Das pädagogische Paradoxon

Immanuel Kant hat in seinem 1803 veröffentlichte Schriftstück ‚Über Pädagogik’ als einer der Ersten das Paradox der Pädagogik benannt: Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies ist alles bloßer Mechanism, und der der Erziehung Entlassene weiß, sich seiner Freiheit nicht zu bedienen. Er muß früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen, um die Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten, zu entbehren und zu erwerben, um unabhängig zu sein, kennenzulernen.“

Das „Pädagogische Paradoxon“ besagt somit, dass subjektives Lernen (‚Autonomie’)  nicht gelehrt, sondern nur spontan auf Seite des Lernenden passieren  kann: Ein ‚Schüler‘ kann nur selbst – aus der Position des Subjekts – bewusst lernen, nie aus der Position des Objekts eines Anderen; der Lehrer (als Subjekt) kann und muss auf den Schüler zwar bewusst pädagogisch einwirken,  kann das nur gegenüber dem Schüler als ‚Objekt‘ – als Zielobjekt pädagogischer Interventionen – tun (d.h. er kann ihn als Objekt ‚konditionieren‘). Was der Schüler aus diesen ‚Einwirkungen‘ aber letztlich macht, ob er sich – und auf welche Weise – konditionieren  lässt und wie er zugleich ein ‚autonomes Subjekt’ wird bzw. bleibt, darauf hat der Lehrer keinen direkten Einfluss[2].

Eine Wechselwirkung von Subjekt zu Subjekt ist aber immer gegeben, diese ist nämlich das aufeinander ‚Bezogensein‘ der Subjekte, ihre ‚Beziehung’. Lehrer und Schüler stehen miteinander immer in Beziehung. ‚Man kann nicht nicht kommunizieren‘ (Watzlawick).

Das Wesen menschlicher Beziehung besteht aber in kooperativem Zusammensein unter je gegebenen sozialen und naturgegebenen Bedingungen, im gemeinsamen Tätig sein in konkreten Lebenssituationen. Phylogenetisch, wie auch ontogenetisch geht (meist unbewusst!) Interaktion, Kooperation und Kommunikation den bewussten individuellen Tätigkeiten voraus.

Zuerst wird miteinander, gemeinsam gehandelt,  gemeinsam gefühlt und gedacht, bevor die Form der Kooperation dann nach innen verlegt, interiorisiert und internalisiert wird; erst dann wird diese als individuelle, selbstbezügliche Tätigkeit (als Kooperation mit sich selbst – Selbsttätigkeit) vom Einzelnen als solche erlebt.

Das Wesen bewusst gestalteter gemeinsamer Tätigkeit besteht darin, dass Subjekte auf dem Hintergrund einer hinreichend großen Schnittmenge gemeinsam bewusster und geteilter Bedürfnisse, Ziele, Gegenstände und Mittel ein Gesamtsubjekt bilden. In gemeinsamer Tätigkeit (Kooperation) wird in interaktiv und kommunikativ vermittelter Tätigkeit das jeweils andere Subjekts beeinflusst und damit die Subjekte zum Lernen, d.h.  zur Selbstveränderung veranlasst. Das gilt auch für die Weitergabe beruflichen Wissens in systematischer Berufsausbildung.

Berufliches Erfahrungswissen kann daher sinnvoll nur im Rahmen von ‚Communities of Practice’ (CoP) weitergeben werden kann, ein Ausdruck der bekanntlich von Jean Lave (Lave 1991) and Etienne Wenger (Wenger 1998) [1] in den 90er-Jahren des letztenJahrhunderts geprägt worden ist. Beide Forscher verstehen darunter bekanntlich das Faktum, dass professionelles Expertenwissen sinnvoll nur durch angeleitete Teilhabe der Auszubildenden an der Praxis der Profis sowie durch das Teilen von Informationen und Erfahrungen innerhalb der Gruppe der Auszubildenden (‚Peer group‘).Bestimmende Merkmale einer CoP sind nach Wenger (Wenger 1998):

  1. Mutual Engagement: Bilden von gegenseitigem Commitment, das Errichten tragender und auf Gegenseitigkeit beruhenden Arbeitsbeziehungen. Die Fachtrainer haben die Einstellung gegenüber den Trainees: Wir brauchen Euch als kompetente künftigen Kollegen, daher tun wir alles um Euch effektiv und effizient an unserer Expertise teilzuhaben. Vom Trainee wird erwartet, dass er/sie die bewährten Normen der Profigemeinschaft engagiert zu teilen bereit ist (‚Collaborative Relationship’)
  1. Joint Enterprise: Durch das Hineinwachsen in das Selbstverständnis der Profigemeinschaft entwickeln Trainees den notwendigen ‘Korpsgeist’, der altmodische Ausdruck für das, was man heute funktional als professionelle berufliche Identität einer Berufsgruppe bezeichnet (‚funktionales Rollenverständnis’). Der einzelne Trainee wird so immer mehr Teil des ‚Wir-Gefühls’, klinkt sich immer stärker in die Gruppendynamik der Berufsgruppe ein, vermittels welcher die berufliche Identität der Profis ihren lebendigen Ausdruck findet.
  1. Shared Repertoire: Jede Berufsgemeinschaft bildet auch eine gemeinsame Fachsprache heraus, hat so etwas wie gemeinsame Geschichten und Rituale. Erst wenn ein Schüler / Auszublindender – neben passender Einstellung und gelingender Beziehungsgestaltung im Rahmen der Gruppendynamik der Profigemeinschaft – mit den wesentlichen sowohl wörtlichen als sprichwörtlichen (=symbolischen) Eigenheiten der Berufsgruppe vertraut ist und diese ‚Spiele kompetent mitspielen kann’ gilt er als vollwertiges Mitglied der Berufsgruppe. ‚Shared Repertoire’ könnte man auch als ‚Berufsgruppenkultur’ bezeichnen.

