Engagement und Distanzierung – Konfliktkompetenz in Gesprächen

„Jedes Gespräch hat einen Aspekt von Selbstverteidigung.“ – Siegfried Lenz

Was ist ein zwischenmenschlicher Konflikt?

Konflikte entstehen, wenn 2 oder mehrere ‚Willen‘ aufeinandertreffen und miteinander ‚ringen‘, und zwar um die Durchsetzung ihrer jeweiligen Anliegen. Man sagt dann, dass sie miteinander in Streit geraten.

 

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                                             Konflikteskalation

‚Streit ist der Vater aller Dinge‘ („πόλεμος πάντων μεν πατήρ εστι“). Die Aussage wird Heraklit (Fragmente, B 53) zugeschrieben, was Rudolf Eisler in seinem Wörterbuch der philosophischen Begriffe so interpretiert: „Kampf (Streit) ist nach HERAKLIT der Vater aller einzelnen Dinge (polemos patêr pantôn, Plut., Is. et Osir. 48). Der Kampf läßt aus der Einheit die Vielheit, Verschiedenheit hervorgehen; die Rückkehr zu jener, zum göttlichen Urfeuer, ist der Friede (homologia kai eirênê, Diog. L. IX, 8)“. Goethe hat diese konfliktbeladene Doppelbewegung von Differenzierung und Entdifferenzierung im phänomenalen Geschehen der Welt bekanntlich in folgender Metapher anschaulich zum Ausdruck gebracht: „Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das ewige Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben und sind.“[1]

Konflikte als Chance

„Nicht das Vorhandensein stärkerer Konflikte in Individuum, Familie oder Gesellschaft zeigt einen pathologischen Zustand, sondern die Unfähigkeit, derartige Spannungen auszuhalten. Die Betonung muss von der Konfliktbewältigung oder -lösung auf die ‚Konfliktfähigkeit‘ verlagert werden, denn eine weitgehende Konfliktfreiheit kann zu Stagnation führen.“[2] 

Konflikte sind im menschlichen Zusammenwirken unvermeidlich und auch notwendig, müssen aber, um nicht destruktiv zu entgleisen und das in ihnen angelegte kreative Potential entfalten zu können, weitestgehend ohne den unbewussten Einsatz dessen, was die Psychoanalyse ‚Abwehrmechanismen’ nennt (wie Projektion, Verleugnung, Spaltung, Rationalisierung,……) ‚innerlich ausgehalten’ und in qualifizierten Öffentlichkeiten produktiv in Szene  gesetzt werden.

Bedeutsam für ein umfassendes und produktives Konfliktverständnis erscheint in diesem Zusammenhang jedenfalls der Ambivalenzbegriff zu sein (der im sozialpsychologischen Kontext eine ähnliche fundamentale Rolle spielen dürfte wie die Heisenberg’sche Unschärferelation im Kontext der Physik).  Er wurde für die Sozialpsychologie erstmals 1910 vom Zürcher Psychiater Eugen Bleuler formuliert und anschließend in Freuds Psychoanalyse aufgenommen. Bleuler bezog sich in seinem Zürcher Vortrag auf eine von ihm beobachtete ‚affektive Ambivalenz’ psychisch kranker Menschen. Bleuler stellte seine an Anstaltspatienten durchgeführten Beobachtungen aber sogleich dialektisch in das Bedeutungskontinuum ‚krank’ – ‚gesund’. Bleuler fasste sein begriffliches Konstrukt in folgende Worte:

„Affektive Ambivalenz aber findet sich prinzipiell gleich, nur graduell abgeschwächt, auch bei Gesunden und geht ohne jede Grenze über in die Erscheinung, dass eine Menge von Erfahrungen und Begriffen in einer Hinsicht angenehm, in einer anderen unangenehm sind. In den extremen Fällen wird bei der pathologischen Ambivalenz, der Ambivalenz im strikteren Sinne, kein Fazit gezogen (ein Mensch wird zugleich geliebt und gehasst; der Anstaltsaufenthalt wird als Schutz betrachtet und zugleich als Gefangenschaft); bei der normalen Ambivalenz aber wird das Positive und das Negative meist zu einer affektiven Wertung verschmolzen, wobei eines das andere abschwächt oder überkompensiert; eine Person wird wegen ihrer Vorzüge geliebt, aber wegen ihrer Mängel weniger geliebt, als wenn sie nicht da wären; oder sie wird wegen ihrer unangenehmen Eigenschaften gehasst oder sonst negativ gewertet, aber weniger stark, als wenn sie keine guten Eigenschaften hätte.“[3]

