PSYCHE – das ‚Geheimnis‘ des noch nie gewesenen Lebens

„Die Seele ist das größte aller kosmischen Wunder und die conditio sine qua non der Welt als Objekt. Es ist im höchsten Grade merkwürdig, daß die abendländische Menschheit, bis auf wenige, verschwindende Ausnahmen, diese Tatsache anscheinend so wenig würdigt. Vor lauter äußeren Erkenntnisobjekten trat das Subjekt aller Erkenntnis zeitweise bis zur anscheinenden Nichtexistenz in den Hintergrund.“
C.G. Jung

Die Psychologie handelt von allem, was uns gedanklich und gefühlsmäßig bewegt, nur von einem nicht: von der ‚Seele‘ selber ( = ‚Psyche‘).

Wie könnte sie auch? Alles Fühlen und Denken setzt nämlich jenes Potential (man könnte es auch ‚offenen Geist‘ nennen) voraus, welches sich erst in jedweder Form des Denkens und Fühlens ‚materialisiert‘ / ‚realisiert‘. Ja, jedwedes Denken und Fühlen setzt ‚etwas‘ Unbestimmtes / Unbestimmbares voraus, in dem Denken und Fühlen seinen ‚Grund‘ hat, dem es entspringt (das Noch-Nicht-Denken bzw. Nicht-Mehr-Denken`ist): und dieses ‚etwas‘ wäre dann – wenn man sich davon ein Bild machen könnte (was aber nicht geht, bestenfalls gelingt es uns metaphorisch) – so etwas wie die ‚Existenz‘ eines ‚unendlichen Potentials‘ von  Wahrnehmungen in Raum und Zeit:

Was er …  meinte, das war die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal früh in den Feldern mit solcher Reinheit ergriff, dass er zu laufen begann, um nicht Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen zum Bewusstsein kommt.

Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm aus.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das nachbarliche Lachen,

wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,

mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen

Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),

um dich an alles Leben zu verschenken

wie einen Dank. – Rilke

Seele, so könnte man daher sagen, sei also als das Vermögen frei zu erleben und zu phantasieren, d.h. die Form eines Erlebens und Phantasierens, in welchem sich ein ‚unbestimmtes Etwas‘ als ein bestimmbares subjektives ICH in einer bestimmbaren objektiven WELT von Phänomenen orientieren und bewegen kann. Nun gehört aber ein sich derart erlebendes ICH (als ‚Ausdruck eines bestimmten Körpers, nämlich ‚meines Körpers‘) ohne Zweifel selbst ebenso jener Welt objektiver Phänomene an, wie es jenseits allen Zweifels auch einer Domäne angehört, welche all das subjektive Erleben objektiver Phänomene ausmacht (Psyche stellt sich selbst und anderen somit als grundlegende ambivalent dar, sowohl als Subjekt-Objekt-Einheit als auch als Subjekt-Objekt-Dualität).

Der Aspekt der ‚Subjekt-Objekt-Einheit‘ des Seelischen ist nun – so betrachtet-  nichts anderes als das ‚Gefühl der Präsenz als solcher‘, des ‚Daseins‘, der ‚Anwesenheit‘: also das ‚ICH  BIN‘ – Erleben, das ‚ICH EXISTIERE‘ Bewusstsein; während der objektive Aspekt alles Seelischen immer die IDENTIFIKATION dieses Daseinsgefühls mit bestimmten Phänomenen ausmacht (erlebbar und beschreibbar als ‚ICH BIN DIES UND DAS……‘).

Die Psyche, von der die Psychologie handelt, handeln kann, ist also immer und ausschließlich jener objektive, ‚vergegenständlichte‘ Teil der Psyche, welcher sich erinnert, dass er sich und die Welt ‚als bestimmtes Etwas‘ erlebt hat. Objektivierte Psyche ist also zu sehen als ‚erinnertes-verinnerlichtes‘ Erleben, während der subjektive Aspekt des Psychischen die Aktualität dieses Erlebens ausmacht.

