Disruption – und dann?

Coronavirus Emergency In Venice

Wir erleben gerade eine ‚disruptive Phase‘ der menschlichen Entwicklung. Allen ist unmittelbar klar, dass die alte Ordnung zu einem ‚Halt‘ gekommen ist. Nicht alle, aber die meisten ahnen / fürchten / hoffen, dass ’nachher‘ nichts mehr so ist wie ‚vorher‘.

Die Spekulationen, wie das ‚Nachher‘ aussehen wird, schießen ins Kraut.

⇒ Falls überhaupt, dann fragt sich, was man relativ sicher vorausehen kann?

Disruption gehört in das Umfeld der Systemtheorie. Im Wikipedia Eintrag dazufinden wir u.a.:

„Das neudeutsche Wort Disruption (bzw. disruptiv) wurde aus dem Englischen übernommen, wo disruption – abgeleitet vom lateinischen Verb disrumpere (zerreißen, zerbrechen, zerschlagen, bzw. passivisch: platzen) – so viel wie Unterbrechung, Störung, Bruch, Unordnung oder Zerstörung bedeutet.

Das Wort Disruption trat vereinzelt erstmals Mitte der 1990er Jahre in Printmedien im Kontext Mikrobiologie bzw. Werbung auf. Etwa ein Jahrzehnt später wurde es gelegentlich im Zusammenhang mit technologischen Neuerungen verwendet. Seit 2015 häufte sich der Gebrauch des Begriffs Digitale Disruption im Kontext von Wirtschaft und Gesellschaft, besonders in der Start-up-Szene.“

Nun, die Ursache der jetzigen globalen Disruption ist ein mutierter SARS-Virus (SARS-CoV-2), der sich in unserer globalisierten Welt pandemisch verbreitet. Die WHO und die meisten Staaten der Welt sind auf dieses Ereignis schlecht vorbereitet, daher die ‚Disruption‘.

Aber zwei Staaten der Welt waren besser vorbereitet: Taiwan und Südkorea. Sie konnten auch deshalb so schnell und adäquat reagieren, weil sie gegenüber Europa einen Wissensvorsprung haben: Beide Länder haben schon schwere Epidemien mit Dutzenden Toten durchgemacht, Taiwan die Sars-Epidemie 2003, Südkorea die Mers-Epidemie 2015. Die beiden Staaten haben in der jetzigen Krise auf ähnliche Strategien gesetzt: Sie reagierten enorm schnell, nutzten effizient das verfügbare Datenmaterial und versorgten die Bevölkerung, etwa durch regelmäßige Pressekonferenzen, transparent mit viel Informationen.

So erhielten Anfang Februar Smartphonebesitzer in Taiwans Hauptstadt Taipeh eine Notfall-SMS der Behörden mit einem Link zu Google Maps. Dort waren alle Orte verzeichnet, die eine mit dem Coronavirus infizierte chinesische Touristin aus Wuhan besucht hatte. Somit konnten Untersuchungen gestartet werden.

Bereits als die allerersten Berichte aus China kamen, aktivierte Taiwan den Krisenmodus – und kein Aufwand war zu gering. Nicht nur am Flughafen wurden Untersuchungen durchgeführt, auch in Schulen wurde Fieber gemessen, sogar in großen U-Bahn-Stationen, hier durch Wärmekameras. 1100 Isolationsbetten wurden geschaffen, Verdachtsfälle kamen nicht nur in Quarantäne, es wurden auch Bewegungsprofile erstellt, um die sozialen Kontakte nachzuvollziehen. Das öffentliche Leben war eingeschränkt, kam aber nicht zum Erliegen: So wurden zwar Schulferien verlängert, doch die Restaurants blieben offen. Doch besuchen sie nun viel weniger Gäste.