Die stärksten Konfliktspannungen sind erwartungsgemäß genau dann zu beobachten‚ wenn die Ambiguitätstoleranz zusammenbricht, weil es für beide Seiten ‚ans Eingemachte’ geht – also beim  Aushandeln und Durchsetzen ‚tiefster eigener Überzeugungen’, kurz: wenn es nicht nur um Formen von Interessensabgleich, sondern um ‚Weltanschauungs- oder Identitätskonflikte’ handelt.

In solchen Diskursen wird dann rasch relevant, was Ludwig Wittenstein in seinen philosophischen Reflexionen ‚Aspektblindheit’ genannt hat, von ihm verstanden als die Unfähigkeit der Relativierung eigener Denk- und Fühlweisen.

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Endlich ‚zur Sache’ gekommen?

Kampf und Flucht?

Konflikte werden von den meisten Menschen als bedrohlich erlebt, sei es der Selbstwert und /oder die eigenen Werte, die als gefährdet gelten, oder auch die lebenswichtigen eigenen Interessen.

Wir fühlen uns  in Konflikten meist sehr rasch ungerechtfertigter Weise in Frage gestellt  bzw. gefährdet.

ÞSelten stellen wir aber unser Erleben von Ereignissen selber in Frage, und zwar so, dass wir uns einmal durch die Brillen jener Menschen sehen, mit denen wir in konfliktträchtigen Beziehungen stehen. Wenn wir das  täten, würden wir rasch erkennen können, wie begrenzt gültig unsere eigenen Wahrnehmungen und Bewertungen sind.

Meist handelt es sich bei diesen spontanen ‚Abwehrreaktionen‘ aber nicht um ‚sachliche Aspekte‘, sondern primär  um das Hochfahren unbewusster ‚innerer Konflikte‘, welchen dann nach außen projiziert werden. Durch solche Abwehrmechanismen vermindert man den Konfliktdruck im eigenen Selbst. Das Bild von sich selbst bleibt übersichtlich und widerspruchsfrei. Die Fremdwahrnehmung wird jedoch auf unbewusste Weise systematisch verzerrt. Da man eigene Impulse, die man nicht wahrhaben will, als „schlecht“ bezeichnet, führen psychische Abwehrmechanismen regelhaft zur Herabsetzung anderer…und damit zu einer Haltung von chronischer Feindseligkeit. Durch den Mechanismus der Projektion werden nicht akzeptable eigene Wünsche und Triebe auf jemand anderen projiziert und dort bekämpft.

Nicht ich bin der Böse, sondern der andere.  „Nicht ich hasse und beleidige andere Menschen, sie hassen und beleidigen mich.“ Tatsächliches oder vermeintliches eigenes Fehlverhalten oder eigene Schwächen werden so unbewusst  gerechtfertigt. Schließlich ist man selber ja nicht der ’schuldige‘ Täter, sondern das ‚unschuldige‘ Opfer.

Abwehrmechanismen sind psychische Manöver, durch welche die Psyche ein beruhigendes Selbst-Welt-Bild aufrechterhält. Was ein beruhigendes Selbst-Welt-Bild stören könnte, wird ausgeblendet. Dazu gehören Fakten, die man nicht wahrhaben will, ebenso wie Gefühle und Handlungsimpulse, die man als verwerflich erachtet.

Es gibt prinzipiell sechs Grundmuster der zwischenmenschlichen Konfliktaustragung[4]:

  1. Flucht
  2. Vernichtung
  3. Unterwerfung
  4. Delegation
  5. Kompromiss
  6. Konsens

Psychische ‚Abwehrmechanismen‘ ( = ‚automatisierte Reaktionen‘) sind so betrachtet eigentlich Flucht- und Kampfstrategien: was man an sich selber nicht wahrhaben will, das spaltet man ab, unterstellt es dem Gegenüber und vertreibt und bekämpft es dann im ‚Außen‘.

