Vertrauen ist gut – aber Kontrolle ist auch gut (und notwendig)

„Trust in God, but keep you powder dry.“

Aus den USA

„Mangelndes Vertrauen ist nichts als das Ergebnis von Schwierigkeiten. Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in mangelndem Vertrauen.“

Seneca

 vertrauen-a-schweitzer

Der Soziologe Georg Simmel hat ‚Vertrauen‘ als einen mittleren mentalen Zustand bezeichnet, nämlich einen Zustand, der genau zwischen Wissen und Nichtwissen liege,  also als eine „notwendige Hypothese über künftiges Verhalten“. Diese muss sicher genug sein, um praktisches Handeln darauf gründen zu können. Niklas Luhmann bestätigt für unsere heutige Zeit diese Sicht Simmels, wenn er meint, dass es die soziale Funktion von Vertrauen sei, die Komplexität der Möglichkeiten auf ein solches Maß zu reduzieren, das der Einzelne in seiner Umwelt handlungsfähig bleiben kann. Vertrauen wird daher in organisatorischen und ökonomischen Kontexten als ein Mechanismus gesehen, der Kontrollkosten und andere Transaktionskosten senkt. Durch Vertrauen können kognitive Anstrengungen gespart und Ressourcen freigesetzt werden. Es vereinfacht Austausch von Informationen und die Entscheidungsfindung, es erleichtert offene Kommunikation. Vor allem ist Vertrauen aber in einer Gesellschaft von Individuen, in der regulative Normen und deren Durchsetzung zwischen den vergesellschafteten  Individuen situativ immer neu auszuhandeln sind, jene grundlegende Voraussetzung und jener ‚Kitt‘, welcher  gesellschaftliches Zusammenleben überhaupt erst möglich macht. Peter Heintel: „Für die Moralität, für die sich früher auch im Wesentlichen Institutionen (vor allem religiöse) zuständig fühlten, wurde das Gewissen, die Person, das Ich relevant gemacht. Es geht nicht mehr um Heteronomie (Fremdgesetzgebung), sondern Autonomie…… Damit tritt die Person – und das sogar noch als einzelne – in Konkurrenz zu anderen Fundamenten der Moralbegründung, und diese verlieren damit ihren Ausschließlichkeitsanspruch. Von seinem „Gewissen“ Gebrauch zu machen, heißt bei sich selbst nachzufragen, seine Motive und Handlungen vor den „Inneren Gerichtshof“ zu stellen, wie I. Kant das Gewissen nennt. Diese „Befreiung zu sich selbst“, ich nenne sie „Autonomiezumutung“, formuliert sowohl einen hohen Anspruch, wie auch Nachfragen nach dem „Wie“. Und hier mutiert die Wendung zur Fokussierung eines Geschehens, eines Prozesses. Könnte man etwas verkürzt sagen, dass es bei Fremd- und Außenbestimmungen gleichsam um ein deduktives Verfahren geht – individuelles Handeln ist aus geltender Moral ableitbar – schreibt Autonomie ein anderes vor: hier ist Überprüfung, Beurteilung, Entscheidung angefragt, es müssen Prozesse stattfinden.“ [1]

Es geht dabei also um definierte Verfahren und Prozesse der Überprüfung von Geltungsansprüchen  und Behauptungen. Dazu  wird aber erst recht wieder Vertrauen benötigt, nämlich Vertrauen in die Güte der vorgeschlagenen Aushandlungsprozesse und Verfahrensabläufe sowie Vertrauen in die Fähigkeit der Verhandlungs- und Kooperationspartner, diese Prozesse auch so benützen zu können (und wollen!), dass tragfähige Ergebnisse ausgehandelt werden können. Und nicht zuletzt geht es um so etwas wie ‚Selbstvertrauen‘. „Es gilt nämlich“, sagt Heintel, „eine sich deutlich abzeichnende Gefahr zu verhindern. Wenn Prozesse und Konsequenzen der Autonomiezumutung nicht adäquat wahrgenommen werden, und alles nur Einzelnen überlassen wird, kann es zu einer Überforderung führen, die entweder in resignative Anpassung führt oder, was oft noch schlimmer ist, in die Konstitution eines „normativen“ Ichs, das sich zur moralischen Autorität aufbläst und sich auf „Selbsterschütterungsprozesse“ überhaupt nicht mehr einlässt.“[2]

Wenn diese Gefahr schlagend wird, dann bricht jedwede konstruktive Kommunikation zusammen – und Willkür und Gewalt betreten die Bühne des Geschehens. Die überlieferte Geschichte der Menschheit ist mehrheitlich eine Geschichte der Gewalt, d.h. eine der wortlosen kollektiven Durchsetzung von Geltungsansprüchen (durch Kriege und Bürgerkriege). Gewalt war und ist immer noch die ultima ratio, die Letztinstanz aller gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse. Glaubens- und Ideologiekonflikte führten und führen letztlich immer zu Glaubenskriegen, zum Ausschluss von Häretikern, zu unüberwindlichen Spaltungen in  Glaubens- und Ideologiegemeinschaften, zu Inquisitionsverfahren, welche diskursive und dialogische Aushandlungsprozesse ersetzen.

