Halbwahrheiten….

Nietzsche: „Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? – Es sind die unwiderlegbaren Irrtümer des Menschen.“ Wahrheit sei für den Mensch mehr Last als Lust, „….sodass sich die Stärke eines Geistes danach bemäße, wie viel er von der ‚Wahrheit‘ gerade noch aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grad er sie verdünnt, verhüllt, versüßt, verdumpft, verfälscht nötig hätte.“

„So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämtlich abliest – er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und ‚errät‘ den zu diesen fünf Worten mutmaßlich zugehörigen Sinn -, ebenso wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig […] Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso […] Dies alles will sagen: Wir sind von Grund aus, von alters her – ans Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: Man ist viel mehr Künstler als man weiß.“ – Quelle: Jenseits von Gut und Böse

Noch einmal Nietzsche: «Dem Staat ist es nie an der Wahrheit gelegen, sondern immer nur an der ihm nützlichen Wahrheit, noch genauer gesagt, überhaupt an allem ihm Nützlichen, sei dies nun Wahrheit, Halbwahrheit oder Irrtum.» – Quelle: Unzeitgemäße Betrachtungen, Kapitel 32

Und so erfinden wir alle – alle? – die für uns lebensnützlichen Lügen – ’sei dies nun Wahrheit, Halbwahrheit oder Irrtum‘.

Muss das so sein, ausnahmslos?

Lebenskunst wäre dann also die Kunst des Erfindes gut funktionierender Fiktionen?

Es scheint so zu sein, wenn man sich mal zufällig nicht selber in den Sack lügt. Wenn man ‚wahr‘ redet. Welche ‚Wahrheit‘ ist da aber jetzt gemeint?

Die Rede ist dabei wohl von dieser Wahrheit:

„Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

Was wahr ist, so entsunken, so verwaschen
in Keim und Blatt, im faulen Zungenbett
ein Jahr und noch ein Jahr und alle Jahre –
was wahr ist, schafft nicht Zeit, es macht sie wett.“

Von einer Wahrheit, die niemand wahr haben will. Weil sie alle Fiktionen Lügen straft. Weil sie uns als Ratsuchende ratlos zurück lässt. Weil diese Wahrheit uns zwingt, alles Liebgewonnene zurück zu lassen, um sich zu offenbaren.

Weil sie nicht ’nützlich‘ ist, zu nichts taugt.

Sie ist das Nichts, das Alles ist. Sich selbst genug. Allbelebend, aber selbst durch nichts fassbar. Keine ‚Halbwahrheit‘, also nicht etwas, das in bestimmten Kontexten ausreichend gut funktioniert, im ‚Kleinen und Halben‘, oder im ‚Ungefähren‘ – im ‚Großen und Ganzen‘.

Nein, das alles ist nicht das, was ‚Wahrheit‘ ist.

Wahrheit ist die Zurückweisung alles Unwahren, Halbwahren.

Man kann sie nicht sagen, nicht aussagen, nicht festhalten, nicht definieren. Nicht suchen, nicht finden. Aber man kann sie ’sein‘, indem man sich ihr hingiebt, sich ihr ergibt. Sie ist das Leben selber. Die Liebe zum Leben, bis in den Tod hinein.

„Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.“

Sie ist das, was uns das, was wir dann zutreffend als Halbwahrheiten, Lügen und Irrtümer bezeichnen,  als solche benennen und erkennen lässt: die Aktualität der Einsicht.

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