Skilled action

last-moment

‚Skilled action‘ (oder ‚gewusst wie‘) wird als sofortige und stimmige Reaktion auf die Anforderungen einer Situation beschrieben. Sie geht nicht aus absichtlich geplanten Handlungen hervor. Dieser Art des Handelns kann am besten mit Hilfe des daoistischen Konzepts ‚wu-wei – Handeln durch Nicht-Handeln‘ verstan den werden – d.h. Mühelosigkeit als Grundform menschlichen Handelns (‚flow‘).

Diese Sicht steht im Widerspruch zur (westlichen) dualistischen Spaltung zwischen Geist und Materie, und weist damit auch zurück, was der Philosoph Gilbert Ryle als ‚Intellektualismus‘ bezeichnet hat. Intellektualismus versucht, die Intelligenz geschickter Handlungen durch innere Kontemplationsakte zu erklären. Wenn z.B. eine Läuferin zum richtigen Zeitpunkt loslegt, um ihre Konkurrenten erfolgreich zu überholen, muss dies nach kognitivistischen Konzepten daran liegen, dass sie relevante Fakten über den richtigen Zeitpunkt für Loslegen vorab weiß und dieses Wissen dann aktuell zutreffend berücksichtigt. Für den intellektualistischen Zugang muss jedes ‚knowing-how‘ auf ein vorausgehendes ‚knowing what‘ zurück geführt werden können, ein repräsentatives Modell von sich und der Welt.
In Anbetracht seines seines Angriffs auf den vorherrschenden Intellektualismus könnte man erwarten, dass Ryle Befürworter einer just-do-it-Sichtweise gewesen ist. Tatsächlich trifft aber das genaue Gegenteil zu. Für Ryle ist Denken beim gekonnten Tun von zentraler Bedeutung ist, weil er von einem anderen Begriff des Denkens und gekonnten Tuns ausgeht als es der vorherrschende Intellektualismus tut. Nach Ryles Ansicht kann Denken nicht als innere Rede oder Kontemplation verstanden werden, als geplante Abfolge von Hypothese, experimentellem Handeln und anschließender Evaluation.

Wenn nicht so, wie dann? Suchen wir Auskuft bei einem anderen US-Philosophen, beim zeitgenössischen Philosophen Gene Gendlin.

Eine Person (ein Organisamus) handelt immer in einer ‚Umwelt‘, es gibt keine ‚freischwebenden Organismen‘, sagt Gendlin. Er entwickelt nun zwei unterschiedliche Begriffe von Umwelt, unter denen diejenige, die der Beobachtung entstammt, Umwelt # 1 (environment) genannt wird. Umwelt # 1 ist jene Umwelt, die vom Betrachterstandpunkt aus die Umwelt eines Organismus definiert. Diese Umwelt wird im Kantschen Sinne durch unsere Sinneswahrnehmung und unseren Verstand zugänglich. Umwelt # 2 bedeutet keine andere Umwelt, bedeutet jedoch einen anderen Zugang dazu, wodurch beide Umweltbegriffe nicht eins zu eins nebeneinander zu stehen kommen bzw. verglichen werden können. Umwelt # 2 ergibt sich, indem die Aussenbetrachtung verlassen wird, in der wir – gleichsam untangiert – eine Umwelt aus Gegenständen in ihren jeweiligen Zusammenhängen synthetisieren. Umwelt # 2 entsteht, wenn ein „Datum“ hinzukommt, das in der klassischen Sinneswahrnehmung nicht miteinbezogen ist. Es ist die erlebte Interaktion zwischen dem Organismus und dem ihn Umgebenden. Diese Interaktion besteht als Einheit, die nicht statisch zu verstehen ist, sondern prozesshaft. Nimmt man beispielsweise die Luft als Umgebung des Körpers, so wird dieser Aspekt von Umwelthaftigkeit im Sinne von Gendlins Umwelt # 2 gut sichtbar. Denn die Luft als Umgebung des Körpers wird durch die Interaktion mit der Lunge zu einem Geschehen, Umgebung und Körper sind in dieser Hinsicht nicht mehr voneinander zu trennen: Der lebendige Körper besteht aus der Lungenarbeit, die sich als ein Kontinuum vollzieht in dem Luftzufuhr/ Lungenausdehnung/ Zellstoffwechsel ineinandergreifen. Der Körper besteht aus der engen Interaktion, die als prozessuelle Identität bezeichnet werden kann (denn ohne Luft endet auch der Körper bzw. hört auf, Körper zu sein). Aufgrund dieser Interaktion ist der Körper, wie er ist. Umwelt # 2 setzt somit einen grundlegend anderen Ausgangspunkt an, weil sie nicht von Entitäten, sondern von deren ursprünglichen Interaktion ausgeht. Viele Prozesse mögen in Interaktionen involviert sein, viele unterschiedliche Ereignisse einen Prozess ausmachen. Üblicherweise geht man von diesen gesonderten Abfolgen aus und setzt sie dann miteinander in Beziehung. Gendlin kehrt im Begriff der Umwelt # 2 diese Denkreihenfolge um: weder die Ereignisse, noch die Prozesse sind gesondert zu denken – d.h. nicht die Entitäten kommen zuerst, sondern der interaktive Bezug.