Verallgemeinert kann man daher sagen:

  1. Wissen ist immer sozial vordefiniert und grundgelegt, und damit traditionsabhängig
  2. Wissen gründet daher immer auf kritischer Anerkennung überkommener Autoritäten
  3. Wissen ist grundsätzlich zirkulär – d.h. immer von ersten Annahmen her vordefiniert (erste Annahmen begründen eine ‚Metaphysik‘)
  4. Wissen ist nur teilweise bewusst, d.h. als Teilhabende einer Kultur ‚wissen wir immer mehr als wir sagen können‘.
  5. Wissen kommt wesentlich durch Einsicht zustande

Dieses Sichtweise von Lernen und Wissen gestattet die Realisierung der grundsätzlich gegebenen Einheit von Lehren und Lernen, von pädagogischer Führung und Selbstführung, und damit die Auflösung des ‚pädagogischen Paradoxons‘. — In einer Zeit eines extremen Individualismus, wie es die heutige ist, ist dieser Lösungsweg aber weitestgehend ideologisch verbaut.

Von einer weiteren Seite her (nämlich der Seite der Ästhetischen Erziehung) formuliert Petra Moser das Pädaogische Paradoxon und seine mögliche Auflösung folgendermaßen[2]:

„Ist Lernen – aufgefasst als tätige Aneignung und nicht als Anwendung von Regeln und Rezepten – wirklich lehrbar? Kann man als Objekt pädagogischer Einwirkung lernen, zum Subjekt seines eigenen Lebens und seiner eigenen Lerngeschichte zu werden? Wie soll ein Objekt der Lehre jemals mündig werden? Mittel und Zweck sind im Sinne des pädagogischen Paradoxes ebenso im eklatanten Widerspruch wie Fremd- und Selbstbestimmung. Lässt sich dieser Widerspruch überhaupt auflösen? Es wäre zuviel des Spekulativen, das entschlossen zu bejahen. Was jedoch möglich erscheint, ist die Nennung einiger Voraussetzungen, unter denen die paradoxe Situation, in der jede bewusste pädagogische Arbeit steht, handhabbarer wird:

  • Pädagogische Arbeit sollte weder im Schatten der normgebenden Vergangenheit noch in dem einer vermuteten Zukunft beginnen, sondern in der Helle der jeweils gegebenen Gegenwart; ihre erste Sorge sollte dem Gelingen einer präzisen und nicht auf einen Zweck ausgerichteten und dadurch verzerrten Wahrnehmung gelten.
  • Ohne eine emotionale Grundierung des pädagogischen Verhältnisses tendieren alle Anstrengungen zur blossen Instruktion. Eine nüchterne, kritische wie selbstkritische Sympathie wäre ein Affekt, der aus einer unvoreingenommenen Wahrnehmung folgen sollte.
  • Präzise Wahrnehmung und nüchterne Sympathie könnten – produktiv aufeinander bezogen – egalitäre Verhältnisse im pädagogischen Alltag begünstigen. Egalitäre Verhältnisse bei der Wahrnehmung von Artikulationsmöglichkeiten und Interessen sind eine gute Voraussetzung für lang anhaltende Motivation bei Lernenden und Lehrenden – sie stehen nicht im Widerspruch zu funktionaler Autorität.

Die zentrale Rolle, die in diesen Postulaten der Wahrnehmung zukommt, kann sich auf den Wortsinn des Begriffs der ästhetischen Erziehung berufen. Ästhetik wurde bis etwa zum Ende des 18. Jahrhunderts als Theorie der Wahrnehmung verstanden und nicht primär als eine Theorie der Kunst; der Begriff geht auf das griechische Wort «aisthesis» zurück und meint sinnliche Wahrnehmung. Diese Wortbedeutung sollte heute mitgedacht werden, wenn von ästhetischer Erziehung die Rede ist. Denn die Kunst ist es, vor der und mit der eine gesteigerte und unroutinierte Wahrnehmung möglich werden kann und soll.

Mir erscheint es vorteilhaft, als Reflexionsgegenstände nicht nur Schule und Leben in Betracht zu ziehen, sondern auch und vor allem Objekte der Kunst. Die Wahl der Gegenstände ist gerade durch die zentrale Stellung des Erfahrungsbegriffs begründbar. «Gewöhnliche Erfahrung ist oftmals mit Apathie, Mattigkeit und Stereotypie infiziert. Weder bekommen wir die volle Wirkung von sinnlicher Qualität durch die Sinne mit noch auch die Bedeutung von Dingen durch Nachdenken» (Dewey, S. 305).

Im Sinne solcher Erwartung und gegen die «Apathie des Alltags» können Kunstwerke zum Anlass des geschärften Interesses werden, erst recht dann, wenn in ihnen eine Haltung anschaulich wird, die im Kontext der Werke der richtungslosen Konvention widerspricht. Das Medium der Kunst und Literatur als Ort gesteigerter Erfahrung steht somit in scharfem Kontrast zur müden Routineexistenz.