Mit der Entwicklung der Zivilisation, mit dem Sesshaft werden der Menschen ist die Anzahl der Gefährdungen, die durch ‚einfache‘ Flucht zu lösen waren, aber stark zurückgegangen.  In den heute noch lebenden Jägerkulturen, finden wir ein viel ausgeprägteres Fluchtverhalten als bei Ackerbau und Viehzüchterkulturen.  Das evolutionär tief eingeprägte und instinkthafte Verhaltensmuster, im Falle eines Konfliktes die Flucht zu ergreifen, blieb aber bis heute erhalten nimmt in vielen  in vielen Situationen die Form des Gefühls an: „Nichts wie weg von hier!“. Auch das Ignorieren eines Konfliktes, das unter den Teppich kehren, das Verleugnen und Verdrängen eines Konfliktes ist auf emotionaler Ebene Fluchtverhalten.

Fluchtverhalten hat natürlich auch Vorteile, insbesondere, dass man rasch einer Konfliktsituation entkommen kann (zumindest scheinbar), dass es keinen Verlierer gibt, und dass es oft einfach und schmerzlos ist zu flüchten. Der Konflikt wird für eine gewisse Zeit gelöst, nämlich durch Hinausschieben. Das auf die lange Bank schieben oder etwas vertagen sind in Konfliktsituationen Formen von ‚Flucht‘. Vorteil des Flüchtens ist auch die Distanz die man gegenüber dem Gegner und dem Konflikt bekommt.

Flucht und Aggression sind auch Merkmale der von Hans Selye beschriebenen allgemeinen STRESSREAKTION. Er vermutete, dass Menschen in der Regel mit einer dreiphasigen Reaktion in Gefahrensituationen antworten; diese Reaktion bezeichnete er als allgemeines Adaptationssyndrom. Bei einer Bedrohung steigert das sympathische Nervensystem seine Aktivität und löst im ganzen Körper Reaktionen aus (Alarmphase). Dann versucht das parasympathische Nervensystem, diesen Reaktionen entgegenzuwirken (Resistenzphase). Schließlich versagt, wenn die Einwirkung oder Wahrnehmung von Stress anhält, der Widerstand, und die vom vegetatives Nervensystem gesteuerten Organe werden überlastet und brechen  zusammen (Erschöpfungsphase). Bekanntlich ist aber das vegetative Nervensystem nicht der einzige aktivierte Mechanismus bei Distress. Einen weiteren stellt das endokrine System von Hypophyse und Nebennieren dar. Wird  es bei Belastungen aktiviert, schüttet die Hypophyse Hormone aus, die Funktionen des gesamten Körpers beeinflussen.

Vernichtung ist auch im übertragenen Sinn zu verstehen z.B. Rufmord, Entfernung aus einer Position, Kündigung eines Mitarbeiters.

Sachlich gesehen hat die bevorzugte Anwendung dieser Konfliktlösungsart viele Nachteile. Mit der Beseitigung des Gegners ist auch der Verlust einer Alternative gegeben ist. Selten hat ein Gegner immer nur Unrecht. In der Vernichtungsstrategie sind Fehler nicht korrigierbar. Die Konfliktlösungsstrategie „Vernichtung“ ist auch sehr gefährlich: Wenn man Konflikte immer eskaliert und  bis zur Vernichtung des Gegners auskämpft, dann muss man immer gewinnen, um zu überleben.  Einmal in einem Konflikt zu unterliegen bedeutet dann das Ende.

Narzisstisch gestörte Persönlichkeiten hätten aber kaum eine andere Wahl, als primär auf diese Bewältigungsstrategie zurück zu greifen. Ihr Selbstwert schwanke nämlich abrupt zwischen Maximalwerten (Größenwahn und vernichtender Minderwertigkeit), weshalb ihre Stabilisierungsstrategien durch aggressive emotionale Manipulation ihrer Kommunikationspartner gekennzeichnet seien. Im ICD-!0 wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung unter F60.8 angeführt. Narzisstisch gestörte Persönlichkeiten leiden an frühen traumatisierenden Erfahrungen. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott charakterisiert Narzissten als Persönlichkeiten, welche aufgrund wiederholter traumatischer Erfahrungen unfähig geworden seien, ihr Selbstwertgefühl autonom zu regulieren, und welche diesen Mangel durch Identifikation mit einem grandiosen Selbst zu kompensieren versuchten[5].

