Unbegrenzte Möglichkeiten?! Was tun und was nicht – in unserer ‚Multioptionsgesellschaft‘ ?

„So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen
Vergebens werden ungebundene Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muss sich zusammen raffen.
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“

Johann Wolfgang von Goethe: Sonette

 

Wir leben in modernen Zeiten, manche sagen in postmodernen Zeiten. Die Moderne hat sich nach dem Soziologen Zygmunt Bauman – auf den ich mich hier beziehe – eine bestimmte Aufgabe gestellt, und zwar eine unlösbare Aufgabe, nämlich: die Welt rational durchschau- und kontrollierbar zu machen. Das grundlegende Dilemma bestehe dabei darin, sagt er, dass Ambivalenz in die Welt gehöre wie auch in die Sprache. Sie sei „ihr Normalzustand“. Wer rationale Ordnung schaffe, der schaffe zugleich auch ‚irrationale Unordnung‘. Diese Ambivalenz kann nicht (ohne schlimmste Radikalisierungen, wie Diktaturen) ausgeräumt werden. Zwei- und Mehrdeutigkeit ist ein Teil menschlicher Existenz, die nur auf Kosten der Freiheit wegzudenken ist. Die Postmoderne verbiete die Zuflucht bei der Eindeutigkeit; man müsse jetzt lernen, mit dem Zwei- und Mehrdeutigen zu leben, dann lebe man viel freier, wohl aber auch unsicherer. Bauman sieht darin die Chance, die „Verschiedenheit in dieser Welt“ zu akzeptieren und – Toleranz zu üben. Er sieht darin aber auch den Grund für die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Die Migranten als Sündenböcke, auf die alle Angst vor Unsicherheit abgeladen wird.

Für ihn „ist die Moderne vor allen Dingen aber auch die Geschichte der Zeit: Moderne ist das Zeitalter, in dem die Zeit eine Geschichte hat.“ Um dies zu verdeutlichen, benötigt er als korrespondierende Kategorie – verständlicherweise – den Begriff bzw. unsere Vorstellung vom Raum.

In vor-moderner Geschichte konnte der Mensch „Raum“ als das verstehen, was man in einer gewissen Zeit durchqueren kann, und „Zeit“ war eben das, was man benötigt, um ihn zu durchqueren – ohne das Bedürfnis, dieses einfache Verständnis durch Definitionsversuche zu komplizieren (darüber hinaus war in agrarischen Gesellschaften die Zeit zyklisch, siehe Kirchenjahr!). Da war es auch in der alltäglichen Kommunikation hinreichend genau, im Bezugsrahmen des gemeinsamen sozialen Rhythmus zu bleiben, um Verabredungen treffen zu können und sich zu verstehen, da es nur um menschliche Muskelkraft, Pferde, Esel oder Ochsen ging, deren Leistung bei der Überwindung des Raumes zu berechnen war.

Mit den technischen Erfindungen der Neuzeit trat man langsam aus dieser „Prähistorie der Zeit“ heraus. Von natürlicher Muskelkraft befreit, drifteten Entfernungen und Reisezeiten auseinander. Die neue „Hardware“ für den Transport wurde zu einem eigenständigen Faktor, Zeit wurde manipulierbar, löste sich vom Raum. Mit der Angabe einer Raumgröße war nicht die Zeitgröße mit vorgegeben und umgekehrt. Damit geriet Zeit zu einem eigenständigen Problem.

Dass Verhältnis von Zeit und Raum verlor seine Stabilität, es wurde veränderbar, dynamisch. Den Raum erobern hieß nun: über schnellere Maschinen verfügen. Zugewinn funktionierte über Beschleunigung, beschleunigte Bewegung war das einzige Mittel, um Zugang zu größeren Räumen zu ermöglichen, der Besitz des Raumes war das Ziel: „Raum stand für Wert, Zeit lieferte die Mittel und Werkzeuge.“

Bauman hat für die ersten Jahrhunderte der modernen Epoche den Begriff „schwere“ oder später die „solide“ Moderne geprägt: die Zeit der Eroberungen (des Raumes). Für sie musste die Zeit wandlungsfähig bleiben, vor allem schrumpfen: Immer mehr Raum musste in immer weniger Zeit verfügbar gemacht werden. Reichtum und Macht basierten auf „Hardware“ – und blieben damit lange Zeit schwerfällig. In der schweren Moderne beruhte Fortschritt auf räumlichem Wachstum und räumlicher Ausdehnung. Größe, Konzentration und Effizienz gehörten zusammen, Kapital und Arbeit (in zunehmend routinierten Zeitrhythmen) blieben dem Ort verhaftet.

Das war das Zeitalter, das nach Max Weber von „instrumenteller Rationalität“ beherrscht war. Zeit war ein knappes Gut, das mit Bedacht eingesetzt wurde, um einen maximalen Gewinn in Form von Raum zu erzielen.

Dem Hardwarezeitalter folgte nach Bauman das Softwarezeitalter (der „leichten“ Moderne), da steigt die Effektivität der Zeit als Mittel der Wertschöpfung ins Unendliche. Immaterialität und Unmittelbarkeit werden zu zwei zentralen Größen einer „Zeit ohne Folgen“. Insbesondere die „Unmittelbarkeit“ verdient Beachtung, sie meint unmittelbare Erfüllung etwa von Wünschen, aber auch unmittelbares Verschwinden von Interesse. „Die Zeitspanne zwischen Anfang und Ende schrumpft oder schwindet überhaupt“ – Zeit wird zum aggregierten Moment, zum Punkt. Bauman fragt sich, ob „Zeitspanne“ (Dauer) da nicht überhaupt zu einem Paradoxon wird.

