TYRANNEI DER ACHTSAMKEIT

Häufig begegnen wir heute dem Wort ‚Achtsamkeit‘.

Damit verbunden sind hohe und höchste Ansprüche: achtsam essen, achtsam Geschirr abwaschen, achtsam reden, achtsam gehen und telefonieren.

Und das wird im Zusammenhang mit dem „Wundermittel Achtsamkeit“  versprochen:

„Früher hieß es Aufmerksamkeit, heute heißt es Achtsamkeit, das Prinzip ist ähnlich: Schalten Sie den Autopiloten ab, mit dem wir gewöhnlich unser Leben führen. Das ist gut für Ihre Selbsterkenntnis, Ihre persönliche Entwicklung, Ihre Beziehungen, mehr Zufriedenheit und Glück im Leben, und nebenbei hilft es auch noch gegen Stress. Hier bekommen sie zehn Tipps für Sie, wie Sie dieses „Wundermittel Achtsamkeit“ trainieren.“[1]

Einige Jahre vor diesem Achtsamkeitsboom lebten viele ‚Achtsame‘ wie viele andere auch. Karrierenotwendigkeiten und Karrieredruck trieben sie um. Dann merkten nicht wenige, dass sie unter diesem Druck nicht weiterleben wollten / konnten. Also begannen sie mit ‚Achtsamkeitspraxis‘. Aber auch als ‚Achtsame‘ wollen diese ‚Streber‘ immer noch viel erreichen. Sie bemühen sich, sich noch mehr zu konzentrieren oder wollen jeden Moment ihres Lebens, von 7 Uhr früh bis 23 Uhr  in Achtsamkeit leben. Diem meisten ersetzen das eine Ziel nur durch ein anderes. Sie bewegen sich andauernd auf ein Ziel zu und sind dann unzufrieden, wie und wo sie gerade sind. Damit produzieren sie sich selbst Druck und Schuldgefühle und fangen dann möglicherweise an, nicht nur sich selbst am Achtsamkeits-Zollstab zu messen, sondern auch andere.

Das löst bei diesen ‚Anderen‘ oft starke Gegenreaktion aus: >Als ich unter die Achtsamen fiel, kam ich mir vor wie ein Aussätziger. Sie ließen mich spüren, dass ich dauernd Fehler in der Achtsamkeit machte. Dadurch entstand ein Hierarchiegefälle von jenen, die „ach, so vorbildlich achtsam“ waren zu den anderen, die noch nicht so weit waren.“ Das war dann letztlich ein Druck wie im „normalen Leben“ auch.<

Deshalb hat der Grazer Philosoph Peter Strasser ein kleines Büchlein mit dem Titel ‚Achtung Achtsamkeit‘ geschrieben. In diesem zerpflückt der den gängigen Achtsamkeitskult.

Strasser: >Wo bleiben Umsicht und Sympathie, auf die man Anspruch hätte? Verletzte Gefühle hat jeder Mensch zu jeder Zeit und ebenso einen Körper, der meist schlechter behandelt wird, als es der Fall wäre, wenn man sich ihm einfühlsamer zuwenden würde. Grund genug, unseren Kindern schon im Vorschulalter den neuen kategorischen Imperativ nahezubringen: «Handle achtsam, fühle achtsam, sei achtsam!»

Dazu gehört, dass niemand über den ethischen Kamm einer kaltherzig universalistischen Moral geschoren werden möchte. Vielmehr ginge es darum, uns wechselseitig in unserer absolut einmaligen Sensibilität dadurch zu würdigen, dass wir einander keinesfalls schnöde als «Exemplar», als Durchschnitt behandeln. Jeder von uns ist, als garantiertes Opfer der Härten des Lebens, ein legitimer Empfänger von Zartgefühl – auch darin besteht die sanfte Tyrannei der Achtsamkeit.

