Arno Gruen und ‚Liebe und Autonomie‘

Arno Gruen ist am 20. Oktober 2015 verstorben. Aus aktuellem Anlass – die Rechtswende in Österreich und Europa – sei an Gruens geistiges Vermächtnis erinnert:

„Wer sich selbst nicht liebe, könne auch den anderen, den Mitmenschen, nicht lieben; Fremdenhass sei immer auch von Selbsthass gespeist: So lassen sich wichtige Grundeinsichten des Psychologen und Psychoanalytikers Arno Gruen umschreiben – Einsichten, die nicht bloss «theoretischer» Natur sind, sondern zu einem gelebten Leben gehören.

1923 in eine Berliner jüdische Familie hineingeboren, musste der Dreizehnjährige mit seinen Eltern die Geburtsstadt verlassen und gelangte (über Polen und Dänemark) in die USA. Am Krieg gegen Nazideutschland nahm er teil, studierte anschliessend Philosophie und Geschichte, fand schliesslich aber zu seiner eigentlichen Passion, der Psychoanalyse, die ihm zu begreifen erlaubte, was geschehen war. Gruen arbeitete als Professor für Neurologie, hatte einen Lehrstuhl an der Rutgers University in New Jersey, leitete die psychologische Abteilung einer Kinderklinik in Harlem.

Im Jahr 1979 kehrte er nach Europa zurück, nach Zürich. Er machte sich als Psychotherapeut selbständig und als Autor einen Namen. Arno Gruen untersuchte in über einem Dutzend Büchern eindringlich, hartnäckig und mit Gespür für klare Diktion die «falschen Götter», die der menschlichen, allzu menschlichen «Sucht nach Erlösern» entsprungen seien; er untersuchte die Angst vor der Autonomie, die zum «Verrat am Selbst» führe, die Ursachen von Gewalt, Gleichgültigkeit und Hass und erinnerte an den «Fremden in uns», den verdrängten Teil unserer Persönlichkeit: jene innere Terra incognita, die wir auslöschen wollen, aber nicht können; die wir attackieren, indem wir Stellvertretern – dem Anderen, Fremden – ausserhalb unser selbst Gewalt antun.

Die Urszene dieser Fatalität erkannte Gruen in der frühkindlichen Unterwerfung unter die elterliche Autorität, die einen Abspaltungsprozess einleite, in dessen Verlauf eigene Persönlichkeitsanteile als fremd identifiziert und schliesslich nach aussen projiziert würden. In jenem Aussen werde dann – scheinbar – angreifbar, zerstörbar, was ich an mir selbst hasse, ohne ihm doch entkommen zu können.

Bei alledem ging es im Grunde immer um die eine Frage: warum der Firnis der Zivilisation so dünn ist, dass er offenbar jederzeit zu platzen vermag, um dem individuellen wie kollektiven Wahnsinn, der sich als realitätstüchtig maskiert, Raum zu geben. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2001, im Jahr des 11. September, fand Arno Gruen Worte von nachgerade prophetischer Deutungskraft: «Die Sprache, die von Krieg, Rache und Vergeltung spricht, mag sich geistig gesund anhören. In ihrer Ignoranz von Ohnmacht, Elend und Demütigung ist sie jedoch völlig von wahren Gefühlen und der tatsächlichen Realität getrennt.» Es gehe darum, fuhr er fort, «für die wahren Bedürfnisse des Menschen zu kämpfen, wirkliches Elend, wirkliche Armut und die Ausgrenzung und Entwürdigung von ganzen Bevölkerungsgruppen zu unterbinden. Nur so werden Terror und Gewalt Einhalt geboten. Nur so werden wir es möglich machen, ein Leben, das demokratisch und lebendig ist, aufrechtzuerhalten.» – Arno Gruen ist am 20. Oktober im Alter von 92 Jahren gestorben.“

Michael Mayer. am 

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