Verlust der Identität

 

Arno Gruen: Die Verkehrung der Gefühle

Das ist es, was Menschen zur Gewalttätigkeit treibt: Die fehlende Möglichkeit, eigene Bedürfnisse und Wahrnehmungen zum Kern der eigenen Identitätsentwicklung zu machen. Ein 50-jähriger Patient, Sohn eines gewalttätigen Nationalsozialisten und einer unterwürfigen Mutter, berichtete mir:

Ich habe Angst, meinen Gefühlen, Regungen und Impulsen zu trauen. Das wird negative Konsequenzen haben. Mein Vater sprach immer davon, daß man den eigenen Willen zerstören muß, um Gottes Willen und den eines Führers zu erfüllen. Man muß sich dem höheren Willen unterordnen. Der eigene Wille ist schlecht und muß zerstört werden. Ich lebe in ständiger Angst, aber ich spüre den Terror meines Vaters wenig. Daß meine Mutter einmal dazwischenging, als mein Vater mich als Siebenjährigen zu ermorden versuchte, darf ich gar nicht so sehen. Ich habe das immer damit abgetan, daß er mir ja nicht geschadet hat. Ich war vorhin empört, als Sie mich daran erinnerten, daß meine Mutter mir sagte, daß er mich einmal beinahe tötete. Ich habe immer noch Angst, daß er mich umbringen könnte.

Dieser Mann unterwarf sich seinem autoritären Vater jedoch nie vollkommen. Das ist wichtig. Denn die Tatsache, daß er einen Teil seines Selbst beibehielt, bewahrte ihn davor, ein rechter Gewalttäter zu werden. Es ist die gehorsame Unterwerfung unter den Willen eines mächtigen Anderen, die zu einer Identität führt, die gewalttätig sein muß, um mit sich selbst leben zu können. In einer Studie beschrieb der Heidelberger Psychosomatiker Friedrich Schaeffer die verheerenden Auswirkungen einer „pathologischen Treue“ seitens einer jungen Frau zu ihrer Großmutter, die unmenschlich und sadistisch mit ihr umging. Ihre eigenen Gefühle wurden von dieser Großmutter und von ihr selbst als hassenswerte Schwäche bekämpft.

Hinter dieser Treue verbirgt sich ein tiefer Gehorsam, durch den die junge Frau jede Regung ihrer Großmutter zu ihrer eigenen machte. So wurde das Unglück ihres Lebens nicht nur aufrechterhalten, es wurde auch noch moralisch gerechtfertigt und verteidigt. Diese moralische Rechtfertigung treffen wir überall an, wo sich Menschen ihrem Unterdrücker ergeben haben. Auch im faschistischen Denken wird der Treue gehuldigt. Tatsächlich ist sie aber nichts anderes als unterwürfiger Gehorsam. Der Rechtsradikale sieht sich nicht als gehorsam, sondern als „treu“, was eine „freie Wahl“ impliziert und als moralischer Wert gefeiert wird. So kommt ein absurder Verdrehungsprozeß in Gang: Gehorsam wird zur Freiheit umgedeutet und die freiwillige Knechtschaft zu einem bewundernswerten autonomen Akt. So wird verhüllt, worum es wirklich geht: um einen Gehorsam, welcher der Identifikation mit dem Mächtigen, der Gewalt, dient. Das alles ist das Resultat eines destruktiven Vorgangs, in dem eigener Wert in Unwert und Unwert in Wert verwandelt wird.

Es ist eigenartig, daß sich der Mensch, dessen Existenz von Terror bedroht ist, mit der ihn bedrohenden Instanz identifiziert, mit ihr verschmilzt, seine Identität einer vermeintlichen Rettung wegen aufgibt. Der Dichter Rainer Maria Rilke erfaßte diese Tatsache intuitiv in seiner Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke.

Auf einem Kreuzzug gegen die Heiden wird dieser Cornet Rilke von Feinden umzingelt. Als Selbstschutz erlebt der Held des Gedichts die auf ihn einschlagenden blitzenden Säbel als einen lachenden, auf ihn niederrieselnden Wasserbrunnen. Um den Terror nicht zu registrieren, mit dem wir konfrontiert sind, und um die eigene seelische Einheit zu bewahren, werden wir blind. Anstatt den Realitäten ins Auge zu schauen, halluzinieren wir eine Einheit mit dem uns bedrohenden Anderen und verlieren so die eigene Identität und manchmal sogar das Leben.

Dieser Prozeß verursacht und steuert Gewalt, psychische oder körperliche. Die Wurzeln dieses uralten Mechanismus liegen in frühester Kindheit, wenn die versorgenden Eltern versuchen, dem Kind ihren Willen aufzuzwingen. Diese Erfahrung von Gewalt bedroht jedes Kind mit dem Erlöschen seines eigenen, gerade erst im Entstehen begriffenen Selbst. Gerade solche Kinder, deren eigener Wille besonders gewalttätig unterdrückt wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam und eine pathologische Treue gegenüber der Gewalt. So kommt ein Kreislauf in Gang, in dem Gewalt zur Grundlage des Seins wird.

Menschen, die einer solchen Entwicklung ausgesetzt waren, müssen alles, was die Wahrheit aufdecken und zu wirklicher Liebe führen würde, hassen und zerstören. So kommt es zu einer unaufhaltsamen Entfremdung vom eigenen Selbst. Der Bericht des 22-jährigen deutschen Rechtsradikalen Stephan in dem Buch Mein Traum ist der Traum von vielen ist ein erschütterndes Beispiel für eine Umkehrung und Verleugnung der eigenen Geschichte, also eine Entfremdung von sich selbst. Er zeigt auf, wie das Übernehmen einer Lüge über eine vorgebliche Liebe dem Menschen die Fähigkeit zum eigenen Denken und Fühlen nimmt und wie dies zu Destruktivität und offener Gewalt führt.

Folgendes sagt er ohne ein Bewußtsein für die darin ausgedrückten Widersprüche:

Meine Eltern lieben uns über alles … Wir haben nie über Schwierigkeiten gesprochen, höchstens wenn alles schon zu spät war. Man ist nie aufeinander eingegangen … Meine Eltern haben Fehler gemacht … warum und welche, weiß ich nicht genau. Ich kann mich nicht erinnern, daß zwischen mir und meinen Eltern irgendwelche Zärtlichkeiten abgelaufen sind. Meine Eltern hatten nie einen Durchblick über uns Kinder. Sie haben nie gecheckt, wenn ich was Krummes gemacht habe …

Er redet in sentimentalen Phrasen, berichtet stolz von der Liebe der Eltern. Und gleichzeitig spricht er davon, daß es keine Zärtlichkeit gab. Er gebraucht Worte um ihrer Wirkung willen, ohne Bezug zu inneren Vorgängen: Er habe

die Bestätigung durch eine harte und sehr männliche Gruppe gesucht. … Wenn ich an den Nationalsozialismus gedacht habe, dann fielen mir zuerst alte Persönlichkeiten aus der Zeit ein: der Führer, die ganze Bewegung, gute deutsche Soldaten, die Härte, die Gemeinschaft … Alle Leute aus der rechten Szene, mit denen ich zusammen war, haben immer gesagt, die NS-Verbrechen haben nicht stattgefunden … Gleichzeitig haben die … so etwas wie Gummiknüppel-Brutalität und Härte gut gefunden.

Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt er solche Widersprüchlichkeiten von sich:

Das neue Jahr fing dann so an, daß ich rumgammelte und krumme Sachen gedreht habe. (Nachdem ich die Schule geschmissen habe), bin ich wenige Tage später wegen eines Raubüberfalls in U-Haft gekommen. Erinnere mich bloß nicht an diese Geschichte! Da kriege ich jetzt noch ein schlechtes Gewissen. Oder wie würde es dir gehen, wenn du eine ältere Frau überfällst? Aber das ist ohne Absicht passiert …

Er spricht von Gewissen, ohne ein Gewissen zu haben. Dadurch verwirrt er seine Zuhörer, die glauben möchten, daß jeder ein Gewissen hat. Und er redet weiter:

Mit meinem Aussehen bin ich ganz zufrieden, das heißt: es geht. Ich gucke viel in den Spiegel … Nur manchmal halte ich mich einfach für zu weich. Ich möchte männlicher sein … Im Grunde genommen ist die Menschheit schlecht und egoistisch … Freundschaft ist das Höchste im Leben. Wenn ich meine Freunde charakterisieren soll, dann fallen mir drei verschiedene Typen ein: Reiche, Leute aus der Halbwelt und Drogenfreaks … Mein Freund lebt noch mit seiner Familie zusammen. Die himmeln ihn völlig an, er ist dort der Mann im Haus. Er läuft da mit nacktem Oberkörper herum und wird richtig bewundert … Zwischendurch läßt er sich von Frauen aushalten. Denen nimmt er alles ab. Eigentlich ist er ihnen gegenüber wirklich ein Schwein … (Er beschreibt hier das Macho-Ideal der Nazis.) Ein Mann, der nicht fremdgeht, ist für mich kein richtiger Mann … Eine gute Freundschaft unter Männern ist mehr wert als jedes Mädchen … Unsere Ideologie besagt, daß man sauber, frisch und anständig herumläuft. Die, die anders aussehen, bekommen zwangsläufig einen Ungeziefercharakter.

Der Fremde

Die Vorurteile und die Gewaltbereitschaft solcher Menschen finden eine Entsprechung in den Gefühlen angepaßter Bürger, die zwar selbst nicht gewalttätig sind, aber eine tiefe Angst vor Veränderung haben. Das führt dazu, daß diese sich der Gewalttäter „bedienen“, indem sie ihnen durch ihr Schweigen und ihre „Es geht mich nichts an“-Haltung Unterstützung bieten. Sie glauben tatsächlich, Rechtsradikale würden ihre Interessen vertreten, wenn sie gegen „Andersartige“ vorgehen. So verhinderte zum Beispiel die Polizei nicht, daß Stephan und seine „Freunde“ eine Gruppe Linksgerichteter angriffen. Das gab den Neonazis das Gefühl, für die Polizei zu arbeiten. Wenn eine Gesellschaft ein solches Vorgehen duldet, dann ist sie selbst tödlich erkrankt. Albert Einstein sagte:

Die Welt ist nicht bedroht von Menschen, die böse sind, sondern von denen, die Böses zulassen.

Rechtsradikalismus gedeiht nicht ohne dieses Umfeld. Das Gefühl von Minderwertigkeit, das Menschen haben, deren Eigenes ausgelöscht wurde, weil sie als Kind keine liebende Verbindung mit den Eltern erlebt haben, braucht eine Umgebung, die diesem Minderwertigkeitsempfinden entgegenwirkt. Deshalb fördert Schweigen die Destruktivität. In einem solchen duldenden Umfeld fühlen sich Rechtsradikale stark, selbst wenn sie nur eine kleine Gruppe sind. Stillschweigende Zustimmung gibt ihnen das Gefühl, die anderen dächten insgeheim genauso wie sie.

Und in der Tat liegen sie mit dieser Vermutung nicht ganz falsch. Eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Rechtsradikalismus und Gewalt belegt, daß rund zwei Drittel der Deutschen glauben, Deutschland brauche eine starke Hand; nur einer, der durchgreife und eine starke Partei im Rücken habe, könne es schaffen, die gegenwärtigen Probleme in den Griff zu kriegen. Hinter dieser Suche nach dem starken Mann verbirgt sich die Identifikation mit Autorität, die Unterwerfung unter einen autoritären Vater und die daraus resultierende Treue gegenüber jeglichem Machtgehabe. Solche Menschen werten auch Leid als Schwäche ab und distanzieren sich von Mitgefühl. Überdies vertreten viele der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge die Meinung, in Not geratene Menschen hätten ihre Situation selbst verschuldet, und niemand solle unterstützt werden, der es nicht wirklich verdient. Hinter dieser Haltung, die ja auch von renommierten Vertretern des modernen Neoliberalismus propagiert wird, steckt eine Verachtung für jeden, der schwach ist oder als schwach eingeschätzt wird. Deshalb machen Rechte Leid als Schwäche nieder. Natürlich ist nicht jeder, der zu den genannten zwei Dritteln gehört, gewalttätig und rechtsradikal. Aber die Gefühlslage, die als emotionaler Unterton in der geäußerten Haltung mitschwingt, veranlaßt den Rechten, sich in seinem gewalttätigen Anliegen unterstützt zu fühlen.

Daher sehen sich Rechtsradikale mühelos in der Rolle des Helden, der zu tun „wagt“, woran andere nur denken. Das Schweigen der Mehrheit wird zur Bestätigung und Rechtfertigung ihrer Gewalt. Schweigen angesichts des Bösen bedeutet deshalb: Komplizenschaft. Wir müssen Menschen Mut machen, sich nicht zu schämen, ihre Gefühle für Gerechtigkeit und ihr Mitgefühl für Leid und Schmerz zu zeigen. Das wird den Rechtsradikalen verunsichern, der ja in Wahrheit ein Feigling ist und sich nur in der Gruppe stark fühlt.

Wenden wir uns wieder der inneren Problematik des Rechtsradikalen zu, die ja darin besteht, daß er sein eigenes Inneres verwirft. Er lehnt sich in seiner Menschlichkeit ab und braucht deshalb den Andern, den Feind, um sich in diesem zu sehen und zu bekämpfen. Die Ideologie dieser Gewalttäter ist dieselbe, wie sie auch Nazi-Ideologe Carl Schmitt vertrat: Man findet die eigene Gestalt beziehungsweise definiert sich selbst, indem man einen andersartigen Menschen, den Feind, sucht, findet und bekämpft. An diesem Gedanken ist durchaus etwas Richtiges, allerdings nur, weil er von einer falschen Prämisse ausgeht.

