Lust am Leiden? Sozialer Masochismus als verkappter Sadismus

martyrium

Theodor Reik: Lust am Leiden

Reik, T. (1983): Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft. Frankfurt.

Im Anschluss an die Freudschen Analysen veröffentlichte der Psychoanalytiker Theodor Reik 1940 mit Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft eine von Freud in wesentlichen Ansätzen differierende Theorie zum Masochismus. Als Hauptformen kennt er den sexuellen und den sozialen bzw. kulturellen Masochismus, wobei letzterer Freuds Begriff des moralischen Masochismus entspricht. Beiden Formen ist gemeinsam, dass Hingabe an Leiden oder Erniedrigungen mit Lust verbunden ist: Gelangt der sexuelle Masochist nur unter der Bedingung von Schmerz zu seiner Befriedigung, so praktiziert der soziale Masochist Unterwürfigkeit, Selbstschädigung und Erniedrigung, um sich von Schuldgefühlen zu befreien und/oder eine spezielle Befriedigung zu erlangen.

Fundiert auf einem reichen Material von Träumen und Phantasien sucht Reik zu zeigen, dass die Definition des Masochismus um drei Merkmale erweitert werden muss, um der Eigentümlichkeit dieses Phänomens gerecht zu werden: Wird das (Klein ) Kind gehindert, seine sadistischen Impulse auszuleben, so kann es in die Phantasie ausweichen. In dem Maß, als die phantasierten Aggressionen gegen ein verinnerlichtes Moralbewusstsein (v. a. das der Nächstenliebe) verstoßen, wird sie das Kind gegen sich selbst lenken. Diese autosadistische Phantasie kann umgewandelt werden in die Vorstellung, von einem anderen misshandelt zu werden und die Umsetzung in eine masochistische Handlung grundlegen. Menschen mit schwacher Phantasie können deshalb auch keine masochistischen Einstellungen entwickeln. Im sozialen Masochismus sind die phantasierten Verhaltensweisen selten Einzelphantasien, der Einzelne kann hier vielmehr auf Massenphantasien zurückgreifen und höhere Mächte nehmen dann die Stelle ein, die beim sexuellen Masochismus der Sexualpartner inne hat.

Das zweite Merkmal neben der Phantasie ist das Suspense, eine bestimmte Form des Spannungsverlaufs, die Reik sowohl beim sexuellen und als auch beim sozialen Masochismus beobachtet: Die (sexuelle) Erregung wird übertrieben lange hinausgeschoben, der direkte Weg zum Höhepunkt vermieden. Vergleichen wir dieses Verhalten mit einem vertrauten (nicht-masochistischen) Verhalten: Bei Zahnschmerz berühren wir üblicherweise mit der Zunge die schmerzende Stelle. Wollen wir uns immer wieder von neuem überzeugen, dass der Zahn schmerzt? Oder suchen wir nicht doch deshalb den Schmerz zu wiederholen, weil wir Angst haben, dass der Schmerz von selbst kommen könnte? Aus Angst suche ich offenbar das auf, wovor ich Angst habe. Dass Angst durch Vorwegnahme des Ängstigenden beschwichtigt wird, zeigt ein anderes vertrautes, ebenfalls nicht-masochistisches Verhalten: Ein Kind, das in der Badewanne sitzt und sich vor dem kalten Wasser fürchtet, könnte nun selbst den Wasserhahn aufdrehen und durch einige kalte Wassertropfen seine Angst vor dem Wasser mildern. Das bedeutet für den masochistischen Umgang mit Angst, dass die offenbar unerträglich stark angewachsene Spannung in eine mäßige umgewandelt wird, indem die Spannung auf einen längeren Zeitraum verteilt wird. Indem das Kind den Wasserhahn selbst betätigt, ist es außerdem nicht mehr einem blinden Schicksal unterworfen, sondern selber Herr seines Schicksals: Das Leid kommt nicht mehr überraschend, sondern auf seine Anweisungen hin. Diese Flucht nach vorne kennzeichnet masochistisches Verhalten: Der Masochist orientiert sich mehr an der Erwartung der Unlust als an der Lust. Masochismus kann also als der Versuch einer Angstbewältigung verstanden werden, wenngleich die Angst nicht direkt sichtbar ist.7 In der Entwicklung des Masochismus wird aber allmählich anstelle der Lust, die von Angst begleitet wird, die Angst selbst lustvoll erlebt: Der „reife“ Masochist will auch die Angst. Für Reik stellt demnach ein Sexualverhalten, bei dem die Entspannung aufgeschoben wird, eine Zwischenstufe dar, bis der Masochist die „Flucht nach vorne“ antritt und aktiv die gefürchtete Strafe aufsucht. Nur dadurch wird ihm die von vornherein angestrebte Befriedigung möglich. Der soziale Masochist hingegen träumt in diesem Schwebezustand von der Prämie für seine Erniedrigungen und gelangt in seinen phantasierten Erhöhungen zu seiner Lust.

