Die Empathie Tests

Leslie Jamison: Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer. Essays; aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann; Hanser Berlin Verlag, Berlin 2015; 336 S., 21,90 €, als E-Book 16,99 €

„Einfühlung erschöpft sich nicht darin, brav daran zu denken, ‚Es ist sicher nicht einfach für Sie‘ zu sagen“, sagt Leslie Jamison. „Empathisch zu sein bedeutet nicht nur zuzuhören, sondern auch, überhaupt erst die Fragen zu stellen, die dann Antworten hervorbringen, denen man zuhören muss.“ Empathie bedarf des Wissens um die eigene Unwissenheit. Und den Willen, die Unwissenheit, in der man es sich eigentlich ziemlich wohlig einrichten kann, aufzugeben.

Empathie ist deshalb immer eine Entscheidung, sagt Jamison. Die Entscheidung, sich dem Schmerz anderer zu nähern, auszusetzen, ihn kennenzulernen. Und auch, ihn zu verinnerlichen und als eine Möglichkeit für das eigene Erleben auszuloten.

Die New Yorker Autorin Leslie Jamison, geboren 1983, bereist in ihren Essays die Gefühlswelten ihrer Mitmenschen. Ein Gespräch über Möglichkeiten und Grenzen von Mitgefühl und Empathie.

„Ein so schönes Wort. Mitgefühl, mit M, M wie in Mama. Der Wunsch nach Mitgefühl ist ein Urwunsch, aufsteigend aus dem Urschlamm unserer Kleinkindseele, und er haftet an. Das Verlangen, gesehen und verstanden zu werden, erfüllt sich nur, wenn das Gegenüber fähig ist zur Empathie, sich einfühlen kann in uns, Verständnis entwickelt für das, was wir sind und brauchen. Wird oft enttäuscht, der Wunsch nach diesem Verstandenwerden. Wo es an Empathie mangelt, wird jede Begegnung schal. Empathie ist der Stoff, der eine Horde zur Gesellschaft befähigt. Die amerikanische Autorin Leslie Jamison hat in vielen brillanten Essays das Wesen der Empathie umrundet, die Lektüre setzt im Kopf einen Kreisel in Gang, man kann gar nicht mehr aufhören, über Mitgefühl und Empathie nachzudenken, darüber, was Empathie ist, ob von der Natur gegeben oder als kulturelle Geste geformt, wie viel wir davon brauchen oder wollen, von wem.“

„Empathie ist wie Atmen“, sagt Jamison, „Leute fragen mich, warum Empathie wichtig sei, ich dagegen verstehe nicht, warum wir nicht immerzu darüber reden. Empathie ist zentral in allen Beziehungen, die der im Grunde isolierte Mensch mit anderen eingeht. Jeder einzelne Mensch muss in jeder einzelnen Interaktion spüren, was in der anderen Person vorgeht, oder er versagt darin, das zu erspüren. Empathie ist das Gewebe von allem Zwischenmenschlichen. Ich kann mich nicht daran erinnern, nicht über Empathie nachgedacht zu haben oder geschrieben zu haben.“

 

Versteh mich bitte!

Aus DIE ZEIT Nr. 48/2015, 26. November 2015

Ein so schönes Wort. Mitgefühl, mit M, M wie in Mama. Der Wunsch nach Mitgefühl ist ein Urwunsch, aufsteigend aus dem Urschlamm unserer Kleinkindseele, und er haftet an. Das Verlangen, gesehen und verstanden zu werden, erfüllt sich nur, wenn das Gegenüber fähig ist zur Empathie, sich einfühlen kann in uns, Verständnis entwickelt für das, was wir sind und brauchen. Wird oft enttäuscht, der Wunsch nach diesem Verstandenwerden. Wo es an Empathie mangelt, wird jede Begegnung schal. Empathie ist der Stoff, der eine Horde zur Gesellschaft befähigt. Die amerikanische Autorin Leslie Jamison hat in vielen brillanten Essays das Wesen der Empathie umrundet, die Lektüre setzt im Kopf einen Kreisel in Gang, man kann gar nicht mehr aufhören, über Mitgefühl und Empathie nachzudenken, darüber, was Empathie ist, ob von der Natur gegeben oder als kulturelle Geste geformt, wie viel wir davon brauchen oder wollen, von wem. Kleine Studie. Ich sitze in einem Café, gleich werde ich Leslie Jamison hier treffen, untypischerweise bin ich sehr viel zu früh. Ich beobachte die Menschen, ich stelle mir vor, welcher dieser jungen Leute in diesem Studentencafé wohl dieses Empathie-Gen hat, das Jamison in ihren Essays so virtuos in Anwendung bringt, ja rigoros austestet, wenn sie etwa Menschen begegnet, die an mysteriösen Krankheiten leiden, oder einen besucht, der unschuldig im Gefängnis sitzt.

