Worte, Wirklichkeit und Achtsamkeit

“Worte sind ‘das Hörbare, das am Unhörbaren haftet’, das Gedachte und das Denkbare, das aus dem Undenkbaren wächst.”

„Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.“ – Franz Kafka

Sprache ‘bildet’ Wirklichkeit nicht ab, sondern ‘schafft’ Wirklichkeit. Sprache erschafft (‘konstruktivistisch’) Wirklichkeit. Sprache, in Form  begrifflichen Denkens, setzt nämlich systematisch Ungleiches (die je einmaligen Eindrücke jedes Augenblicks) untereinander gleich: Ungleiche Phänomene werden kategorial ‘als etwas Gleiches angesehen’, sprachlich bedingtes Wahrnehmen ist immer ein ‘Sehen – Als’, eine ‘relationale Interpretation’ einer ansonsten möglicherweise chaotischen Vielfalt von Sinneseindrücken. Im ‘Sehen-als’ geht es also um die Vermittlung einer Sichtweise (eines ‘Paradigmas’), um das Hinweisen auf jene diese spezifische Sichtweise begründenden ‘inneren Relationen’, welche die Vielfalt der Sinneseindrücke ordnen.

Jeder Mensch muss die Wahrheit seines Da-Seins aus dem eigenen Innern täglich immer wieder neu produzieren, sonst vergeht er in den toten und abtötenden Routinen.

“Von mir”, sagt Simone Weil, “wird nichts gefordert als Aufmerksamkeit, eine so völlige Aufmerksamkeit, dass das ‘ich’ verschwindet.’ Die erforderliche Passivität besteht im Einklammern des eigenen Wissens, der eigenen Wünsche, Erwartungen und Pläne. Diese Art von ‘Warten’ ist damit aber kein rein passives ‘Abwarten’, sondern ein offenes ‘ausspannen’ des Geistes. Vorschnelle Einordnungen und Abschließungen werden aktiv zurück gewiesen. Diese Öffnung des Geistes für das jeweils aktuell Neue ist damit eine Übung, vielleicht die schwerste überhaupt.

Treffsicherheit im Urteilen entwickelt sich als Folge dieser Art von Übung, sie entsteht aus dem Zusammenwirken aller bewussten und unbewussten Anteile unseres Könnens. Absichtslos in unser Tun versunken tut sich dann unser Tun durch uns hindurch schließlich ‘wie von selber’. Es entspringt nicht mehr unserem bewussten oder unbewusstem Wollen, sondern den tiefsten Tiefen unseres Seins.

„Das Wichtigste ist, dass wir eine neue Art Bewusstsein brauchen – was bedeutet: Jeder Mensch sollte sich vergegenwärtigen, dass sein wahres Selbst nicht nur sein bewusstes Ich ist. Nehmen wir beispielsweise den Scheinwerfer eines Autos. Sie beleuchten die Straße vor dem Auto, jedoch nicht das Kabel, das die Leuchte mit der Batterie der Beleuchtungsanlage verbindet. Man könnte also sagen, dass sich der Scheinwerfer in einem gewissen Sinne nicht dessen bewusst ist, wie er leuchtet; und genau in diesem Sinne sind wir uns über den Ursprung unseres Bewusstseins nicht im Klaren. Wir wissen nicht, wie wir wissen…… .Wir sind also im Grunde unwissend und ignorant; das heißt, wir ignorieren, und es gelangt nicht in den Bereich unserer Aufmerksamkeit oder unseres bewussten Gewahrseins, wie es uns gelingt, bewusst zu sein, oder wie wir es schaffen, unser Haar wachsen zu lassen, unsere Knochen zu formen, unser Herz zu schlagen und mit unseren Drüsen all die Sekrete zu produzieren, die wir brauchen. Wir tun dies alles, wissen aber nicht, wie wir dies anstellen. Unter dem oberflächlichen Selbst, das seine Aufmerksamkeit auf dieses und jenes richtet, gibt es noch ein anderes Selbst, das im Grunde eher ‚wir’ als ‚ich’ ist. Je bewusster Sie sich dieses unbekannten Selbst werden – falls Sie sich seiner bewusst werden -, umso klarer Ihnen seine unauflösliche Verbundenheit mit allem anderen, was ist.“ – Alan Watts, Das Tao der Philosophie. 2003 Theseus, Berlin

„Das Leben auf diesem Planeten, auch das soziale, ist geprägt von Diversität. Ungleichheiten bestimmen auch die Mechanismen unserer Wahrnehmung. Bestimmte Personen ziehen unsere Aufmerksamkeit stärker an, entweder durch die Schwere ihrer Lebensumstände oder durch zufällig entstandene Salienz. Zahlreiche menschliche Schicksale entgehen daher notwendigerweise unserer begrenzten Aufmerksamkeit. Wenn überhaupt, dann werden sie bestenfalls in Form ‚statistischer Ereignisse‘ wahrgenommen.

Solange unsere Aufmerksamkeit rein ‚innerweltlich‘ bestimmt ist, können wir diesen psychosozial determinierten Mechanismen nicht entkommen.

Es ist uns nicht möglich, gleichwertigen Respekt für alle menschlichen Angelegenheiten zu empfinden. Das gelingt erst, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas fokussieren, was allen Menschen auf gleiche Weise inhärent ist. Und dieses ‚etwas‘ ist nichts anderes, als die ‚transzendentale Verfassung‘ des menschlichen Wesens, also das, was als ihre ‚unantastbare Würde‘ bezeichnet wird.

Denn alle Menschen sind in einem Punkt gleich, nämlich in ihrem Streben nach Selbstachtung welche das eigentliche Zentrum ihrer psychischen und körperlichen Realität ausmacht.

Erst wenn menschliche Aufmerksamkeit sich auf diese transzendente Natur des Menschen richtet, wird ihr das zugänglich, worin alle Menschen einander gleichen und worin sie miteinander verbunden sind. Erst eine solchermaßen gerichtete Aufmerksamkeit besitzt die Fähigkeit, in allen nur erdenklichen Fällen, und mit der notwendigen Klarheit, die Beschwernisse der Menschen zu erhellen.

Wenn jemand diese Fähigkeit besitzt, dann ist er nicht rein materialistisch (‚weltimmanent‘) orientiert – gleichgültig, ob er das nun selbst weiß oder nicht.“

Aus: Simone Weil, Draft for a Statement of Human Obligation.

 

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