«Die Gegner der Ästhetik sind weder die Praktiker noch die Intellektuellen. Es sind die Langweiler; die Schlaffheit loser Enden; die Unterwerfung unter die Konvention auf praktischem und auf geistigem Gebiet. Strenge Abstinenz, erzwungene Unterwerfung und Härte einerseits und Haltlosigkeit, Inkonsequenz und richtungslose Nachgiebigkeit andererseits führen in gegensätzlichen Richtungen von der Einheit der Erfahrung weg» (Dewey, S. 53).

In der Kunst jedoch scheint sie weiterhin vorstellbar. Auch wenn die «Einheit der Erfahrung» kein naiv postulierbares Ziel mehr sein kann, kann Deweys Kunsttheorie zum Instrument einer Reflexion werden, die zur Antizipation fähig ist: «Kunst ist eine Art der Voraussage, wie sie nicht in Tabellen und Statistiken anzutreffen ist, und sie gibt die Möglichkeiten, menschliche Beziehungen zu verstehen, die nicht in Regel und Vorschrift, Ermahnung und Verwaltung anzutreffen sind»  (Dewey, S. 402). Das korrespondiert dem Diktum Kafkas von der Kunst als «Spiegel, der ‚vorausgeht’ wie eine Uhr», in dem die «Verunstaltungen» notiert sind, «die noch nicht in unser Bewusstsein eingedrungen sind.» Käme man ihnen auf die Spur, wäre viel gewonnen.“

Dazu die Lehrerin Maike Plath:

Untergang – und Wiederaufstehen
Leider stellt sich heraus, dass sowohl der Pessimismus von Frau Rische als auch der von Herrn Schulz irgendwie begründet ist. Ich habe zu früh gegrinst. Und wer zu früh grinst, den bestraft das Leben. Obwohl ich drei Wochen lang in jeder Pause über den Schulhof laufe und allen von der großartigen Theater AG berichte, die ab sofort jeden Mittwoch Nachmittag um 14.30 beginnt, kommt genau niemand, keiner, null. Drei Mal hintereinander stehe ich am Mittwoch Nachmittag in der leeren Aula und warte, schaue aus dem Fenster, gehe auf und ab, schaue wieder aus dem Fenster, sehe nach, ob vielleicht jemand draußen vor der Tür wartet, nein, Fehlanzeige, alles still und tot im Gebäude, also weiter sinnlos in der Aula auf und ab gehen und – warten. Drei Mal hintereinander packe ich gegen 16 Uhr meine Sachen und fahre niedergeschlagen nach Hause. Auf den Info-Plakaten zur Theater AG, die ich vor dem Lehrerzimmer und dem Sekretariat in Schönschrift aufgehängt habe, hat jemand in großen Buchstaben drüber geschmiert: Theater ist schwul.
Das ist auch in etwa die Reaktion auf dem Schulhof, wenn ich von der Theater AG erzähle. Die Jungs prusten los: Denkst du, ich bin schwul, oder was? Mach doch Boxen! Dann komm isch vielleicht. Die Mädchen hören meistens etwas höflicher und teilweise sogar interessiert zu, aber alle haben irgendwas anderes vor: Ich muss zu Hause helfen. Ich darf nicht. Theater ist nix für mich. Ich bin schüchtern. Ich kann nicht schauspielern. Ich muss arbeiten. Meine Mutter erlaubt nicht. Ich muss auf meine kleinen Geschwister aufpassen. Usw. Usw.
Langer Rede kurzer Sinn: Es kommt einfach mal keiner. Scheiße.
Und meine Idee, dass die 8b sich freuen würde, wenn wir den Unterricht in die Aula verlegen, erweist sich ebenfalls – wie Herr Schulz prophezeit hatte – als Schnapsidee.
Weil niemand zur Theater AG kommt und ich das Gefühl habe, dass meine anfängliche Begeisterung und Freude allmählich leer läuft, denke ich: Dann geh doch wenigstens mit der 8b in die Aula und fang mit denen an. Vielleicht kannst du sie begeistern und dann kommen auch welche zur Theater AG, wer weiß. Toller Plan. Die Realität sieht anders aus.
Die Klasse steht rempelnd und grölend in einem chaotischen, leider mega-lautem Pulk vor der Aulatür. Es ist so laut, dass ich mich beeile, ihnen aufzuschließen, damit der Lärm nicht weiter durchs ganze Schulgebäude hallt. Aber kaum ist die Aulatür offen, wird es NOCH viel schlimmer: Die Klasse stürmt in den großen Raum, alle schreien, lachen, toben, werfen mit Stühlen, wickeln sich in die Vorhänge, schubsen sich, rennen wie die Bekloppten durch die Gegend, prügeln sich, reißen an der großen Schnur, durch die der Theatervorhang auf und zu bewegt werden kann, kippen Eistee auf dem Parkettfußboden um, reißen die Fenster auf und steigen auf die Fensterbänke, kreischen, … es ist ein Alptraum. Chris und Mahmoud haben in Windeseile den Technikschrank aufgeknackt, das Tonmischpult entdeckt und in Windeseile so ungefähr alle Knöpfe und Schalter betätigt, die das Mischpult hergibt. Nach einer ohrenbetäubenden Übersteuerung, nach der ich kurzzeitig überzeugt bin, meine Trommelfelle seien geplatzt – ich höre noch minutenlang einen fiesen Piepton im Ohr – gibt es einen lauten Knall und die gesamte Technik ist – tot. Gleich darauf kracht jemand – eingewickelt in besagtem Theatervorhang – mit dem gesamten Stoff zu Boden, Vorhang abgerissen, vier, fünf andere Jungs springen johlend auf den entstandenen Stoffhaufen, alle schreien rum, dann fliegen plötzlich bunte Tücher und Bälle von hinter der Bühne nach vorne – irgendjemand hat offenbar zwei Kisten mit Zeugs entdeckt, vier Jungs werfen mit voller Wucht die Bälle an die Decke, während die anderen in halsbrecherischem Tempo auf den Tüchern über den Parkettfußboden rutschen. Quasi Tücher-Skating. Ich renne anfangs noch panisch von links nach rechts, brülle herum, versuche die Lage in den Griff zu bekommen – aber zwecklos. Irgendwann gebe ich auf, werde plötzlich ganz ruhig, schaue mir diesen ganzen Irrsinn an und denke: Kein Mensch wird mir glauben, was ich hier erlebe. Ich setze mich auf einen Stuhl in die Mitte der Aula, mache gar nichts mehr und richte mich innerlich auf den totalen Untergang ein. Dann geht jetzt eben alles zu Bruch. Ich kanns nicht ändern.
Die nächste halbe Stunde erscheint mir wie die schlimmste meines Lebens. Ich sitze da und sehe zu, wie die Jugendlichen die Aula zerlegen, wie dieser schöne, große Raum, in dem ich einen Neustart machen wollte, einfach mal komplett untergeht. Ich sehe, wie diesen Kindern absolut nichts etwas bedeutet, wie sie einfach nur Spaß daran haben, alles kaputt zu machen, einschließlich mich. Und ich bleibe einfach sitzen und lasse meine allerschlimmsten Gedanken zu. Und darin bin ich gut: Mich selbst vollkommen nieder zu machen:
Frau Behrens hat mir vertraut und etwas in mir gesehen, was ich ganz offensichtlich nicht bin. Sie dachte, ich hätte die Kraft und das Charisma, diesem Chaos etwas entgegen zu setzen. Aber da ist nichts. Sie hat sich getäuscht. Ich bin eine totale Versagerin. Ich dachte, ich wäre besser als diese Zombie-Lehrer hier. Aber in Wahrheit bin ich nur naiv und ignorant. Und jetzt weiß ich, warum man hier zum Zombie wird. Ich bin kein Stück besser. Ich bin einfach nur eine jämmerliche, überforderte Provinz-Lehrerin, die sich eingebildet hat, sie könnte mal eben so an einer Brennpunktschule die Heldin spielen. Wie absolut lächerlich und peinlich. Ich kann ja GAR NICHTS. Von wegen „Berufung Lehrerin“. Das konnte ich mir nur deshalb einreden, weil ich bisher einfach mal IMMER auf die Schokoladenseite geplumpst bin. Aber kaum verlasse ich mein Bullerbü-Naturschutzgebiet, bin ich völlig hilflos. Ich KANN meinen Beruf ja gar nicht. Ich kann mich ja offenbar überhaupt nicht durchsetzen. Und mögen tut mich hier auch keiner. Was soll ich jetzt machen? Was für eine Lösung fällt mir ein? Tja. NICHTS! Ich sitze hier rum, während sich die Kinder prügeln und gegenseitig fertigmachen und alles den Bach runtergeht. Wenn diese Stunde vorbei ist, und Frau Rische und Frau