Ich beginne beim Nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle.

Vorrede

C.G. Jung ließ die „Septem Sermones ad Mortuoa“ (Sieben Reden an die Toten – 1916) als Broschüre im Privatdruck erscheinen. Er verschenkte sie gelegentlich an Freunde. Im Buchhandel war sie nie erhältlich. Die Schrift enthält bildhafte Andeutungen oder Vorwegnahmen von Gedanken, die in Jungs wissenschaftlichem Werk später eine Rolle spielten, vor allem die Gegensatznatur des Geistes, des Lebens und der psychologischen Aussage.
Das Denken in Paradoxien war es, das Jung bei den Gnostikern angezogen hatte. Deshalb identifizierte er sich hier mit dem Gnostiker Basilides (Anfang des 2.Jahrhunderts n.Chr.) und hielt sich zum Teil auch an dessen Terminologie, z.B. Gott als Abraxas. Jung gab seine Erlaubnis zur Publikation in seinem Erinnerungsbuch nur zögernd und nur „um der Ehrlichkeit willen“.

 „In der Gemeinschaft gelte Enthaltung
Im Einzelsein gelte Verschwendung
Die Gemeinschaft ist die Tiefe
Das Einzelsein ist Höhe
Das richtige Maß in Gemeinschaft reinigt und erhält
Das richtige Maß im Einzelsein reinigt und fügt hinzu
Die Gemeinschaft gibt uns die Wärme
Das Einzelsein gibt uns das Licht.“

Aus der fünften Rede

REDE I

Die Toten kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie suchten. Sie begehrten bei mir Einlaß und verlangten bei mir Lehre und so lehrte ich sie:
Höret: Ich beginne beim Nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle. In der Unendlichkeit ist voll so gut wie leer. Das Nichts ist leer und voll. Ihr könnt auch ebenso gut etwas anderes vom Nichts sagen, z.B. es sei weiß oder schwarz oder es sei nicht, oder es sei. Ein unendliches und ewiges hat keine Eigenschaften, weil es alle Eigenschaften hat.
Das Nichts oder die Fülle nennen wir das PLEROMA. Dort drin hört Denken und Sein auf, denn das Ewige und Unendliche hat keine Eigenschaften. In ihm ist keiner, denn er wäre dann vom Pleroma unterschieden und hätte Eigenschaften, die ihn als etwas vom Pleroma unterschieden.
Im Pleroma ist nichts und alles: Es lohnt sich nicht über das Pleroma nachzudenken, denn das hieße: Sich selber auflösen.
Die CREATUR ist nicht im Pleroma, sondern in sich. Das Pleroma ist Anfang und Ende der Creatur. Es geht durch sie hindurch, wie das Sonnenlicht die Luft überall durchdringt. Obschon das Pleroma durchaus hindurch geht, so hat die Creatur doch nicht Teil daran, so wie ein vollkommen durchsichtiger Körper weder hell noch dunkel wird durch das Licht, das durch ihn hindurch geht.
Wir sind aber das Pleroma selber, denn wir sind ein Teil des Ewigen und des Unendlichen. Wir haben aber nicht Teil daran, sondern sind vom Pleroma unendlich weit entfernt, nicht räumlich oder zeitlich, sondern WESENTLICH, indem wir uns im Wesen vom Pleroma, unterscheiden als Creatur, die in Zeit und Raum beschränkt ist.
Indem wir aber Teile des Pleroma sind, so ist das Pleroma auch in uns. Auch in kleinsten Punkt ist das Pleroma unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind Eigenschaften, die in ihm enthalten sind. Es ist das Nichts, das überall ganz ist und unaufhörlich. Daher rede ich von der Creatur als einem Teile des Pleroma, nur sinnbildlich, denn das Pleroma ist wirklich nirgends geteilt, denn es ist das Nichts. Wir sind auch das gesamte Pleroma, denn sinnbildlich ist das Pleroma der kleinste nur angenommene, nicht seinende Punkt in uns und das unendliche Weltgewölbe um uns. Warum aber sprechen wir dann überhaupt vom Pleroma, wenn es doch Alles und Nichts ist?
Ich rede davon, um irgendwo zu beginnen, und um euch den Wahn zu nehmen, daß irgendwo außen oder innen ein von vornherein Festes oder irgendwie Bestimmtes sei. Alles so genannte Feste oder Bestimmte ist nur verhältnismäßig. Nur das dem Wandel unterworfene ist fest und bestimmt.
Das Wandelbare aber ist die Kreatur, also ist sie das einzig feste und bestimmte, denn sie hat Eigenschaften, ja sie ist selber Eigenschaft.