Denken und Affekte

Gefühle würden in unserer Kultur bei jedweder Art von Denken als störend, ja schädlich betrachtet, sagt der bekannte Psychiater Luc Ciompi in seinem Werk ‚Affektlogik‘[6]. Vernünftiges und logisches Denken sei gefühlsfrei, und daher müsse ein vernünftiger Mensch dieses Ideal zu verwirklichen suchen. Psychiatrisch und neurobiologisch sei diese Ansicht aber nicht haltbar. Alles Denken ist nämlich untrennbar mit Affekten verbunden sind, welch lebenswichtige organisatorisch-integratorische Aufgaben zu erfüllen haben.

„Unter dem Begriff der Affekte verstehen wir – ganz ähnlich wie zunehmend auch die Neurobiologie – globale psychophysische Zustände oder Befindlichkeiten von unterschiedlicher Dauer, Qualität und Bewusstseinsnähe. Ein Affekt ist, so definiert, ein ausgesprochener Oberbegriff, der sowohl rasch wechselnde bewusste Gefühle oder Emotionen im obigen Sinn wie auch lang dauernde bewusste oder unbewusste Stimmungen oder Gestimmtheiten mitsamt ihren mimischen, psychomotorischen, hormonalen und neurophysiologischen Komponenten umfasst. Von besonderer Wichtigkeit ist bei der gewählten Definition die Implikation, dass man gar nie affektfrei sein kann, denn irgendwie gestimmt ist man schließlich immer: Auch Gleichgültigkeit oder Indifferenz ist, so gesehen, noch eine typische Affektstimmung mit ausgeprägten Wirkungen auf Denken wie Verhalten. Hervorzuheben ist ferner, dass jeder so definierte Affekt von vornherein ein eminent psychosomatisches Phänomen darstellt. Affekte finden mindestens so sehr im Körper wie im Hirn oder Geist statt: Sie lassen „das Herz höher schlagen“ oder „laufen kalt den Rücken hinunter“; sie „sträuben das Haar“, „kriechen über die Leber“, „machen Schiss“, usw. Angesichts der Tatsache, dass manche Affekte – darunter keineswegs nur Spannungszustände wie Ärger und Wut, sondern durchaus auch Entspanntheit, Gelöstheit oder Indifferenz – weitgehend unbewusst bleiben und doch (etwa in Muskelverspannungen oder -entspannungen, Schlafstörungen, vegetativen Erscheinungen usw.) körperlich manifest sein mögen, kann (oder muss) man etwas überspitzt sogar sagen, dass das eigentliche „Organ der Affekte“ in erster Linie der Körper ist.“

Gefühle steuern und energetisieren somit unsere alltäglichen Denk- und Handlungsoperationen.

Der chilenischen Neurobiologe Humberto Maturana[7] prägte in diesem Zusammenhang die Begriffe ‚Emotionieren‘, ‚Linguieren‘ und ‚Konversieren‘. Linguieren beschreibt den Gebrauch von Sprache und Emotionieren die Tatsache, dass jegliche Handlung lebender Systeme, auch das, was als Rationalität bezeichnet wird, von Emotionen abhängt bzw. in emotionalen Zuständen jeglicher Art eingebettet ist.

Konversation : Die Verflechtung von Sprachhandeln und Emotionieren, in der sich alle menschlichen Tätigkeiten ereignen. Wir menschliche Wesen leben in Konversationen, und alles, was wir tun, ereignet sich in Konversationen. Der Begriff Konversieren, geht auf die Verbindung zweier lateinischer Wurzeln zurück: cum – mit und versare umgehen, verkehren. Er bedeutet seinem Ursprung nach „mit dem anderen verkehren, mit dem anderen umgehen.“

Emotionieren: Emotionieren ist von einem Handlungsbereich zum anderen zu fließen in den normalen Dynamiken des täglichen Lebens. Wir menschliche Wesen bewegen uns von einem Handlungsbereich zum anderen im Strömen unseres Sprachhandelns. Dieses ineinander verwobene Strömen von Sprachhandeln und Emotionieren nennen wir Konversation.