Menschen, die ihr eigenes Selbst aufgeben mußten, um sich mit ihren Eltern zu arrangieren, suchen sich immer wieder in dem Fremden, der ja das eigene Selbst ist, das sie in der Gestalt des feindlichen Fremden bekämpfen müssen. Auf diesem Wege gelingt es dem Rechtsradikalen tatsächlich, seinen verlorenen, verschmähten, abgetrennten Teil wiederzufinden und dann zu bestrafen. So gibt er weiter, was man ihm angetan hat. In der Bekämpfung des Feindes wird die Frage, wer oder wie man ist, negativ beantwortet. In der Gestalt des Feindes kann man des abgewiesenen Teils des Selbst, das man hätte werden können, habhaft werden und ihn erneut verwerfen. Dies resultiert in einer verdrehten Rache, bei der der Haß sich auf das Eigene richtet, das zum Feind wurde, weil es die lebensnotwendige Verbindung mit den Eltern bedrohte.
Carl Schmitts Theorie war, daß die Auseinandersetzung mit dem Andern, dem Feind, ein Gefühl dafür vermittelt, was die eigene Gestalt, das eigene Selbst sein könne. In einem tieferen, wenn auch von ihm nicht erkannten Sinn, hatte er damit sogar recht. Schmitt war aber blind dafür, daß seine Vorstellung von der Selbsterkundung eine Abhängigkeit vom Feind impliziert. Ein Unsinn auf ideologischer Ebene, denn er mißbrauchte ein Potential, das zu einer tiefen Einsicht in das eigene Selbst führen könnte, um Mord und Gewalt der Nazis zu rechtfertigen. Wie viele Intellektuelle sah er in diesem Wahnsinn eine echte intellektuelle Leistung. Abgetrennt von dem inneren Vorgang der Jagd nach dem abhandengekommenen Selbst, wurden diese Gedanken zu einem psychotischen Hirngespinst, das als verschleiernde Rechtfertigung dafür diente, daß die Gewalt, die als Kind erlebt wurde, als gewalttätige Bestrafung an andere „Andersartige“ weitergegeben werden konnte. Heute wie damals geben die Rechtsradikalen eine Gewalt weiter, die ihnen selbst angetan wurde: Es geht um die Verurteilung ihrer eigenen angeborenen Menschlichkeit, ihres Schmerzes, ihrer Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht.

Um sich auf diesem Wege vom verbotenen Eigenen zu „befreien“, beschwören solche Menschen – was Schmitt explizit tat – die „Rückhaltlosigkeit des Gehorsams“. Das ist teuflisch: Indem der Gehorsam zum Ideal erhoben wird, verfestigt man die eigene Versklavung, die im Selbstverrat jener Menschen endet, deren Identitätsbildung geschädigt ist: Unter dem Deckmantel einer Law-and-order-Gesellschaft, die Macht und Gehorsam glorifiziert, aber nicht wirklich reflektiert, wird man zum freiwilligen Knecht einer im Kern faschistischen Ideologie. In dieser Psychose der Unterwerfung und der Gewalttätigkeit verkehrt sich der Terror der Kindheit in eine Tugend des Gehorsams, die fortan eigenständig das Eigene als Betrug verleugnet. So kämpfen diese Menschen zeit ihres Lebens gegen den Feind außerhalb ihrer selbst, sie begeben sich in einen dauernden Kriegszustand. Das Leben wird dann Krieg und Gewalt.

Die Verwerfung des Eigenen hat noch weitere Konsequenzen: Sie verändert die strukturelle, biologische Basis des Verhaltens, wie ich noch erläutern werde. Kinder, die nicht den Terror erlebt haben, der aus der Verwerfung ihres Eigenen entsteht, wachsen zu Menschen heran, die ihrer Umwelt positiv, voller Neugier und mit Wohlgefühl begegnen. Anders ist es, wenn die frühen Erlebnisse eines Säuglings und Kindes von Gefahr dominiert waren, da seine Gefühle und Wahrnehmungen von den sorgenden Erwachsenen nicht gebilligt wurden. Dann entwickelt das Kind eine Haltung zur Welt, die nicht auf Entgegenkommen, sondern auf Vermeidung und Abwehr basiert. Wut und Aggression werden zum mächtigen Kern des Daseins, wodurch sich das Gefühl, in einer bedrohlichen Welt zu leben, noch verstärkt. Die Wahrnehmung verengt sich. Anstatt in der Umgebung Anregungen, Entwicklungsmöglichkeiten und Anreize zu erkennen, richtet sich der Blick auf Gefahren. Abwehr wird so zum Kern des Überlebens. Der Mensch fühlt sich nicht zu Hause in der Welt, es fehlt ein Geborgenheitsgefühl im Vertrauten. Statt dessen dominiert das Unvertraute. Anstatt Neugier zu wecken, wird das Fremde zu etwas, das Angst und Mißtrauen erregt, weshalb alles, was neu und anders ist, abgewehrt wird. Solchen Menschen fällt es schwer zu unterscheiden, was vertrauenerweckend ist und was bedrohlich sein könnte. Diese Unfähigkeit zwingt sie, Veränderungen und Neues als Gefahr zu erleben und darauf mit Abwehr zu reagieren.

Schon als Kinder haben diese Menschen eine Scheu vor Unbekanntem, sie sehen darin eine mögliche Gefahr und projizieren ihre Ängste darauf. Dabei kommt natürlich das Eigene, das zum Fremden gemacht wurde, ins Spiel. Eine derartige Haltung zur Welt versetzt Kinder (und später auch die Erwachsenen) in einen permanenten, von hormonalen Veränderungen begleiteten Streßzustand, der es ihnen unmöglich macht, auf positive Signale des Lebens einzugehen. Wenn kindliche Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, wenn Eltern einem Kind ihren Willen aufzwingen, weil sie zum Beispiel seine Ängste oder seine Traurigkeit als gegen sich selbst gerichtet empfinden, dann kommt es zu einer physiologischen Disregulation, da der dauernde Streß die hormonale Regulation konstant beeinträchtigt. Auf psychologischer Ebene heißt das: Das Kind fühlt sich noch hilfloser und empfindet noch mehr Streß. Das wiederum weckt Wut und gewalttätige Gefühle, wodurch Bösartigkeit und Sadismus verstärkt werden. Rechtradikalismus entspricht also einer pathologischen Entwicklung. Man kann dieser nur entgegenwirken, indem man ihre Wurzeln im Auge behält. Liebenswürdigkeit trägt sicher nicht zur Heilung der psychologischen Deformation jugendlicher Gewalttäter bei – auch wenn Mitgefühl durchaus nötig ist. Wirksam ist nur die Haltung eines konsequenten Nein zu Gewalttätigkeit. Wer sich diesen in ihrer Menschlichkeit Geschädigten nachsichtig und freundlich nähert, bestärkt sie in ihren Vorstellungen, weil sie darin eine Schwäche sehen und so ihr Verhalten eine Rechtfertigung erfährt.

