„Wasser, Wasser überall, aber kein Tropfen zu trinken.“ – Amusing Ourselves to Death

Am 19.03.2001 erschien die u.a. Rezension in der FAZ. Heute schreiben wir Ende August 2020.

UND ES IST ALLES NOCH VIEL SCHLIMMER GEKOMMEN ALS ES SICH IE HERREN POSTMAN, ORWELL UND HUXLEY SAMT REZENSENTEN ÜBERHAUPT VORSTELLEN KONNTEN. Sowohl „1984“ als auch „Schöne Neue Welt“ wurden / werden heute gleichzeitig umgesetzt: sie kannten die VIRTUALISIERUNG DER REALITÄT DURCH BIG DATA noch nicht gut genug………

Aber die Tendenzen haben sie treffend erkannt. Ja, ja…. „die kontextlose, für den Empfänger letztlich irrelevante Information …… erfreut sich heute allgemeiner Beliebtheit, vorausgesetzt, sie ist total und erfolgt möglichst noch vor dem zu berichtenden Ereignis.“

Oder besser noch: statt wirklicher Ereignisse. Virtuelle Realität eben…… the medium is the message / massage …… Vermeidung von Kontemplation durch die Art der Rezeption …..

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Ausgangs- und Fluchtpunkt von Neil Postmans kulturkritischer Polemik „Amusing Ourselves to Death“ sind Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne Neue Welt“. Aber während Orwell eher das Modell für den Ostblock darstellt, so Postman, wird Huxley Dystopie im Westen mit großen Schritten umgesetzt.

Der Unterschied: Orwell spricht von Kulturverfall durch Überwachung, Huxley vom Kulturverfall durch Vergnügen. Nicht das Gefängnis, sondern das Fernsehen ist das Problem, wobei die Gefahr dadurch verstärkt wird, dass die Menschen ihren Unterdrücker lieben, so wie sie jeden lieben, der ihnen Zerstreuung gewährt.

Bittere Medienmedizin

Wofür Postman, der am 8. März 70 Jahre alt wurde, steht, weiß man gewöhnlich auch, wenn man sein Buch nicht gelesen hat. Da mag es erstaunen, wenn der Autor Gefallen am „Unsinn im Fernsehen“ findet und die Gefahr eher dann sieht, wenn sich das Fernsehen „anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert“. Aus diesem Grunde finden auch bemühtere Sendungen wie die „Sesamstraße“ keine Gnade, setzt diese doch an die Stelle des konzentrierten, angestrengten Lernens die Idee vom Unterricht als Unterhaltung. Postmans Bildungsidee, da bleiben keine Zweifel, beruht ganz auf der Rhetorik des sorgevollen, gestrengen Apothekers: Nur was bitter schmeckt, hilft.

Er argumentiert im Sinne seines Vorbilds Marshall McLuhan vom Medium her und nicht von dessem Einsatz: Das Fernsehen hat da schon vor dem Einschalten verloren. Denn die Sünde liegt im Verstoß gegen das zweite Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen, was auf die Verteidigung der abstrakten Idee des Wortes gegen dessen sinnliche Verkörperlichung zielt. Die Dispositive des Fensehens aber heißen: Ersetzung des Wortes durch das Bild, Tendenz zu kurzen Schnitten, Vermeidung der kontemplativen Situation schon durch den unaufhaltsamen Ablauf der Rezeption. Im Zeitalter der privaten Sender und der Fernbedienung kommen die Vermeidung von Irritation und kognitiver Überforderung – beide im Ruch, Zuschauerverluste zu verursachen – hinzu. Es sind die „grammatischen Eigenschaften“ der Medien, und nicht ihrer Inhalte, die eine bestimmte Art zu denken und zu empfinden begründen.

Dieser Determinismus hat Geschichte: So wie einst Montesquieu von der geographischen Struktur („De l’Esprit Des Lois“, 1748), so erklärte Herder („Ideen“, 1784-91) von der Struktur der Sprache aus den Charakter eines Volkes. Demnach hindere zum Beispiel die einfache Satzstruktur im Französischen an tieferer Philosphie in dieser Sprache, ganz im Gegensatz zum deutschen Satzbau. Solch indifferente, aber griffige Erklärungen sind der Stoff, aus dem Vorurteile gemacht werden.

Sprache, Philosophie und Fernsehen

Vorurteile lassen Postman denn auch übersehen, dass das Fernsehen in seinen Anfangsjahren durchaus Langsamkeit und Sachlichkeit kannte, „Short Cuts“ also nicht unbedingt eine Frage der Technik, sondern des Lebensgefühls sind. Dass Nachrichtensprecher heute zu Unterhaltungsstars mutieren, muss auch an etwas anderem liegen.

Dass Postmann dieser Spur überhaupt nicht nachgeht, ist ein Mangel seines Buches.

Und doch, betrachtet man den aktuellen Stand der Dinge, wird man Postman in vielem Recht geben. Das Fernsehen hat unsere Wahrnehmungsgewohnheiten und Erwartungshaltungen verändert, und das Internet mit seiner Klick-Logik wird die konstatierte Tendenz zur „Sitcom-Kultur“ (alle 20 Sekunden ein Witz) gewiss nicht aufhalten.

Was Informationen betrifft, so liegt deren Wert heute eher im Tempo der Bereitstellung als im Nutzen für die eigene Lebenssituation. Die kontextlose, für den Empfänger letztlich irrelevante Information – die Thoreau bereits mit der Einführung der Telegraphie aufkommen sah, und die in der Erfindung des Kreuzworträtsel ihren größten Erfolg feiert – erfreut sich heute allgemeiner Beliebtheit, vorausgesetzt, sie ist total und erfolgt möglichst noch vor dem zu berichtenden Ereignis.

McLuhan – Postman – Springsteen

Man mag Postmans Kulturpessimismus als antiquierten Bildungskonservatismus und nicht therapierte Technikphobie durchschauen. Die Lektüre seines Buches hilft dennoch, angesichts des gegenwärtigen Massenkonsums von Information und Unterhaltung – der uns glücklich zu machen scheint wie die Droge „Soma“ die Bewohner der Brave New World – innezuhalten und noch mal Bruce Springsteens „57 Channels And Nothin‘ On“ aufzulegen oder, was Postman tut, mit Coleridge den ersten poetischen Medienkritiker zu zitierten: „Wasser, Wasser überall, aber kein Tropfen zu trinken.“

Quelle: FAZ, Wider die Kultur der Sitcom

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