Unmittelbare Wahrnehmung

Ist jede Erfahrung subjektiv, d.h. letztlich ‚privat‘, unteilbar? Kann ‚meinen Hunger‘, ‚meinen Schmerz‘ auch ein anderer erfahren, fühlen?

Eine scheinbar absurde Frage – denn wir alle glauben die Antwort zu wissen: Ja, damit sind wir letztlich vollkommen alleine, und das scheint uns so sicher zu sein, wie die Tatsache, dass jedeR seinen / ihren eigenen Tod sterben muss.

Warum dann also die Frage?

Wenn das so wäre, dann wäre nämlich Empathie / Mitgefühl eine äußerst unsichere Angelegenheit. Selbst LIEBE wärre dann letztlich auch etwas sehr Egozentrisches (siehe ‚fishlove‘),

Was kommt früher – das Verbundensein der Vereinzelten oder die Vereinzelung, die Privatheit des Welterlebens? Dass die Welt immer nur ‚meine Welt‘ ist, dass muss doch was besagen, meinte Wittgenstein. Ja, aber was?

Wenn man die Frage so formuliert, dann wird schlagartig klar, dass es eine falsche Frage ist. Denn von Vereinzelung kann man nur vor dem Hintergrund des Verbundenseins reden, und umgekehrt. Es muss also etwas geben, das kategorial beides beinhaltet und übersteigt. Etwas? Die Sprache spielt uns hier einen Streich. Wir können dieses etwas, welches Sprache (spezifische Erfahrung) überhaupt erst möglich macht, nicht selber wiederum sprachlich ausdrücken. Man kann in der Sprache nicht über die Sprache hinaus gehen, meinte Ludwig Wittgenstein.

Ist es also das, was mit dem Ausdruck ‚unmittelbare Wahrnehmung‘ gemeint ist? Vermutlich ja. Aber bleiben wir noch ein bisschen dran.

Wenn man ‚ich‘ sagt, wen meint man damit? „Ich fühle hier einen stechenden Schmerz“, sagt einer dem Physiotherapeuten. Und zeigt dabei auf seine rechte Schulter. Klar, wer da ‚ich‘ sagt, oder? Es ist der Steuermann und Wächter des Körpers, dessen Denk- und Fühlzentrum. Also das, was wir den ‚inneren Beobachter‘ nennen, quasi der verbale In- und Outputgeber des ’neuronale Rechenzentrums‘, der Pilot des Körpers. Mit ihm innerlichst verbunden, und dennoch als ‚innerer Beobachter‘ davon völlig abgetrennt. Verbunden und vereinzelt. Ahhhh! Das hatten wir doch gerade, oder?

Dieses ICH muss kategorial also beide Aspekte – die psychophysischen Determinationen und den ‚freien Beobachter‘ – übersteingen. Es kann nicht das ‚empirische Ich‘ sein, welches sich beschreiben, sprachlich benennen lässt. Aber auch nicht das philosophische ‚metaphysische Ich‘ der ‚reinen Vernunft‘.

Es kann nur metaphorisch benannt werden, in Bildern. Es ist wie mit dem Gleichnis von Finger und Mond. Da zeigt einer mit seinem Finger auf den Mond am Himmel, weil er diesen einem anderen zeigen will. Der andere schaut aber auf den Zeigefinger statt auf den Mond. Der Mond scheint für jeden gleich. Blicken beide dann schweigend auf den Mond, dann nehmen sie diesen ‚unmittelbar wahr‘ (ohne störenden Zeigefinger; der war nur anfänglich wichtig, als Hinweisgeber, ‚pointer‘).

Ok, genug gesagt.

Der Rest ist Schweigen.

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