Corona-Müdigkeit? Oder die Grenzen zentraler Krankheits- / Gesundheitsverwaltung…..

Wir lesen in letzter Zeit öfter Texte unter Schlagzeilen wie „Warum wir so coronamüde sind“, „Corona-Müdigkeit macht Ärzten Sorge“ oder „Corona-Müdigkeit: eine Studie“, etc.

„Anfangs habe es ein großes Informationsbedürfnis gegeben, im Sommer sei Optimismus aufgrund der Lockerungen aufgekommen, jetzt im Herbst sei eine gewisse Corona-Müdigkeit festzustellen. Die Zustimmung, Freiheitsrechte aufzugeben befinde sich im Sinkflug….. .“

Ja, ja, da sind sie, die Erhebungen von Stimmungslagen in der Bevölkerung plus ‚Erklärungen‘ dieser Stimmungslagen‘ durch weitere Experten…

Könnte die sogenannte Corona-Müdigkeit aber nicht auch ganz wesentlich eine ‚Experten-Müdigkeit‘ sein, also eine Folge andauernd schwerer Bevormundung durch Expertengremien und auf diese fokussierte Politiker sein?

Statt mit Unsicherheit gut leben zu lernen, mit dem Virus gut hygienisch umgehen zu lernen, wurde von Beginn an in Form von LOCKDOWNS ‚scharf geschossen‘ (>war on virus<). Die Pandemie war und  ist die Blütezeit der Statistiker – ‚flatten the curve‘, Reproduktionsrate, usw.

WIR VERWALTEN DAS VIRUS ZENTRAL, durch VORGABEN VON OBEN, durch Testung und Messung.

Was dabei völlig vergessen wird ist die Tatsache, dass statistisch gültige Aussagen über soziale Aggregate (interessant und wichtig für Gesundheitsbehörden) nichts über den Einzelfall als solchen aussagen, über Dich und mich, Dein und mein Risiko im Umgang mit dem Virus. Denn wir als LEBENDE PERSONEN sind mehr und anderes als Mittelwerte statistischer Aussagen, mehr und anderes als Objekte der Gesundheitsverwaltung.

Könnte die ‚Corona-Müdigkeit‘ nicht auch Ausdruck dieser bürokratischen ‚Statistik-Orientierung‘ der Gesundheitspolitik sein? Die Verwaltung der Pandemie, das ist Sache der Gesundheitsbehörden, jawohl. Aber die FOLGEN der Maßnahmen, die tragen wir, JEDER EINZELNE VON UNS. Und nachdem sich ‚schnelle Erfolge‘ der Behörden und Experten im Umgang mit Covid 19 nicht einstellen, steigt halt der Zweifel an der Sinnhaftigkeit der ‚Maßnahmen‘, bis hin zur ‚Verzweiflung‘, zur Leugnung der Gefahren der Pandemie. Darüber hinaus gelten auch noch die Wirkungen des ‚Präventionsparadoxons‘ zentral gesteuerter Gesundheitspolitik:

„Das sogenannte Präventionsparadox wurde Anfang der 1980er Jahre vom britischen Epidemiologen Geoffrey Rose am Beispiel der koronaren Herzkrankheiten beschrieben. Es stellt ein grundlegendes Dilemma der bevölkerungs- und risikogruppenbezogenen Prävention und Krankheitsprävention dar. Seine Kernaussage ist: Eine präventive Maßnahme, die für Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringt, bringt dem einzelnen Menschen oft nur wenig – und umgekehrt.

Wenn viele Einzelne mit geringem Risiko (z.B. grenzwertiger Bluthochdruck, leicht auffälliger Cholesterinspiegel, Prä-Diabetes) eine präventive Maßnahme durchführen, nützt diese der Gesamtpopulation in der Regel viel. Bei einer großen Menge von Menschen werden kardiovaskuläre Krankheitsereignisse oder vorzeitige Todesfälle langfristig gesenkt. Eine Einzelperson mit leichtem Risiko wird aber nur selten einen direkten Nutzen durch kurz- oder mittelfristige Verbesserungen der Gesundheit oder durch eine Verlängerung ihrer behinderungsfreien Lebenszeit erfahren. Anders stellt sich die Lage für Interventionen bei kleinen Gruppen mit hohem Risiko dar, z.B. bei klinisch adipösen Menschen oder bei Patientinnen und Patienten mit manifester Hypertonie, Hypercholesterinämie oder Diabetes mellitus Typ II. Hier ist der individuelle Gesundheitsgewinn durch Früherkennung, Frühbehandlung und tertiäre Prävention ungleich höher als bei Menschen mit mittlerem und niedrigerem Risiko. Allerdings ergibt sich für die Population kein vergleichbar großer Effekt.

