Individuation und Individualisierung

 

„Gelingt es, an die Ansprüche und Verheißungen des in Gang gekommenen Individualisierungsprozesses anzuknüpfen und jenseits von Stand und Klasse Individuen und Gruppen in neuer Weise als selbstbewußte Subjekte ihrer persönlichen, sozialen und politischen Angelegenheiten zusammenzufassen? Oder werden im Zuge von Individualisierungsprozessen die letzten Bastionen sozialen und politischen Handelns weggeschmolzen, und die sich individualisierende Gesellschaft versinkt an der Grenze zwischen Krise und Krankheit in politische Apathie, die nichts ausschließt (…)?“(Ulrich Beck „Jenseits von Stand und Klasse?“, 1983, S. 70)

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„Leben wir nicht in einem allgemeinen Verteidigungszustand? Entspricht und entspringt die Rede vom eigenen Leben vielleicht der Sprache und Sicht der Gewinner, während die Verlierer noch stumm, gleichwohl mit Gewalt zeugender Ungeduld unter die Räder geraten? Sind die Gewinner von heute vielleicht die Verlierer von morgen? Und ist es nicht diese Angst vor dem Abrutschen, Abstürzen, die selbst die scheinbaren Gewinner heute schon klammern und zittern läßt?

(…).

Tatsächlich haben wir in der alten Bundesrepublik eine Art »Vollkasko-Individualisierung« (hoher Wohlstand, hohe soziale Sicherheit) erfahren, die nun in die Turbolenzen einer »Zusammenbruchs-Individualisierung«, wie sie die kollektive Freisetzung aus der staatlich verordneten Normalbiographie der DDR darstellt, und zu einer »Armuts-Individualisierung« gerät, die aus der Talfahrt der Wirtschaft entsteht.“ (Ulrich Beck in der TAZ vom 30.04.1994)

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„»Individualisierung« ist zu einem Schlüsselwort der politischen Auseinandersetzung geworden. An ihm scheiden sich die Geister. Dies deutet darauf hin, daß sich das Konfliktgefüge verschiebt. In den Hintergrund treten die Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital, die Gegensätze zwischen Klassen allgemein: und quer dazu bildet sich eine Konfliktlinie heraus: Die Autonomie einer Gesellschaft der Individuen trifft auf den Widerstand einer in Teilen durch das Gespenst der Normauflösung verunsicherten und radikalisierten Mitte.“ (Ulrich Beck in der Süddeutschen Zeitung vom 02.03.1995)

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„Das alte und scheinbar ewige Schema »mehr Einkommen, mehr Karriere, mehr demonstrativer Konsum« zerbricht und an seine Stelle tritt eine neue Gewichtung von Prioritäten, die oft schwer zu enträtseln ist, in der aber gerade immaterielle Gesichtspunkte der Lebensqualität eine herausragende Rolle spielen. (…).

Das heißt: der materielle Verteilungskampf, der die öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit monopolisiert, wird längst unterlaufen von einem immateriellen Verteilungskampf um (…) Güter wie Ruhe, Muße, selbstbestimmtes Engagement, Abenteuerlust, Austausch mit anderen usw. (…).

Im Zeitalter des eigenen Lebens verändert sich die soziale Wahrnehmung dessen, was als »Reichtum« gilt und was als »Armut«, und zwar so radikal, dass unter Umständen weniger Einkommen und Status, die einhergehen mit mehr Selbstentfaltungs- und Selbstgestaltungsangeboten, nicht als Ab-, sondern als Aufstieg erlebt, also gesucht werden.

Man sollte dies nicht nur bejubeln, denn sicherlich ist dies der kulturelle Wahrnehmungshintergrund dafür, daß die dramatische Radikalisierung materieller sozialer Ungleichheiten – bislang! – ohne einen politischen Aufschrei hingenommen wird.“

(aus: Ulrich Beck „Kinder der Freiheit. Wider das Lamento über den Werteverfall“, 1998, S.16ff.)