Engagement und Distanzierung  im Verlauf von Gesprächen

Wenn man sich diese Befunde der Neurobiologie, der Psychiatrie und Sozialpsychologie vergegenwärtigt, dann wird schlagartig klar: damit Gespräche / Kommunikationen überhaupt zustande kommen, müssen wir uns emotional engagieren. Andernfalls bleiben wir ‚kalt‘ und damit einander ‚gleichgültig‘. Im Verlauf von Gesprächen entsteht dann aber sehr leicht eine Eigendynamik, von welcher die Sprecher erfasst und dominiert werden, und zwar in Form von Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen. Gespräche über relevante Themen wecken bei allen  Gesprächspartnern heftige Emotionen. Wenn diese nicht ausreichend bewusst ‚moderiert‘ werden, dann können Gespräche zusammenbrechen, und zwar entweder Implodieren ( ‚Schweigen‘) oder Explodieren (‚Konflikteskalation‘) oder beides, oder es passiert etwas in graduellen Abstufungen von beidem. Befriedigende sachliche Ergebnisse werden sich so schwer erzielen lassen.

Was also tun? Was nicht tun?

→ Man zerstört als Gesprächsverantwortlicher jedes Gespräch, sobald man zwischen den Gesprächsteilnehmern vorhandene Interessens- und Wertunterschiede zu manichäischen Gegensätzen hochstilisiert,  man also seine eigene Sichtweisen verabsolutiert und dadurch Gegenentwürfe und Gegenargumente monologisch ausgrenzt.

Ein Gesprächsverantwortlicher nimmt seine Verantwortung genau dann wahr, wenn er nicht nur seinem Gegenüber, sondern auch sich selber während des Redens zuhören kann: so verhindert er, dass er  von seinen eigenen Wertsetzungen, von seinem Engagement geblendet, emotional ‚fortgetragen‘ wird. Nur so bleibt er im Gesprächsverlauf fähig, Mehrdeutigkeiten selbstironisch und  distanziert wahrzunehmen und diplomatisch taktvoll zu bearbeiten.

Sich selber beim Reden zuhören? Wie soll das gehen?

Es ist unmöglich, wenn man darunter Introspektion, d.h. selbstzentriertes Beobachten meint. Zu sich selbst während eines Tuns in Distanz treten wäre, so gesehen, eine Aufforderung zur ‚Aufmerksamkeitsspaltung‘, zu einer Spaltung des Geistes (in einen ‚Redenden‘ und einen ‚Sich-beim-Reden-Beobachtenden‘). Nein, so ist dieser Vorschlag ganz und gar nicht damit gemeint.

Gemeint ist vielmehr+: sich emotional nicht vom Gesprächspartner und vom Gesprächsergebnis abhängig zu machen; sich nicht unbewusst von seiner Stimmung  von seiner Mimik und Gestik, seiner Körperhaltung und seiner Stimmlage so ‚anstecken‘ zu lassen, so dass man primär ins Reagieren kommt. Sich sehr wohl für die Gestaltung des Gesprächsverlaufs verantwortlich fühlen, jedoch nicht für das Ergebnis: ein Gespräch hängt ganz nämlich ganz wesentlich von der Resonanz ab, welche die Vorschläge des Gesprächsführenden finden. Fehlt diese bzw. ist diese chronisch ‚fehlgeleitet‘, dann ist kein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, was immer man auch ‚probiert‘.

Entspannte Aufmerksamkeit, engagierte Distanz, wohlwollende Neutralität: das sind die Stichworte zur geforderten ‚inneren Haltung‘ des Gesprächsführenden. Zwischen der eigenen Perspektive und jener des Gesprächspartners während des Redens pendeln können, weil man sich seiner Sache sicher ist und man daher während des Redens den Gesprächspartner anschauen kann ( = ‚Respekt‘): dann bekommt man jederzeit ein Feedback, weiß, wo sich das Gegenüber gerade ‚mental‘ befindet; und  man weiß dann auch zeitnah, wie das von mir Gesagte bei ihm ‚ankommt‘. Ob man beim Reden schneller oder langsamer werden muss, klärend nachfragen, oder ob man bald zu einer Gesprächspause kommen muss. Oder ob man ein völlig anderes Wording verwenden und das laufende Gespräch gar unterbrechen oder jetzt besser abschließen und neu aufsetzen muss.