Der Philosoph Günther Anders entwickelte schon vorher, bald nach Ende des 2. Weltkriegs die These von der Antiquiertheit des Menschen, d.h., dass die Menschen der Perfektion der von ihnen hergestellten Produkte nicht mehr gewachsen seien (er nennt das bekanntlich die ‚prometheische Scham‘.  Der überforderte Mensch verfalle somit einer Derealisierung menschlicher Wirklichkeit, einem ‚antiquierten‘ Nachhinken gegenüber den ins unendliche  wachsenden technisch realisierten Optionen und Perfektionsansprüchen. Um diese zu realisieren verfalle er  in eine hektische Hyperaktivität,  das sog. ‚Zappelphilipp‘-Syndrom oder ADHS-Syndrom (bzw. Burnout, Panikattacken und Depression).

Durch die mediale Virtualisierung der Realität komme es aber auch zu einer Veränderung in der Zuschreibung der Begriffsbedeutungen von Schein und Wirklichkeit. Die Verknotung von Virtualität und Realität, sowie deren wechselseitige Verknüpfung in verschiedenen Lebensbereichen, veränderten damit auch den Blick auf den phantomartig gewordenen Zwischenzustand der medial vermittelten Welt. Was davon ist wirklich, was ist Fake bzw. Fiktion?

In diesem gesellschaftlichem Umfeld, inmitten dieser Beschleunigung und Unbegrenztheit, findet heute Unterricht, findet Schule statt. Sie ist ein Brennpunkt all dieser Entwicklungen.

Der gesellschaftliche Transformationsprozesses löst also heute lineare und zyklische Zeit zugunsten verschiedener Zeitebenen und willkürlicher Zeitregimes auf, wie zum Beispiel die Tatsache, dass weltweite Kapitaltransaktionen „instantan“ ausgeführt werden, oder individuell flexiblen Zeitregimes in (vielen) Organisationen und damit verbundene variable Lebensarbeitszeitmodelle. Damit sieht sich der Einzelne unterschiedlichen Zeitlichkeiten gegenüber, die er/sie unter einen Hut bringen muss, was uns alle zunehmend überfordert. Die Verdrängung von Tod und Sterben in unserer Gesellschaft sind ein weiteres Phänomen, im Kontext dieser zunehmenden „sozialen Arhythmie“. Das führt zu steigenden Tendenzen, Partner und (dauerhafte) Bindungen okkasionell zu wechseln oder hinauszuschieben und den Kinderwunsch (unbeschadet sozialer Zwänge) in einen hinteren Rang individueller Bedürfnisse zu verdrängen –unter Missachtung „biologischer Uhren“. Das führt dazu, dass ein biologische Rhythmen durch Augenblicke existenzieller Entscheidung ersetzt werden.

Was bleibt aber dann überhaupt noch inmitten all der wechselnden Zeitvorstellungen quasi ‚zeitlos‘ gültig? Machen wir uns ein paar Fakten klar.

Zeit und Raum sind keine ‚objektive’, d.h. gegenständlichen Gegebenheiten (d.h. uns gegenüberstehende Dinge). Zeit und Raum sind Basis-Kategorien des Denkens und sinnlichen Wahrnehmens (ohne sie können wir nicht geordnet denken und beobachten), basale mentale Konstruktionsprogrammbausteine.

Als bewusste Wesen leben wir Menschen also nicht in ‚Raum und Zeit’, vielmehr ist es – kontraintuitiv – genau umgekehrt: Raum und Zeit sind Ausdrucksformen unseres Denkens über das, was wir ‚Wirklichkeit’ nennen. Raum und Zeit konstituieren unsere je spezifische Arten von Wirklichkeitserleben und Wirklichkeitskonstruktion.

Wie aber funktionieren nun diesen mentalen Konstruktionen? Zeit ordnet Ereignisse nach der Kategorie ‚früher / später’, ist also Ausdruck einer Ordnung in der Abfolge von Ereignissen. Ereignisse im Raum folgen nacheinander, von Moment zu Moment. Diese Abfolge erleben wir als Zeit.

Und Raum?

Raum ordnet die sinnlichen Eindrücke im Rahmen der Abfolge von Ereignissen in einer anderen Dimension, nämlich der Dimension der Gleichzeitigkeit. In jedem Augenblick passiert unendlich Vieles gleichzeitig, das nach der Kategorie ‚hier / dort’ räumlich kategorisiert wird.

Hieraus wird auch sichtbar, dass die Kategorien Zeit und Raum einander bedingen. Es kann keine Zeit ohne Raum geben und umgekehrt, so wie es nicht die Vorstellung ‚rechts’ ohne ‚links’ geben kann. Folglich wird eine Veränderung des Konzepts der einen Kategorie auch das Konzept der anderen beeinflussen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich mit dem Phänomen der Zeitlosigkeit beschäftigt, also damit, dass wir immer für alles zu wenig Zeit haben, weil so vieles gleichzeitig erledigt werden muss. Er sagt: „Das große Missverständnis der Beschleunigungsgesellschaft ist es, zu meinen, wir könnten souverän über unsere Zeit bestimmen. Doch wenn die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann ich nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpere ich und falle auf die Nase…Gegen die Beschleunigung einer ganzen Gesellschaft müssen alle individuellen Entschleunigungsstrategien fast notwendigerweise scheitern. Kaum jemand sagt, dass es ein strukturelles, gesellschaftliches Problem ist. Individuell schaut das so aus: Wenn ich mir vornehme, heute mal zu Hause in Ruhe ein Buch zu lesen, dann gäbe es da auch hundert andere Optionen: fernsehen, im Internet surfen, Mails checken… Das heißt: Wenn ich lese, muss ich zugleich das Gefühl haben, dies sei die nützlichste, die sinnvollste Verwendung meiner Zeit.“

Durch das Leben hetzen.