Behrens das gesamte Ausmaß dieser Katastrophe sehen, dann ist die Stelle hier sowieso für mich gelaufen. Aber nee ist klar: Die Plath denkt sich, sie ist besonders schlau: Verlegt den Unterricht in die Aula. Damit es den Kindern BESSER geht. Wie komme ich darauf? Was MACHE ich hier eigentlich? Was für eine Hybris, die tolle Schule von Dieter zu verlassen und nach Berlin zu gehen? Wie bin ich überhaupt darauf gekommen? Ich hätte schön da bleiben sollen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Denn scheinbar bin ich für diesen Beruf absolut ungeeignet. Ich kann nur guten Unterricht geben, wenn der pädagogische Rahmen, also die Wertekultur, schon durchgesetzt ist und ich mich einfach nur ins gemachte Bettchen legen muss. Alleine kriege ich aber offenbar gar nix hin. Ich weiß null, wie ich diese Kinder erreichen kann. Jetzt unterrichte ich hier schon seit Monaten und kriege nicht eine einzige Stunde gebacken. Und REDEN kann ich auch nicht mit denen. Die Situation im Park haben die ja offenbar nur gefaked. Die HASSEN mich. Die sehen ganz genau, dass ich eine überhebliche deutsche Scheiß-Kartoffel bin. Und recht haben sie! Ich dachte ja WIRKLICH, ich wüsste irgendwas besser. Einen Scheiß-Dreck weiß ich!
Während ich mich selbst bemitleide und meinen eigenen Untergang beschwöre, höre ich in diesem ganzen Chaos immer wieder dieses Wort: Opfer! Und ich beziehe es plötzlich auf mich selbst. Genau. ICH bin ein OPFER. Ich MACHE ja nichts. Warum MACHE ich nichts? Weder im Lehrerzimmer noch hier. Was bin ich bloß für eine blöde Heulsuse. Was für ein Opfer!!
Ey, verpiss disch mal, du Opfer! ruft gerade wieder jemand. Es ist gar nicht an mich gerichtet, aber ich denke: Ja genau. Verpiss dich mal, Frau Plath. Du Opfer. Oder MACH was! Beweg deinen Arsch! Das darf doch nicht wahr sein, dass du hier wie gelähmt rumsitzt und aufgibst! MACH endlich was!! Und ganz langsam und mit riesiger Kraftanstrengung zwinge ich mich in den Raum zurück, versuche, mich der Situation zu stellen, stoppe mit aller Gewalt meinen inneren Monolog der Selbstdemontage und versuche einen konstruktiven Gedanken zu fassen. WAS kann ich tun? Das Gute ist ja quasi, dass bereits alles, was schiefgehen konnte, schon schief gegangen IST, also könnte ich ja jetzt einfach mal IRGENDWAS versuchen. Ich sehe diesen Kindern beim Durchdrehen zu und frage mich: Wie kann ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen? Und weil in meiner Wahrnehmung sowieso schon alles zu spät ist, gebe ich mir innerlich irgendwie Narrenfreiheit – und Zeit. Mir MUSS letztendlich auch nichts einfallen, denke ich, es ist eigentlich schon egal. Neben mir auf dem Stuhl liegt der Stapel Arbeitsblätter, den ich für den „Notfall“ mitgenommen hatte. Wie genau hatte ich mir das vorgestellt, mit dem Ausfüllen – ohne Tische? Egal. Ich greife mir den Stapel, drehe die Blätter um, denke an die Situation vor ein paar Wochen im Park und schreibe mit einem Filzstift in großer Schönschrift „Libanon“ auf die Rückseite eines Arbeits-Bogens. Es ist so ein bisschen wie „Nebenbei-etwas-auf-einen-Notizblock-Kritzeln-während-man-telefoniert“. Ich versuche mir die Situation im Britzer Park wieder vor Augen zu führen und was sie da erzählt haben und schreibe gedankenverloren entsprechende Wörter auf die Din A 4 Rückseiten der Blätter, ein Wort pro Zettel: LIBANON. HOCHZEIT. KRIEG. FAMILIE. AMT/JOBCENTER. ARBEITSERLAUBNIS. SOZIALPÄDAGOGE. Ohne genau zu wissen, warum, lege ich die Blätter auf dem Boden der Aula aus. Um mich herum ohrenbetäubender Lärm. Egal. Ich konzentriere mich auf meine Wörter. HEIMAT. BEIRUT. BERLIN. LIEBLINGSORT. LIEBLINGSMENSCH. Mir fallen immer mehr Wörter ein. Ich liebe es, schön zu schreiben, das habe ich schon immer geliebt und ich versinke ein wenig in meiner kleinen, albernen Tätigkeit. LIEBLINGSESSEN. FAMILIENFEST. REISE. KINDHEITSERINNERUNG. Immer mehr Wort-Schilder liegen auf dem Boden. Und sie sehen irgendwie schön aus. Ich halte inne und erlaube mir einen kleinen Augenblick der Freude. Selina, die gerade noch auf einem bunten Tuch an mir vorbei geschliddert ist, bleibt jetzt neben mir stehen und betrachtet die Papiere auf dem Boden. Sie haben eine schöne Schrift, wallah. Sieht voll schön aus. Sie schaut mich an. Wozu sind die? Es ist noch immer so laut im Raum, dass ich fast schreien muss, damit sie mich versteht: Ich weiß nicht, vielleicht wollt ihr dazu was erzählen? Selina schaut sich erneut die Blätter auf dem Boden an, scheint zu überlegen, nickt. – Aber es ist zu laut, sagt sie. Ich glaube, es gibt ein Mikro, sage ich und mache mich auf den Weg zum Technik-Schrank. Dort liegt die Kiste mit den zwei Mikros, die ich bereits an den einsamen Theater-AG-Nachmittagen während des vergeblichen Wartens entdeckt hatte. Selina nimmt die beiden Mikros aus der schwarzen Schaumstoff-Hülle, hält sich eines an den Mund, spricht hinein. Aber es geht nicht, sagt sie.Ja, die sind noch nicht angeschlossen, erkläre ich, und das Problem ist auch, dass die Anlage jetzt wahrscheinlich kaputt ist, du hast ja den lauten Knall gehört, oder? Jetzt stehen auch Momo und Mehmet plötzlich neben uns vor der Anlage und Selina sagt: Wir dürfen in die Mikros sprechen, aber die Anlage ist kaputt. Momo und Mehmet beugen sich sofort interessiert über das Mischpult. Es dauert keine weiteren zehn Sekunden, da stehen insgesamt fünf Jungs vor dem Technikschrank und debattieren. Es werden Schalter gedrückt, Kabel gesteckt, Knöpfe gedreht. Sag mal was ins Mikro, Selina, ruft Momo. Selina windet sich kichernd, wirft den Kopf nach hinten, schüttelt den Kopf. Doch, mach ma jetzt! beharrt Momo. Was soll ich denn sagen? Momo rollt die Augen. Sag doch einfach Test, Test. Eins zwei drei. Selina macht mehrere Anläufe, die in wildem Gekicher enden. Als Momo ihr genervt das Mikro aus der Hand reißen will, hält sie es hinter ihren Rücken, hört auf zu lachen. Ok, ok. Ich mach jetzt ordentlich, verspricht sie. Momo seufzt und wendet sich wieder dem Mischpult zu. Dort wird weiter heftig debattiert und gebastelt. Selina spricht ins Mikro. Test. Test. Nichts. Die Jungs sind jetzt offenbar