Auch in Südkorea blieb das öffentliche Leben zu weiten Teilen aufrecht. Wobei hier vor allem die Stadt Daegu betroffen ist – und dort allein 4000 Fälle auf die „Shincheonji Jesus-Kirche“ zurückgehen, deren Mitglieder sämtliche Maßnahmen ablehnten. Derartige Brandherde stellte die Regierung unter strenge Isolation. Über andere mögliche Krisenherde wird die Bevölkerung mittels Apps informiert. Zudem führte auch Südkorea unverzüglich massenhaft Tests durch – es wurden dafür sogar eigene Drive-ins für Autofahrer geschaffen. Auch dort wurde jeder einzelne Fall genau dokumentiert, um mögliche Ansteckungen nachzuvollziehen.

Man hatte Erfahrungen und die entsprechenden technologischen Routinen im Umgang mit dieser Art von Virus.

Gesellschaften können sich anhand solche Herausforderungen adaptieren, geeignete Copingstrategien entwickeln. Es sind heute, wie man zu sagen pflegt, Data-istische Strategien. Und die werden bleiben.

Das kann man mit ziemlicher Sicherheit voraussagen. Die Tendenz zum Data-ismus wird durch die jetzige Krise massiv verstärkt. Was aber meint Data-ismus?

„Der von David Brooks in seinem New York Times-Artikel „The Philosophy of Data“ aus dem Jahr 2013 erstmals erwähnte Data-ismus ist ein ethisches System, das vom renommierten Historiker Yuval Noah Harari am intensivsten erforscht und populär gemacht wurde.

In seinem 2016 erschienenen Buch Homo Deus beschrieb Harari den Data-ismus als eine neue Form der Religion, welche wachsende Bedeutung von Big Data widerspiegelt.

Harari führt in seinem Buch aus, dass evolutionär gesehen Systeme bevorzugt werden, welche am schnellsten große Datenmengen situations-adäquat verarbeiten können. In einem Interview mit Wired erklärte Harari: „Menschen waren bislang evolutionär was Besonderes und Wichtiges, weil sie bis dato das fortschrittlichste Datenverarbeitungssystem im Universum waren; aber das ist nicht mehr der Fall.“

Jetzt erweisen sich Big Data und maschinelles Lernen als ausgefeilter, und Data-isten sind der Ansicht, dass wir den neuen Algorithmen so viele Informationen und Möglichkeiten wie möglich zur Verfügung stellen sollten, damit ein freier Datenfluss Innovationen und Fortschritte ermöglichen kann, welche wir so noch nie zuvor gesehen haben.“

Und welche wir in Zukunft zu unserem Überleben brauchen werden, wie sich gerade herausstellt.

Das also wird nach der Krise bleiben.

Zum Guten oder zum Schlechten?

Harari dazu im Aufsatz „Google and the end of free will“:

„Geräte wie der Kindle von Amazon können ständig Daten über ihre Benutzer sammeln, während sie Bücher lesen. Ihr Kindle kann überwachen, welche Teile eines Buches Sie schnell und welche langsam lesen. Auf welcher Seite Sie eine Pause gemacht und auf welchem ​​Satz haben Sie das Buch verlassen haben, um es nie wieder aufzunehmen. Wenn der Kindle mit einer Gesichtserkennungssoftware und biometrischen Sensoren aufgerüstet werden sollte, würde er wissen, wie jeder Satz Ihre Herzfrequenz und Ihren Blutdruck beeinflusst. Es würde wissen, was dich zum Lachen gebracht hat, was dich traurig gemacht hat, was dich wütend gemacht hat. Bald werden die Bücher Sie lesen, während Sie diese lesen. Und während Sie das meiste, was Sie lesen, schnell vergessen, müssen Computerprogramme nie vergessen. Solche Daten sollten es Amazon schließlich ermöglichen, Bücher mit unheimlicher Präzision für Sie auszuwählen. Außerdem kann Amazon genau wissen, wer Sie sind und wie man Ihre emotionalen Tasten drückt.
Denken wir das logisch weiter, dann können Menschen Algorithmen die Autorität übertragen, die wichtigsten Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen, z. B. wen sie heiraten sollen. Im mittelalterlichen Europa hatten Priester und Eltern die Autorität, Ihren Partner für Sie zu wählen. In humanistischen Gesellschaften gaben wir diese Autorität unseren Gefühlen. In einer Dataist-Gesellschaft werde ich Google bitten, eine Auswahl zu treffen. „Hören Sie, Google“, werde ich sagen, „sowohl John als auch Paul umwerben mich. Ich mag beide, aber auf unterschiedliche Weise, und es ist so schwer, mich zu entscheiden. Was raten Sie mir bei allem, was Sie wissen? “