William James hat diesen Sachverhalt in die Form einer wunderbar anschaulichen Metapher gebracht, in das Bild vom ‚Strom des Bewusstseins‘:

“Was zugegeben werden muß ist, daß die bestimmten Bilder der traditionellen Psychologie nur den kleinsten Teil unseres tatsächlichen Seelenlebens ausmachen. Die Ansicht der traditionellen Psychologie gleicht derjenigen, wonach ein Fluß lediglich aus so und soviel Löffeln, Eimern, Krügen, Fässern oder sonstigen Gefäßen voll Wasser bestünde. Auch wenn die betreffenden Gefäße alle tatsächlich in dem Strom standen, würde das freie Wasser doch fortfahren, zwischen ihnen hindurch zu fließen. Gerade dasjenige, was diesem freien Wasser im Bewußtsein entspricht, ist es, was die Psychologen so standhaft übersehen. Jedes bestimmte Bild in unserem Geist wird von dem “freien Wasser”, das es umspült, benetzt und gefärbt. Neben jedem derartigen Bild geht einher das Bewußtsein seiner Relationen, naher und entfernter, das verklingende Wissen, woher es zu uns kam und die aufdämmernde Ahnung, wohin es führt. Die Bedeutung, der Wert des Bildes, liegt ganz und gar in diesem Hof, diesem Halbschatten, der es umgibt und begleitet, — oder vielmehr der mit ihm in eins verschmolzen, Bein von seinem Beine, Fleisch von seinem Fleisch geworden ist. Vergeht er, so läßt er freilich ein Bild von dem gleichen Ding wie vorher zurück, aber das Ding wird dabei neu aufgefaßt und ganz anders verstanden. Wir wollen das Bewußtsein dieses das Bild umgebenden Hofes von Relationen seinen “psychischen Oberton” oder seine Franse nennen.”[1]

Alle aktuellen, d.h. subjektiv erlebten psychischen Inhalte, sagt James hier so treffend, ‚fransen‘ also aus – in Richtung Vergangenheit und Zukunft. Abstrahieren wir von diesen psychischen Obertönen durch Objektivierung, dann bleibt immer noch etwas übrig: und zwar ein de-kontextualisierter psychischer Inhalt, eine ‚tote‘, weil verdinglichte Seele. Das, was man psychisches Erleben nennt, die aktuelle Lebendigkeit des Psychischen,  geht in dieser Sicht- und Darstellungsweise nämlich verloren. „Gerade dasjenige, was diesem freien Wasser im Bewußtsein entspricht, ist es, was die Psychologen so standhaft übersehen. Jedes bestimmte Bild in unserem Geist wird von dem “freien Wasser”, das es umspült, benetzt und gefärbt.“

Aber der Kern der Kritik von James trifft auch auf seine Konzeption des Psychischen zu – jede Form von Psychologie muss objektivieren, und sei es in Form von Metaphern. Jedes aktuelle psychische Erleben (‚der freie Strom des Bewusstseins‘, welcher aber zum Großteil ‚unbewusst‘ bleibt) ist noch einmal etwas ganz Anderes als alles ‚metapsychische Reflektieren‘ in Form psychologischer Theorienbildung.

Die ‚Seele‘, so könnte man sagen, ist nichts anderes als die Aktualität des ‚Strömens‘. Und man könnte, wenn man es in Worte fassen wollte, eher so sagen:

“Was zugegeben werden muss ist, dass die bestimmten Bilder der traditionellen Bewusstseinspsychologie nur den kleinsten Teil unseres tatsächlichen Seelenlebens ausmachen. Die Ansicht der traditionellen Psychologie gleicht derjenigen, wonach ein Fluss lediglich aus so und soviel Löffeln, Eimern, Krügen, Fässern oder sonstigen Gefäßen voll Wasser bestünde. Auch wenn die betreffenden Gefäße alle tatsächlich in dem Strom stünden, würde das freie Wasser doch fortfahren, zwischen ihnen hindurch zu fließen. Gerade dasjenige, was diesem freien Wasser im Bewusstsein entspricht, ist es, was die kognitiven Psychologen so standhaft übersehen. Jedes bestimmte Bild in unserem Geist ist ein Produkt dieses “freien Wasserstroms”, vergleichbar einem ‚Strudel‘ im Fluss. Jedes solche Bild geht einher mit dem Bewusstsein aller seiner Relationen, naher und entfernter, mit der verklingenden Bewusstheit, woher es zu uns kam und der aufdämmernden Ahnung, wohin es führt. Die Bedeutung, der Wert des Bildes, liegt ganz und gar in dem ahnenden Wissen dieses ‚Davor‘ und ‚Danach‘, — dieses ahnende Wissen ist ihm in eins verschmolzen, Bein von seinem Beine, Fleisch von seinem Fleisch. Vergeht es (durch ‚Verdinglichung‘), oder wird es subjektiv verzerrt, so bleibt freilich ein Bild von dem gleichen Ereignis wie vorher zurück, aber das Ereignis wird dabei neu aufgefasst und ganz anders verstanden.

Wir wollen die erinnerte Version des vollen Bewusstseins eines Ereignisses, sein erinnertes ‚Bild‘, und seinen umgebenden subjektiven Bedeutungshof den “psychischen Oberton” oder die ‚subjektive psychische Relevanz‘ des Ereignisses nennen.

Die aktuell – ‚objektive‘ psychische Relevanz eines Ereignisses besteht in der Wahrnehmung des Ereignisses in einer Haltung von gleichschwebender Aufmerksamkeit.”

Womit, wie die aufmerksame Leserin sofort herausgefunden hat, in diesen Formulierungen auch eine ‚Bedeutungsumkehr‘ von ‚subjektiv‘ und ‚objektiv‘ vorgenommen worden ist:

Unter ‚subjektiv‘ wird hier nun alles Selbst-Welt-Erleben verstanden, welches sich primär auf (de-kontextualisierte) subjektive Erinnerungen stützt, während unter ‚objektiven Wahrnehmungen‘ jene verstanden werden, welche ‚tentativ‘ funktionieren, d.h. primär unter Einklammerung jedweder Identifikation des Erlebenden mit bislang gespeichertem Wissen.

Veranschaulicht mag dies wieder in Form einer höchst brauchbaren Metapher werden, die in diesem Fall von Simone Weil stammt:

„Die Aufmerksamkeit besteht darin, das Denken auszusetzen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand offen zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu benutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie ihn berührten. Der Geist soll hinsichtlich aller besonderen und schon ausgeformten Gedanken einem Menschen auf einem Berge gleichen, der vor sich hinblickt und gleichzeitig unter sich, doch ohne hinzublicken, viele Wälder und Ebenen bemerkt. Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“

Somit ist alles, was in Worten über ‚die Psyche‘ als solche gesagt werden kann, gesagt.

Abschließend wäre nur noch zu erinnern, dass Worte niemals das sind, worauf sie hinweisen.

Der witzig-kluge und weise Franz Kafka hat diese so schwer fassbare Natur von Metaphern in Form eines Gleichnisses über Gleichnisse (‚Von den Gleichnissen‘) darzustellen versucht:

 „Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«

Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.«

Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«

Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«

Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«

Und genau diese Sätze könnte man auch (fast) allen Psychologen ins Stammbuch schreiben.

Lit.:

[1] James, William (1909, 1. A. 1892). Psychologie, S. 148 – S. 174. Übersetzt von Dr. Marie Dürr mit Anmerkungen von Prof. Dr. E. Dürr. Leipzig: Quelle & Meyer.

Siehe auch: Mindsight

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Weiterführend siehe auch:

Psyche – was ist das?

Die Körper-Seele-Einheit

Die ‚innere Goldwaage‘

Selbsterfahrung

Ich stehe nicht mehr zur Verfügung

 

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