Moderne Eindimensionalität?

Eine selbstverständliche (rationale) und von (‚gesundem Verstand‘) geprägte Haltung:

► Sich den aktuellen Aufgaben stellen. Sich und anderen dabei nichts vormachen. Es sich nicht schwerer, aber auch nicht leichter machen, als es tatsächlich ist …….

Die gängigen und sich verstärkenden sozialen und ökonomischen Verdrängungsmechanismen begünstigen heute eine solche Haltung nicht, im Gegenteil. Geld und ‚Sozialkapital‘ wirken förderlich, öffnen leicht(er) die Türen, und ‚beflügeln‘ den subjektiven Erfolg. Ein Mangel an diesen ‚Fördermitteln‘ machen es einem schwer(er), oft unmöglich schwer.

Dieser ‚divide-et-impera‘ Prozess ist ideologisch und strukturell in unserer Gesellschaft verankert und geht in Abstufungen quer durch die ganze Gesellschaft. Man kann sich ihm äußerlich nicht entziehen. Schlimm für den Einzelnen und das Ganze wird es aber, wenn er sich subjektiv ‚internalisiert‘, wenn er sich quer durch die Subjekte hindurch aufrechterhält und reproduziert. Dann sieht es aus, als sei er von vielen, von der überwältigenden Mehrheit – gewollt, beabsichtigt. Als sei er ‚natürlich‘, oder wie die Redewendung lautet – ‚evolutionär angelegt‘.

Dieser soziale Spaltungsprozess fördert Individualismus und Tribalismus, verengt den Blick, bestärkt kleingeistiges Neidverhalten und  bewirkt großen Hass auf alle Kritiker dieses Mechanismus – nämlich all die de facto Kritiker (die unvermeidlichen ‚Verlierer‘ im großen Spiel) und alle weiterhin kritisch denkenden Geister. Das Bewusstmachen der oft unbewussten subjektiven ‚Arrangements‘ in diesem ‚Spiel‘ wirkt verstörend und irritierend. Denn die Reflexion hindert einem beim erfolgreichen ‚Wettkampf‘, wirkt somit ‚wehrkraftzersetzend‘. Und die spontan einsetzende Abwehrreaktion gegen solche ‚Aufklärer‘ zeigt allen in der Runde nur noch deutlicher: ‚Vorsicht, nicht in diese Richtung. Das kann Dir schaden!‘. Tendenziell geht es somit in Richtung ‚jeder gegen jeden‘.

Dieses unsichere Terrain ist genau das, was liberale und neoliberale Beförderer dieser Mechanismen visionär im Kopf haben: Sozialdarwinismus, soziale Selektion, generalisierter Wettbewerb. Nur die jeweils ‚Besten‘ sollen gewinnen…..

► Sich den aktuellen Aufgaben stellen. Sich und anderen dabei nichts vormachen. Es sich nicht schwerer, aber auch nicht leichter machen, als es tatsächlich ist …….

Eine dieser ‚aktuellen Aufgaben‘ ist aber genau das Führen dieser Auseinandersetzung – nämlich die Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Folgen dieser sozialen und sozialpsychologischen ‚Selbstverständlichkeiten‘. Vermeidet man diese Untersuchungen, dann wird man innerlich und äußerlich von diesen Vorstellungen und Anforderungen dirigiert und angetrieben, was innere Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und gutes Zusammenleben und Zusammenwirken mit Anderen systematisch verunmöglicht. Diese sich selber widersprechenden Erfahrungen ermüden und lassen einen verwirrt zurück, weswegen man sich dringend nach Erholung und Abwechslung umsieht. ‚Man lenkt sich ab‘, lenkt sich von den ‚aktuellen Aufgaben‘ ab. Und jeder, der einen ‚ruft‘, zur Teilnahme an befreiender Reflexion einlädt, verwehrt einem die so dringend benötigten ‚Erleichterungen‘ des frustrierenden Alltags.

Man sieht, wir haben es hier mit einem Teufelskreis zu tun, der sich selber vervielfältigt und selbstverstärkend aufrechterhält. Je aussichtsloser die Situation aufgrund dieser sinnlosen Kreisbewegungen, desto größer der Sog hin zu dieser Dynamik. So beschreibt man Suchtpotentiale.

Als ich das so geschrieben habe, ist mir wieder ……. Herbert Marcuse eingefallen, den ich vor langer Zeit gelesen habe, und der auch vor langer Zeit (zu Beginn der 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts) das berühmte Buch mit dem Titel One-Dimensional Man verfasst hat.

Hier die wichtigsten Erinnerungen aus dem Buch ,Der eindimensionale Mensch‘:

„So muß die Frage noch einmal ins Auge gefaßt werden: wie können die verwalteten Individuen – die ihre Verstümmelung zu ihrer eigenen Freiheit und Befriedigung gemacht haben und sie damit auf erweiterter Stufenleiter reproduzieren – sich von sich selbst wie von ihren Herren befreien? Wie ist es auch nur denkbar, daß der circulus vitiosus durchbrochen wird?“ (S. 261)

Und seine Antwort:

„Aber der Kampf um die Lösung ist über die traditionellen Formen hinausgewachsen. Die totalitären Tendenzen der eindimensionalen Gesellschaft machen die traditionellen Mittel und Wege des Protests unwirksam — vielleicht sogar gefährlich, weil sie an der Illusion der Volkssouveränität festhalten. Diese Illusion enthält ein Stück Wahrheit: »das Volk«, früher das Ferment gesellschaftlicher Veränderung, ist »aufgestiegen«, um zum Ferment gesellschaftlichen Zusammenhalts zu werden. Eher hierin als in der Neuverteilung des Reichtums und der Gleichstellung der Klassen besteht die neue, für die fortgeschrittene Industriegesellschaft kennzeichnende Schichtung.“

„Unter der konservativen Volksbasis befindet sich jedoch das Substrat der Geächteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen. Sie existieren außerhalb des demokratischen Prozesses; ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen.

Damit ist ihre Opposition revolutionär, wenn auch nicht ihr Bewußtsein. Ihre Opposition trifft das System von außen und wird deshalb nicht durch das System abgelenkt; sie ist eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletzt und es damit als ein aufgetakeltes Spiel enthüllt. Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straße gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, daß sie Hunden, Steinen und Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung. Die Tatsache, daß sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert.

Nichts deutet darauf hin, daß es ein gutes Ende sein wird.“ (S.267)

„Das Gespenst ist jedoch wieder da, innerhalb und außerhalb der Grenzen der fortgeschrittenen Gesellschaften. Die sich leicht anbietende geschichtliche Parallele zu den Barbaren, die das Imperium der Zivilisation bedrohen, präjudiziert den Tatbestand; die zweite Periode der Barbarei kann durchaus das fortbestehende Imperium der Zivilisation selbst sein. Aber es besteht die Chance, daß die geschichtlichen Extreme in dieser Periode wieder zusammentreffen: das fortgeschrittenste Bewußtsein der Menschheit und ihre ausgebeutetste Kraft. Aber das ist nichts als eine Chance. Die kritische Theorie der Gesellschaft besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnten; indem sie nichts verspricht und keinen Erfolg zeigt, bleibt sie negativ. Damit will sie jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben.

Zu Beginn der faschistischen Ära schrieb Walter Benjamin:

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ (S.268)

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s