Mit sich selber reden…..

selbstgespräche

„So vielfältig die Formen des inneren Sprechens sind, so vielfältig sind auch seine Funktionen. Inneres Sprechen kann uns helfen, Lerninhalte zu verinnerlichen. Es kann uns motivieren, unsere Gefühle zu steuern, Vergangenes Revue passieren zu lassen oder die Phantasie zu beflügeln. Dass lautes oder leises Sprechen beim Lernen hilft, kennen die meisten Menschen aus ihrer ganz eigenen Erfahrung. Jedes Nachvollziehen verändert das Arbeitsgedächtnis und hilft Kategorien für die einzelnen Informationen zu bilden, unter denen sie wieder hervorgeholt werden können.

Sätze wie „Du schaffst das!“, „Bleib ruhig!“, „Lass dich nicht ins Bockshorn jagen!“ wirken autosuggestiv und helfen, schwierige Situationen zu meistern. Besonders auch, wenn diese Sätze nicht in der Ich-Form daherkommen. Und das hat Tradition. Der römische Staatslenker Julius Cäsar schrieb von sich in seinen Werken „Commentarii de Bello Gallico“ und „Commentarii de Bello Civili“ grundsätzlich in der dritten Person, um einen Eindruck von Objektivität, Sachlichkeit und unparteilichem Abstand zu erzeugen. Zur Zeit Napoleons war es unter Herrschern, Generälen und Intellektuellen gang und gäbe, mit sich und von sich in der dritten Person zu sprechen. Charles Dickens redete in seinen letzten Jahren laut mit seinen selbst erdachten Romanfiguren über die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Die Literaten Arthur Schnitzler, Marcel Proust und Thomas Mann erhoben in ihren Werken den inneren Dialog zu einer wahren Kunstform.“

Aus: Selbstgespräche

Innere Dialoge?

„Innerer Dialog ist eine Bezeichnung in der modernen Psychologie für die Gedanken, die im Kopf ablaufen. In einem inneren Dialog spielt der Mensch verschiedene Szenarien und Möglichkeiten durch. In einem inneren Dialog introjiziert der Mensch die angenommenen Gedanken und Einstellungen der anderen durch. Er malt die Auswirkungen verschiedener Entscheidungen aus, er malt sich verschiedene Möglichkeiten für die Zukunft aus. Er spricht mit sich selbst, um sein Verhalten zu reflektieren. Der Innere Dialog charakterisiert den Menschen im Vergleich zum Tier.“

Aus: Yoga Vidya

Ja, Tiere führen vermutlich keine inneren Dialoge, den sie leben ausschließlich im JETZT. Die meisten Menschen leben aber andauernd in der Vergangenheit und der Zukunft, aber kaum im Hier-und-Jetzt. Die Dichterin Ingeborg Bachmann hat das so ausgedrückt:

„Die Welt hat keine zugelassenen Feiertage, sie ist ein Feiertag. Die Zeit ist [eine] geheime langsame Feier, auf die die Unbeteiligten starren, die am Rand des Festsaals stehen. Der Festsaal ist leer. Wir lesen die Uhren ab, blättern in den Kalendern. Wir haben nicht gelebt. Wir haben uns keine Federn angesteckt, wir sind nicht jeden Tag vor Glück umgesunken, wir haben, in den falschen Häusern, in den verdrehten Kleidern, in den schmerzenden Schuhen, in dem starren Dreck, die Luft, verunreinigt von Abgasen und Gedankenlosigkeit, eingeatmet.“

Der Hirnforcher Ernst Pöppel erklärt die Selektivität der menscdhlichen Wahrnehmung, die ‚Konstruktion subjektiver Wirklichkeit‘ auf folgende Weise (womit er zugleich auch erklärt, was es mit dem Sein im Hier-und-Jetzt auf sich hat, etwas, was täglich sowohl im Tiefschlaf erfolgt, in tiefer Meditation, aber auch in jedem erlebten ‚Augenblick‘; die Frage erhebt sich allerdings, ob sich die Sache nicht genau umgekehrt verhält: In der menschlichen Entwicklung – ontogenetisch – ist vermutlich das Erleben der Zeitlosigkeit gleichzeitig mit dem Zeiterleben da. Das hieße aber, dass wir in jedem Augenblick Zugang zum Uranfang hätten……etwas, dass sich die moderne Psychologie als ‚Gegenstandswissenschaft‚ nicht vorstellen kann und daher ausblendet):