Man kann diese Prozesse und Kämpfe auch als Kämpfe zur Verteidigung und Wiederherstellung bedrohter Vertrauensgrundlagen betrachten. Weil Vertrauen so zentral für die mentale und somatische Gesundheit des Menschen ist, ist er gezwungen alles ihm sinnvoll Erscheinende zu tun, um das ‚erschütterte Vertrauen‘ wieder herzustellen. Aaron Antonovsky hat mit seinem salutogenetischen Modell unsere Aufmerksamkeit auf diesen grundlegenden Aspekt, auf diese zentrale Funktion von Vertrauen gelenkt. Um ‚gesund‘ bleiben zu können benötigt der Mensch so etwas wie einen ‚Kohärenzsinn‘ (‚sense of coherence‘), welcher  sich aus drei Elementen zusammensetze: 1. Verstehbarkeit der Welt, 2. Kontrollierbarkeit des zu verstehenden Geschehens und 3. Wissen um die Sinnhaftigkeit aller zu bewältigenden Herausforderungen.

Wenn man diese drei Punkte aus etwas größerer Distanz betrachtet, dann sieht man sofort: hier geht es um die Einbettung des Einzelnen in eine kohärente Kultur, welche ihn angesichts der unvermeidlichen existentiellen Herausforderungen bei der Vertrauensbildung sinnstiftend unterstützt: rituell, verfahrensmäßig und kommunikativ. Wenn aber unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen und damit die jeweiligen unterschiedlichen ‚Selbstverständlichkeiten‘, dann kann das leicht zu einem ‚clash of cultures‘ führen, zu fundamentalen Vertrauenskrisen und – konflikten. Selbiges kann aber auch innerhalb von ausgeprägt individualistischen Kulturen passieren, worauf Heintel ja so treffend hingewiesen hat: wenn sich der Einzelne in seiner Autonomiezumutung überfordert fühlt und „sich zur moralischen Autorität aufbläst und sich damit auf „Selbsterschütterungsprozesse“  überhaupt nicht mehr einlässt. “Menschen in unserem Kulturkreis haben die krankhafte Neigung, Scham und Schande zu vermeiden, und zwar deshalb, weil sie ihre Lebensgewohnheiten nicht zu verändern wünschen: die Vermeidung von Scham und die unbewusste Übertragung von Schamgefühlen sind daher heute unter uns endemisch. Diese psychischen Abwehrprozesse fungieren als Ersatz für notwendige Reue und Selbsterneuerung.“[3] Diese narzisstisch überhöhte Aufladung der eigenen Identität ist  verantwortlich für viele jener sozialpsychologischen Hintergrundprozesse, welche dazu führen, dass Menschen im Miteinanderleben so schnell ‚beleidigt‘ reagieren, vieles sofort ‚persönlich‘ nehmen, sich gegenseitig ‚mobben‘ oder sich ‚gemobbt‘ fühlen, kurz: dass die Kommunikation zusammenbricht. Um andere achten zu können, muss man sich selbst achten können: das ist die Basisvoraussetzung. Dazu muss man Ambivalenzen aushalten, Mehrdeutigkeiten sehen und verstehen können, zu  Selbstdistanz fähig sein, sich in andere hinein versetzten können, etc. Der Soziologe Richard Sennett hat neuerdings drei Basisfähigkeiten hervorgehoben, welche ausgeprägt vorhanden sein müssen, damit Zusammenarbeit gedeihen und auf Dauer gelingen kann:

  1. mit offenem Geist zuhören können
  2. Perspektivenwechsel vornehmen können (‚Empathie‘) und
  3. hypothetisch Denken und Fühlen und sprachlich formieren können (‚konjunktivistisch‘ formulieren). Diese Fähigkeiten verhindern das Entstehen von fundamentalistischen Konflikten und Vertrauenseinbrüchen.

Ebenen des Vertrauens

Auf der persönlichen (Beziehungs-)Ebene sind diese Fähigkeiten wichtige Voraussetzungen für den Aufbau von Vertrauen. Je weiter man die Sphäre des persönlichen Vertrauens verlässt, desto mehr gewinnt die Verlässlichkeit gemeinsam verbindlicher  Normen an Bedeutung. Auf der Mikroebene der Kleingruppe sind diese Normen noch relativ leicht über soziale Kontrolle und direkte Kommunikation zu gewährleisten, auf den Makroebenen hingegen kommt man aber ohne ein gewisses Mindestmaß an „Vertrauensvorschuss“  in die sozialen Institutionen und deren Verantwortungsträger nicht aus. Je höher die soziale Position, desto größer daher die Verantwortung, sich des notwendigerweise vorgeschossenen Vertrauens würdig zu erweisen.