Wer solche lebenden „Gewaltbomben“ entschärfen will, muß seine eigene Gewaltbereitschaft erkennen. Das ist nicht einfach, weil diese oft hinter einer Fassade der Güte verborgen ist. Der Erziehungswissenschaftler Jens Weidner berichtete von Gewalttätern, die einen Ausstieg aus ihrem aggressiven Leben suchten: Die Jugendlichen äußerten unverhohlen ihre Verachtung für verständnisvolle Pädagogen und Psychologen, die mit ihnen einfühlsame, nette und ruhige Gespräche über ihre Kindheit führen wollten. Sie bezeichneten diese als „Sozial-Fuzzies“, mit denen sie schon im Alter von 10 Jahren auf dem Jugendamt konfrontiert waren. An freundlichem Verständnis waren die Jugendlichen nicht interessiert; statt dessen wollten sie über ihre Gewalttaten sprechen. Das Bedürfnis von Schlägern, über ihre Taten zu reden, ist enorm. Sie sprechen davon wie von heldenhaften Kampfeinsätzen. Es ist Aufgabe der Psychologen, auf das Leid und die Ängste der Opfer hinzuweisen. Aber zuerst müssen sie direkt auf die Gewalttaten eingehen; es ist die einzige Ebene, auf der man die Gewalttäter treffen und erreichen kann.

Die Jugendlichen in Weidners Studie wollten kein Mitleid, keine Schonung. Sie wollten Konfrontation, Provokation, ein hartes, brutales Nachfragen. Jens Weidner war brutal, er löcherte sie mit Fragen, bis ihre Abwehr zusammenbrach. Wenn man den Helden lange genug malträtiert, schrumpft er irgendwann zum Feigling zusammen. Es geht um eine schonungslose Konfrontation mit sich selbst, weil nur diese zu jener Wahrheit führt, der auszuweichen solche Menschen gewohnt sind. Nur so kann man sie zur Scham über den Mord und zur Achtung vor dem Leben zurückführen.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß diese Täter nicht von selbst über ihre Vergangenheit nachdenken, denn es würde den ursprünglichen Terror ihrer Kindheit zum Leben erwecken. Man muß ihnen den Mut dazu geben, indem man sie hier und jetzt mit sich und ihrem Tun konfrontiert. Sie betrachten ihre Opfer als Täter und erkennen sich nicht selbst als kindliche Opfer. Daran etwas zu ändern bedeutet inneren Terror. Sie sind Täter, weil sie den Kontakt zu ihren eigenen menschlichen Gefühlen und denen ihrer Mitmenschen verloren haben:

In mir und um mich herum sind Langeweile, gähnende Leere, Tod.

Was geschieht, wenn man solche Menschen unausweichlich mit den Folgen ihres Tuns und dem Schmerz ihrer Opfer konfrontiert? Wenn es gelingt, sie an ihr eigenes Opfersein heranzuführen, dann werden sie auch zum eigenen verdrängten Schmerz durchdringen. Erst dann können sie zu ihrem verstoßenen Menschsein zurückfinden. Die psychotischen Mörder, mit denen ich im englischen Psychiatriegefängnis von Broadmoor gearbeitet habe, wollten sich in dieser Situation, als sie die Schmerzen ihrer Opfer erlebten, selbst töten, weil sie zum ersten Mal Schuld und Scham über ihre Tat zuließen. Das war für sie aber immer auch der Anfang ihrer Genesung zum Menschsein.

Nichtidentität und die Gefahr für die Demokratie

Kommen wir zurück zum Rechtsextremismus und dessen Ursprüngen. Eine differenzierte Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Vergleich zum Linksextremismus führt zu einem besseren Verständnis und einer wirksameren Bekämpfung des Rechtsextremismus.

Die Entwicklung des Rechtsradikalismus basiert auf autoritärer Erziehung. Mantell hatte deutlich gemacht, daß Kinder in diesem Sozialisationsprozeß weder von seiten der Väter noch von seiten der Mütter Geborgenheit und Wärme erlebten. Die Ergebnisse einer bereits 1950 veröffentlichten Studie von Henry Dicks lassen ähnliche Schlüsse zu: Dicks befragte 1000 deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs. 11 Prozent der Gefangenen erwiesen sich als aktive Nazis, 25 Prozent waren gläubige Nazis, die aber Vorbehalte hatten. Diese beiden Gruppen, also 36 Prozent der Befragten, zeigten im Vergleich zu den Nicht-Nazis eine signifikante Ablehnung von Zärtlichkeit. In ihrer Beziehung zur Mutter hatten sie keine Zärtlichkeit erfahren. Zärtlichkeitsgefühle waren verboten gewesen, das Bedürfnis nach Liebe und Wärme war mit einem Tabu belegt und mußte unterdrückt werden. In den klinischen Interviews, die Dicks durchführte, zeigten die überzeugten Nazis eine starke Identifikation mit den autoritären, bestrafenden und auf Gehorsam pochenden Vätern. Zweifel und Kritik an ihnen gab es nicht.

Jene Gefangenen dagegen, die sich in Dicks Untersuchung kritisch gegenüber den Nazis äußerten, berichteten auch von positiven Beziehungen zu ihren Müttern, sie waren auch zu liebevollen Beziehungen zu Frauen fähig. Bei den Nazis dagegen waren „Liebes“-Gefühle an politische Symbole gebunden. Warme menschliche Empfindungen ließen sich nicht feststellen. Nimmt man ihnen den Glauben an den Nationalsozialismus, dann brechen sie einfach zusammen, schreibt Dicks, „da kein integrierender Kern existiert“. Mit ihrer Brutalität, so Dicks, konnten die überzeugten Nazis ihre Persönlichkeit zusammenhalten – eine Persönlichkeitsstruktur, die auf einer Identifikation mit destruktiven, bestrafenden Vätern beruhte. Im Gefangenenlager sahen sie sich als Opfer derer, die ihnen mit Verständnis entgegenkamen. Sie empfanden Güte als Feindseligkeit und unterstellten Menschen, die ihnen freundlich begegneten, daß diese ihre eigene „nichtsahnende Einfachheit, Güte und Sanftheit mißbrauchen wollten“. Freundlichkeit wurde also verachtet, als Schwäche interpretiert, die man rücksichtslos und ohne Erbarmen vernichten müsse. Wir erkennen hier die Angst, von Menschlichkeit berührt zu werden.

Autoritäre Erziehung ohne eine ausgleichende Zärtlichkeit durch Vater oder Mutter treibt Menschen in eine enge, beschränkte Erlebniswelt, die auch ihren weiteren Lebenslauf bestimmt. Alles Neue muß abgewehrt werden, denn es birgt die Gefahr einer positiven und liebevollen Erfahrung, welche das eigene Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Wärme heraufbeschwören könnte. Ein solcher Mensch bleibt nicht nur in seinem Erleben rigide begrenzt, er bleibt auch abhängig von dem, was ihn formte: von Autorität. Das Lebendige und Neue macht Angst, nur der Gehorsam gegenüber der Autorität und der einschränkenden, tödlichen Gewalt verspricht Erlösung. Gewalt bedeutet hier Stärke, während Mitgefühl als Schwäche erlebt wird. Stark sein ist gleichbedeutend mit Heldentum, sich dem Tode verschrieben zu haben heißt lebendig sein, am Leben sein.