Rosa: „Die Herrschaft über Natur und Welt, an der die Moderne seit dem 18. Jahrhundert in Wissenschaft und Technik, in Politik und Ökonomie unablässig und mit großem Erfolg arbeitet, hat ihr Versprechen, die Menschen von Angst zu befreien und ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen, nicht eingelöst. Das hat «systematische» Gründe. Gutes Leben ist nämlich an die Erfahrung von Resonanz gebunden, und Resonanz kann immer nur in Beziehungen entstehen, in denen der oder auch das jeweilige Andere eigenständig bleibt und mit eigener Stimme spricht. Mithin hängt das Gelingen einer «resonanten Weltbeziehung» davon ab, dass wir die Welt und die Anderen nicht in die Position eines jederzeit verfügbaren Materials oder Objekts bringen. Der beherrschende Zugriff bringt Welt, Menschen und Dinge zum Verstummen und zerstört die «Schwingungen». Wer nicht zu hören und wer nicht selbst zu antworten vermag, wer mit der Welt primär manipulativ oder dirigistisch umgeht, wer dem Gegenüber nur noch in der Rolle eines Managers begegnet, der verfehlt damit gerade das, was er – im Grunde – am meisten sucht: Resonanz…… . Wir lassen uns nicht mehr von dem Ort, wo wir sind, oder dem Menschen, mit dem wir sind, berühren. Resonanz ist für mich ein Bestandteil von gelingendem Leben. Dazu gehört erstens, dass mich die andere Seite berührt. Zweitens das Gefühl, die andere Seite erreicht zu haben, mich als „selbstwirksam“ erfahren zu haben. Drittens, in einem Austausch, zum Beispiel in diesem Gespräch, kann es die Erfahrung geben: Nicht einfach routiniert dieselben Fragen und Antworten zu stellen, sondern das Gefühl zu haben, es kommt etwas in Bewegung, sodass man schließlich sagt: Ja, so hatte ich über die Sache gar nicht nachgedacht. Das wäre eine Resonanzerscheinung. Wenn Resonanz eintritt, verändern wir uns immer auch, weil wir hinterher nicht mehr die Gleichen sind. Ich denke dann über irgendeine Frage oder ein Problem ein bisschen anders oder fühle mich vielleicht sogar ein bisschen anders. Wir wissen aber nicht genau, was dabei herauskommt. Also vielleicht sprengt es das, was im Interview geplant war, völlig. Aber: In dem Moment, wo Resonanz auftritt, ist das Ergebnis nicht mehr vorhersehbar. Meine These ist, dass die Struktur der modernen Welt versucht, Resonanz systematisch auszuschalten. Weil wir zu ganz genau festgelegten Schritten, zu ganz genau festgelegten Zeiten ganz genau festgelegte Outputs produzieren wollen.“

► Liegt hier also ein Potential für die dringend gesuchte Veränderung? Die Kraft für ‚richtiges Grenzen setzen‘, für entschiedenes und nachhaltiges JA und NEIN?

Nun, ich möchte auf drei ‚natürliche‘ Grenzerfahrungs- und Grenzsetzungsvorgänge verweisen, die mir in diesem Zusammenhang eingefallen sind:

  1. Das Horizonterleben
  2. Das Sättigungserleben
  3. Das Gespür für das Richtige im richtigen Moment

 

Das Horizonterleben

Horizont, in der Astronomie eine grob kreisförmige Linie, die den Blick eines Beobachters auf die Erdoberfläche begrenzt, auf der sich Himmel und Erde zu treffen scheinen. Dies ist der sichtbare Horizont. Auf See ist der sichtbare Horizont ein perfekter Kreis mit dem Betrachter im Mittelpunkt, aber an Land ist er aufgrund topografischer Merkmale unregelmäßig. Die Entfernung zum Horizont ändert sich als Quadratwurzel der Höhe des Beobachters für kleine Höhen; bei vierfacher Höhe ist der Abstand zum Horizont doppelt so groß.

Der sichtbare Horizont – die scheinbare Grenzlinie zwischen Himmel und Erde, zwischen Kosmos und Erde, dort, wo sich Himmel und Erde scheinbar berühren.

Scheinbar. Denn sie berühren sich nicht, sie sind eine Einheit. Für unser Auge sieht es aber so aus. Und wenn ich in einem Raumschiff bin? Dann verändert sich der Horizont, weil sich mein Standpunkt von der Erde wegbewegt hat. Dann rückt die Erde in den Himmel und mein Raumschiff wird zum Bezugspunkt, von dem aus ich in den Weltraum blicke. Wohin ich blicke, nur Himmel! Ich bin eine Himmelskörper. Ein weiter Horizont. Man könnte schwindelig werden ob der Horizonterweiterung!

Horizont – ein Phänomen des perspektivischen Wahrnehmens. Eine ganz bestimmte Sichtweise.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer setzt das situative Erleben eines Ereignisses in Analogie zum physiologischen Horizonterleben. In dieser Metapher ist begrenzte Horizontwahrnehmung das, was ein ‚mentaler Horizont‘ erfassen kann. Ein Mensch mit engem Horizont begrenzt dann seinen Blick auf das ihm Naheliegende und Selbstverständliche. Das kann dann ein sehr kleiner Radius sein, denn er hält sich gewöhnlich an das Vertraute. Wenn dann so jemand im Stress ist, dann verengt sich sein Blick weiter, bis hin zum ‚Röhrenblick‘. Denn Stress mobilisiert Angst, was ja ‚Enge‘ bedeutet, das eng werden der Aufmerksamkeit. Wir müssen entweder rasch zuschlagen oder davonrennen…. In modernen Alltagssituationen und bei komplexen Aufgabenstellungen nicht gerade die beste Bewältigungsstrategie.

Besser wäre in solchen Fällen das, was Gadamer ‚Horizontverschränkung‘ nennt, das Verschränken vielfältiger Sichtweisen, also Perspektivenwechsel. Gadamer ist bekanntlich der Philosoph des Verstehens, der Begründer der philosophischen Hermeneutik. Diese geht davon aus, dass es keine Objektivität gibt, wenn es darum geht, Menschen zu verstehen. Sie stehen immer in einem Bezug zu den Dingen und der Welt, bewerten und beurteilen sie.

