Unvollendet gebliebene biologische Reaktionen auf eine Bedrohung:

Wenn ein Mensch einer überwältigenden Belastung, Bedrohung oder Verletzung ausgesetzt ist, entwickelt er eine entsprechende fixierte und fehlangepasste prozedurale Erinnerung, die sich störend auf die flexible und angemessene Reaktionsfähigkeit des Nervensystems auswirkt. Zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommt es bekanntlich immer dann, wenn die hiermit verbundenen impliziten Erinnerungen nicht neutralisiert werden können. Die daran anschließende fehlende flexible Reaktionsfähigkeit ist Grundlage vieler der Symptome im Kontext traumatisierender Erlebnisse. In Reaktion auf Bedrohung und Verletzung vollziehen Tiere – und auch das Tier Mensch – bekanntlich biologisch begründete, unbewusste Handlungsmuster, die sie darauf vorbereiten, der Gefahr zu begegnen, indem sie sich schützen oder verteidigen. Allein schon die Struktur von traumatisierenden Erlebnissen selber, zu der Aktivierung, Erstarrung, Dissoziation und Kollaps gehören, basiert auf der evolutionären Entwicklung überlebenssichernder Verhaltensweisen.
Tiere in freier Wildbahn erholen sich spontan wieder von diesem Zustand, sofern sie die Gefahr überlebt haben. Durch unwillkürliche Bewegungen, Veränderungen des Atemmusters, Gähnen, Zittern und Beben wird die intensive biologische Erregung gelöst oder entladen. Beim Menschen gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die dieses „Zurücksetzen“ des Nervensystems in den Normalzustand vereiteln können: Angst vor dem Entladungsprozess selbst, längeres Verweilen in der traumatisierenden Situation, komplexe kognitive und psychosoziale Phantasien, kortikale Einmischungen……..

Psyche und Körper traumatisierter Menschen geben aus dieser Sicht heraus „Schnappschüsse“ ihrer erfolglosen Bemühungen wieder, sich selbst angesichts von Bedrohung oder Verletzung zu schützen oder zu verteidigen – und wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Trauma, so könnte man durchaus sagen, ist eine mit hoher Aktivierung verbundene, unvollendet gebliebene biologische Reaktion auf eine Bedrohung, bei der die Zeit zum Stillstand gekommen ist (‚Fixierung‘). Wenn wir uns zum Beispiel auf Flucht oder Kampf vorbereiten, werden in unserem ganzen Körper Muskeln angespannt. Bei den Mustern, nach denen diese Anspannung erfolgt, geht es um Mobilisierung von viel Energie und darum, handlungsfähig zu sein. Sind wir nicht in der Lage, die hierzu angemessenen Maßnahmen zu Ende zu bringen, kommt es nicht zur Entladung der enormen Energie, die bei diesen überlebenssichernden Vorbereitungen erzeugt wurde. Diese Energie wird dann (wie bei einem Schnappschuss) fixiert. Sie schlägt sich in ganz bestimmten neuromuskulären Mustern nieder, die Startbereitschaft oder hilfloses Zusammensacken (d. h., Mobilisierung oder Immobilisierung bzw. abwechselnd beides oder zugleich) spiegeln. Die betreffende Person bleibt dann, was ihr Zentralnervensystem anbelangt, in einem Zustand zunächst akuter und dann chronischer Erregung und Dysfunktion. Das Ausweichen der Betroffenen in zwanghafte Phantasien kann als misslingender Selbstheilungsversuch gedeutet werden.

Therapeutisch sinnvoll ist daher der Aufbau einer tragenden Beziehung  und einer Umgebung, in welcher körperliche Wahrnehmungen gefunden werden können, die mit Sicherheit und Behagen verbunden sind. Diese werden dann zu einem Reservoir von inhärenten, verkörperten Ressourcen, zu denen der Klient immer wieder zurückkehren kann, während er sich Stück für Stück an die Empfindungen und Phantasien herantastet, die mit dem erlebten Stress verbunden sind. Zur biologischen Vervollständigung und autonomen Entladung kommt es in kontrollierten und handhabbaren Schritten, während der Therapeut den Klienten anleitet, auf viszerale Empfindungen oder feine motorische Impulse zu achten, die mit unabgeschlossenen Schutz- und Abwehrreaktionen zusammenhängen. Hier berühren sich Psycho- und Physiotherapie.

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