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„Immer mehr Menschen fürchten den Verlust von Besitz und Status, den Verlust einer vertrauten Welt, den Verlust der Hoffnung. Immer mehr Menschen sehen eine wachsende Kluft zwischen der offiziellen, liberal geprägten Wirklichkeit und dem, was sie selbst erleben.

Die globale Wirtschaftsordnung ist zu einer bitteren Parodie der aufgeklärten Gedanken mutiert, auf die sie sich beruft. Sie ersetzt die Rationalität durch die Rationalisierung, den Universalismus durch den globalen Markt, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten und die Gleichheit durch statistische Normierung. Bürgerrechte werden zu Garantieleistungen, denn in dieser Welt braucht man keinen Pass, sondern eine Kreditkarte.“ – (Philipp Blom, Festrede Salzburg 2018)

„Diese Zukunft aber kommt längst zu uns: in Form warmer Winter und cleverer Algorithmen, aber auch zu Fuß oder in Booten, in Gestalt von Menschen. Reiche Gesellschaften können sich Zeit kaufen, um große Veränderungen hinauszuschieben, aber sie kaufen sie auf Kredit von ihren Kindern.

Kein Wunder, dass es viele Menschen angesichts dieser dauernden und fließenden Destabilisierung mit der Angst zu tun bekommen, und so sehen sich immer mehr Menschen nach Alternativen zu einem System um, das ihre Ängste nicht beschwichtigen kann, das keinen realistischen Grund zur Hoffnung bietet. Die liberale Demokratie aber hat mit der Religion eins gemeinsam: Sie kann nur dann bestehen, wenn genug Menschen an sie glauben.

Tatsächlich aber ziehen sich immer mehr Menschen zurück — aus der Demokratie, aus der Verantwortung, aus dem ganzen Getue mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Es ist der Rückzug vom globalen Markt in die Festung Europa.

Das Stück, das zwischen den Kulissen der Aufklärung aufgeführt wird, droht uns völlig zu entgleiten.“ (Philipp Blom, Festrede Salzburg 2018)

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Individuation:

„Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ‚Individuation‘ darum auch als ‚Verselbstung‘ oder als ‚Selbstverwirklichung‘ übersetzen.“ – C.G. Jung

„Wer heute vierzehn ist, erbt eine Welt mit immensen Risiken. Wer aber bereit ist, die Dynamik des aufgeklärten Denkens gegen die Dogmen der Gegenwart zu kehren, wer bereit ist, selbst zu denken und riskant zu denken, kann Teil einer Zukunft werden, in der es sich zu leben lohnt; nicht als Kind oder als Erbe, sondern als Teil der Natur, als empathischer Primat — und aus Leidenschaft für ein gutes Leben.“ (Philipp Blom, Festrede Salzburg 2018)

„One point is to clear up the thought that we are something limited and known. I’m saying we cannot be that which is limited and known. Nothing can be what is limited and known; that can at best be an abstraction or a representation. This actuality cannot be that. – David Bohm 1992 , Thought as a System, p. 228

I AM – it is no thing. What is thingness? What do we mean by a thing? No thing is not nothing. What is there beyond something and nothing? Beyond life and death? This is the great question. How does one work with this question? It is only by the struggle to stay between, and not to slip to one or the other. When Hakuin says ‚true self is no self‘ this ’no self‘ is not an absence, but neither is it a way of talking about self. So what is it? If you were not already the answer, you could not raise the question. The question that has an answer is the one where the answer lays outside. The question that has no answer is the question to which you are the answer. In other words, to work with the question ‚who am I?‘ you must start from the truth: that you are. The question then becomes: ‚how can I enrich my appreciation of that I am?‘ The only way to do this is to enrich the question. And the question must be a natural, authentic, original question. It must be your question. To struggle to find the answer just nullifies the whole practice. How can you find the question is much more to the point. The question has been buried under all kinds of projects, dreams, opinions and prejudices, because the question is painful, uncomfortable, irritating and disturbing. Sometimes it is frightening.“ – Albert Low, Zen-Master, Teisho 1056, 2006

 

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