Alles, was für den Menschen und sein Leben wichtig ist, können wir nur begreifen, wenn wir diesen Bezug, den Kontexte der jeweils relevanten Lebenswelt verstehen: Texte, Kunstwerke, Handlungen, sprachliche Äußerungen, kurz: alle Kulturprodukte. Und vor allem den Menschen selber – im Gespräch. Hier ist Teilhabe und gegenseitige Anteilnahme für das  Verstehen geradezu unabdingbare Voraussetzung.

 

Das Sättigungserleben

Gehen wir vom primär Sozialen und Kulturellen in die Domäne der Physiologie. Hunger und Sättigung sind für unser Überleben unentbehrlich und werden durch ein komplexes und präzises Regelwerk gesteuert, das über zahlreiche Botenstoffe und Rezeptoren sowohl Informationen aus der Peripherie erhält, als auch von Kognition, Sinneswahrnehmungen und Gelerntem beeinflusst werden kann. Die Informationen dieses Regelwerks laufen vor allem im Hypothalamus und im Hirnstamm zusammen. Das Gehirn erhält so eine Nettoinformation über die momentane Energieversorgung sowie die vorhandenen Energiespeicher und kann ein Gleichgewicht zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch aufrechterhalten. Diese sogenannte Energiehomöostase ermöglicht ein langfristig konstantes Körpergewicht bei unterschiedlichen Belastungen. Das Steuerungssystem der Nahrungsaufnahme arbeitet beeindruckend präzise. Trotz wechselndem Energiebedarfs und von Tag zu Tag schwankender Nahrungsaufnahme halten Lebewesen ihr Körpergewicht stabil. Wir nehmen aber nicht Kalorien zu uns, sondern zubereite Lebensmittel. Die Geschmackswerte der verschiedenen Nahrungsmittel dienen sowohl der Identifikation der Nahrung als auch, durch ihre affektiven oder hedonischen Wirkungen, der unmittelbaren und langfristigen Kontrolle der Nahrungsaufnahme. Man nimmt an, dass die durch den Geschmack bestimmte Lust/Unlust-Empfindung die Akzeptanz oder Verweigerung von Nahrung motiviert. Durch die Anbindung an innerorganismische Zustände – Defizite und Überschüsse – wird im Sinne des Motivationsmodells und der Rolle, die darin den Emotionen zugesprochen worden ist, gewährleistet, dass Lebewesen auch ohne Einsicht in die Notwendigkeit, bestimmte Stoffe,aufzunehmen oder andere Stoffe tunlichst zu vermeiden, hinreichende und bekömmliche Nahrung zu sich zu nehmen.

Essstörungen und Fehlernährung

Bestimmt zubereite Nahrungsmittel oder veränderte mentale Bewertungsprozesse können die Steuerung der Energiehomöostase massiv verändern. An Gemüse, Salaten, Suppen und Eintöpfen hat sich noch niemand überessen. Knabberzeug, Süßigkeiten, Fertiggerichte aus einer Kombination Zucker und gehärteten Fetten schalten das Sättigungsgefühl aber aus. Eine ordentliche Portion Salz verstärkt diese Vorgänge noch. Versuche mit Mäusen zeigten: auch satte Tiere lassen sich nach einer mächtigen Mahlzeit nicht mal durch Stromschläge davon abhalten von Wurst, Käsekuchen oder Schokolade weiterzufressen. Man nennt das Phänomen „hedonische Hyperphagie“, wenn man weiter und weiter frisst, obwohl man längst satt sein müsste.

Anorexie als bekannte und verbreitete Essstörung beginnt meist mit einem nach außen harmlos wirkenden Diätverhalten. Auslöser für Diäten können jegliche Veränderungen im Leben der Betroffenen sein: erste Verliebtheit, Auslandsaufenthalte oder die körperlichen Veränderungen während der Pubertät. Betroffene halten Diät, indem sie zunächst bestimmte Lebensmittel (Süßigkeiten, Fleisch) weglassen. Die Anerkennung für die daraus resultierende Gewichtsabnahme wirkt wiederum als Verstärker. Die jungen Mädchen fühlen sich in ihrem Vorhaben bestärkt und haben das Gefühl, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu haben. Selbst nach Erreichen eines bedrohlichen Untergewichts haben Betroffene große Angst, dick zu sein.

Durch ein streng limitiertes Essverhalten oder andere Verhaltensweisen wie Erbrechen, exzessive sportliche Aktivitäten oder die Anwendung von Medikamenten versuchen Magersüchtige, ihr Gewicht immer weiter zu reduzieren. Bei rund 20% aller Patientinnen wird die Erkrankung chronisch, rund 30% kämpfen immer wieder mit Rückfällen. Wenn die inter- und intrapsychischen Konflikten aufgelöst werden, ist Heilung möglich.

Aber auch die hedonistischen Fehlsteuerungen des Sättigungsvorgangs lassen sich durch Heilfasten wieder ins natürliche Gleichgewicht bringen. Denn Heilfasten wirkt wie ein – heilsamer – Schock auf den Körper. Er stellt die Physiologie auf den Kopf und löst ganze Kaskaden von biochemischen Reaktionen aus. So werden etwa spezielle Reinigungsmechanismen angeregt: sozusagen die Müllabfuhr und das Recyclingsystem der Zellen. Oder: Fasten hemmt nachweislich Entzündungen und senkt hohen Blutdruck. Oder: Fasten kann, wie neuste Forschungen zeigen, selbst bei Krebsleiden helfen.

 

Das Gespür für das Richtige im richtigen Moment – Lernen in komplexen Umwelten

 

Was braucht es, um als lebender und lernfähiger Organismus zu gelten, der sich eigenständig in komplexen Umwelten zurechtfinden kann?

Es braucht Bewusstsein, als ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘ (was selbstverständlich Verwirrtsein miteinschließt) und die Fähigkeit zur Atmung (als wichtigster Baustein des Metabolismus). Ein menschlicher Körper, der nicht atmet und nicht mehr bewusst wahrnehmen kann, der gilt als tot. Gerade weil ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘ eine derart basale Voraussetzung aller Lebensprozesse ist, wird seine Bedeutung regelmäßig unterschätzt. Nachhaltige Veränderungsprozesse, so könnte man sagen, sind im Wesentlichen nachhaltige Veränderungen des ‚Orientiertsein in Raum und Zeit‘, der Bewusstseinsfähigkeit. Was aber ist Bewusstsein?