angefixt, das Mikro, und damit die gesamte Anlage zum Laufen zu bringen. Sind da Batterien drinne? fragt Mehmet und nimmt Selina das Mikro aus der Hand. Check, sagt Mehmet mit fachmännischem Tonfall. Müsste eigentlich laufen. Sag noch mal was, Selina. Selina lächelt, wirft sich jetzt in Pose und sagt mit schnurrender Stimme: Hallo hallo hallo? Ist da jemand. I love you…! Und da – kommt der Ton. Ihre Stimme hallt durch die ganze Aula. Selina lässt fast das Mikro fallen. Iiiiiih, wie hässlisch klingt das, ABBO!!Ali greift jetzt das Mikro: Oh man, wallah! Jetzt übertreib ma nich! Er wiederholt Hallo hallo hallo! Er grinst. Ey funktioniert, Alter, mach ma Beat! Inzwischen sind fast alle im Umkreis des Technikschranks gelandet. Ali macht wild ausladende rhythmische Armbewegungen und legt spontan einen kleinen Rap hin. Es klingt ziemlich professionell. Taher springt ihn von der Seite an, reißt ihm das Mikro weg, rappt weiter. Ey schüüüüsch! sagt Ali, scheint sich aber bestens zu unterhalten. Alle klatschen. Ich nutze den Moment, greife mir das andere Mikro, fahre die entsprechende Spur hoch und bete, dass es funktioniert. Das tut es. Ok, dann können wir jetzt starten, sage ich, so als hätte es schon immer diesen Plan gegeben. Ihr seht ja die Wörter da auf dem Boden. Ihr geht gleich alle zur Musik durch den Raum. Wer etwas Persönliches zu einem Wort erzählen oder rappen möchte, klatscht laut in die Hände und ruft STOPP. Dann frieren alle in der Bewegung ein und die Person erzählt ihre Sache ins Mikro – oder rappt. Wenn ihr mit eurem Text fertig seid, legt das Mikro wieder zurück auf den Stuhl und geht weiter durch den Raum. Das Spiel heißt „Open Mike“. Verstanden? Alles klar. Geht los.
Ich merke, dass ich vor Aufregung ganz heiße Ohren habe, hier scheint endlich was zu klappen! Ich lege eine CD ein, meinen Forrest-Gump-Soundtrack, wähle den Track „Forrest Gump Suite“, was anderes habe ich gerade nicht, schiebe die Musikspur hoch und gebeTaher, der noch das Mikro in der Hand hält ein Zeichen. Er zieht fragend die Augenbrauen hoch, kommt näher. Das Spiel heißt „Open Mike“, wiederhole ich und deswegen muss das Mikro an einer Station sein, also an einem Platz, wo man hingehen und es sich nehmen kann. Open Mike eben! Klar? Ich zeige auf den Stuhl. Kannst du das Mikro da hinlegen? Taher nickt und legt das Mikro ab. (Ich fasse es nicht). Während die Musik durch die völlig ramponierte Aula mit dem abgerissenen Vorhang, den klebrigen Eistee-Pfützen, den umgekippten Stühlen und den wahllos verstreuten Requisiten aus längst vergangenen Zeiten wabert, verwandelt sich die gesamte Situation plötzlich in eine romantische Filmszene, als sollte alles genauso sein – und auf wirklich fast magische Weise fangen alle nach und nach an, durch den Raum zu schlurfen, nicht gerade energetisch und auch nicht wirklich leise, hin und wieder werden Nackenschläge verteilt und jemand brüllt: Ey du Hurensohn! – aber immerhin. Alle halten sich mehr oder weniger an die Regeln des Spiels, weil ihnen „Open Mike“ offenbar gefällt. Klar: Die Forrest Gump Suite wird arg kritisiert: Hast du nur so schwule Musik?Aber alle sind dabei und ständig klatscht jemand und geht ans Mikro. LIBANON! Sagt Fuad mit lauter Stimme ins Mikro. LIBANON IST MEINE HEIMAT. Er schaut mich an, dann die anderen, und fängt an, zu erzählen – von seinen letzten Sommerferien in Beirut. Anschließend legt er behutsam das Mikrofon zurück auf den Stuhl, ich schiebe die Musikspur wieder ein wenig hoch, während er zurück in den Raum geht. Sofort klatscht wieder jemand. Manche sagen nur einzelne Sätze, die wie Statements klingen:
Die Lehrer wissen nicht, wie es ist, ein Araber zu sein.
Wenn die Lehrer Ausländer wären, hätten sie mehr Erfahrung über Hartz IV Empfänger.
Oder
Türken und Araber lernen schnell die deutsche Sprache, aber die Deutschen können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht!
Können wir noch andere Wörter aufschreiben?fragt Basak. Ich reiche ihr den Papierstapel und den Edding Stift. Sie kniet sich kurz auf den Boden und schreibt sehr ordentlich in Schönschrift AUSLÄNDER auf das Blatt. Ich denke: Warum immer dieses Wort „Ausländer“?
Die Forrest-Gump-Suite hat kaum eine Chance, gehört zu werden, denn alle drei Sekunden klatscht jemand, ruft „Stopp!“ und geht ans Mikro, um etwas zu erzählen. Und in Windeseile entstehen neue Karten, die alle in Schönschrift (!) zu meinen dazu gelegt werden. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber. Die Themen irritieren mich teilweise. Warum geht s immer um „Ausländer“ im Gegensatz zu „Deutschen“? Viele erzählen, dass sie in Berlin geboren sind und bezeichnen sich trotzdem als „Ausländerkinder“. Überhaupt bekommt Basaks Karte mit dem Wort AUSLÄNDER die meiste Aufmerksamkeit. Fast alle haben offensichtlich was dazu zu sagen, WOLLEN etwas dazu sagen:
Ich hasse nicht die Deutschen, es kommt darauf an, wie sie sich verhalten!! Aber die Ausländerkinder halten immer zusammen.
Ohne Ausländer wäre Deutschland NIX.
Die Deutschen werden nicht so oft von Türken und Arabern gemocht. Und die Juden waren immer so Feinde für Türken und Arabers (Araber). Aber manche Araber und Türken können sich auch untereinander nicht verstehen.
Araber haben was gegen Juden. Die meisten Araber haben auch was gegen Türken und die Türken gegen die Araber, aber alle haben was gegen die Deutschen. Die schlagen auch die Deutschen, obwohl sie hier leben. Ich glaube, weil wir alle eine andere Religion haben. Aber wir müssen uns hier alle verstehen. Wir verstehen uns aber einfach nicht. Es gibt Streit auf den Straßen. Überall gibt es Schlägereien.
Können sich arabische und türkische Menschen gegenseitig leiden? Wie ich weiß, können sich arabische und türkische Kinder gut leiden. Aber ich habe auch sehr viele Freunde, die allgemein die Araber nicht leiden können. Und es ist auch anders herum. Fühlen sich Deutsche auf dem Schulhof gemobbt? So wie ich es weiß, eigentlich gar nicht. Nur ich hatte mal eine Auseinandersetzung mit einem Deutschen. Ich habe aber auch deutsche Freunde. Ob wir Muslime Juden leiden können? Wir können die Juden nicht leiden, weil die Juden unser muslimisches Palästina umgebracht haben.