Wir erheben die Frage: Wie ist die Kreatur entstanden? Die Kreaturen sind entstanden, nicht aber die Kreatur, denn sie ist die Eigenschaft des Pleroma selber, so gut wie die Nichtschöpfung, der ewige Tod. Kreatur ist immer und überall, Tod ist immer und überall. Das Pleroma hat alles, Unterschiedenheit und Un-unterschiedenheit
Die Unterschiedenheit ist die Kreatur. Sie ist unterschieden. Unterschiedenheit ist ihr Wesen, darum unterscheidet sie auch. Darum unterscheidet der Mensch, denn sein Wesen ist Unterschiedenheit. Darum unterscheidet er auch die Eigenschaften des Pleroma, die nicht sind. Er unterscheidet sie aus seinem Wissen heraus. Darum muß der Mensch von den Eigenschaften des Pleroma reden, die nicht sind.
Ihr sagt: Was nützt es, davon zu reden? Du sagtest doch selber, es lohne sich nicht, über das Pleroma zu denken.
Ich sagte euch das, um euch vom Wahne zu befreien, dass man über das Pleroma denken könne. Wenn wir die Eigenschaften des Pleroma unterscheiden, so reden wir aus unserer Unterschiedheit und über unsere unterschiedenheit, und haben nichts gesagt über das Pleroma. Über unsere Unterschiedenheit aber zu reden ist notwendig, damit wir uns genügend unterscheiden können. Unser Wissen ist Unterschiedenheit. Wenn wir diesem Wesen nicht getreu sind, so unterscheiden wir uns ungenügend. Wir müssen darum Unterscheidungen der Eigenschaften machen.
Ihr fragt: Was schadet es, sich nicht zu unterscheiden?
Wenn wir nicht unterscheiden, dann geraten wir über unser Wesen hinaus, über die Kreatur hinaus und fallen in die Ununterschiedenheit, die die andere Eigenschaft des Pleroma ist. Wir fallen in das Pleroma selber und geben es auf, Creatur zu sein. Wir verfallen der Auflösung im Nichts.
Das ist der Tod der Kreatur. Also sterben wir in dem Maße, als wie wir uns nicht unterscheiden. Darum geht das natürliche Streben der Kreatur auf Unterschiedenheit,- Kampf gegen uranfängliche, gefährliche Gleichheit. Dies nennt man das PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Dieses Prinzip ist das Wesen der Kreatur. Ihr seht daraus, warum die Ununterschiedenheit und das nicht unterscheiden eine große Gefahr für die Kreatur ist.
Darum müssen wir die Eigenschaften des Pleroma unterscheiden. Die Eigenschaften sind die GEGENSATZPAARE, als
Das Wirksame und das Unwirksame
Die Fülle und die Leere
Das Lebendige und das Tote
Das Verschiedene und das Gleiche
Das Helle und das Dunkle
Das Heiße und das Kalte
Die Kraft und der Stoff
Die Zeit und der Raum
Das Gute und das Böse
Das Schöne und das Häßliche
Das Eine und das Viele etc.
Die Gegensatzpaare sind die Eigenschaften des Pleroma, die nicht sind, weil sie sich aufheben.
Da wir das Pleroma selber sind, so haben wir auch alle diese Eigenschaften in uns; da der Grund unseres Wesens Unterschiedenheit ist, so haben wir die Eigenschaften im Namen und Zeichen der Unterschiedenheit, das bedeutet:
Erstens:
Die Eigenschaften sind in uns voneinander unterschieden und geschieden, darum heben sie sich nicht auf, sondern sind wirksam. Darum sind wir das Opfer der Gegensatzpaare. In uns ist das PLEROMA zerrissen.
Zweitens:
Die Eigenschaften gehören dem Pleroma, und wir können und sollen sie nur im Namen und Zeichen der Unterschiedenheit besitzen oder leben. Wir sollen uns von den Eigenschaften unterscheiden. Im PLEROMA heben sie sich auf, in uns nicht. Unterscheidung von Ihnen erlöst.
Wenn wir nach dem Guten oder Schönen streben, so vergessen wir unser Wesen, das Unterschiedenheit ist und wir verfallen den Eigenschaften des Pleroma, als welche die Gegensatzpaare sind. Wir bemühen uns, das Gute und Schöne zu erlangen, aber zugleich auch erfassen wir das Böse und Häßliche, denn sie sind im PLEROMA eins mit dem Guten und Schönen. Wenn wir aber unserm Wesen getreu bleiben, nämlich der Unterschiedenheit, dann unterscheiden wir uns vom Guten und Schönen, und darum auch vom Bösen und Häßlichen, und wir fallen nicht ins Pleroma, nämlich in das Nichts,- in die Auflösung.
Ihr werfet ein: Du sagtest, daß das Verschiedene und Gleiche auch Eigenschaften des PLEROMA seien. Wie ist es, wenn wir nach Verschiedenheit streben? Sind wir dann nicht unserm Unwesen getreu? Und müssen wir dann auch der Gleichheit verfallen, wenn wir nach Verschiedenheit streben?
Er soll nicht vergessen, daß das Pleroma keine Eigenschaften hat. Wir erschaffen sie durch das Denken. Wenn ihr also nach Verschiedenheit oder Gleichheit oder sonstigen Eigenschaften strebt, so strebt ihr nach Gedanken, die euch aus dem PLEROMA zufließen, nämlich Gedanken über die nicht seienden Eigenschaften des Pleroma. Indem ihr nach diesen Gedanken rennt, fallet ihr wiederum ins PLEROMA und erreicht Verschiedenheit und Gleichheit zugleich. Nicht euer Denken, sondern euer Wesen ist Unterschiedenheit. Darum sollt ihr nicht nach Verschiedenheit, wie Ihr sie denkt, streben, sondern NACH EUREM WESEN. Darum gibt es im Grunde nur ein Streben, nämlich das Streben nach dem eigenen Wesen. Wenn ihr dieses Streben hättet, so bräuchtet ihr auch gar nichts über das Pleroma und seine Eigenschaften zu wissen und kämet doch zum richtigen Ziele, dank der Kraft eures Wesens. Da aber das Denken vom Wesen entfremdet, so muß ich euch das Wissen lehren, womit ihr euer Denken im Zaume halten könnet.

 

 

Aus: C.G.Jung, Die Sieben Reden an die Toten (1916)

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