Bewusstseinszustände:

  • Bewusstheit, Achtsamkeit (ungeteilte Aufmerksamkeit)
  • Tiefschlaf
  • Traumzustand
  • Wachzustand / Selbstbewusstsein und Du-Bewusstsein

Es braucht einen voll entwickelten und funktionierenden Körper, damit Bewusstsein in allem Umfang funktionieren kann. Wenn der Körper (zum dem wesentlich auch das Steuerungszentrum des Nervensystems zählt, das menschliche Gehirn samt Nervenkostüm) nicht reibungslos und schmerzfrei funktioniert, dann funktioniert auch das Bewusstsein nicht richtig (bzw. dieses verändert seinen funktionalen Zustand: es fällt ins Koma oder wird in künstlichem Tiefschlaf versetzt, es entwickeln sich psychotische oder neurotische Episoden, bis hin zu Dauer-Psychosen und voll entwickelten Neurosen).

Es gibt kein Bewusstsein ohne Bewusstheit, sehr wohl aber Bewusstheit ohne Bewusstsein (Tiefschlaf, Meditation). Bewusstheit ist die Konstante in allen möglichen Bezugssystemen, Bewusstsein ist immer relativ zu den erinnerten Bewusstseinsinhalten. Achtsamkeit ist also der ‚zeitlose Kern‘ jenseits jedes speziellen Bewusstseinszustands.

Bewusstsein ist raumzeitlich veränderlich, Bewusstheit/Achtsamkeit dagegen ist raumzeitlich konstant, unveränderlich. Bewusstheit / Achtsamkeit ist das, was jeder Erfahrung (bewusst oder unbewusst) inhärent ist, d.h. was diese überhaupt erst ermöglicht und was alle Erfahrungen (Momentaufnahmen) miteinander verbindet. Bewusstheit / Achtsamkeit ist, wenn man einen Vergleich bemühen will, so etwas wie die Leinwand, auf welche der Film des Bewusstseins projiziert wird. Die ‚Leinwand‘ bleibt von allen ‚Projektionen‘ unberührt.

Das ist auch der Grund, warum wir uns unserer Achtsamkeit nicht bewusst sein können: es gibt da nichts, dessen wir uns bewusst sein könnten. Man ist achtsam, sobald man ist. Daher ‚entgeht unserer Aufmerksamkeit die Aufmerksamkeit selber‘: so, wie das ‚Sehen-Können‘ sich selbst nicht sehen kann – ist es doch die Voraussetzung für jedes Sehen. Weitere Vergleiche: Die Zähne können sich selbst nicht beißen, das Feuer sich selbst nicht brennen. Was mit sich selbst ‚ident‘ ist, das kann sich selbst nicht wahrnehmen. Achtsamkeit ist der zeitlose Kern aller Zeitlichkeit, oder anders ausgedrückt: Im Hier-und-Jetzt ist alle Zeit enthalten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Wir können aber, auch wenn wir im innersten Kern diese Achtsamkeit selber sind, nur jene Elemente der unendlichen Zeitreihe bewusst erfahren (‚wissen‘), welche uns augenblicklich am Schirm des Bewusstseins erscheinen: daher wird uns alles bewusste Leben zu einer Art Film (‚Kopfkino‘), zu einer ununterbrochenen Abfolge von Momentaufnahmen ( in Form von Narrativen!). Das geht nur, weil wir diese Momentaufnahmen im Gedächtnis speichern können; und so produzieren wir bewusst und unbewusst wie ein Filmemacher unsere persönlichen Filme (‚Erinnerungen‘), deren ‚Hauptdarsteller‘wir damit auch zugleich sind. Und weil wir so identifiziert mit den erlebten Inhalten sind, vergessen wir völlig, dass es nur ein ‚Film‘ und nicht das tatsächliche Geschehen selbst ist, welches wir erinnernd wahrnehmen. Man könnte aus dem ‚wirklichen‘ Rohmaterial viele unterschiedliche Plots zusammensetzen, drehen und schneiden.

Damit wird sogleich klar, welche zentrale Rolle Achtsamkeit / Bewusstheit in Lernprozessen spielt: wenn wir uns unser Art zu Erleben bewusst machen, d.h. wenn wir sehen können, wie wir unser Sinneseindrücke selektieren, formatieren und komponieren, dann entsteht die Freiheit, dieses auch anders zu tun. „Erfahrung“, sagt Aldous Huxley daher zu Recht, „ist nicht, was uns zustößt, sondern das, was wir mit dem machen, was uns zustößt“. – Ohne Achtsamkeit keine Chance für ‚Lernen‘ als den Erwerb intelligenter und kreativer Bewältigungsformen von Herausforderungen.

Wie aber kann Achtsamkeit trainiert, gelernt werden? Nun, die Antwort ist klar: gar nicht. Denn Achtsamkeit ist basale Voraussetzung für jedwede Art von Lernen. Was aber trainiert werden kann, das ist Achtsamkeit beim Tun. Wenn wir essen, wie bewusst essen wir? Wenn wir rechnen, wie bewusst rechnen wir? Wenn wir reden, wie bewusst reden wir? Zum größten Teil unbewusst, automatisiert! Wir müssen das auch, denn unser Bewusstsein wäre schnell überfordert, wenn wir alles, was wir tun, bewusst tun wollten. Es fehlt da also etwas anderes, aber was? Wenn ich etwas ‚achtsam‘ tue, dann ‚bin ich ganz mein Tun‘, dann gibt es keinen ‚Tuenden‘, dann ist in diesen  Augenblick Tun und das Getane und der Täter ein- und dasselbe (auch ‚Flow‘ genannt).