Sich selber beim Reden wahrnehmen meint daher, dass man den ‚Wald vor lauter Bäumen‘ nicht aus den Augen verliert, während man ein Gesprächsdetail behandelt. Im Hinterkopf fragt man sich dann in etwas ganz automatisch, d.h. intuitiv: Wie entwickelt sich das Gespräch? Wie fühle ich mich jetzt? Verspanne ich mich? Wie geht mein Atem? Geht das Gespräch in die richtige Richtung?

Solch eine Haltung schafft mitten in jeder Gesprächssituation die nötige ‚Distanz‘.

Das heißt aber, dass man ‚innerlich still‘, d.h. mental ausbalanciert bleiben kann, wie immer sich das Gespräch auch entwickelt. Dass man schon ‚balanciert‘ und ‚zentriert‘ in das Gespräch gegangen ist.

Mental bewegen wir uns nämlich jederzeit in verschiedenen Schichten. Die äußerste Schicht unseres Geistes muss höchst reizbar und beweglich sein, sie muss sich von Eindrücken erfassen und bewegen lassen, wie die Blätter eines Baumes von Wind, Regen und Sonne. In den ‚Wurzelregionen‘ soll aber selbst im größten Sturm Stille herrschen, um im Bild zu bleiben. Die ‚Tiefen der Psyche‘ sollen während eines Gesprächs fast unbewegt bleiben, zähflüssig und balanciert wie eine Honigmasse.

Wenn einem das hin und wieder mal nicht gelingt, wenn uns ein Gesprächsverlauf tatsächlich so ‚erschüttert‘, dass wir noch lange an den Nachwirkungen ‚knabbern‘, dann zeigt solch ein unerwartetes ‚transpersonales‘ Ereignis einem einen ‚unbewältigten innerpsychischen Konflikt‘ an. Dann ist passiert, was C.G. Jung in folgende Worte gefasst hat (und ja, das kann auch ‚peinlich‘ sein):

„Alles, was mich am Anderen irritiert, kann mir so zur Erkenntnis meiner selbst werden.“

IRRITATION: Reizen, erregen, erzürnen – muss man, wenn einem selbiges widerfährt (nämlich, dass man mit ‚Erregung‘ und ‚Zorn‘ auf einen Reiz reagiert, statt mit Verstehen) deshalb zugleich auch verunsichert und verwirrt sein? Jein, Ja und nein. Ja, denn man hat mit dem Auftreten eines ‚Erregers‘ nicht gerechnet, die eintretende Erregung muss wohl spontan und unerwartet passieren, damit ich sichtbar ‚irritiert‘ auf etwas reagiere. Und nein, man muss nicht mit Verwirrung auf Irritierendes antworten: man könnte ja auch schlagfertig reagieren, sofort erkennend, was da jetzt zu tun oder zu lassen ist. Wie etwa in folgender Episode, welche sich vor einiger Zeit auf einem New Yorker Flughafen zugetragen haben soll. Ein Flug fällt aus, die gestressten Handelsreisenden müssen umgebucht werden. Alle haben es entsetzlich eilig und einer hat wichtigere Termine als der andere. Die Dame am Schalter arbeitet flink und schnell, in vollem Bewusstsein der Bedeutung des Geschehens. Plötzlich stürmt einer der wartenden Manager am Ende der Warteschlange nach vorne, baut sich drohend vor der Beamtin auf und sagt: „Wissen Sie eigentlich wer ich bin?“ Jeder begreift, was er mit dieser Geste und diesem Satz bewirken will. So manch einer in der Warteschlange reagiert ‚irritiert‘ auf diesen Fauxpas. Nicht so die Schalterbeamtin. Sie nimmt das Mikrophon und ruft der wartende Menge zu: „Da ist jemand, der nicht weiß, wer er ist. Kann ihm jemand behilflich sein?“ Daraufhin der verblüffte Manager: „F%&k you!“ Darauf  holt die Schalterbeamtin zum letzten und endgültigen Schlag aus: „Sorry, sogar dafür müssen Sie sich bitte hinten anstellen!“

Die Irritation des Managers hat genau in diesem Moment ihren Höhepunkt erreicht: sein schlagfertig abgewehrter Macho-Auftritt hat ihn zum Gespött der Mitreisenden gemacht. Mit diesem Ausgang hat er am allerwenigsten gerechnet. Er hat sich in diesem Umfeld selber einfach ‚zu wichtig‘ genommen – und von allen Anwesenden ein ‚passendes Feedback‘ erhalten. Ob er das selber auch so hat sehen (und ‚nehmen‘) können?