Es geht gar nicht um Muslime oder Deutsche. Es geht darum, Opfer zu sein oder nicht Opfer zu sein.
Wenn wir hier nicht leben würden, würden die Deutschen kein Falafel, kein Schawarma, kein Döner, usw. kennen.
Im Koran steht es: Wer lügt, wird bestraft und geht in die Hölle. Lügen ist Haram. Ich z. B. lüge auch, und ich weiß, dass ich bestraft werde, aber was soll ich machen, ich muss, weil ohne Lügen wäre das Leben schwer. Wenn ich zu spät komme, muss ich meine Mutter anlügen.
Ich finde, man sollte nicht so oft lügen. Letztendlich kommt das Wahre doch ans Licht. Aber eine Notlüge ist in Ordnung. Zum Beispiel wenn wir raus wollen, wir dürfen nicht raus gehen, wir dürfen nicht mal feiern gehen, nichts. In so einem Fall ist es erlaubt, zu lügen, finde ich. Jeder Mensch hat sein gutes Recht, dahin zu gehen, wo er will. Aber wir sind muslimisch, wir dürfen das nicht. Wenn es um die Freiheit geht, in dem Fall bin ich der Meinung, man muss lügen, denn man hat keine andere Wahl.
Teilweise stockt mir der Atem. Soll ich da jetzt unterbrechen? Aber ich habe ein ganz starkes Gefühl, dass ich jetzt erstmal zuhören und zulassen muss. Außerdem bin ich mir in diesem Augenblick gar nicht so sicher, was ich jetzt Sinnvolles tun könnte. Verbote aussprechen? Ein Problemgespräch im Kreis beginnen? Mir würde ALLES um die Ohren fliegen und es wäre mit Sicherheit NICHTS erreicht. Sie würden ihre Sätze trotzdem sagen – oder DENKEN. Und was dahinter steckt, ob sie das WIRKLICH denken und vor allem, warum, das würde ich dann mit Sicherheit NIE erfahren. Außerdem hindert mich noch etwas anderes daran, einzugreifen: Es herrscht eine merkwürdige Ernsthaftigkeit im Raum und ein vorsichtiges Zutrauen, das wie eine Frage an mich im Raum hängt. Können wir dir vertrauen? scheinen sie indirekt zu fragen. Sie WISSEN ganz genau, dass ich ihre Sätze höre. Und scheinbar wollen sie, dass ich sie höre. Gleichzeitig sind sie dabei aber vollkommen kooperativ. Es liegt überhaupt keine Provokationsabsicht im Raum, obwohl manche Sätze genau danach klingen. In ihren Gesichtern ist aber etwas anderes. Da ist ein großer Ernst und auch Aufregung. Ein unausgesprochenes: Können wir dir vertrauen? Und innerlich antworte ich JA. Ich merke, dass ich herausfinden will, wer diese Kinder sind. Nachfragen und klären kann ich später. Aber diesen Moment kann und will ich nicht unterbrechen. Zum ersten Mal erfahre ich etwas. Und tatsächlich will ich auch vertrauen. Mir fällt ein, dass man ja auch von Vertrauen SCHENKEN spricht. Genau. Wir müssen es uns gegenseitig SCHENKEN. Absichern ist nicht.
Diese erstaunliche Doppelstunde in der Aula nimmt dann auch ein ebenso erstaunliches Ende. Ich muss das „Open Mike“-Spiel gegen große Widerstände abbrechen. Immer schreit noch jemand: Nur noch eins, Frau Plath! Eins noch! und grabscht sich das Mikro. Ok, aber JETZT müssen wir wirklich Schluss machen, es klingelt gleich…
EINS noch! Ich will nur noch EINE Sache sagen…!
Eins noch, Frau Plath!
Irgendwann muss ich lachen und rufe laut dazwischen: Ihr habt gleich PAUSE!Jetzt ist Schluss! und schalte die Anlage und damit das Mikro aus.
Aber können wir das wieder machen mit „Open Mike?“ fragen mehrere gleichzeitig, während andere schon zur Tür rennen. Ich rufe STOPP und bin verwundert, dass sich der Trupp an der Tür tatsächlich umdreht. Taher ist dabei. Sonst lässt er sich von einem Stopp ja eher nicht beirren. Erwartungsvoll schauen mich nun alle an. Kurze Stille. Als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. Ich hole Luft und sage:
Ganz ehrlich: Guckt euch kurz die Aula an. So können wir die nicht lassen. Und das geht auch gar nicht, dass ihr mich das alleine aufräumen lasst.
Stille. Keiner bewegt sich. Dann. Setzt sich der Jungs-Trupp an der Tür in Bewegung Richtung Bühne. Der Vorhang. Bzw. der Stoffberg. Die Jungs steuern darauf zu. Und da sehe ich es. Ich starre auf die Bühne: Die Bühne sieht jetzt viel BESSER aus. Ohne den Vorhang. Der Vorhang erinnert mich an meine Abitur-Abschlussfeier. Vor so einem Vorhang gabs den Handschlag und das Abschlusszeugnis. Dieser Vorhang atmet hundert Jahre Förmlichkeit und steife Zeugnis-Ausgabe. Ohne den Vorhang ist das jetzt eine Theaterbühne. Man könnte sie schwarz streichen. Sie wäre schön. Ich sehe es schon vor mir.
Wartet mal. Sage ich. Den Vorhang müsst ihr nicht wieder aufhängen. Der ist doch eigentlich – hässlich. Die Bühne sieht viel besser aus ohne den Vorhang.
Die Jungs schauen überrascht. Ich nutze den Moment:
Den Vorhang könnt ihr liegen lassen. Da kümmere ich mich drum. Aber die Stühle… und das Zeug auf dem Boden… Und den Eistee müssen wir weg wischen, das klebt. Mahmout, Chris, Taher: Könnt ihr mal die Stühle wieder ordentlich hinstellen und Fatima: Holst du mal Klopapier für die Pfützen? Und Fuad, Momo, Ali: Könntet ihr mal diese ganzen Tücher und Requisiten aufsammeln und wieder in die Kisten zurück packen? Und Kevin: Kannst du mal den Besen da nehmen und fegen? … Und Basak und Selina: Könnt ihr die Wort-Schilder einsammeln…?
Und das Erstaunliche ist jetzt: Sie machen es wirklich. Sie räumen auf. Ich stelle mit den Jungs die Stühle in einen ordentlichen Stuhlkreis und das Ganze dauert nicht mehr als drei Minuten. Innerhalb kürzester Zeit sieht der Raum einigermaßen passabel aus. Der Müll quillt zwar jetzt über mit klebrigem Klopapier, leeren Eistee-Tetra-Packs und Yum Yum Nudeltüten, aber ansonsten könnte man meinen, hier hätte gar nichts statt gefunden. Nur ein Vorhang wurde entfernt, weil er das Gesamtbild störte.
Und während sich die Klasse auf den Weg in die Pause macht, packe ich mein Zeug zusammen, schließe den Musikschrank ab und nehme den Stapel mit den Wörter-Schildern vom Stuhl. Es ist keine einzige Arbeitsbogen-Rückseite leer geblieben. Auf jedem Papier steht hinten ein Wort. Ich blättere sie kurz durch und bleibe hängen: Auf eines hat jemand das Wort LIEBE geschrieben und daneben ein etwas wackeliges Herz gemalt. Zu diesem Wort hat heute keiner was gesagt, denke ich. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