Selbstmitleid

Dennoch erleben sich diese Menschen als Opfer, und zwar als Opfer derer, die sie selbst peinigen, verachten, entwürdigen, morden. Sie verlagern ihr eigenes tatsächliches Opfersein in einer gewalttätigen Erziehung auf ein von Selbstmitleid durchdrungenes Gefühl, Opfer derer zu sein, die sie wegen ihrer Menschlichkeit hassen, da diese in ihnen das verbotene Verlangen nach Liebe und Zärtlichkeit wecken. So fühlen sie sich von denjenigen bedroht, die sie menschlich berühren könnten, von Juden, Zigeunern, Asiaten, Schwarzen, von all denen, die sie als andersartig und fremd einstufen, um so das gemeinsame Menschliche, das angst macht, zu verstümmeln, zu kreuzigen, zu töten. Sie flehen um Mitleid, weil sie sich so berechtigt fühlen, ihre Gewalttätigkeit gegen jene zu richten, die ihnen Angst machen, gerade weil diese in ihnen das wecken, was ihnen verboten war – das Menschliche. Aus diesem Grund müssen solche Menschen töten, weil nur das ihnen erlaubt, aufrecht zu gehen, weil das Morden sie von der Angst befreit, selbst ein nach Liebe, Zärtlichkeit und Wärme hungernder Mensch zu sein.

Es stellt sich immer wieder die Frage, warum Rechtsradikalismus trotz seiner offensichtlichen Gewalttätigkeit so oft toleriert, verharmlost, ja sogar geleugnet wird. Rechtsradikalismus kann nur verstanden und bekämpft werden, wenn man auch das gesellschaftliche Umfeld betrachtet, in dem er gedeiht. Wir finden hier Menschen, die zwar nicht selbst gewalttätig sein möchten, die aber eines mit dem Rechtsradikalen gemeinsam haben: Auch sie haben Angst vor Neuem, vor Lebendigem. Sie fürchten alles, was ihnen die auf Gehorsam beruhende Ordnung nehmen könnte, was sie verunsichert in ihrem festgeschriebenen Rollenverhalten, ihren angepaßten Gefühlsposen, die nichts mit wirklichem Gefühl und der Spontaneität zu tun haben, die das teilnehmende Erleben von etwas Neuem, Lebendigem mit sich bringt. Die Angst, nicht dem vorgeschriebenen Verhaltenskodex zu entsprechen, ist tief in den Gehorsamkeitsstrukturen verankert, die unsere Zivilisationen prägen. Diese Angst wird durch die Rechtsextremisten geschürt und herausgefordert. Sie bringt auf diese Weise die schweigende Mehrheit hervor, eine aus Konformisten und Angepaßten bestehende Masse, deren zustimmendes Schweigen den Rechten als Legitimation ihrer brutalen Aktionen dient. Die extreme Rechte der neuen amerikanischen Politik hat sich selbst als „silent majority“ bezeichnet, zum einen, um sich so zur eigenständigen Gruppe zu erklären. Diese angepaßte, zu Ressentiments neigende, sonst aber eher unauffällige und nicht gewalttätige Gruppierung gab sich auf diese Weise zum andern aber auch Kontur; ihre Anhänger können sich so als Menschen erleben, die Macht haben und jemand sind. Sie haben mit diesem Begriff auf eine Tatsache verwiesen, die sonst nicht so deutlich wahrgenommen wurde: daß rechtsextreme Politiker als Machtbasis auf ein großes Potential von schweigenden, aber durch ihre Angst vor dem Leben innerlich bedrohten Menschen zurückgreifen können.

Die zuvor genannte Studie von Henry Dicks gibt Einblick in die Psychodynamik dieser konformistischen, angepaßten Menschen. Die von ihm unter den 1000 Kriegsgefangenen als „harter Kern“ ermittelten 11 Prozent der überzeugten Nazis entsprechen etwa dem Anteil von 8 bis 10 Prozent, den heute die rechten Parteien in westlichen Ländern auf sich verbuchen können. 25 Prozent der Gefangenen in Dicks’ Studie waren als Nazis nicht ganz so überzeugt, müssen aber dennoch zu den Anhängern gezählt werden. 40 Prozent der untersuchten Gruppe erwiesen sich als weitgehend unpolitisch. Sie unterschieden sich von den Nazis durch den Grad der autoritären Erziehung, des Zärtlichkeitstabus, der Verwerfung eigener Bedürfnisse nach Wärme und Liebe sowie der Abwertung von Frauen als minderwertig. Am höchsten waren diese Werte bei den 11 Prozent überzeugter Nazis, etwas geringer bei den 25 Prozent und noch niedriger bei den 40 Prozent Unpolitischen. Letztere waren Mitläufer, allerdings keine Gegner der Nazi-Ideologie. Passive und aktive Anti-Nazis machten in Dicks’ Studie 24 Prozent aus. Sie waren es, die Bedürfnisse nach Liebe und Wärme zuließen, die Frauen mehr als ebenbürtige Beziehungspartner sahen und sich in ihrem persönlichen Verhalten nicht an einem Führer oder am Staat orientierten.

Das innere Opfer

Die Statistiken von Dicks zeigen deutliche Übereinstimmungen mit den vor kurzem durch die Friedrich-Ebert-Stiftung erhobenen Daten über Rechtsextremismus und Gewalt. Wie schon erwähnt, glauben zwei Drittel der Deutschen auch heute noch, Deutschland brauche eine starke Hand, und nur ein Politiker, der hart durchgreife und eine starke Partei im Rücken habe, bekäme die aktuellen Probleme in den Griff. Die Studie zeigte auch, daß diese Menschen Leid und Not als Schwäche abtun, kein Mitgefühl empfinden und der gängigen gesellschaftlichen Praxis zustimmen, man solle Menschen in Not nicht unterstützen, und jeder müsse für sich selbst sorgen. Sich anders zu verhalten bedeutet für sie, schwach zu sein.