Schwerlich.

Dazu hätte er nämlich einmal ‚inne zu halten‘ müssen. Darf und kann man so etwas als umtriebiger Manager? Der bekannte Österreichische Philosoph Peter Heintel dazu:

“Wir wurden daran gewöhnt, Problemen aktiv zu begegnen, sie möglichst rasch zu lösen, sie zu „bekämpfen”. Im Tun allein meinen wir uns bereits lösend auf dem richtigen, einzig möglichen Weg. Was oft auf der Strecke bleibt, ist gründliche Betrachtung, Genauigkeit, Analyse. Langfristigkeit. Nun scheinen wir aber immer mehr Problemlagen geschaffen zu haben, die nur über Generationen lösbar sind. Dafür haben wir so recht noch kein Organ entwickelt, auch wenig Organisation. Was kann diesem rastlosen Tun Einhalt verschaffen, es vor sich selbst zur Ruhe kommen lassen? Eine Unterbrechung, die uns erst frei macht für Rundblick und Ausschau. Denn rastlose Tätigkeit hängt am Speziellen und dem nahe liegenden Ziel, sie hat in ihrer Distanzlosigkeit zu sich selbst von sich keinen Begriff. Sie weiß nicht, was sie ist, was sie soll und welchen Sinn sie hat, sie weiß nur, daß sie ist und meint, in Anstrengung und Vollzug genug Auskunft über sich selbst zu erhalten.
Haltmachen heißt aber auch Halt bekommen.

Einen Halt bekommen wir aber nur durch Anhalten. Erst letzteres läßt Rückblick zu: urteilende Betrachtung des zurückgelegten Weges. Immer wieder ist es gut, Vergangenes zu sichten, in ihm Pfade zu legen, die zu uns führen und in weitere Zukunft eine gangbare Richtung weisen. Geschieht dies nicht, sammelt sich mächtiger Ballast an, und es erschlagen die Ahnen alle zukünftigen Generationen. Kronos verschlingt seine Kinder.
…………
Es heißt aber INNE-Halten. Und so scheint eben doch verlangt, daß wir uns unseren Halt aus dem „Inneren” gewinnen. Es ist die Fähigkeit, zu sich in Differenz zu stehen, sich frei machen zu können von den vorgegebenen Bestimmungen, zumindest sie bedenken, überlegen, reflektieren zu können. Innehalten ist also kein bloßes Stehen-bleiben. Es ist auch eine Tätigkeit, sozusagen die entgegen-gesetzte zu allem äußeren Aktivismus.”
[8]

[1] Johann Wolfgang von Goethe, Werke, Hamburger Ausgabe (DTV), 2000), Bd. 13, S.488

[2] Ambivalenz, Geschichte und Interpretation der menschlichen Zwiespältigkeit. Elisabeth Otscheret (1988). Heidelberg: Asanger, S. 149 f

[3] Eugen Bleuler, ‚Die Ambivalenz’, in: Festgabe zur Einweihung der Neubauten der Universität Zürich 18. IV. 1914 (Festgabe der medizinischen Fakultät). Zürich: Schulthess & Co. 1914, 5. 95-106

[4] Die nachfolgende Aufzählung und deren Interpretation verdanke ich G. Pöschls Zusammenfassung der Thesen zum Konfliktmanagement von Gerhard Schwarz. Siehe: Gerhard Schwarz, Konfliktmanagement: Konflikte erkennen, analysieren, lösen.  Gabler Verlag 2005

[5] Donald Winnicott: Ego distortion in terms of true and false self. The Maturational Process and the Facilitating Environment. Studies in the Theory of Emotional Development, International Universities Press, New York 1965, S. 140–157

[6] Ciompi, L. (1982): Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart

[7]  H. Maturana, Der Baum der Erkenntnis, Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens (mit F. Varela), 1987

[8] Peter Heintel, Innehalten. Gegen die Beschleunigung, für eine andere Zeitkultur. Herder, 2007

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