ΩΩΩ

John Dewey (1859-1952), amerikanischer Philosoph und Pädagoge war Professor an der Universität Chicago. Er gründete eine Schule, inder er seine Erziehungsansätze praktisch umsetzte. Er gilt als der einflussreichste amerikanische Pädagoge des 20. Jahrhunderts. Ihm wird der Slogan «learning by doing» zugeschrieben. Zitate aus: JohnDewey: Kunst als Erfahrung. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995.

Petra Moser (petra.moser@phzh.ch) ist Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Maike Plath, Autorin, Theaterpädagogin und Lehrerin
Während ihrer 9-jährigen Tätigkeit als Lehrerin realisiert Plath zahlreiche biografische Theater-Eigenproduktionen und entwickelt aus der Praxis mit den Jugendlichen ein partizipatives künstlerisches Konzept, das heute in insgesamt 9 Publikationen vorliegt und über ACT e.V. bundesweit an Theaterpädagogen*innen, Lehrkräfte und Kulturschaffende weitergegeben wird. Plath arbeitet als künstlerische Leiterin des Theater-Jugendclubs am Heimathafen Neukölln und leitet gemeinsam mit zwei Kolleginnen den Verein ACT e.V. Berlin.

[1] Wenger, Etienne (1998). Communities of Practice: Learning, Meaning, and Identity. Cambridge: Cambridge University Press.

Lave, J. (1991). Situated learning: legitimate peripheral participation. New York:Cambridge University Press

[2] Der  nachstehende Text ist die Kurzfassung eines Artikels mit dem Titel «Wünschbare pädagogische Verhältnisse und Bildungsgüter»; dieser ist in der Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule ph akzente 3 2008 erschienenen.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Das pädagogische Paradoxon

  1. jupidu schreibt:

    Lustig, dass du auch Wenger zitierst. In meinem Blog Zmldidaktik.wordpress.com habe ich oft über seine Ideen geschrieben 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s