Darin stecken Hoffnung und Schrecken zugleich. Die Erkenntnisse beider Studien sagen folgendes aus: Es gibt einen harten Kern von Menschen, die rechtsradikalem Denken und Fühlen ergeben sind. Weitere 30 bis 40 Prozent sind bereit, einem autoritären Auftreten Folge zu leisten, wenn dabei ihre Ängste und ihr Selbstmitleid (also die Bereitschaft, sich als Opfer zu fühlen) angesprochen werden. Auf jeden Fall spielen hier die äußere wirtschaftliche Situation und die Stabilität allgemeiner gesellschaftlicher „Normen“ eine Rolle. Man darf aber nicht aus den Augen verlieren, daß die generelle Bereitschaft, sich unter gesellschaftlich instabilen Verhältnissen aus Angst und Selbstmitleid autoritärem Denken und Fühlen hinzugeben, auf einer inneren Konformität beruht, die schon in der Kindheit vorgeformt wurde. Die Hoffnung liegt bei denen, die eine wirkliche Identität haben. Sie sind die Stütze der Demokratie und müssen jene konformistischen 30 bis 40 Prozent davon abhalten, den harten autoritären Kern durch ihr Schweigen zu unterstützen oder sich ihm gar anzuschließen. Natürlich heißt das auch, aktiv aktuellen Bedürfnissen nach wirtschaftlicher Sicherheit und Gerechtigkeit im sozialen Leben nachzukommen. Leere Versprechungen liefern den Rechtsradikalen nur neue Munition für ihren Haß und ihre Gewalt. Erschreckend ist hier die Erkenntnis, wie instabil Menschen, deren Erziehung durch Autorität und Gehorsam bestimmt war, eine Demokratie machen. Die anderen, denen die Demokratie am Herzen liegt, müssen alles tun, um dieses Fehlen eines demokratischen Kerns bei immerhin mehr als der Hällte der Bevölkerung auszugleichen.

Der englische Pädiater und Psychoanalytiker Donald Winnicott stellte schon Anfang der fünfziger Jahre die These auf, eine demokratische Gesellschaft brauche emotional reife Mitglieder, um zu funktionieren. Autoritäre Erziehung steht einer solchen Reife nicht nur im Weg, sie entzieht den Menschen auch die Grundlage dafür. Emotionale Reife hat ihren Ursprung in der Fähigkeit des Mitfühlens, der Empathie, die jedes Kind schon im Mutterleib entwickelt. Diese Fähigkeit kann durch autoritäre Erziehung überlagert oder sogar ganz zunichte werden. MacLean, forschender Neurologe an der Rockefeller University, zeigte bei seinen Studien über das menschliche Gehirn bereits 1967 nicht nur, daß empathische Empfindungen Vorbedingung für ein Gefühl persönlicher Identität sind. Er wies auch nach, daß die empathischen Verdrahtungen des sympathischen Nervensystems während der Kindheit stimuliert werden müssen, da sie andernfalls aufhören zu funktionieren. Eine Erziehung, die auf Gehorsam pocht, hemmt oder zerstört empathische Fähigkeiten. Da eine Entwicklung, die auf der dem Menschen eigenen Empathie beruht, unmöglich gemacht wird, führt eine solche Erziehung gleichzeitig zu einer Identität, die eine Identifikation mit Autoritäten zum Inhalt hat. Solche Menschen können keine wahrhaft eigene Identität entwickeln; ihre „falsche“ Identität ist nur Simulation, die auf einer Übernahme dessen beruht, was ihnen von der autoritären Erziehungsperson vorgegeben wird. Identität ist hier ein Komplex von Verhaltensregeln sowie einem grundlegenden Haß, den jede Unterwerfung mit sich bringt. Dieser Haß kann sich jedoch niemals gegen den wirklichen Aggressor richten, da dieser jede Aggression zerschlägt. Übrig bleibt die Bereitschaft, diesen Haß nach außen zu projizieren, auf Feinde, die das verworfene und verbotene Eigene repräsentieren.

So entwickelt sich eine Persönlichkeitsstruktur, die keine eigene Identität als Kern hat, aber voll destruktiver Gewalt steckt. Winnicott bezeichnete solche Menschen als „antisozial“, als Personen, die „ungesund und unreif“ sind, da ihre Identifikation mit dem Aggressor eine Selbst-Entdeckung verhindert (was ich als „Person ohne eigene Identität“ beschrieben habe). Es sind Menschen ohne Sinn für den Rahmen unserer Existenz, ohne Gefühl und Bild für unser Menschsein, sie erkennen die Form des Menschen, haben aber kein Erleben seiner wahren Gefühle. Nach Winnicott resultiert daraus eine Vermassungstendenz, die sich gegen die Individualität des einzelnen richtet. „Antisozial“ im Sinne von Winnicott ist gleichbedeutend mit einer antidemokratischen Haltung, die ihre Wurzeln im tiefsten Innern hat. Bei solchen Menschen finden wir eine Fehlentwicklung von Menschlichkeit, da sie nicht die Chance hatten, das innere Potential menschlicher Möglichkeiten inklusive der eigenen Identität zu entfalten. Es wurde ihnen unmöglich gemacht, sich auf der Grundlage jener empathischen Fähigkeiten vollständig zu entwickeln, die wahre Menschlichkeit und eine aus erlebter Freude und erlebtem Leid geborene innere Kraft erst entstehen lassen.

Es geht doch nicht um jene mythische Kraft, die auf Heldentaten basiert, die beweisen sollen, man sei nicht schwach, fühle sich nicht hilflos und hege nie Zweifel! Der Heldenmythos hat ja gerade seinen Ursprung in der ständigen Angst, zu versagen und schon bei nächster Gelegenheit seine Heldenhaftigkeit – die erfolgreiche Position – zu verlieren. Man muß immer oben sein, weil im Innern die Unsicherheit über die wirkliche eigene Kraft nagt, denn der Zweifel am Selbst ist durch die Erziehung tief eingegraben. Nur so wurde man der Autorität hörig, denn nur sie bestimmte den eigenen Wert.

Ganz anders ist es, wenn ein Kind von Anfang an seine eigenen Wahrnehmungen, seine eigenen Bedürfnisse zum Kern seines Selbst machen kann. Für solche Menschen ist das Neue nie bedrohlich. Im Gegenteil: Wie Studien des kanadischen Tierpsychologen Berlyne und des Amerikaners Schneirla gezeigt haben, erfreuen sie sich an der Entfaltung von Lebendigkeit, an Erneuerungen. Statt Angst zeigen sie Neugier, wenn sie mit Veränderungen konfrontiert sind. Menschen, deren Kindheit durch Angst vor Bestrafung, Terror und die Verachtung für ihr Eigenes geprägt war, ziehen sich dagegen zurück, wenn sie auf etwas Unbekanntes, etwas „Fremdes“ treffen. Da sie alles Neue als eine Gefahr erleben, entwickeln sie aggressive und gewalttätige Verhaltensformen. Die Welt ist für sie nicht nur bedrohlich, sie empfinden sie auch als ständig lauernde Gefahr, gegen die man sich zur Wehr setzen muß.

Die Forschungsarbeiten von Frantz, Berlyne und Schneirla zeigen, daß Kinder, die aktive Zuwendung erlebt haben und Reize selbst selektieren konnten, die Erforschung ihrer Umwelt ausdehnen, um für sich neue Quellen der Stimulation zu entdecken. Ein kontinuierliches Versorgtsein mit Reizen wird so zur Voraussetzung für Entwicklung und Fortbestehen eines lebendigen Daseins.