Und Google wird antworten: „Nun, ich kenne Sie vom Tag Ihrer Geburt an. Ich habe alle Ihre E-Mails gelesen, alle Ihre Telefonanrufe aufgezeichnet und kenne Ihre Lieblingsfilme, Ihre DNA und die gesamte biometrische Geschichte Ihres Herzens. Ich habe genaue Daten zu jedem Ereignis, an dem Sie teilgenommen haben, und ich kann Ihnen sekundenweise Diagramme Ihrer Herzfrequenz, Ihres Blutdrucks und Ihres Zuckerspiegels anzeigen, wenn Sie ein Date mit John oder Paul hatten. Und natürlich kenne ich beide genauso gut wie dich. Basierend auf all diesen Informationen, meinen hervorragenden Algorithmen und jahrzehntelangen Statistiken über Millionen von Beziehungen rate ich Ihnen, sich für John zu entscheiden, damit Sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent langfristig zufriedener mit ihm sein werden“.

Wie der Kapitalismus begann auch der Data-ismus als neutrale wissenschaftliche Theorie, mutiert aber zu einer Religion, die behauptet, richtig und falsch bestimmen zu können. Der höchste Wert dieser neuen Religion ist der „Informationsfluss“. Wenn das Leben die Bewegung von Informationen ist und wir denken, dass das Leben gut ist, sollten wir den Informationsfluss im Universum erweitern, vertiefen und verbreiten. Laut Data-ismus sind menschliche Erfahrungen nicht heilig und Homo sapiens ist nicht die Spitze der Schöpfung oder ein Vorläufer eines zukünftigen Homo deus. Menschen sind lediglich Werkzeuge zur Schaffung des Internets aller Dinge, das sich möglicherweise vom Planeten Erde ausbreitet und die gesamte Galaxie und sogar das gesamte Universum überzieht. Dieses kosmische Datenverarbeitungssystem wäre  dann wie Gott. Es wird überall sein und alles kontrollieren, und die Menschen sind dazu bestimmt, sich ihm unterzuordnen.

Wir stehen jetzt an dieser Schwelle.

Daher hat sich Harari genau jetzt wieder zu Wort gemeldet:Was man vom Virus über die Zukunft erfahren kann……

„Die Menschheit steht jetzt vor einer globalen Krise. Vielleicht die größte Krise unserer Generation. Die Entscheidungen, die Menschen und Regierungen in den nächsten Wochen treffen, werden wahrscheinlich die Welt für die kommenden Jahre prägen. Sie werden nicht nur unsere Gesundheitssysteme, sondern auch unsere Wirtschaft, Politik und Kultur prägen. Wir müssen schnell und entschlossen handeln. Wir sollten aber auch die langfristigen Folgen unseres Handelns berücksichtigen. Bei der Wahl zwischen Alternativen sollten wir uns nicht nur fragen, wie wir die unmittelbare Bedrohung überwinden können, sondern auch, in welcher Art von Welt wir nach dem Sturm leben werden. Ja, der Sturm wird vergehen, die Menschheit wird überleben, die meisten von uns werden noch leben – aber wir werden in einer anderen Welt leben.“

 

 

 

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