Also: Handlen im Einklang mit dem, was gerade der Fall ist….. Es ist weder primär vergangenheits- noch zukunftsorientiertes Tun, weil es beides zugleich ist und keines von beiden …. Diesen ‚Nullpunkt‘ (wieder) zu entdecken/aufdecken, das ist der Sinn von ‚Fortschritt‘ in jedem Lernprozess. Es ist also so etwas wie Neues erlernen & Altes verlernen zugleich. Je schneller wir das Falsche (falsch, weil immer nur situativ bedingt gültig, aber falsch verallgemeinert) wieder verlernen, während wir für das situativ Neue offen sind, desto schneller sind / werden wir frei für kreatives Lernen in Form von ’skilled action‘.

Die Grundhaltung, in der solches Lernen stattfindet, hat Simone Weil folgendermaßen beschrieben: „Achtsamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen… Meistens verwechselt man eine gewisse Muskelanstrengung mit Aufmerksamkeit. Wenn man Schülern sagt: ›Nun passt einmal gut auf‹, sieht man sie die Brauen runzeln, den Atem anhalten, die Muskeln anspannen. Fragt man sie dann nach zwei Minuten, worauf sich ihre Aufmerksamkeit richtet, so wissen sie keine Antwort. Sie haben überhaupt nicht aufgepasst; sie waren nicht aufmerksam. Sie haben ihre Muskeln angespannt. In solchen Muskelanstrengungen vergeudet man oft seine Kräfte. Weil man dabei am Ende ermüdet, hat man den Eindruck, gearbeitet zu haben.“ (Aus: Zeugnis für das Gute, Zürich 1998)

Moshé Feldenkrais drückt es so aus: „Die Bewusstheit der meisten Menschen ist so unzureichend entwickelt, so armselig, dass die Betreffenden jedes neue Phänomen, das sie sehen, sofort – wie eine Maschine – in ein Muster oder Schema packen. Sie beziehen es auf Merkmale und Eigenschaften, die sie bereits kennen, und vergleichen es mit ihnen, so als weigerten sie sich, es als eine neue Sache zu betrachten. Das bedeutet, sie führen keine Selbstbeobachtung durch…. Selbst-Untersuchung ist nicht möglich, sie geschieht nicht. Sie ist in der Tat eine Illusion, wenn der Mensch – während er zuhört, denkt und schaut – die ganze Zeit urteilt und ‚das ist gut’, ‚das ist nicht gut’, ‚genau!’ oder ‚stimmt nicht’ sagt. Damit unterbricht er die Fähigkeit seiner Bewusstheit, klar und korrekt zu sehen. Wenn wir ein kleines Kind beobachten, dessen Bewusstheit sich entwickelt, können wir sehen, dass es einen unbekannten Gegenstand normalerweise anschaut ohne zu urteilen oder zu vergleichen. Wir sehen, dass es still wird. Es sieht und hört nichts anderes mehr. Es lässt sich nicht ablenken; es schaut einfach, und sieht, was es sieht. Das zieht seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es ist wie wir sagten, die Fähigkeit zu beobachten, während es sich selbst lauscht. Das Kind achtet auf nichts anderes, all seine Bewusstheit ist darin versunken. Diese Fähigkeit können wir nur bei Kindern beobachten oder bei denjenigen, die sich diese kindliche Tugend erhalten haben – manchmal hoch gebildete und gelehrte Menschen. Diese kindliche Tugend besteht in der Fähigkeit etwas anzuschauen, ohne das festgelegte mechanische Feedback vorzubereiten, sondern das Gefundene stattdessen zu erhellen, es ins Licht unserer Bewusstheit zu rücken und zuzulassen, dass sich der Mechanismus daran nährt und sättigt, ohne alle vorherigen Erwägungen und Urteile……. ich meine, diese Bewusstheit kann in dem Maße erlernt und gelenkt werden, dass sie nicht nur einen kurzen Augenblick im Leben der Menschen ausmacht.“ (Aus: , Verkörperte Weisheit. Huber 2013)

Was sind die neuronalen Grundlagen für derartiges Lernen?

Das vegetative Nervensystem basiert auf der Wechselwirkung zweierantagonistischer Teilsysteme, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus sorgt für Spannung und Energiesteigerung und der Parasympathikus für Entspannung. Wenn die Funktion des Sympathikus stärker ist als die des Parasympathikus, werden die Denkprozesse im Bewusstsein aktiviert. Wenn umgekehrt die Funktion des Parasympathikus stärker ist als die des Sympathikus, tritt die Wahrnehmung der Sinne in den Vordergrund und wir haben ein starkes Empfinden unseres Körpers. Wenn diese beiden Teilsysteme des vegetativen Nervensystems im Gleichgewicht sind, hebt sich ihre Wirkung auf, d. h. Denken und Wahrnehmen werden zunehmend schwächer oder verschwinden. In diesem Augenblick ist das Gleichgewicht aller physischen, psychischen und geistigen Funktionen erreicht, und diese Verfassung von Körper und Geist wird shinjin datsuraku genannt. So bedeutet shinjin datsuraku »Das Fallenlassen von Körper und Geist«, das heißt die Befreiung von dem gewöhnlichen Bewusstsein von Körper und Geist. Weil wir nicht mehr am Körper hängen und alle Gedanken aufgegeben haben, können wir in diesem körperlichen Zustand das Leben in seiner reinsten Form erfahren:

►► „Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes. Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.“

***

Wenn wir nicht (wieder) so zu leben und handeln lernen, inmitten all unserer Technologien – dann werden wir als Menschheit keine Zukunft auf diesem Planeten haben. Dann berauben uns die unerwünschten Wirkungen und Nebenwirkungen unseres Tuns unserer Lebensgrundlagen.

Siehe auch: https://psyhygiene.wordpress.com/2019/09/30/situational-understanding/

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