Die ‚innere Goldwaage‘

Ein Gedanke, – er mag schon lange vorher durch unser Hirn gezogen sein -, wird erst in dem Momente lebendig, da etwas, das nicht mehr Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm hinzutritt, so daß wir seine Wahrheit fühlen. –Musil, Törleß

 

Wer nicht auf der Stelle weiß, was wahr und falsch ist, wie soll so jemand jemals vernünftig Denken und Handeln lernen?

Beweis:

Wer immer andere zu Rate ziehmen muss, wer sich immer auf Autoritäten beruft, der bleibt für immer unsicher, hörig. Und wer der ‚Autorität‘ der eignenen Erfahrungen hörig ist, dem geht es kaum besser: sie sind eine zufällige Auswahl und nichts, was ‚allgemeine Wahrheit‘ beanspruchen könnte. Und wie oft hat man seine ‚tiefsten Überzeugungen‘ im Laufe des Lebens schon gewechselt? Es gibt aber etwas im ‚Hintergrund‘, das ‚weiß‘, was wahr und falsch ist, sonst würden wir nicht ständig weiterlernen, weiter suchen….. und dieses ‚etwas‘ kann man die ‚INNERE GOLDWAAGE‘ nennen.

Diese ‚Goldwaage‘ muss nicht erst ‚entwickelt‘ werden (wie Jung m.E. irrtümlich ausführt), sie muss nur ‚ausgewickelt‘ werden, sie ist immer schon ‚fertig da‘, man muss sie aber ‚benützen‘ lernen (in dieser Hinsicht stimmt der ‚Entwicklungsaspekt‘). Wäre dem nicht so, dann wäre diese ‚Entscheidungsfähigkeit‘ ja keine funktionierende ‚innere Goldwaage‘, sondern eine ‚verinnerlichte‘, eine von ‚außen‘ empfangene und im Lauf des Lernprozesses verinnerlichte Fähigkeit; dann hätten wir keine ‚innere Tendenz‘ zur Integration. Unser SELBST ist aber genau diese Fähigkeit zur Integration von Teilen zu einem stimmigen ‚Ganzen‘ (wobei sich dieses ‚Selbst‘ aber nicht wiederum selbst als ‚Teil‘ wahrnehmen kann, weil es ja der ‚dynamisch integrierende Faktor‘ selbst ist; daher wirkt es auf uns so ‚mystisch‘, so ‚unfassbar‘).

Dabei ist die grundlegende Differenz von „INNEN“ und „AUSSEN“ zu beachten. Die ‚innere Goldwaage‘ ist ein ‚Hineinespüren‘ in die vorhandenen Gedanken und Geühle – eine ‚Innenorientierte Aktivität‘. Sind dann aber Gefühle und Gedanken etwas ‚Äußerliches‘? Nun, sobald ich ‚innen‘ definiere habe ich auch ‚aussen‘ definiert: das, was nicht ‚innen‘ ist. Es gibt dann immer eine ‚Grenze‘ zwischen ‚Innen‘ und ‚Aussen‘. Man kann aber fragen: und was ist, wenn ich im Innersten angekommen bin bzw. im Äußersten? Nun, das ist nicht möglich, denn ‚innen‘ und ‚außen‘ sind RELTATIVBEGRIFFE. Es gibt aber einen Nicht-Ort, dort wo alle Unterscheidungen zusammenbrechen, der NIcht-Ort des ‚Zusammenfalls der Gegensätze‘ (‚coincidentia oppositorum‘), der raumzeitlose Aspekt reiner Achtsamkeit.

DER KIPP-PUNKT DER INNEREN GOLDWAAGE IST EXAKT DIESE ‚REINE ACHTSAMKEIT‘ – WO RAUMZEIT DIE RAUMZEITLOSIGKEIT BERÜHRT.  Man kommt dort nur hin, indem man die Identifikation mit allen Gedanken und Gefühlen aufgibt.

Siehe auch:

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