‚Das Böse‘

Gibt es so twas, wie ‚das Gute‘ und ‚das Böse‘?

Der Philosoph Peter Kampits schlußfolgert nach Durchsicht aller bisherigen Versuche über die Frage von Gut und Böse:

„Die Schwarz-Weiß-Malerei im Hinblick auf Gut und Böse hat uns trotz so vieler Bemühungen, so vielem Grübeln und Theoretisieren, kaum weitergebracht…… . Es wird nichts nützen, Gut und Böse durch Richtig und Falsch oder durch Gut und Schlecht zu ersetzen. Auch wenn es kein „an sich Böses“ oder „an sich Gutes“ geben mag, sondern nur gute und böse Menschen, wir müssen an Gut und Böse festhalten.“

Alles philosophsch untermauerte ‚Moralisieren‘, aber auch alles ‚Entmoralisieren‘ hat uns in der Beantwortung der Frage ‚Was ist an und für sich gut?‘ nicht weiter gebracht. Auch die  ’naturalistisch‘ relativierenende  Entmoralisierung des Menschen (durch die objektivierenden Wissenschaften vom Menschen, die Psyhoanalyse, die Psychiatrie, die moderne Hirnforschung, etc.) hat das Problem von ‚Gut und Böse‘ nicht gelöst:

„Mit der Verhaltensforschung von Konrad Lorenz und der Verniedlichung des Bösen zum „Sogenannten Bösen“ beginnt ein Feldzug gegen die menschliche Freiheit, der dann in den Thesen der Hirnforschung kulminieren wird. Nach Lorenz ist der Aggressionstrieb in unseren biologischen Strukturen eingepflanzt, das Böse also notwendig, um das Überleben des Einzelnen und der Gattung zu garantieren, auch wenn die damit verbundene Evolutionsforschung sich von einem biologischen Determinismus zu distanzieren beginnt. Wiewohl die archaischen Elemente unseres Verhaltes eine beachtliche Komponente unseres Lebens darstellen, muss das Böse mit dem kulturellen Faktor und der damit verbundenen Dynamik gesehen werden. Es ist dieser kulturelle Faktor, der uns ein Normengefüge vorgibt, das wir beachten oder gegen das wir verstoßen können.

……

Der schärfste Angriff auf die Freiheit und damit auf die in uns liegende Möglichkeit, Gutes oder Böses zu tun, erfolgt vonseiten der Hirnforschung. Freiheit wird hier unumwunden als eine Illusion bezeichnet (so der Hirnforscher Gerhard Roth), sie ist bestenfalls ein kulturelles Konstrukt. Die Angriffe auf die alte philosophische These vom freien Willen berufen sich dabei auf Experimente wie etwa jenes von Benjamin Libet, das gezeigt hat, dass bewusstes Entscheiden für oder gegen eine Handlung erst Bruchteile von Sekunden nach dem Einsetzen der neuronalen Prozesse im Gehirn erfolgt.

Auch wenn Libet selbst von einer Art „Vetofunktion“ des Ichs spricht, das bestimmte Handlungen zu unterlassen oder zu verhindern vermag, und darauf verweist, dass zwischen physischen und subjektiven Phänomenen eine unerklärbare Lücke besteht, beeindruckt das die Hardliner unter den Hirnforschern nur wenig. Wir sind determiniert, unser Gehirn spielt ein Spiel von Neuronen, bei dem das Selbst nicht mitzureden hat. Ja auch das Ich ist eine Illusion, auf die wir durch die neuronalen Prozesse hereinfallen.
Dass Menschen im Gegensatz zu Gehirnen nicht aus Ursachen handeln, sondern aus Gründen, wird von der Hirnforschung zurückgewiesen. Denn wir handeln, wie dies etwa Gerhard Roth lapidar formuliert, sehr wohl aus Ursachen, wir erklären aber dieses Handeln mit Gründen. Dass damit unser bestehendes Moralsystem, die Unterscheidung von Gut und Böse, unterlaufen wird, liegt auf der Hand. Unsere traditionellen Begriffe von Freiheit, Verantwortung, Schuld, Strafe und Sühne werden durcheinandergewirbelt, und nicht nur unsere Moralsysteme, sondern auch unsere
Rechtssysteme geraten damit ins Wanken. „Normal“ und „abweichend“ treten an die Stelle von Gut und Böse, denn „keiner kann anders, als er ist“ (Wolf Singer), was allerdings auch die Tätigkeit des Hirnforschers selbst bestimmt.

Auch vonseiten der Psychoanalyse werden die Vorstellungen von Gut und Böse relativiert. Freuds Modell von Es, Ich und Über-Ich weist dem Letzteren das Erzeugen von moralischen Normen zu, wobei diese moralischen Regelsysteme den Aggressionstrieb und das Lustprinzip hemmen und sublimieren. Das Ich, eingesperrt zwischen Außenwelt, Es und Über-Ich, versucht meist vergeblich, sich aus dieser Verklammerung zu befreien, wobei die Ethik nach Freud als therapeutischer Versuch verstanden wird, durch ein Gebot des Über-Ichs zu erreichen, was die sonstige Kulturarbeit nicht vermag. Das Böse erscheint somit als die durch das Schuldbewusstsein ermöglichte Einsicht in das verfehlte Gute. Die philosophische Rezeption Freuds hat in erster Linie auf die repressiven Strukturen des sozialen Systems verwiesen, das durch eine Kultur entsteht, die triebunterdrückend und lustfeindlich ist.“  (Peter Kampits)

Oder, heute (in unserer ‚Überflussgesellschaft‘) – nicht ‚triebunterdrückend‘ – sondern eher  sehr oft ’süchtigmachend‘, d.h. ‚repressiv entsublimierend‘.