Also wer? Schwer zu sagen, wer Mitgefühl triggern könnte oder empathiefähig wäre. Die Leute gucken auf Displays, die klein in ihrer Hand liegen oder groß zwischen ihnen aufragen wie Trennwände. Was nichts Ungewöhnliches ist, das Café liegt im Eingang von Dodge Hall, auf dem historischen Campus der Columbia University in New York, wo Jamison Literatur lehrt. Herrliches Gebäude, vierstöckig, hier wohnen die Künste. Ungewöhnlich ist nur dieses eine Paar. Große, schlanke Frau, sie überragt um Haupteslänge den älteren Mann, der ihr vorausgeht, er ist der gemütliche Typ und sie ein langhaariges Wesen, sehr ungeschminkt, sie wirkt fast rohhäutig. So ungefähr stellt man sich Leslie Jamison vor.

Sie setzen sich. Er kann den Blick nicht von ihr wenden, wie muss sie sich von ihm wahrgenommen fühlen! Was sieht er in ihr, während ihre Hände verständnisheischend zu ihm ausfahren wie wedelnde Fächer, mit langen Fingern, die an den Spitzen ein wenig frostig aussehen? Auch ihre Nase ist leicht gerötet, anrührend irgendwie. Und kein Wunder, in Böen schwappt der Herbst kalt herein, wenn die Tür aufgeht und wieder zu. Sieht der Typ, dass sie friert? Wie sie ihre alte Strickjacke immer wieder über das viel zu dünne, viel zu tief ausgeschnittene Hemdchen zieht. Hups, das war jetzt mein Mama-Gen.

Dreißig Minuten sind um, wo also bleibt Jamison? Die kleine Empathie-Vorstellung neigt sich ihrem Ende zu, die junge Frau verabschiedet den Herrn. Blickt sich dann um, unsere Augen verhakeln sich – da ist klar: Die Empathie-Lady ist Leslie Jamison! Hallo und na so was!

Später, wir sitzen im dritten Stock in einem Raum, in dem drei leere Schreibtische für junge Lehrkräfte stehen, sagt sie: „Ich bin jetzt ja nicht die Empathie-Lady, für die mich neuerdings alle halten, auch wenn ich Vorträge vor Medizinern und Pharmakologen gebe.“ Jemand, der Essays schreibe, sei per Definition des Essays kein Experte von irgendwas. Liege der Gestus des Essays nicht darin, Konzepte auseinanderzunehmen?

Es sind literarische Essays, die Leslie Jamison mit 32 Jahren berühmt gemacht haben, obwohl sie als Belletristik-Autorin schon 2010 Aufsehen erregte, mit ihrem ersten Buch, The Gin Closet. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Leben unterbricht, um sich ihrer siechen Großmutter zu widmen. Trotz ihres Ekels über den klapprigen, undichten Körper. Und die sich nach deren Tod auf die Suche nach einer Tante macht, die der Familie verloren ging und sich selbst, sie wird in einem versifften Trailer aufgefunden. The Gin Closet wurde von der Kritik gefeiert. Bestes Debüt des Jahres! Die Essays von Jamison setzten sich dann nach Erscheinen im Jahr 2014 mühelos an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times. Es sind geradezu unterhaltende Texte, Reportagen, Nachdenkstücke, Annäherungen etwa an Extremmarathon-Läufer, die, alle Schreie ihrer gemarterten Körper ignorierend, sich durch Dornengebüsch quälen, Texte, die nach der politischen Entwicklung in einem Land fragen, das immer mehr Menschen in Gefängnissen wegschließt und für mitfühlende Blicke unsichtbar macht. So wie einst die Sklaven im Land unsichtbar waren. „Mama“, habe ihre kleine Tochter gerade gestern gefragt, „wieso ist Thomas Jefferson auf unseren Dollars, wenn er doch ein Sklavenhalter war?“ Die Unterdrückung von Empathie haben heute natürlich die Krieger des IS zur Perfektion gebracht.