Kontrolle und Vertrauen

Es ist kein Zusammenleben ohne Vertrauensvorschuss möglich. Auf diese Tatsache verweist der Begriff ‚Urvertrauen‘. Urvertrauen wird verstanden als ein anhaltendes Gefühl, das durch prägende Früherfahrungen des ersten Lebensjahres in Form konstanter Befriedigung primärer Bedürfnisse entsteht. Es ist ein „konditioniertes“ Gefühl, das einem vermittelt, dass das Überleben letztlich ohne eigenes Zutun gewährleistet ist. Es ist ein Grundgefühl des Versorgtseins (dass jemand da ist, wenn man ihn braucht). Dagegen steht das Gefühl des „Urmisstrauens“, das besagt, dass auf Menschen kein Verlass ist, dass sie nicht da sind, wenn sie gebraucht werden, dass die eigenen Bedürfnisse durch andere Menschen nicht gestillt werden. Gemäß den theoretischen Vorstellungen des Psychoanalytikers Erik Erikson ist Urvertrauen „eine alles durchdringende Haltung sich selbst und der Welt gegenüber“[4], dessen Entwicklung die „Hauptaufgabe“ des ersten Lebensjahres darstellt.

Auf Basis dieses Urvertrauens eignet sich das Kleinkind die Welt aktiv an. All die vorliegenden entwicklungspsychologischen Befunde und Hypothesen machen deutlich, wie sehr die Selbstentwicklung eines Menschen von der Kohärenz oder Inkohärenz des Verhaltens und des mentalen Zustands seiner zentralen Bezugspersonen abhängt. Die mentalen Grundkategorien, das Funktionieren der Psyche eines Menschen, entfaltet und bildet sich in den ersten Lebensjahren. Kinder sind in dieser Zeit sehr ‚bildsam‘, d.h. sehr ‚empfänglich‘ und verletzlich. Auch für ‚Kommunikationsstörungen‘, und solch früh erworbene ‚psychische Grundstörungen‘ begleiten einem ein Leben lang. Wenn es aber möglich war, dass sich im Lauf der Persönlichkeitsentwicklung ein ‚gesunder Vertrauenskern‘ entwickelt hat, dann kann so jemand auch auf ‚gesunde Weise‘ misstrauen. Gesundes Misstrauen ist Voraussetzung für die Entwicklung von geprüftem Vertrauen (im Gegensatz zu blindem  Vertrauen). Autonomie und Mündigkeit bedeutet nämlich ganz wesentlich ‚etwas eigenständig kritisch prüfen‘ zu können, alles zu hinterfragen, von wem auch immer etwas behauptet wurde und wird. Die Fähigkeit zu skeptischer Betrachtung,  also alles anzuzweifeln und hinterfragen zu können, ist eine Grundvoraussetzung für psychische Gesundheit und Autonomie. Skepsis in der Bedeutung von ‚misstrauische Vorsicht’ ist eine Übernahme aus griechisch sképsis (σκέψις) ‘Betrachtung, Überlegung, Untersuchung’, zu griechisch sképtesthai (σκέπτεσθαι) ‘umherschauen, sich umsehen, spähen, betrachten, erwägen, prüfen’.

Vertrauen kann in Organisations- und Arbeitskontexten sinnvollerweise also nur ein ‚ge- und überprüftes Vertrauen‘ sein. Vertrauen und Kontrolle sind damit kein Gegensatz, sondern polare Komplemente. Wenn aber in einer Organisation oder Gesellschaft Misstrauen zu überwiegen beginnt, und versucht wird, das schwindende Vertrauen durch vermehrte einseitige Kontrollen zu kompensieren (‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘), dann besteht die Gefahr, dass solche Organisationen in einen Teufelskreis des Misstrauens geraten: Je mehr und je ‚bedrohlicher‘ kontrolliert wird, desto mehr schwindet das Vertrauen, was wiederum mehr rigide Kontrollen auslöst, etc.

► Vertrauensbildende und kontrollierende Maßnahmen müssen sich also in einem Fließgleichgewicht befinden, wenn organisatorische Effektivität und Effizienz angestrebt wird. Und nur effektive und effiziente (d.h. flexibel-kreative) Organisationen sind auf Dauer überlebensfähig.

 

[1] Peter Heintel, DAS „KLAGENFURTER PROZESSETHISCHE BERATUNGSMODELL“, S. 52f

[2] ebd.

[3]  Aus: Lewis Mumford, The Conduct of Life, 1951.

[4] Erikson E. H. (1950) Childhood and Society. New York: Norton (dt.: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett 1984).

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