Wenn Vermeidungs- und Abwehrreaktionen die Sozialisation eines Kindes bestimmen, kommt es zu einer ganz anderen Entwicklung. Politiker, auch Psychologen, die davon sprechen, Destruktivität und Feindseligkeit lägen nun mal in der menschlichen Natur, verhindern eine differenzierte Sicht der wirklichen menschlichen Entwicklung. Sie wol­len in Wahrheit nicht sehen, daß Gewalttätigkeit in einem komplexen Entwicklungsprozeß entsteht, der niemals einen sozial integrierten, demokratischen Menschen hervorbringen kann. Auch Klaus Wahl, Wissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München, geht davon aus, daß die Wurzeln des Hasses bis in die frühe Kindheit zurückreichen. Er stellte fest, auffällig aggressive Jugendliche hätten schon als Kinder eine ausgeprägte Scheu vor unbekannten Menschen. Ihr Differenzierungsvermögen zwischen dem, was ungefährlich, und dem, was bedrohlich sein könnte, ist nur schwach ausgeprägt.

Solche Kinder bzw. Jugendliche sind immer schnell bereit, Auffälligkeiten als Bedrohung einzustufen. Es sind Kinder, die durch eine Erziehung, die sich nicht an ihren Bedürfnissen orientierte und ihren eigenen Ansätzen keine Beachtung schenkte, ständigem Streß ausgesetzt waren. Solche Kinder entwickeln ein anomal hohes Niveau des Streß-Hormons Cortisol. Streß entsteht, wenn Eltern zum Beispiel nicht auf das Leid des Kindes eingehen, das ja sein Signal an die Eltern ist, daß diese etwas nicht richtig machen. Eltern, die das von ihnen verursachte Leiden des Kindes nicht erkennen, weil sie davon überzeugt sind, nichts falsch machen zu können, erzeugen damit einen Schmerz, der von dem Kind nicht wahrgenommen werden darf. Was nicht heißt, das Kind empfinde den Schmerz nicht, vielmehr muß es dessen Wahrnehmung unterdrücken. Solche Menschen werden ihr Leben lang versuchen, diesen verlorengegangenen, verleugneten Schmerz zu finden, indem sie anderen Gewalt antun, indem manche sogar peinigen und morden. Das Ergebnis sind Menschen ohne eigene Identität, die jedoch in dem Glauben leben, eine solche Identität zu besitzen, weil sie Gehorsam mit freien Entscheidungen verwechseln.

Sie sind, wie Wole Soyinka es in seinem Buch Die Last des Erinnerns beschreibt, nie Herr ihrer Existenz gewesen, sie haben nie ihr eigenes Schicksal bestimmt. Sie sind Sklaven, die ständig Bücklinge machen, sagt Soyinka, da ihr Selbst unsichtbar geworden ist. Dabei halten sie sich selbst für unverwundbar, weil sie andere erniedrigen, beherrschen, peinigen und zerstören können. Sie haben, um Balints Terminologie zu gebrauchen, einen basic fault, einen grundsätzlichen Defekt ihres Charakters, weil sie kein eigenes Inneres entwickeln konnten. Dadurch fühlen sie sich permanent von der Auflösung ihres Selbst bedroht. Nur durch die Projektion ihres Hasses und ihrer gewaltigen Aggression auf andere können sie sich als eine persönliche Einheit, als aufrecht gehend erleben.

Diese psychische Entwicklung geht mit somatischen Prozessen einher. Nicht nur, daß sich das hormonale System durch die Nichtanerkennung ihres Selbst in einem ständigen Streßzustand befindet. Der Streß, der durch nicht erwiderte Bedürfnisse verursacht wird, führt auch zu einer generellen Dysregulation des Nervensystems. Martha Welch vom Neurophysiological Laboratory der Columbia University Medical School beschreibt, wie diese physiologische Fehlregulation Hilflosigkeit auslöst und dadurch den Streß weiter erhöht, was in der Folge zu Wut und Aggression führt. Es ist die Mischung aus Wut und Hilflosigkeit, die Sadismus und Bösartigkeit bewirkt.

Bei diesem Vorgang spielt die Verleugnung des Schmerzes, der den Kindern zugefügt wird, eine zentrale Rolle. Der wirkliche Schmerz, der um die aktuelle Trauer des ihm zugefügten Leids kreist, wird durch das Kind verneint, da es ja die Eltern mit Schuld konfrontieren würde. Dagegen lernen solche Kinder früh, einen Schmerz zu heucheln. Es geht dabei nicht um wirklichen Schmerz, wirkliche Trauer über ihre mißliche Situation. Vielmehr inszenieren sie sentimentale Wehwehchen wie Beleidigtsein, ein Leiden also, das von den Eltern schnell „weggezaubert“ werden kann und diesen die Gelegenheit gibt, sich wichtig und als gute Eltern zu fühlen. So verfestigt sich Selbstmitleid als verdeckte Aggression, die nach außen hin projiziert wird. Von Trauer und Minderwertigkeitsgefühlen erfüllt, kommen sich solche Menschen wertlos vor, was ihre projektive Destruktivität nur noch verstärkt. Durch das Ausagieren ihrer Aggressionen fühlen sie sich dann unverwundbar und deshalb stark.

Eine Sozialarbeiterin erzählte mir von einem sadistischen Klienten, der immer wenn er davon erzählte, wie er Frauen quälte, ein verzerrtes höhnische Grinsen zeigte. Erst wenn er derart grinste, war er in der Lage, etwas von seiner eigenen Not in einer von Gewalt geprägten Kindheit zu spüren. Erst wenn er auf diese Weise seine eigene Traumatisierung wiedererlebte, hörte sein Grinsen – doch nicht sein Sadismus – auf. Dieser Mann offenbart, was in jedem gewalttätigen Rechtsradikalen vor sich geht: Er muß andern Schmerz zufügen, um sich selbst zu spüren, und dann die Schmerzen im anderen bestrafen, so wie einst die eigenen Schmerzen bestraft wurden. Im Grunde handelt es sich um ein Weitergeben der eigenen Erfahrungen. Man demütigt andere und macht sie – so der Wunsch – zu jenem Sklaven, der man selbst ist, den man aber verleugnen muß.

Wir leben – Gott sei Dank nicht alle im selben Ausmaß – in einer Kultur, die den einzelnen zu einem Bestreben antreibt, die Welt zu kontrollieren, um so die Verunsicherung, die uns alle für dieses Streben empfänglich macht, zu verneinen und um statt dessen ständig unsere Unverwundbarkeit unter Beweis zu stellen. Auf diese Weise verleugnen und verschleiern wir die Tatsache unseres erlebten Schmerzes. Nur wenn wir dies auch für uns selbst erkennen, können wir den Rechtsradikalismus verstehen und ihm entgegenwirken. Gehorsam ist Antrieb für uns alle, weil jeder, in unterschiedlichem Ausmaß, das elterliche Diktat erlebt hat: Wir bestrafen dich nur, weil es zu deinem Besten ist. Auf diese Weise haben wir alle etwas von der Entfremdung erfahren, die durch einen Gehorsam erzeugt wird, der uns dieser Ideologie aussetzt. Wir müssen diese Gemeinsamkeit erkennen, aber auch das Ausmaß an Freiheit, das wir entwickeln konnten, weil unsere Eltern zumindest teilweise unseren Bedürfnissen entgegenkommen konnten. Nur so werden wir in der Lage sein, Gewalt im allgemeinen und die des Rechtsextremismus im besonderen zu bekämpfen. Wir müssen auch erkennen, daß es in unserer Kultur völlig normal ist, daß Menschen sich von ihrem eigenen Selbst entfremden und keine wirkliche, auf eigenen inneren Wahrnehmungen und Bedürfnissen beruhende Identität aufbauen können. Das heißt: Es gibt eine große Anzahl von Menschen, die zwar nicht so brutal sind wie Rechtsradikale und auch ihr Selbst nicht durch Gewalt definieren müssen, die diesen dennoch in ihrer Persönlichkeitsstruktur ähnlich sind und sich leicht in ihren Ängsten anstacheln lassen, jedenfalls genug, um durch Schweigen passive Unterstützung zu gewähren.

