Wenn es ‚um’s Ganze geht‘……

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Foto: Erica Fischer

Aldous Huxley erinnerte uns daran, dass wir jeden Augenblick zugleich in zwei Welten leben: in der ‚materiellen‘ Welt der belebten Körper und unbelebten Dinge (wir selbst als ‚lebendes Ding‘ inmitten einer Unzahl von anderen Dingen) und der ‚geistigen‘ Welt der Symbole/Zeichen, mittels derer wir uns verständigen und uns selber und die Welt der Dinge zu verstehen versuchen.

Wie aber hängen beide ‚Welten‘ zusammen, wie funktioniert der Prozess der Symbolbildung (‚Codierung‘) und wie funktioniert der Rückweg von den Symbolen zu den Dingen (‚Decodierung‘)? Nun, die Antwort liegt auf der Hand: durch soziale Praxis, durch Teilhabe an gemeinschaftlichem Leben. Je nach Sozialstatus, Gruppenzugehörigkeit und individueller genetischer Ausstattung, je nach historischer Situation, werden sich die individuellen und kollektiven Sprachwelten synchron und diachron mehr oder weniger stark unterscheiden. Die einen werden Wissenschaftler und Techniker, andere wiederum geben den  Finanzexperten, und andere kümmern sich um die Pflege Kranker, etc.  Die Sprachen der diversen Gruppen werden sich also stark nach ihrer ‚Spezialisierung‘ unterscheiden. Wer aber hat den Überblick über das ‚Ganze des Lebens‘? In welcher Sprache drückt sich dieser ‚Gesamtblick’ aus?

Die hier erinnerte analytische Trennung zwischen Ding- und Symbolwelt ist ja bereits Teil eines solchen ‚ganzheitlichen Orientierungswissens‘, oder? Dann sehen aber wir sofort und unmittelbar ein, dass es keine symbolhaft ‚vollständige Beschreibung‘ der Welt der Dinge geben kann, keine gültige ‚ganzheitliche Beschreibung‘ des Weltganzen. Denn jede Beschreibung bezieht sich immer nur auf bestimmte Aspekte der immer aktuellen und damit immer neuen Welt der Phänomene, und jede Beschreibung kommt darüber hinaus auch immer schon ‚zu spät‘: sobald wir ‚jetzt‘ sagen ist jetzt schon vorbei. Wir sind immer nur ‚nachher’, im Vergleich von ‚früher‘ und ‚später‘ klüger; manchmal so klug, dass wir auch begrenzt gültige Vorhersagen über Geschehnisse in der Welt der Dinge treffen können.

Weil uns das in Teilgebieten gut bis sehr gut gelingt, und dazu  in gar nicht so wenigen – siehe die ganze großartige moderne Technik! – übersehen wir gerne und leicht die grundsätzliche Problematik: dass wir symbolisch das Weltganze nicht sinnvoll symbolisieren können, dass jede ‚Metaphysik‘ (welche ja genau das mit ihren ‚Allaussagen‘ tut) letztlich ein unüberprüfbares Glaubenssystem darstellt, und damit genau das ist, was man unter ‚Aberglauben‘ versteht.

Wir haben für diese ernüchternde Tatsache natürlich beschönigende Bezeichnungen gefunden. Wir reden in diesem Zusammenhang gerne von ‚Fiktionen‘, ‚Hypothesen‘, ‚Theorien‘, ‚Philosophien‘, ‚Lebenswelten‘, ‚Sichtweisen‘, ‚Lebensweisen‘, etc. Damit verschleiern wir aber nur die Tatsache unserer grundsätzlichen Ignoranz, wenn es ‚ums Ganze‘ geht. Selbst das größtmöglich denkbare interdisziplinäre Wissen der Menschheit bleibt für immer hoffnungsloses Stückwerk in Bezug aufs ‚Ganze der Wirklichkeit‘, denn jede Beschreibung ist von begrenzter Gültigkeit, und die Vernetzungen aller möglichen Beschreibungen ergeben wiederum nur Beschreibungen von begrenzter Gültigkeit. Wir träumen aber auf diese Weise von ‚Wissensfortschritt‘, von einer ständigen Annäherung an ein ‚vollständiges Wissen‘ über die Welt der Dinge. So täuschen wir uns selber andauernd über die unüberwindliche Begrenztheit der Symbolisierung der uns tragenden ‚Dingwelt‘ hinweg.

Die Folgen dieser Selbsttäuschung sind schrecklich: zunehmende babylonische Sprachverwirrung und die Zunahme unlösbarer zwischenmenschlicher Konflikte (von der progredienten Zerstörung der Biosphäre einmal ganz abgesehen).

P.S.: Solange solche Erkenntnis aber nicht ‚erfassend‘ ist, d.h. nur ein ‚weiterer Gedanke‘ im Feld des Denkens, und nicht die Erschütterung des gesamten Felds, ist sie nicht ‚viel wert‘ – sie verbleibt bloß als ein weiteres ‚kluges Argument‘ im Gebäude des menschlichen Denkens.

Siehe dazu auch: Discussion with scientists

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