Verwicklungen…..

Da  kommt eine junge Lehrerin mit dem Ziel in die Beratung, „endlich aus diesen lästigen Verwicklungen herauszukommen“ (O – Ton). ‚Verwicklungen‘, die ihr in ihrem Arbeitsalltag als Stützlehrerin in der Elementar- und der Mittelstufe regelmäßig widerfahren.

Hinter ihrem Rücken würden die LehrerkollegInnen schlecht über sie reden. Sie würden sich darüber beklagen, dass ’nix weiterginge / nix weitergegangen sei‘. Diese KollegInnen würden von ihr Wunder erwarten, welche sie natürlich nicht liefern könne.

Die KollegInnen hätten unrealistische Erwartungen, sagt sie. Chronifiziertes Schülerverhalten, welches im normalen Schulalltag von vielen als ’störend‘ und ‚abweichend‘ erlebt wird, sollte sie im Zeitraum von 6 Wochen reparieren. Ein unmöglicher Arbeitsauftrag, in welche sie sich regelmäßig verstrickt sieht.  Verschärfend käme in der Mittelstufe, wo ihr das häufig passiere, dazu, dass die Klassenlehrer ‚keine Zeit‘ für gemeinsame Gespräche hätten und sie damit verstärkt in die Identifikation mit den ‚Ausgegrenzten‘  käme.

Das wären sie also, jene ‚Verwicklungen‘, die ihr wiederkehrend passieren.

Die junge Lehrerin machte auf mich als Berater einen sehr engagierten und empathischen Eindruck – allerding ‚einseitig‘ empathisch, wunderbar einfühlsam für Kinder in Not. Für die ‚rigiden LehrerkollegInnen‘ (‚Lehrer in Not‘) schien sie wenig bis kaum Empathie übrig zu haben.

„Wie komm ich da raus?“, fragte sie.

Wollen sie da überhaupt raus, war meine Gegenfrage. „Warum fragen Sie?“, fragte sie zurück. „Weil sie bei mir nicht den Eindruck erwecken, als wollten Sie da wirklich raus.“ Und sie gab mir sofort recht: „Ja, ich überlege oft, ob ich das alles überhaupt will. Ich bin auch ausgebildete Sozialarbeiterin, und habe vor dem Lehrerjob, den ich jetzt seit 2 Jahren mache, vorher in der Jugendwohlfahrt gearbeitet. Vielleicht sollte ich dorthin wieder zurück?“

Ah, sie haben da eine echte Altenative! Raus aus der Schule, oder raus aus den unmöglichen Aufträgen in der Schule, oder beides, oder noch was ganz anderes? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, dass es so nicht passt.

Und dann sagte ich zu ihr: „Sie sind so schnell!“. Wäre ich auch so schnell auf ihr vordergründiges Anliegen eingegangen, dann hätten wir uns beide jetzt ziemlich verirrt. Jetzt hat sich die Fragestellung verschoben, es ist ihnen in der Schule fast immer sofort klar, dass sie unmöglich Aufträge erhalten, und sie nehmen diese trotzdem sofort an. Warum so schnell ja gesagt?“

Weniger und langsamer ist in der Pädagogik meist mehr und schneller, oder? „Warum handeln sie sich ihre Arbeitsaufträge nicht mit den betreffenden Klassenlehrern aus?“ „Mir fehlt der Mut dazu.“

„Was ist mit ihrem Mut, mit ihrem Selbstvertrauen passiert? Wann und wie haben Sie sich die Schneid abkaufen lassen? Sie wirken auf mich ja ganz und gar nicht schüchtern.“

Dann erzählt sie davon, dass sie von einer Direktorin vor einem Jahr ‚wild zusammengeschissen‘ worden war, weil sie sich eines selbstverletznden Kindes in einer Klasse ohne expliziten Arbeitsauftrag angenommen hätte. „Ah, Selbstbeauftragung!“ sage ich. KARDINALFEHLER!

Verständlich aus Jugendwohlfahrtsicht, nicht aber aus Lehrersicht. Ein sich selbst schwerverletzendes Kind, Kindeswohlgefährung, und alle Lehrer schauen einfach systematisch weg. „Da haben sie beide Rollen aber ordentlich verwechselt.“ – „Ja“, sagt sie.

Warum sie so leidenschaftlich auf Seite der Verfolgten und Entrechteten stünde, frage ich sie dann. Und warum sie so wenig Verständnis für ‚autoritären Lehrer‘ hätte, wo sie als Stützlehrerin doch als ‚Brückenbauerin‘ zu funktionieren hätte, und nicht rein als ‚Anwältin des Kindes‘. Es ginge doch um Integration, oder?

Ja, darum ginge es, sagte sie. Aber das würde ihr eher in der Primärstufe gelingen, weil die Volksschullehrerinnen näher an den Kindern dran seien als die MittelstufenlehrerInnen.

„Warum sind Sie so ’sozial‘ orientiert? Warum sind sie beides, ausgebildete Sozialarbeiterin und Stützlehrerin?“ – Sie tun sich schwer, in eine ’normale‘ Lehrerin einzufühlen, oder?“

Ja, sagt sie, ‚ganz und gar!‘

„Na“, sag ich, „dann wissen sie jetzt also, warum sie sich in der Rolle als Stützlehrerin so oft in diese unmöglichen Aufträge verwickeln, oder?“.

„Ja. Und wie kann ich jetzt empathischer werden?“

Falsche Frage! „Was macht es Ihnen so schwer, sich in die ’normale Lehrerarbeit‘ einzufühlen? Ich erlebe Sie als sehr empathisch, allerdings einseitig. Wie ist diese Einseitigkeit zustande gekommen?“

Und dann erzählt sie – fast mit Tränen in den Augen – ihre Leidensgeschichte als Schülerin.

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagt sie, „und ich dachte, darüber sei ich längst hinweg!“

Zum Abschluss der Stunde meinte sie, dass sie da wohl werde weitermachen müssen. Und es sei ihr auch klar geworden, wie sie im nächsten Schuljahr ihre Spielräume als Stützlehrerin ausverhandeln müsse. Sie hätte jetzt Antworten auf ihre Fragen gefunden, wobei sich allerdings ganz neue Sichtweisen auf das Anfangsproblem ergeben hätten. Gut dass jetzt die Sommerferien kämen und sie Zeit hätte, das alles wirken zu lassen.

Ja. Die Nachdenkpausen sind ebenso wichtig wie die ‚Verwicklungen‘ selber. – So, und nur so, befreit man sich von all den unvermeidlichen ‚Verwicklungen‘ im Leben…..

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Siehe auch: YOU ALWAYS GET WHAT YOU WANT….

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