Wir drehen uns also im Kreis, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, was ‚an  sich gut‘ sei, und ob es das ‚radikal Böse‘ tatsächlich gibt. Wenn eine Frage trotz ernsthaftester Versuche über Jahrtausende nicht befriedigend beantwortet werden kann, dann darf man zurecht vermuten, dass etwas an der Art der Fragestellung nicht stimmt.

Man könnte sagen: „Die Schwarz-Weiß-Malerei im Hinblick auf Gut und Böse samt aller Relativierungen dieser Dichotomie haben uns nicht wirklich weitergebracht. Das ist ein Ergebnis, das wir endlich zur Kenntnis nehmen müssen. Wir müssen die Fragestellung hinterfragen.“

Wie?

Nun, so ausgerichtet dürfen wir jetzt vermuten, dass der herkömmlichen Frage nach dem ‚Guten‘ und ‚Bösen‘ tiefitzende irrige Annahmen über uns als ‚Menschen in der Welt‘ zugrunde liegen; also darüber, wer wir ‚wirklich sind‘, und was ‚die Welt wirklich ist‘.

Vielleicht müssen wir vieles von dem, was uns heute als ’selbstverständlich‘ vorkommt, noch radikaler in Zweifel ziehen, als es alles bisherige philosophische Zweifeln getan hat. Dass wir also tiefer ‚graben‘ müssen als ‚tief‘, zurück zum Beginn aller begrifflichen Kategorienbildung, dorthin, wo noch nicht zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ unterschieden werden kann.

Dort, wo ‚in der Stille des Augenblicks‘ alles begriffliche Denken beginnt und endet:

„Worte sind Siegel des Geistes, Endpunkte – oder richtiger Stationen – unendlicher Erlebnisreihen, die aus fernster, unvorstellbarer Vergangenheit in die Gegenwart hineinreichen und ihrerseits Ausgangspunkte zu neuen unendlichen Reihen werden, die in eine ebenso unvorstellbar-ferne Zukunft tasten. Sie sind ‚das Hörbare, das am Unhörbaren haftet‘, das Gedachte und das Denkbare, das aus dem Undenkbaren wächst.“ (Angarika Govinda)

„Wo sich langsam aus dem Schon-Vergessen,
Einst Erfahrenes sich uns entgegenhebt,
Rein gemeistert, milde, unermessen
Und im Unantastbaren erlebt:

Dort beginnt das Wort, wie wir es meinen,
Seine Geltung übertrifft uns still –
Denn der Geist, der uns vereinsamt, will
Völlig sicher sein, uns zu vereinen.“ (Rilke)

„Denn alle Menschen sind in einem Punkt gleich, nämlich in ihrem Streben nach Selbstachtung welche das eigentliche Zentrum ihrer psychischen und körperlichen Realität ausmacht.

Erst wenn menschliche Aufmerksamkeit sich auf diese transzendente Natur des Menschen richtet, wird ihr das zugänglich, worin alle Menschen einander gleichen und worin sie miteinander verbunden sind. Erst eine solchermaßen gerichtete Aufmerksamkeit besitzt die Fähigkeit, in allen nur erdenklichen Fällen, und mit der notwendigen Klarheit, die Beschwernisse der Menschen zu erhellen.“  – Simone Weil

Erst diese meditative Aufmerksamkeitsrichtung kann unserer rastloses Tun vor sich selbst zur Ruhe kommen lassen. Eine Art Unterbrechung der rastlosen Routinen, die uns frei macht für Rundblick, Ausschau und Selbstbesinnung. „Denn rastlose Tätigkeit hängt am Speziellen und dem nahe liegenden Ziel, sie hat in ihrer Distanzlosigkeit zu sich selbst von sich keinen Begriff.“ (Peter Heintel)

Erst recht versteht unser alltägliche ‚Vollzug des Gewohnten‘ nichts vom vorbegrifflichen  ‚Ursprung all unseres Fühlen und Denkens‘, unserem raumzeitlosen ‚Ich-Kern‘. Erst im Erfassen dieser Dimension erhellt sich uns das Problem von ‚Gut‘ und ‚Böse‘.

Ansonsten nimmt alles Bemühen und alle Mühe leicht den Charakter von ‚Flucht‘, ‚Ablenkung‘ vor ‚innerer (ontologischer) Leere‘ an: „Ich fühle mich total wertlos, eine Wertlosigkeit, die ich auf alle anderen ausdehne, denke, wir wären alle nichts als Oberfläche, hübsch oder nicht hübsch, und darunter dieselbe Leere.“

Siehe auch: Seelische Gesundheit

 

 

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