Der Masochist leidet aber nicht nur, sondern er trägt sein Leiden, seine Opferbereitschaft, sein Schicksal zur Schau: Der demonstrative als der dritte maßgebliche Charakter ist dem Masochisten wesentlich. Er erweckt Aufmerksamkeit, zwingt sich seiner Umwelt förmlich als den tief Leidenden, den vom Schicksal verfolgten usw. auf, inszeniert sein Leiden: „Ohne Aufmerksamkeit von seiten dieser Umwelt verliert das Leiden viel von seinem genußreichen Charakter.“ Der Masochist, der sein Leiden, seine Schwäche, seine Erniedrigung auffällig demonstriert, will der nicht etwas ganz Anderes zeigen? Warum brauchen „Märtyrer“ Zeugen? Warum rühmen sich manche ihrer Schwächen? Ist nicht die Bestrebung, sich in den Schatten zu stellen die Reaktion auf den Wunsch zu glänzen? Wenn auch Freud den Masochisten als jemanden versteht, der die Wange hinhält, wo er Aussicht hat, geschlagen zu werden, so wird hier eine Einladung, gleichzeitig aber auch die Kehrseite der Demut sichtbar: Masochisten verführen ihre Umgebung dazu, sie zu Opfern zu machen. Sie provozieren durch ihr Verhalten, schlecht behandelt zu werden, untreue Freunde zu haben, ausgenützt zu werden usw. In diesem Charakterzug wird eine Gegenmelodie zur Demutsgestik mit einer auffallend aggressiv-sadistischen Dimension hörbar.

Der Masochismus kann somit als ein Versuch unter vielen gesehen werden, Angst zu bewältigen: Das phantasierte Unheil erzeugt eine Angstspannung, die durch Hinausschieben und durch Herbeiführen (Suspense) gemildert wird. Gegenüber dieser Angstspannung wird der Masochist zunehmend ungeduldiger. Fordert das Realitätsprinzip, dass wir lernen müssen Spannung zu ertragen, ist also der Aufschub von Lust eine Kulturforderung, so ist Ungeduld des masochistisch Duldenden diesem Prinzip nicht etwa angepasst, sondern er übertreibt es, indem er den geforderten Aufschub in Lust verwandelt: „Er erträgt ja nicht die notwendige Spannung, sondern verteilt sie, setzt sie hier ein und hebt sie dort auf, wo es ihm gefällt. Er unterwirft sich dieser Forderung, aber mit so trotzigem Gehorsam, daß er ihren Sinn in das Gegenteil verkehrt.“ (Reik 1983: 140) Eine literarische Figur drängt sich auf: Till Eulenspiegel, dessen voreilende Gestimmtheit seine Unterwürfigkeit konterkariert. Wird dieser Trotz nicht schon im demonstrativen Charakterzug sichtbar, indem der Masochist zeigt, wie er Lust trotz Unlust genießt? Was oberflächlich betrachtet wie Unterwerfung aussieht, könnte in Wahrheit Rache und Triumph sein.

Der eigentliche Masochismus zeigt sich als Verzicht auf die eigene Macht und als Genuss in der stellvertretenden Ausübung der Macht durch den anderen. Er ist eine Rückkehr zum Sadismus gegen das Objekt, das durch das Ich ersetzt wird. Im politischen Machtspiel wiederholt sich diese Einstellung etwa in der Begeisterung für einen Diktator: Fordert er den Verzicht auf eigenen Willen und eigenes Denken, so haben seine Anhänger trotzdem in ihm auch ihren eigenen Willen durchgesetzt. Je gewalttätiger der Machtwille des Einzelnen war, desto gefügiger wird er sich unterwerfen.

Masochismus kann nicht nur als eine Reaktion auf äußere und innere Versagungen verstanden werden, er betrifft nicht nur die Triebsphäre, sondern auch die Ich-Sphäre, die Geschichte der Niederlage des Ich und seine Erhöhung. Leiden selbst kann zum Zeichen des Werts werden: Ist ein vom Schicksal Gezeichneter nicht ein vom Schicksal Ausgezeichneter? Hat, wer so viel leidet, nicht das Recht, stolz zu sein, ja, auf andere herabzusehen? Die tief empfundene Kränkung kann nachträglich in Erhöhung umgedeutet, die Berufung auf Niederlagen zur Legitimation der Überlegenheit werden.

