Die Welt als Ansammlung blinder kausaler Kräfte…..

Der Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri schreibt in seinem Essay ‚Die Vielfalt des Verstehens – die Sprache der Wissenschaft und die Sprache der Literatur‘:

Bieri_Natur

Das ist eine bemerkenswerte Aussage! Warum?

Denn die Vorstellung, dass die wunderbar geordnete Welt der Phänomene das Ergebnis des Wirkens / des Wütens ‚blinder Kräfte‘ sei, ist höchst voraussetzungsvoll, keine ursprüngliche in der menschlichen Kulturgeschichte, sondern ein relativ spätes Denkprodukt. Und keineswegs ist das so selbstverständlich, wie das in Bieris Darstellung klingt.

Ein paar kurze Erinnerungen:

Der Mensch als Teil der Natur hatte primär ein ‚partizipatives Verständnis‘ von der und einen ‚ganzheitlichen Zugang‘ zur Natur. Denn alle Teile eines Ganzen sind durch das Wirken des Ganzen bestimmt, nicht umgekehrt! Metaphysisch wurde daraus dann das, was man philosophisch ‚Teleologie‘ nennt: die zweckmäßige Ordnung der Welt sei durch das Wirken einer zwecksetzenden Weltkraft (Nous, Logos) garantiert.

Denn ursprünglich wurde eine Vielzahl an Gottheiten angenommen und verehrt. Mit den monotheistischen Relgionen begann dann die rationale Beschäftigung mit ‚DEM GANZEN‘, bis es zu Beginn der westlichen Moderne zu einem tiefen Bezweifeln der Gültigkeit aller Versionen einer ‚rationalen‘ Theologie kam. So argumentierte etwa im Übergang zur Neuzeit Baruch Spinoza, dass es absurd sei, von Zwecken ‚der‘ Gottheit und gar von solchen zu reden, die sich auf den Menschen beziehen. Da alles mit ewiger Notwendigkeit aus dem Wesen der Gottheit folge, sei für derartige anthropomorphisierende Zwecktätigkeiten keinerlei Raum.

Die bürgerliche Aufklärung räumte dann endgültig mit jedweder Teleologie auf. Es begann die materialistische Erklärung der Welt aus sich selber heraus, der naturwissenschaftlich-mechanistische approach…..

Zu Beginn des 20. Jhdts milderte sich dieser mechanistische Reduktionismus, nicht zuletzt durch die Entwicklungen in der naturwissenschaftlichen Paradewissenschaft selbst, der Physik.

In unserer Zeit meinte der Philosoph Stegmüller, dass die Begriffe „teleologisch“ und „kausal“ nicht als sich gegenseitig ausschließende Begriffe aufzufassen seien; eine Ausrichtung auf kausale Erklärungen schließe teleologische Erklärungen nicht aus. Denn letztlich sei jede ‚echte‘ teleologische Erklärung stets auch eine ‚echte‘ kausale Erklärung.

Von der echten teleologischen Erklärung hätte man nach Stegmüller die scheinbar echte teleologische Erklärung zu unterscheiden, welche zum Beispiel ein Naturphänomen erklären soll, das sich zwar auf einen bestimmten Zustand hinbewegt („Zielgerichtetheit“), ohne dass eine explizite Zwecksetzung („Zielintention“) nachweisbar ist.

Wittgensteins Nachfolger in Cambridge, Henrik von Wright, stimmt den begrifflichen Vorschlägen Stegmüllers zu, denn Wissenschaften, welche menschliches Handeln erklären wollen (etwa Soziologie, Geschichtswissenschaften), brauchen notwendigerweise neben kausalen auch intentionale (teleologische) Erklärungen. Dabei wird unser partizipatives Alltagswissen über Handlungen und deren Folgen in die wissenschaftlichen Beschreibung mit einbezogen, ebenso wie die bewussten unbewussten Absichten einer Handlung.

Man sieht: je genauer man hinsieht, desto weniger plausibel ist die Aussage von der Vorherrschaft ‚blinder‘ klausaler Kräfte. Noch dazu, weil dieses blinde Wirken der Kausalität so etwas wie den ‚verstehensfähigen‘ Menschen evolutionär hervorgebracht hat …. und die Kausalisten folgende Aussage für gültig halten: „Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde und mit Notwendigkeit.“

Irgendwo muss im kosmischen Geschehen das VERSTEHEN, das partielle sich selber vestehen der kosmischen Kräfte als Möglichkeit auch schon angelegt gewesen sein, oder? Zumindest erscheint dieser Gedanke jetzt nicht mehr ganz unplausibel.

Zumindest derjenige / dasjenige, welcher / welche die Natur als Ergebnis blinder Kräfte zu erklären versucht, kann wiederum nicht selber das Ergebnis eines solchen Vorgangs sein. Das wäre sonst eine absurde Erklärung, oder? Zumindest würde man das erst zu Erklärende bereits voraussetzen…Typisches Kennzeichen mythologischer Konsztruktionen!

Sofern das sprechende und bewusstseinsfähige Säugetier Mensch sich nicht radikal als außerkosmische Kraft definiert – als göttliche Urkraft – , sondern als Teil der Welt, als deren evolutionäres ‚Produkt‘, wird er sich nicht selber sinnvoll als zufälliges Ergebnis blind waltender Kräfte definieren können.

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