Man kann das in die folgende Segelbootmetapher bringen:

„Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes. Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

Neuronal kann das nichtmetaphorisch auf folgende Weise verstanden werden: das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweier antagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht (diese Verfassung von Körper und Geist wird im Zen-Buddhismus shinjin datsuraku genannt – das Fallenlassen von Körper und Geist‘ -, die Befreiung von den gewöhnlichen Bewusstseinsinhalten von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren). Dann sind wir im ‚Flow‘.

Wenn wir nicht im ‚Flow‘ sind bei all unserem Tun, dann spaltet sich unsere Aufmerksamkeit in bewusste und unbewusste Teile, die miteinander nicht harmonieren (‚Überkreuzmotivationen‘). Dann verbrauchen wir beim unserem Tun mehr Energie, als nötig; dann verwirren wir uns selbst; dann tun wir nicht, was wir wollen und wollen nicht, was wir tun.

Leider ist dieser Geisteszustand für die meisten von uns zum ‚Normalzustand‘ geworden. ‚Eigentlich‘, sagen wir dann, „weiß ich eh, dass ich nicht so viel essen, rauchen, trinken sollte. Ja, ich sollte mehr Bewegung machen.“ etc. etc. Immer wenn Sie das Wörtchen ‚eigentlich‘ verwenden, besteht eine fast 100% – ige Chance, dass sich dadurch solch ein innerer Zwiespalt zum Ausdruck bringt. „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komm nur so selten dazu“, hat Ödön von Horvath dazu gesagt. Besser kann man es kaum ausdrücken.

Also: was fehlt! Was ist es? Dass wir, wenn wir etwas tun, nicht ganz bei der Sache sind, dass wir es nur ‚halbherzig‘ tun, aus Pflichtbewusstsein, aus Perfektionismus oder was auch immer heraus, was mit der Sache selber nichts zu tun hat, also aus ‚Überich-Zwängen‘ heraus, aus einem innerlichen und äußerlichen ‚Getriebensein‘.

Wenn wir uns der ‚Mechanismen‘ bewusst werden, welche unsere Aufmerksamkeit verdunkeln, verwirren, verstören, dann werden sich diese im Licht der Aufmerksamkeit verändern. Es ist wie mit einem Dieb: fühlt er sich beobachtet, dann wird er von seinem geplanten Tun ablassen. Er wird dann, um nicht aufzufallen, sich sehr ordentlich und nützlich verhalten. Zuvor wird er aber ausrauchend Vorsorge treffen, um nicht ‚ertappt‘ zu werden, um weiterhin unbeobachtet im ‚Dunkeln gut munkeln‘ zu können.

Denn unsere Gewohnheiten sind ‚veränderungsresistent‘, d.h. sie schützen sich vor dem ‚bewusst gemacht werden‘. Wie? Indem das Befolgen des Gewohnten mit Lustgefühlen belohnt wird, und das Bewusstmachen mit Unlustgefühlen. Warum? Weil Erziehung und Unterricht primär so funktioniert. Jeder Lehrerin, jeder Lehrer, wird auf Anhieb verstehen, wovon da die Rede ist. Handelt es sich bei schulischem Lernen doch primär immer noch um ‚Verstärkungslernen‘ auf Basis von Belohnung und Strafe. Ohne Belohnung bzw. Angst vor Strafe würden die meisten Kinder nicht tun, was die Lehrer*innen von ihnen wollen.

Kann es unter solchen Umständen dann überhaupt zu Lernen aus Einsicht kommen?

„LEARNING”, sagt der Stanford-Professor Raymond McDermott, “is in the conditions that bring people together and organize a point of contact that allows for pieces of information to take relevance.“

10 Regeln für ‚emergentes Lernen‘ in komplexen Umwelten

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

  1. Halten Sie Mehrdeutigkeiten aus – verfallen Sie angesichts von Unordnung nicht in Panik!
  2. Man wird niemals mit etwas endgültig fertig, es gibt keine Endlösungen. Es gibt aber fast immer notwendige Zwischenlösungen (der notwendige ‚nächste Schritt‘). Das reicht fast immer auch in unübersichtlichen Situationen
  3. Jetzt das relativ Beste zu tun ist daher nötig und besser als gar nichts zu tun oder nichts zu entscheiden. Aktiv warten kann situativ aber auch eine passende Option sein.
  4. Das gerade Unscheinbarste, Leiseste und Nebensächlichste ist systemisch oft das (aktuell aber auch langfristig) Wichtigste
  5. Den Wald vor lauter Bäumen nicht aus den Augen verlieren, gerade dann, wenn der ‚Teufel‘ im Detail zu stecken scheint
  6. Interpretieren sie Daten (deren ‚Bedeutung‘) grundsätzlich im Duktus des Konjunktivs, transportieren und speichern Sie diese Daten aber eindeutig, präzise und klar
  7. Vergessen Sie nicht, dass eine Organisation ein lebender Organismus ist. Visualisieren sie aus Ihrer Sicht diese als solchen und tragen sie zu seiner Erhaltung und Evolution bei
  8. Informieren sie inhaltlich und der Form nach so einfach wie möglich, aber so kompliziert wie nötig
  9. Hierarchien sind funktional notwendig (Meta-Ebenen der Entscheidung und Kommunikation) und daher unbedingt zu beachten
  10. Bestimmen und bewahren Sie die notwendige organisatorische Autonomie ihres Organisationsbereichs (also das, was unbedingt selbst organisiert und verantwortet werden muss, also den notwendigen ‚Spielraum‘, die organisatorischen ‚Freiheitsgrade‘)

 

Anhang:

Kommunikation und ‚Polyvagale Theorie’

 