Schon der erste Essay, Die Empathie-Tests, inszeniert das Thema in einer Dreifach-Spirale. Jamison berichtet von der Erfahrung, als notorisch klamme Autorin bei Empathie-Tests von Medizinstudenten mitzuwirken, vor denen sie nach vorgegebenem Skript etwa eine junge Frau mimt, die traumatisiert ist. Die Studenten müssen in dieser simulierten Sprechstunde, die ein Examen ist, den verstehenden Arzt geben. Während das Ich des Essays also eine verwundete Frau spielt, um Mitgefühl auszulösen, das von angehenden Ärzten auch nur gespielt wird, erlebt Jamison in einer parallel geschnittenen Handlung, deren Stoff ihr wirkliches Leben ist, wie schwer es sein kann, durch echten Schmerz Mitgefühl zu erregen. Nach einer Abtreibung, während sie von nächtlichen Krämpfen geschüttelt wird, schnarcht ihr Liebster neben ihr. Das Gefühl von Verlassenheit. Sie will so sehr, heißt es, „dass sich für ihn alles genauso anfühlt wie für sie: Er soll fühlen, dass ihre Herzen in genau demselben Rhythmus schlagen, perfekt synchronisiert. Ihre beiden Herzen, zwei verkrüppelte Kaninchen, die sich gemeinsam abmühen.“

Das Paar streitet darüber, ob sie den Schmerz übertreibt, um Empathie zu erzwingen. Mitgefühl verliert so seine Unschuld. Alle Themen von Jamison sind hier schon da. Der Schmerz als Sprache, die nach Erwiderung giert. Die Grenzen von Einfühlung, weil der Schmerz eines anderen nie ganz nachempfunden werden kann. Empathie als Währung, die zwischen Menschen zirkuliert – oder zurückgehalten werden kann, auch um sich abzugrenzen. Wie Beziehungen zerfallen, ohne Empathie.

„Empathie ist wie Atmen“, sagt Jamison, „Leute fragen mich, warum Empathie wichtig sei, ich dagegen verstehe nicht, warum wir nicht immerzu darüber reden. Empathie ist zentral in allen Beziehungen, die der im Grunde isolierte Mensch mit anderen eingeht. Jeder einzelne Mensch muss in jeder einzelnen Interaktion spüren, was in der anderen Person vorgeht, oder er versagt darin, das zu erspüren. Empathie ist das Gewebe von allem Zwischenmenschlichen. Ich kann mich nicht daran erinnern, nicht über Empathie nachgedacht zu haben oder geschrieben zu haben.“

Empathie ist keineswegs eine nur den Menschen adelnde Seelenlage. Auf Twitter machten neulich zwei Hunde Karriere – Phoebe und Tillie. Ein Beagle und ein Mischling. Sie waren tagelang in Kalifornien verschwunden, ausgerechnet im Paradise Valley. „DOGS STILL MISSING“, schrie das Internet. Wie sich herausstellte, war Phoebe in eine Zisterne gefallen; als man sie fand, saß Tillie neben der Grube und schickte ermunternde Laute hinunter. Kann Empathie auch Gattungsgrenzen überspringen? Sie lese gerade den neuen Roman von Mary Gaitskill, sagt Jamison, in dem sich eine tiefe Beziehung zwischen einem Pferd und einem Mädchen entwickele, und sie habe gemerkt, dass auch hier, angesichts dieser Woge von Gefühl zwischen Pferd und Mensch, nur eine Frage wichtig sei: ob man dieses Gefühl an die Kandare nehme – oder sich ihm ergebe.

Die Texte entstanden zwischen 2006 und 2012 und wurden in Harper’s Bazaar veröffentlicht oder in VICE oder in The Paris Review. Wie segensreich es sich für die angelsächsische Literatur auswirkt, in Magazinen oder Literaturzeitschriften eine Öffentlichkeit zu haben, die ein Forum bietet, das sowohl intellektuell wie glamourös ist, schon eine Joan Didion oder Susan Sontag profitierte davon, von Jamison gern zitierte Vorbilder. Einer von ihren Texten beschäftigt sich mit Saccharin, das auf unser Begehren nach tröstender Süße mit einem Substitut antwortet. Was bedeutet es also für eine Gesellschaft, dass sie Geborgenheit nur antäuscht? Saccharin verhalte sich zur Süße wie Sentimentalität zu Gefühl, schreibt Jamison. Beides seien Substitute, die verachtet würden. Aber wieso? Sei dieses harte Urteil nicht nur ein Ego-Kick? „Weisen wir das Sentimentale von uns, um uns selbst als wahrhaft Fühlende zu erleben, souverän gebietend über die schwierigen und die echten Empfindungen?“, heißt es in einer der Jamison-typischen Gedankenschrauben.