Den rechtsradikalen Gewalttätern und ihren stillen Komplizen gemeinsam ist die Tendenz, Mitleid für sich selbst und nicht für die Opfer zu empfinden. Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen denen, die nach rechts tendieren, und anderen, die nicht empfänglich sind für rechte Parolen. Hier wird deutlich, wahre Identität basiert immer auf empathischem Erleben. Wenn dagegen die Sozialisation Identifikation zur Grundlage der Identitätsentwicklung macht, muß die so entstandene Identität immer hinterfragt werden. Nicht jede auf Identifikation beruhende Identität muß zwangsläufig zu Unmenschlichkeit und Rechtsradikalismus führen. Entscheidend ist aber: Kein Kind, dessen empathische Fähigkeiten zum Fremden gemacht wurden, kann innere Stärke entwickeln. Eine Identität, die auf innerer Stärke aufbaut, setzt die Erfahrung wirklicher Liebe voraus. Da unsere Kultur jedoch eine Stärke fördert, die sich an der Identifikation mit Männlichkeitsbildem ohne Mitgefühl orientiert, wird Liebe selbst zu einer verzerrten Ideologie – wir suchen eine Stärke, die auf Rollenklischees basiert und nicht auf Mitgefühl. Der Erfolg des Nationalsozialismus und seiner Mordprogramme zeigt: ein ganzes Volk kann auf diese Weise geprägt sein. Sein Gelingen war sozusagen vorprogrammiert, weil die gesamte Kultur von Gehorsam bestimmt war.
Selbstverständlich waren nicht alle Deutschen aktiv beteiligt. Der amerikanische Historiker C. R. Browning zeigte in seiner Studie über das Hamburger Polizeibataillon 101, das zur „Endlösung“ nach Polen kommandiert war, daß die meisten Mitglieder sich eher passiv verhielten. Sie waren jedoch nicht in der Lage, sich dem Tötungsauftrag zu entziehen, obwohl ihr Kommandant ihnen offiziell diese Möglichkeit offenließ.

Menschen, die den Gehorsam verweigerten, gab es immer. Wie Judith Lewis Herman nachgewiesen hat, befanden sich auch unter den Soldaten des Vietnamkrieges immer solche, die beim Morden nicht mitmachten. Herman belegt, in welchem Maße die Fähigkeit zur Empathie Menschen eine Art Immunität gegen das Unmenschliche verleiht. Das ist es, was wahre eigene Identität bedeutet.

Fassen wir zusammen: Rechtsradikalen fehlt eine eigene Identität. Was aussieht wie eine Identität, besteht in Wahrheit aus Identifikationen mit Autoritätspersonen, Gehorsam und entsprechenden Rollenklischees männlichen Heldentums. All dies kreist um ein Selbst, das möglichst weit entfernt ist vom wahren eigenen Selbst, das sich minderwertig fühlt und durch ein Gehabe von männlicher Stärke aus dem Bewußtsein ferngehalten wird.

So fällt es oft schwer, den Männlichkeitsmythos zu durchschauen und dahinter die Nicht-Identität zu erkennen. Jeder, der in dieser Kultur aufgewachsen ist, wurde mehr oder weniger durch diese Ideologie geprägt. Antill und Cunningham stellten bei Studien mit amerikanischen College-Studenten fest: Tatkraft, Macht und Erfolg stellten die wesentliche Grundlage des Selbstwertgefühls dar, Werte also, die allgemein als männlich geschätzt werden. Als „weiblich“ eingestufte Merkmale wie Mütterlichkeit, Empathie und Entgegenkommen bei Schmerz und Leid spielten für die Selbstachtung der männlichen Untersuchungsteilnehmer keine Rolle. Bei den Befragten weiblichen Geschlechts ergab sich sogar eine negative Bedeutung für diese weiblichen Merkmale. Dies deutet darauf hin, daß die meisten Mitglieder dieser ehrgeizigen und auf Erfolg ausgerichteten Gruppe der College-Studenten Mitgefühl nicht als eigenen Wert schätzten. Sie hätten also auch einer Ideologie, wie sie von den Nazis vertreten wird, nicht wirksam entgegentreten können.

Die Gefahr, die von solchen Menschen ausgeht, ist nicht nur hypothetisch. Das zeigen nicht nur die Ergebnisse der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für Deutschland. In den USA, dem angeblichen „Mutterland der Demokratie“, ist es nicht anders. In dem Buch Die Welle schildert Morton Rhue einen Unterrichtsversuch an der High School von Palo Alto im Jahr 1969, in dessen Verlauf sich die Schüler völlig einer Autorität und Disziplin unterwarfen und freiwillig ihre Eigeninitiative und ihren eigenen Willen aufgaben. Sie ergaben sich in ein soziales Klima, das dem des Nazistaates entsprach, wobei sie sich trotz ihrer eigenen Versklavung gegenüber unterdrückten Mitschülern als Übermenschen fühlten. Nur wenige machten nicht mit.
Dieses Forschungsergebnis zeigt, wie faschistische Ideologien demokratische Werte unterlaufen, und zwar vor allem bei solchen Menschen, die keine innere Immunität gegen solche Gedanken entwickeln konnten, sondern im Gegenteil durch eine kulturelle Ideologie des Erfolgs von ihren eigenen empathischen Werten getrennt wurden und deshalb anfällig sind für eine Art des Denkens, die zum Rechtsextremismus führt. Wie schon die Arbeiten von Dicks deutlich gemacht haben, verfügen auch konformistische Menschen, die Gewalt zunächst nicht als Lösung von Problemen betrachten, nicht über die innere Kraft, um dem Druck mitzumachen zu widerstehen. Die Untersuchungen von Herman mit Vietnamveteranen zeigten, was „immun“ macht gegen den Bazillus des Rechtsextremismus: Es ist die Fähigkeit zur Empathie, das heißt das frühe kindliche Erlebnis von Entgegenkommen und Liebe. Diese Fähigkeit, die in unserem Kulturkreis vielleicht nur ein Drittel der Bevölkerung entwickelt, schützt und sichert ein Überleben der Demokratie. Das ist es, was auch Winnicott sagt und auf was die Daten der verschiedensten Studien hinweisen.

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