Der Neurowissenschaftler Stephan Porges geht davon  aus, dass

  • die menschliche Psyche untrennbar mit körperlichen Funktionen verwoben sei, und auf körperlichen Strukturen beruhe, die sich in der Evolution über verschiedene Stufen entwickelt hätten (so genannte Phylogenese)
  • die individuelle Entwicklung vor und nach der Geburt (die so genannte Ontogenese) Gesetzmäßigkeiten folge, die menschliches Verhalten prägen
  • einfache Verhaltensprogramme von höheren überlagert würden (Rückenmark-Reflexe vom Totstell-Reflex, und dieser vom Aktivierungsprogramm (Flucht-Angriff), und das wiederum durch Emotion und Gefühle)
  • die Schnittstelle zwischen Gehirn und peripherem Körper (das Autonome Nervensystem), entscheidend sei für die körperlich-psychische Gesundheit
  • Menschen unbewusst die Umwelt auf Sicherheit prüften (so genannte Neuroception)
  • Eine biopsychosozial gesunde Entwicklung empathische Kommunikation voraussetzt

Das autonome Nervensystem hat die Aufgabe, die inneren Organe den jeweiligen Gegebenheiten der Lebenssituation anzupassen. Es tonisiert, aktiviert oder inaktiviert die Organfunktionen. In der Entwicklungsgeschichte jüngere Gehirnzentren sind für seine Funktionsfähigkeit nicht unbedingt erforderlich, es kann jedoch von dort beeinflusst werden. Z.B. wenn die Atmung, der Grad der Anspannung der Magenmuskulatur oder der Herzfrequenz (vorübergehend) ins Bewusstsein geholt werden.

1995 fasste S. Porges  seine bisherigen Forschungsergebnisse zu einem neuen Verständnis-Modell zusammen, welches er ‚Polyvagale Theorie’ nannte. Nach ihr werden im Wesentlichen zwei unterschiedliche Reaktionsmuster durch Nervenzellen vermittelt, deren Axone gemeinsam durch den Nervus vagus laufen. Diese Differenzierung könnte den evolutionären Schritt von Reptilien zu Säugetieren erklären.

Phylogenese

Die Gehirne der frühen Wirbeltiere entsprachen etwa dem Hirnstamm der Säugetiere mit reflexhaft gesteuerten, relativ robusten Neuralkreisläufen. Sie waren wenig abhängig von einer konstanten Sauerstoff- und Nährstoffsättigung des Blutes und benötigten daher nur ein sehr einfaches autonomes Nervensystem. Die größeren Gehirne der Säugetiere ermöglichten es, Emotionen und Kernbewusstsein als Mittel sozialer Interaktion einzusetzen.

Ohne emotionales Kontaktverhalten wäre die Aufzucht Neugeborener durch das Säugen und Wärmen nicht möglich. Die Fähigkeit, Affekte auszudrücken und soziale Bindungen einzugehen, wurde bei den Säugetieren mit der Notwendigkeit erkauft, für eine gleichmäßige Versorgung des Gehirns mit Nährstoffen zu sorgen. Dieser Funktion dient ein neues differenzierteres autonomes Nervensystem:

Es reguliert den Zustand der Eingeweide und der Blutgefäße so, dass bei Säugetieren letztlich ein stabiles soziales Verhalten möglich wird, d.h. die Fähigkeit zur Kommunikation von Emotionen. Besonders wichtig ist dabei die Regulierung der Herz- und Atemfrequenz. Diese erfolgt bei Wirbellosen noch endokrin, also sehr langsam und auch bei Reptilien und Fischen mit nicht-myelinisierten Fasern immer noch nicht sehr schnell. Säugetiere müssen ihre Umwelt ständig daraufhin untersuchen, ob Gefahr oder Sicherheit besteht, um im zweiten Fall die sympathische Reaktion zu dämpfen. Dazu wird die Herzsteuerung, an der zahlreiche Regelkreise beteiligt sind, bei Säugetieren über myelinisierte (schnelle) Fasern aus dem Stammhirn beeinflusst.

Bei primitiven Wirbeltieren sind die Fasern des Vagus nicht von einem Myelinmantel umgeben. Bei Säugetieren erfolgt dagegen unter dem Einfluss sozialen Lernens in den ersten Lebenstagen und -monaten eine Myelinisierung bestimmter absteigender (efferenter) Bahnen, während andere, die aus dem dorsalen Vaguskern entspringen, unmyelinisiert bleiben. Myelinisierte und nicht myelinisierte Vagusfasern können an gleichen Zielorganen unterschiedliche Reaktionen auslösen und bei jeweils anderen adaptiven Verhaltensweisen beteiligt sein.

Der vordere Vaguskern (Nucleus ambiguus), aus dem die myelinisierten Fasern entspringen, gehört entwicklungsgeschichtlich zu den Kiemenbogen-nerven (N. trigeminus, N. facialis, N. glossphayngeus, N. accessorius). Diesen Nerven obliegt die Kontrolle miteinander koordinierter motorischer, sensorischer und viszeraler Funktionen, die im Wesentlichen folgende Zielorgane betreffen: Herz, Bronchien, Thymus, Pharynx, Larynx, Kopf- und Halsmuskulatur.

Weitere enge Beziehungen der Koordination bestehen mit phylogenetisch älteren Nerven wie N. vestibulocholeraris (Gleichgewicht), N. hypoglossus (Zunge) und dem dorsalen Motornukleus des N. vagus.

Die Aufgabe der Kiemenbogennerven ist die Sicherung einer sozialen Einstellung zur Umwelt: Kauen, Säugen, gemeinsam Fressen, Kommunikations-Zentrierung auf Artgenossen durch Geräuschfilter im Mittel-Ohr, Gesichtsfunktion und Mimik (Emotionsvermittlung, Kommunizieren), Stimmgebung (Kehlkopf, Rachen), ruhige Aufmerksamkeit und Zuwendung (Augenlid-Öffnen, Kopfdrehung), Beruhigung (Bremsfunktion der Herzfrequenz).

3 Systeme:

  1. Sozialer Kontakt
  2. Kampf-Flucht-Reflex
  3. Totstellreflex

Ad 1.