Auf diese Weise entsteht zugleich eine generalisierte Haltung des Argwohns: Achtsamkeitswachsamkeit. Nicht nur wird man mit stählerner Sanftheit darauf trainiert, den mangelnden Erhalt von Umgebungsachtsamkeit zu beklagen und mehr Eingehen auf die eigenen Bedürfnisse zu fordern. Umgekehrt wird man die quälende Empfindung nicht los, stets irgendeinem Menschen zu wenig Anteilnahme – wofür immer – entgegenzubringen.

Die ältere Gutmenschkultur, die moralistisch ausgelegt war, wird von den trainierten Achtsamen eher geringgeschätzt. Worunter leiden wir denn alle? Unter zu viel Moral, zu viel zivilisatorischem Druck! Wir leiden unter den psychischen Folgen verinnerlichter Affektkontrollen, die uns daran hindern, dass wir uns lebendig fühlen. Folglich fühlen wir uns mehr und mehr als Lebendtote.

Der Mangel an Lebendigkeitsgefühl ist ein zentrales Merkmal unserer neuesten Opferrolle. Wir fühlen uns permanent überfordert und ausgebrannt. Wir werden, infolge mannigfaltiger Erlebnisdimmer unter hohem Erwartungsdruck, sowohl zu Achtsamkeitsneurotikern als auch zu Achtsamkeitszombies. Deshalb benötigen wir Lebendigkeitshelfer. Sie treten in Form von Ratgebern zwischen pastellfarbenen Buchdeckeln oder als Sensibilitätstrainer für alle Bewusstseins- und Einkommensstufen in Erscheinung.

Die Achtsamkeitsindustrie ist mittlerweile ein florierender Markt, spirituell und psychologisch unterstützt von Achtsamkeitslobbys, erweitert und vertieft von findigen Achtsamkeitsunternehmern, die versprechen, das «Erwachen unseres inneren Beobachters» zu fördern. Ohne sie wüssten wir nicht, was wir aus unserem Leben machen sollen, außer eben – unser Leben. Dagegen gilt es Vorkehrungen zu treffen:

«Sei achtsam, das Leben ist nicht genug!» <

Soweit Peter Strasser.

In vollem Gegensatz zu den Heilsversprechen der Trainingsindustrie formulierte Simone Weil vor einem dreiviertel Jahrhundert, was seriöse Erkunder von Achtsamkeit schon seit undenkbaren Zeiten darunter verstanden haben:

„Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“

ACHTSAMKEIT: das Einfache, das so schwer zu tun ist; dass nicht absichtsvoll getan werden kann, weil man es überhaupt nicht ‚tun‘ kann. Es passiert einem vielmehr, wenn man voll und ganz bei einer Sache ist; wenn mit sie nicht ‚halbherzig‘ macht, sondern voller spontaner Neugier und Hingabe.

Wie einst als kleines Kind, als uns der Mund vor lauter Staunen ganz unmittelbar offen blieb. Niemand musste uns dazu ‚ermahnen‘, wir konnten es. Ohne Trainer, ohne Lehrer.

Diese haben uns diese spontane Neugier dann ausgetrieben. Achtung Achtsamkeit!

[1] http://www.kreativesdenken.com/artikel/achtsamkeit.html  Und da finden sich Sätze wie der folgende: „Sie sehen vielleicht schon, Achtsamkeit ist nicht gleich Achtsamkeit, und ein weiter Bereich. Finden Sie heraus, wo Sie stark sind und wo es bei Ihnen hapert. Und dann arbeiten Sie an diesen ‚Schwachstellen‘ “.

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Eine Antwort zu TYRANNEI DER ACHTSAMKEIT

  1. Anna Torus schreibt:

    Schöner und wichtiger Text. Stichwort Selbstoptimierung. Aus dem Leistungssubjekt soll das Maximale herausgeholt werden, also wird sich unter größtem theoretischen Aufwand jede freie Minute zwangsentspannt, zwangserholt und zwangsausgeglichen. Herauskommt nicht „ein ganzer Mensch“, sondern ein nervöses Bündel an unterdrückten und angestauten, weil negativen Emotionen. Am Selbstbild wird an allen Ecken und Kanten so lange herumgeglättet, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

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