Dabei zeigt der soziale Masochist nur Unlust, er fühlt sich gedemütigt, stets benachteiligt, beleidigt usw. Wo ist seine Lust? Sie kann nur in der phantasierten Belohnung liegen, etwa im Bewusstsein, ein moralisch höherwertiger Mensch zu sein. Die Belohnung wird die eigentlichen Wünsche in zensurierter Form enthalten, das Ich wird in einer erhöhten Form erscheinen, wie ein Denkmal auf einem Sockel. Nach Reik sucht der Masochist sein gestörtes Selbstwertgefühl zu „rehabilitieren“, seinen verletzten Stolz wieder aufzurichten. Die Erhöhung, die Auszeichnung für das Leiden, bestimmt den Genuss:

„Der Held erleidet viel Unbill, wird mißverstanden, gekränkt, beleidigt und gedemütigt. Er wird unterschätzt, gegenüber anderen benachteiligt, ausgenützt und oft aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die verschiedenen Mißgeschicke und Kränkungen, welche der Held dieser Tagträume, das Ich, erduldet, werden in der Phantasie breit ausgemalt, mit Behagen dargestellt. Alles das aber sind nur weit ausgesponnene Vorspiele zum Eigentlichen. Dort erscheint nämlich der Sieg über die Widersacher, die Rehabilitierung; man ist fast versucht, zu sagen, die Auferstehung des Ichs. Die duldende Person wird siegreich, wird jetzt geschätzt und geliebt, wird gerade dort aufs höchste geehrt, wo sie früher verworfen wurde. Die Verdienste des Helden und seine ausgezeichneten moralischen oder intellektuellen Qualitäten werden gerade von den Personen anerkannt, die ihn vorher so lange als minderwertig und verächtlich behandelt haben.“ (Reik 1983: 379)

Auch in dieser Ausformung des Masochismus verschieben sich die Akzente: Wird im Anfangsstadium Leiden als Voraussetzung für den Sieg vorgestellt, so wird später der Genuss immer mehr vom Triumph auf das Unglück selbst verschoben, bis zuletzt der Triumph nur noch angedeutet wird, während das Leiden im Mittelpunkt steht.

Der sich entwickelnde Masochismus entfaltet sich in seiner ihm eigenen Zeitlichkeit: Werden machthungrige, stolze Triebregungen in eine zeitliche Ferne aufgeschoben, bleibt also die Befriedigung aus, so steigen die Ansprüche darauf in der Phantasie. „Es wächst der Masochist mit seinen höheren Zielen“ (Reik 1983: 384): Erwartet er zuerst Anerkennung von der Gemeinschaft, in der er lebt, so verschiebt sich die Befriedigung in der Phantasie später auf ein Jenseits des Lebens („Einmal, wenn ich tot sein werde, wird man meinen Wert erkennen“), bis ans „Ende der Welt“ oder in Jenseits- und Gerichtsvorstellungen. Ist diese Phantasievorwegnahme als Belohnung für Verzicht ein für den Kulturmenschen normales Verhalten (vgl. Formen einer Selbstaufopferung von Eltern für ihre Kinder), so gewinnt es beim Masochisten hingegen die Übermacht. Wesentlich ist, dass hinter der Lust am Leiden der Triumph erscheint, weshalb für Reik der Masochist auch ein Sadist ist, ein Wolf im Schafspelz, hinter dessen äußerer Sanftmut, Bescheidenheit und Unterwürfigkeit sich Trotz, Verhöhnung, Herrschsucht und Ehrgeiz verbergen: „Es ist nicht richtig, daß Masochismus ein nach innen gekehrter Sadismus ist, eine später gegen das Ich gewendete gewalttätige Triebneigung. Ihr Objekt bleibt im Tiefsten doch der andere. Es ist eher auf den Kopf gestellter Sadismus.“ (Reik 1983: 202f.)

Der Masochist verbirgt, indem er demonstrativ zeigt, er zeigt aber auch, indem er verbirgt. Was er ans Licht bringt, sucht er gleichzeitig zu verhüllen. Wenn Freud in Jenseits des Lustprinzips von „rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs“ (Freud 1982b: 224) spricht, so hat Reik diese Rätselhaftigkeit nicht beseitigt und nicht beseitigen wollen: Sofern Masochismus nicht nur ein strategisches Spiel (wie es etwa eingangs mit Wilhelm Busch „Selbstkritiker“ demonstriert wurde), sondern eine unser Leben bestimmende Existenzweise ist, fällt er mit der dem Menschen eigentümlichen Abgründigkeit und Unauslotbarkeit zusammen, die sich in seinem Umgang mit Leid manifestiert: „Das Problem des Leidens stellt sich uns allen, und keiner kann sagen, daß der eigene Lösungsversuch der einzige oder der beste ist.“ (Reik 1983: 449) Wird er nicht von vornherein kategorisierend eingeengt und als Defizit oder Krankheit klassifiziert, so verweist er in die Tiefe menschlichen Leids wie in die Untiefe gesellschaftlicher Verhältnisse: Eine masochistische Existenzweise wird dazu tendieren, ihr entsprechende gesellschaftliche Verhältnisse zu entwerfen, umgekehrt aber sind wir in gesellschaftliche Verhältnisse geworfen, die gerade diese Verhaltensweise fördern.

Aus: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/267/416.pdf

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