Teufelsköder ist eine Reportage aus einer Region, von der man im Land der Gesunden, wie Sontag es nannte, nichts weiß. Morgellons-Kranke sehen aus ihrer Haut bösartige Borsten steigen, man könne dies nicht beschreiben, ohne sich zu kratzen, sagt Jamison. Allein der Gedanke, wie jemand unter Juckreiz leide, aktiviere im Gehirn dieselbe Region, die echter Juckreiz aktiviert, so viel zur biologischen Grundlage von Empathie. Sie weist mich lachend darauf hin, dass ich schon angefangen habe, mich zu kratzen.

Die Morgellons leiden so, dass sie sich bis auf die Knochen aufkratzen. Schulmedizinische Diagnose: Wahn. Sie habe, sagt Jamison, auf dem Kongress der Morgellons verstanden, wie gefährlich Mitgefühl sein könne. „Die Kranken bestätigten einander, im Stile von: Dieses ist real, und ich weiß, dass es real ist, und du weißt es …“ So werde verhindert, dass sie sich etwa psychiatrische Hilfe holen. Und wirken nicht einige der Kranken so, als trieben sie auf Eisschollen in einem Meer von Schmerz – und ruderten heimlich weg von Außenstehenden, die ihre Empathie anbieten? „Absolut“, sagt Jamison. Sie spricht von „Demut“ – sich in die Einsicht fügen, dass es Grenzen für die eigene Empathiefähigkeit gibt.

Auch Jamisons Haut kennt den Schmerz. Ihr linker Arm trägt dort, wo die Haut am zartesten ist, ein Tattoo. Von der Armbeuge bis zum Handgelenk ist ein Schriftzug eingeritzt: Homo sum: humani nil a me alienum puto. „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denke ich, ist mir fremd.“ Terenz, 2. Jhdt. v. Chr. Wenn Jamison ihre Strickjacke abgelegt hat und zu ihren schnellen Sätzen mit den Armen wedelt, sieht man, wie in Flashs, diese schmerzlich aufblitzende Schrift. Sie habe das Tattoo stechen lassen, um sich nach einer scheiternden Beziehung Mut zuzusprechen. Und dann, durch das Tattoo, ihren Mann getroffen …

Sie hat keine Scheu, eigene Schmerzenspunkte auszustellen. Auf die Frage, warum sie dieses Buch geschrieben habe, antwortete Jamison in einem Blog: „Um Bilder und Sprache für einen Schmerz zu finden, der nebulös war, ohne Kontext oder Auslöser. Ich wollte ein Buch schreiben, in dem Leute die ungeliebten Seiten eines anderen lieben, in dem beschädigte Leute (manchmal und nicht zu sehr) Zuflucht finden in den Versehrungen und Bedürfnissen anderer.“ Sie macht sich so auch zum Objekt von Empathie, unserer und der eigenen.

Und dann ist da noch dieses Mädchenthema, wie Frauen durch Austausch von Opfergeschichten Intimität herstellen. Große weibliche Opfergestalten sind natürlich: Mater dolorosa, auf deren Schmerz angesichts des Leidens ihres Sohnes eine ganze Kirche ruht. Frida Kahlo, die sich mit der Dornenkrone ihres Schmerzes malte. Die Dichterin Sylvia Plath, deren in Versen ausformulierte Qual im Suizid endete. Kultisch verehrte Frauen. Wieso? Für die Frau, sagt Jamison, liege der Vorteil darin, als eine Bedürftige zu erscheinen, deren Appell nach Fürsorge gehört wird. Für den männlichen Blick liege im Anblick der leidenden Frau eine Verlockung – der zu sein, der für sie sorgt. Und wäre Empathie auch das Mittel, sich in Stärke einzufühlen? Etwa in Marianne, die auf den Barrikaden steht, ein Symbol der Französischen Revolution?

Die starke sowie die leidende Frau, sagt Jamison, seien sich ergänzende kulturelle Narrative, so wie der Komplex von Hure und Heiliger. „Wir tragen doch beide in uns, vermutlich auch Sie und ich.“ Und jetzt muss sie los. Blick aufs Handy. Eine Tante in der Familie ihres Mannes ist gestorben, man ruft sie, um mit allen Schiwe zu sitzen, zur Totenwache. Gibt es ein schöneres Bild für Empathie?

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