„Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“

„Existiert ein Problem und man möchte dieses Problem lösen oder jemandem zur Lösung zur Verfügung stehen, geht man eine Resonanz zu diesem Problem ein und beginnt es zu spüren.
Kurz: Das, was man gerade verändern will, nimmt man intensiver wahr als alles andere.
Dieses logische und vollkommen natürliche Prinzip ist des Rätsels Lösung – es geschieht auch oft auf unbewusster Ebene, wenn uns der Veränderungswunsch nicht (mehr) bewusst ist. Viele von Ihnen können es nachvollziehen und aus Ihrem eigenen Leben bestätigen:

Je mehr wir etwas verändern wollen, desto intensiver fühlen wir es.
Je mehr wir es achten wie es ist und es so lassen, desto weniger nehmen wir es wahr.
Der „Wunsch nach Veränderung“ hat zur Folge, sich mit etwas intensiver zu verbinden und es genauer wahrzunehmen. Es entstehen wahrnehmende Gefühle in uns.
Das „Anerkennen, was ist“ hat zur Folge, eine intensive Verbindung loszulassen und die Wahrnehmung zu beenden. Wahrnehmende Gefühle verschwinden.“

So Olaf Jacobsen in „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“

Eine gut sitzende Kleidung spürt man nicht, sehr wohl aber, wenn einem der Schuh drückt. Bewusst wird nur etwas, wenn es unseren Erwartungen nicht entspricht (oder gerade dabei ist, unsere hoch gespannten Erwartungen zu erfüllen bzw. zu übertreffen). Geht es in Routine über, verschwindet es aus unserem Bewusstsein. Bewusst sind immer nur auffällige Veränderungen.

Jacobsen benützt diese Tatsache zu einer, wie er sagt, „Revolution in der Lebenshilfe. Zum ersten Mal wird genau erklärt, wie wir bestimmte unangenehme Gefühle einfach ablegen können. Es genügt dazu nur ein Satz: „Ich stehe dafür nicht weiter zur Verfügung“. Wir sprechen ihn aus oder denken ihn und fühlen uns sofort erleichtert. Wie kann dies funktionieren?“

„Der Mensch sei“, sagt Jacobsen, „ohne dass er es weiß, grundsätzlich telepathisch und empathisch begabt. Je bewusster wir uns dieser Gefühlswahrnehmung werden, desto klarer können wir uns auch nicht mehr zur Verfügung stellen und uns dadurch befreien. Abhängigkeitsgefühle, Verlustängste, Minderwertigkeitsgefühle, Burn-out-Syndrom, Helferdrang, Energielosigkeit, Pechsträhnen, Abwehrgefühle, auch einige Krankheiten und viele weitere unangenehmen Rollen stehen in einem ganz bestimten Zusammenhang und können häufig einfach abgelegt werden, indem wir uns dafür nicht mehr zur Verfügung stellen.“

DA WERDEN ALTBEKANNTE FAKTEN ALS „REVOLUTIONÄRE ERKENNTNISSE“ AUSGEGEBEN: die Psychoanalyse weiß seit langem, dass Gefühle ansteckend, übetragbar sind: siehe ‚Übertragung und Gegenübertragung‘.

Es geht dabei primär darum, dass wir uns in Form zwischenmenschlicher Beziehungen definieren. Bestimmte Interaktionserfahrungen sind Kernbestandteile unserer Identät geworden, und daher können ‚wir‘ – die diese Identität sind! – nicht einfach sagen: ‚ICH stehe dafür einfach nicht mehr zur Verfügung‘. So wie wir uns erleben, so erleben wir die Welt: und dann sind es immer ‚die anderen‘, in denen wir uns ’spiegeln‘.

Alles, was mich an anderen ‚irritiert‘, das kann mir als Spiegel meiner selbst dienen. Die Rücknahme von ‚Projektionen‘ ist Voraussetzung für  die Erkenntnis von Interaktionsmustern, mit denen wir uns unbewusst identifizieren. Projektionen in Frage stellen zu können, setzt aber seinerseits erhöhte Einsicht in die Dynamik der eigenen seelischen Vorgänge voraus. Wie kommt es zu dieser? Nun, nach Jacobsen ‚ganz einfach‘: Ich sage mir: ‚Ich stehe dafür einfach nicht zur Verfügung.‘

Diese Vorstellung setzt einen völlig ‚autonomen Ich-Kern‘ voraus, der unberührt von allen seelischen Vorgängen frei beobachten und entscheiden kann: das ‚wahre Ich‘, der ‚freie Wille‘ hinter und am Grund aller meiner Fremd- und Selbstwahrnehmungen.

Dieser mit sich selbst idente ‚Kern der Seele‘ kann sich aber selbst nicht erkennen, er ist – reine Achtsamkeit, wortlos. Der, der sagt: ‚Ich stehe dafür nicht zur Verfügung‘, der ist immer etwas anderes als ‚reine universelle Resonanz‘, einfach eine ‚distanziertere Teilpersönlichkeit‘ des dynamischen Identitätsspiels.

Was aber rational am Vorschlag Jacobsens ist, ist die Frage: ‚Bin ich wirklich dieses Gefühl jetzt?‘ Und dann lauschen, welche Antwort aus welchem Teil des Körpers auftaucht. Und wenn es eine treffende Antwort ist, dann wird sich meine Stimmung verändert haben, auch mein Körperzustand. Es ist diese Frage und das achtsame Lauschen, welche die unbewusste Dynamik verändert haben.

Diese ‚Innehalten‘ ist das ‚revolutionäre‘ an der Sache, nicht die ’spezielle Frage‘ (obwohl jede Form des bewussten Infragestellens von generalisierten Formen des ‚zur Verfügungstehens‘ an sich äußerst sinnvoll ist: wenn wir nicht gerade eine ganz bestimmte ‚Dienstleistungsrolle‘ ausüben, dann sind wir – und das macht die menschliche Würde aus- nicht nur ‚Mittel für Zwecke‘, sondern immer auch, und vor allem! – SELBSTZWECK) . Nicht das bemühte und gwollte  „>Anerkennen, was ist< hat zur Folge, eine intensive Verbindung loszulassen und die Wahrnehmung zu beenden“, sondern die gleichschwebende Achtsamkeit für das, was jetzt gerade der Fall ist,  verändert und beendet eine unbewusste Bindung.

Siehe auch:

Focusing

Selbstwert und Leistung

Schamparadoxon

Ganz Individuum sein

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s