Das Präventionsparadox gilt für alle auf Risikofaktoren basierenden medizinischen Interventionen und Zielsetzungen, insbesondere für Maßnahmen der Verhaltensprävention. Typische Anwendungsbeispiele sind:

  • Screenings auf unentdeckte Hypertonie zur Infarktprophylaxe, Diabetes-Screenings, PSA-Bluttestungen zur Prostatakarzinom-Früherkennung,
  • invasive Früherkennungsmaßnahmen wie die Vorsorgekoloskopie zur Darmkrebsprophylaxe.
  • Das Paradox hat auch Gültigkeit bei Jodprophylaxe und Schutzimpfungen, für die Krankenhaus- oder Pflegehygiene gegen Erreger, die gegen Antibiotika mehrfach resistent sind (MRSA), bei der Verpflichtung zum Tragen von Sicherheitsgurten im Auto zur Verhinderung/Milderung von Unfallfolgen, für Nichtraucherförderung und Raucherentwöhnungsprogramme, für Bewegungsförderung oder bei Maßnahmen des Arbeits-, Gesundheits- und Klimaschutzes.

Ein anderes Verständnis des Präventionsparadoxons findet sich im bevölkerungsbezogenen Impfschutz und der Infektions-/Impfepidemiologie. Wird gegen eine Infektionskrankheit geimpft, ist zudem die Impfung in der Bevölkerung akzeptiert und sinkt in der Folge die Inzidenz, verliert sich allmählich das klinische Bild der Erkrankung im Bewusstsein der Bevölkerung. Zugleich erscheinen Nebenwirkungen der Impfungen sowie potenzielle und reale (wenn auch seltene) Impfschäden gravierender als die Infektionskrankheit selbst. Dies führt zu einem Vertrauensverlust in die Impfung mit der Folge sinkender Impfbereitschaft, verringerter Impfquoten und partieller Impfverweigerung bzw. offener Gegnerschaft (z.B. bei Masern, auch Tuberkulose). Dadurch kann es zu neuen Ausbrüchen kommen, wobei erst diese die Impfbereitschaft wiederum steigern. Die Paradoxie wird gerade unter dem Aspekt von potenziellen (Impf-)Zwangsmaßnahmen bei Gesunden in der Public Health-Ethik problematisiert und kontrovers diskutiert.

Aus Public Health-Sicht ist eine bevölkerungsweite Intervention bei Erfolg zwangsläufig lohnender, weil sie mehr Krankheitsereignisse oder vorzeitige Todesfälle verhindern kann. Diese Bevölkerungsstrategie wendet sich an alle Menschen bzw. an größere Teilpopulationen, ungeachtet der individuellen Erkrankungswahrscheinlichkeit. Mit der Größe der Gruppe sinkt zwar der Anteil derjenigen Menschen, die einen direkten gesundheitlichen Nutzen erfahren – allerdings ist der epidemiologische Nutzen höher, die Zahl der vermiedenen bzw. „geretteten“ Fälle größer. Also wird eine große Zahl von Personen untersucht und/oder zur Änderung ihres Verhaltens bewegt, die auch ohne Screening bzw. Verhaltensänderung keine Krankheit (z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall) erlitten hätten. Mit zunehmender Orientierung auf kleinere Gruppen von Risikoträgern und besonders gefährdeten Menschen (Risikogruppenstrategie) werden präventive Maßnahmen aufwändiger und komplexer.

Als Lösung des Präventionsparadoxes empfiehlt die WHO seit Anfang der 2000er Jahre eine „richtige Balance“ zwischen Bevölkerungs- und Teilpopulationsstrategie (BS) und Hoch-Risiko-Strategie (HRS). Die BS wird differenziert umgesetzt unter Berücksichtigung epidemiologischer und sozialökologischer Mediatorvariablen (z.B. Alter, Geschlecht, sozialer Status und Bildungsstatus, Lebensweise, Gesundheitsverhalten, präventivmedizinischer Risikostatus).“*

Es zeigen sich am Symptom ‚Corona-Müdigkeit‘ deutlich die Grenzen zentral gesteuerter Gesundheitspolitik.

Warum  werden diese eigentlich nicht in den Mittelpunkt der Gesundheitsdebatte gerückt?


* Quelle: Peter Franzkowiak

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