Dieses Verhalten kommt nur bei Säugetieren (und einigen Vögeln) vor und erfordert Ruhe und Sicherheit. Die Evaluierung einer sicheren Umgebung läuft unbewusst und erfordert die Rückmeldung der auf Kommunikation ausgerichteten Hirnnervenkerne. Das resultierende Verhaltensmuster beruht auf der Aktivierung myelinisierter motorischer Vagusfasern (‚Smart Vagus‘), die die Herzfrequenz und die Atmung dämpfen. Dieses Verhalten ist erforderlich für Nahrungsaufnahme, das ’sich Kümmern‘ um den Nachwuchs oder schwächere Gruppenmitglieder und das Lernen von Anderen.

Ad 2.

In bedrohlichen Situationen wird die Bremse des myelinisierten Vagus für die Mobilisierung abgeschaltet: Es resultiert eine Sympathikus-Aktivierung mit Kampf- oder Flucht-Verhalten. In dieser Phase ist die Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt oder unmöglich. Pädagog*innen sollten daher wissen, dass verängstigte Kinder nichts lernen können und nicht aufnahmebereit sind für ein „Für und Wider“ von vernünftigen Erklärungen. Allerdings ist es beim Menschen möglich, den myelinisierten Vagus und den Sympathikus gleichzeitig zu aktivieren. In der Sportwissenschaft wird diese Situation als ‚Flow‘ bezeichnet, einer gleichmäßigen, als beglückend empfundenen Bewegungsabfolge, die bei genussvollem Jogging, Schwimmen, Segeln oder Skifahren auftreten kann. In nahezu allen westlichen und östlichen Kampfsportarten wird großer Wert darauf gelegt, trotz voller Aufmerksamkeit und selbst starker körperlicher Belastung auf Bedrohung nicht mit Angst zu reagieren, d.h. Atmung und Herzfrequenz ruhig zu halten.

Ad 3.

Wenn die ersten beiden Lösungsmuster versagen, reagieren Säugetiere paradoxerweise mit Immobilisation,  In-Ohnmacht-fallen und der Entleerung von Magen und Darm. Dieser phylogenetisch älteste und primitivste neurale Kreislauf wird durch den nicht myelinisierten Vagus (‚Vegetativer Vagus‘ aus dem dorsalen Motornukleus) vermittelt. Er machte bei Reptilien Sinn, zum Beispiel bei der Tauchreaktion der Schildkröten oder der Einschränkung der metabolischen Aktivität bei Schlangen. Für Säugtiere ist diese Reaktion nur selten hilfreich und im Gegenteil möglicherweise lebensbedrohlich. Es wird postuliert, dass sich dieses Reflexmuster deshalb erhalten hat, weil es bei Säugetieren auch nutzbringend angewandt werden kann: das Muster ‚Bewegungslosigkeit ohne Angst‘ begegnet uns beim Stillen und in bestimmten Phasen des Partnerverhaltens. Es beinhaltet die bedingungslose Aufgabe des eigenen Grenzbereiches und kann deshalb nur zustande kommen, wenn ein besonders großer Vertrauensvorschuss gegenüber dem Partner besteht. So spielen bei der Sexualität Sympathikus und Vagus in komplexen Aktivierungsmustern zusammen, bei denen sowohl Aktivierung als auch Immobilisation möglich sind. Diese Reaktionsform wird durch die Ausschüttung des Hypophysenhinterlappen-Hormons Oxytozin vermittelt. Wird dieses Vertrauensmuster durchbrochen, wie zum Beispiel bei Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung, gestörten Eltern-Kind-Bindungen, etc. wird die normale Funktion der Regelkreise schwer geschädigt.

Säugetiere besitzen ein auf sozialen Kontakt ausgerichtetes System

► Direkten Einfluss auf die vagale Reaktion haben Impulse von Hirnnervenkernen, welche die soziale Interaktion vermitteln. Die Spiegelung der eigenen Emotionalität erfolgt über Gesichtsausdruck.

Die Aktivierung der Mittelohrmuskeln (M. stapedius VII, M. Tensor tympani VIII) dämpft nieder-frequente Hintergrundgeräusche, um so die höher-frequenten Töne der Vokalisierung und Stimmgebung deutlicher hervorzuheben (Prosodie, ‚Der Ton macht die Musik‘). Weiter tonisierend auf den jüngeren Vaguskern wirken Geruch, Betätigung der Kaumuskeln, Rachen- und Kehlkopfmuskeln, sanfte Kopfdrehung, Öffnen der Augenlider und ruhige Bewegung der Augenmuskeln. Sozialer Kontakt erfordert Beruhigung und damit eine Absenkung der Herz- und Atemfrequenz.

 

Die kommunikativen Konsequenzen der ‚Polyvagal Theorie’

Heftige Probleme oder existenzielle Bedrohungen führen zu Stress (Fluch-Angriff-Totstell-Verhalten).

► Entwicklungskrisen verlaufen wie auf einer „Achterbahn“. Solange Kinder im adaptiven Stress sind, und mit aller Macht Orientierung suchen, brauchen sie die Orientierung gebende Unterstützung der Pädagog*innen

Vor einer Informationsvermittlung im Rahmen sozialer Kommunikation muss immer eine Beruhigung stehen. Die Schaffung sicherer stressfreier Zustände. Abstrakte Erklärungen sind zur Beeinflussung eines verängstigten Zustandes im Stadium der Sympathikus-Aktivierung sinnlos.

► Vor einer Informationsvermittlung im Rahmen sozialer Kommunikation muss immer Beruhigung durch Kontaktherstellung und Kontaktaufnahme stehen, also durch Schaffung sicherer stressfreier Zustände. Abstrakte Erklärungen sind zur Beeinflussung eines verängstigten Zustandes im Stadium der Sympathikus-Aktivierung sinnlos.

► kontaktorientierte Prosodie, Mimik und Körperhaltung vermitteln die Bereitschaft sich zu öffnen und eine Beziehung einzugehen. Und mit dem Gefühl der Sicherheit lösen sich Stress und Angst.

 

Literatur:

Stephen W. Porges, Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation & ihre Entstehung. Junfermann 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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