen, dass ein Vertrauen entsteht, das nicht vom Gefühl der Arroganz verdorben ist. Es ist das Vertrauen der Unschuld. Es ist wie das Vertrauen eines Kindes, das durch und durch unschuldig ist, so dass es alles versuchen wird….. Ist es nicht eine Tragödie, dass wir uns fast alle nur damit beschäftigen, wie man sich der Gesellschaft anpasst oder wie man sie reformiert? Eine solche Einstellung zerstört jegliches Vertrauen, jegliche Initiative. Deshalb ist es so wichtig, die Gesellschaft zu verstehen, in der man lebt, und – durch diesen Vorgang des Verstehens – auszubrechen.

Wissen  Sie, die meisten von uns haben Angst. Ihre Eltern fürchten sich, Ihre Lehrer haben Angst, die Regierungen und Religionen fürchten sich davor, dass Sie ganz Individuum werden, weil sie alle wollen, dass Sie im Gefängnis der Umwelt- und Kultureinflüsse bleiben. Wenn Sie sich aber von diesem Druck frei machen können, gewinnen Sie ein ganz anderes Vertrauen, ohne Sinn für eigene Wichtigkeit. Und dann werden Sie die so wichtige Unterscheidung zwischen ‚Selbstvertrauen’ und ‚Vertrauen ohne Selbst’ verstehen können. Dann werden Sie den Herausforderungen des Lebens gewachsen sein. Der Mensch sucht heute nach einer neuen Antwort auf das Leben, nach einem neuen Zugang zum Leben, weil die alten Wege verfallen. Wenn Kulturen, Völker, Zivilisationen unfähig sind, sich der Herausforderung des Neuen total zu stellen, gehen sie unter. Es ist also sehr wichtig, das Problem zu verstehen, warum  der Geist sich immer im Gewohnten einrichtet und in festen Bahnen läuft, warum er sich auf einem bestimmten Gleis bewegt wie eine Straßenbahn und sich davor fürchtet, etwas in Frage zu stellen und zu untersuchen. Aber nur wenn Sie das tun, wird der Geist frisch, jung, aktiv, lebendig, so dass jeder Tag ein neuer Tag ist und jede Dämmerung ein freudiger Anblick.“

Aus: J. Krishnamurti, Antworten auf Fragen des Lebens (‚Think on these things’)

Ego

„Die Absicht auf Erfolg wie der Erfolg selber haben eine verengende Wirkung. Der Zielbewusste auf seinem Weg empfindet das meiste, was seiner Erreichung nicht dient, als Ballast. Er wirft es von sich, um leichter zu sein, es kann ihn nicht kümmern, dass es vielleicht sein Bestes ist, das er von sich wirft, wichtig ist für ihn der Punkt, den er erlangt, von Punkt zu Punkt schwingt er sich höher und rechnet in Metern. Die Position ist alles, sie ist von außen bestimmt, es ist nicht er, der sie erschafft, an ihrer Entstehung hat er keinen Anteil. Er sieht sie und strebt ihr zu, und so nützlich und notwendig solche Anstrengung in vielen Lebensbereichen sein mag, für den Dichter, wie wir ihn sehen möchten, wäre sie zerstörend.

Denn dieser hat vor allem mehr und mehr Platz in sich zu schaffen. Platz für Wissen, das er zu keinen erkenntlichen Zwecken erwirbt, und Platz für Menschen, die er durch Verwandlung erfährt und  aufnimmt.“ – Elias Canetti, Der Beruf des Dichters

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