„Um das zeitliche Chaos zu beherrschen, das durch physikalische Gesetze und biologische Prinzipien bedingt ist, wird ein Trick genutzt, der zunächst paradox erscheinen mag. Das Gehirn steigt gleichsam aus der Kontinuität der Zeit aus, wie sie Newton beschrieben hat, um mit dem kontinuierlichen Fluss der Daten, die auf uns einströmen, fertig zu werden. Dies geschieht dadurch, dass das Gehirn sich mit Hilfe neuronaler Oszillationen Systemzustände schafft, innerhalb derer Information als gleichzeitig behandelt wird. Viele Nervenzellen arbeiten bei diesem Prozess zusammen, und sie schaffen durch diese Zusammenarbeit periodische Aktionen, wobei eine Periode jeweils einen solchen Systemzustand bestimmt. Alles, was in einem solchen Systemzustand an Information einläuft, wird als zu diesem Zustand gehörig betrachtet, was bedeutet, dass es in diesem Intervall hinsichtlich der Zeit kein Vorher oder Nachher gibt. Alles wird als ko-temporal und damit a-temporal behandelt. Zeit im Sinne eines Fließens gibt es also nicht. Die Zeit im Gehirn stößt sich pulsartig voran.
Entscheidungen im 30-Millisekunden-Takt
Diese Systemzustände des Gehirns, die eine Vereinheitlichung unterschiedlicher Datenquellen ermöglichen, haben eine Dauer von etwa 30 ms, und dieses Zeitintervall ist vielfach beobachtbar. Fragen wir beispielsweise im Experiment, wieviel Zeit zwischen zwei Reizen vergehen muss, damit ihre zeitliche Abfolge festgestellt werden kann, so beobachtet man beim Sehen, Hören und auch Tasten jeweils diesen 30-ms-Wert. Wenn man sich möglichst schnell zwischen zwei Alternativen entscheiden muss, dann finden die Entscheidungsprozesse im Zeittakt von etwa 30ms statt. Diese und weitere Beispiele haben Anlass gegeben zu prüfen, ob es auch einen physiologischen Indikator für die Systemzustände gibt, der einfach zugänglich ist, und in der Tat wurde ein solcher Indikator gefunden. Wenn man Tonreize gibt und die Antwort des Gehirns mit Hilfe sogenannter evozierter Potentiale (einer Abart des EEG) untersucht, sieht man neuronale Oszillationen mit einer 30-ms-Periode.
Diese Tatsache hat in letzter Zeit erhebliche praktische Bedeutung gewonnen. Mit diesen Oszillationen, deren Perioden zeitlose Systemzustände kennzeichnen, machen wir eine Aussage über die integrative Arbeit des Gehirns. So liegt es nahe zu prüfen, ob nicht während der Narkose diese Oszillationen verschwinden, die integrativen Funktionen also aufgehoben sind. Dies ist tatsächlich während der Vollnarkose der Fall. Wenn der Patient aus der Narkose aufwacht, kehren sie zurück. Dies bedeutet, dass wir damit einen verlässlichen Indikator für den Zustand der Narkosetiefe haben. Bei jedem Patienten kann man in Zukunft die Narkose gerade so einstellen, dass er tief genug, aber nicht zu tief narkotisiert ist. Diese neue technische Möglichkeit beruht demnach auf der Tatsache, dass die Hirnmechanismen, die zeitlich verstreute Information integrieren und daraus die elementaren Bausteine des Bewusstseins liefern, direkt kontrolliert werden können.“

Bausteine des Bewusstseins< – welch treffender Ausdruck! Und vermittels Selbstgesprächen bauen wir mit diesen subjektiv konstruierten Bausteinen dann weiter an unseren Selbst-Welt-Bildern. Aber, so lustvoll und funktional das auch sein kann (oft genug aber auch qualvoll und selbstquälerisch), so sehr ’spinnen wir uns‘ mit der Zeit selber auf diese Weise in den Netzen unserer Phantasie ein. Und am Ende verwechseln wir gar unsere Gedankengebäude mit der Wirklichkeit selber…..

Und dann müssen wir mit I. Bachmann sagen: Der Festsaal ist leer. Wir lesen die Uhren ab, blättern in den Kalendern. Wir haben nicht gelebt.

Siehe dazu auch: REGRETS OF THE DYING

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