Existentielle Einsamkeit

Einsamkeit

„Trotz aller spürbaren Nähe, trotz aller erzielbaren Übereinkünfte, trotz allen geglückten Einklangs bleibt der anthropologische Grundsachverhalt davon unberührt: Ich bin ich, du bist du. Ich bin hier, du bist dort. Insofern sind wir beide anders: ein anderer, eine andere. Legitimerweise, beglückenderweise, bedrückenderweise. Zwischen uns bleibt immer ein Rest von Fremdheit, von Ferne, von Nichtverstehen, von Nichtverstandensein, von nicht verstehen Können“. So lese ich es in Joachim Kahls ‚Kleiner Philosophie der Einsamkeit‘:

Philosophie der Einsamkeit

Und da darf dann  auch die obligate Metapher von den ‚einsamen Schiffen‘ auf dem Ozean (des Lebens) nicht fehlen:

„Ships that pass in the night and speak each other in passing, / Only a signal shown, and a distant voice in the darkness; / So, on the ocean of life we pass and speak one another, / Only a look and a voice, then darkness again and a silence.” – aus: Henry Longfellow, „Erzählungen aus einem Wirtshaus an einer Landstraße“ („Tales of a wayside inn“, 1863)
„Schiffe, deren Fahrt sich in der Nacht kreuzt und die während des Vorbeifahrens miteinander sprechen: nur ein Signal wird gezeigt, und eine ferne Stimme in der Dunkelheit ist zu hören. So fahren auch wir – auf dem Ozean des Lebens – aneinander vorbei und sprechen miteinander. Nur ein Blick und eine Stimme, dann wieder Dunkelheit und Schweigen.“

***

Ich bin ich, und Du bist Du. Unübrückbare existentielle Trennung dazwischen. – -Aber stimmt das auch wirklich? Ein Rabbi sagte einmal in diesem Zusammenhang:

„Wenn ich bin, weil ich ich bin, dann bist Du weil Du Du bist; wenn ich aber bin, weil Du bist, dann bin ich nicht ich und Du nicht Du.“

Dann wäre also BEZIEHUNG, das in-Beziehungen-stehen das PRIMÄRE, das gleichzeig mit dem Ich-Sein Gegebene?  Und tatsächlich, lässt sich ein ICH ohne ein Nicht-ICH / DU überhaupt denken? Theoretisch und empirisch? Nein. Denn wer ‚ICH‘ sagt, sagt zugleich auch zu allem, was er von seinem Ich ausschließt, ‚Nicht-Ich‘. Ob er er zu diesem ausgeschlossenen / gegenübersteheneden  Nicht-ich auch ‚DU‘ sagt, oder ob er ‚ES‘ sagt (gegenständliches Objekt, Ob-jekt bedeute wörtlich: das was mir entgegensteht, gegenüber steht), das von nicht geringer Bedeutung.

Martin Buber drückt die Bedeutung dieses Unterschieds, dieser Unterscheidung so aus:

„Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich fühle etwas. Ich denke etwas. Aus alledem und seinesgleichen allein besteht das Leben des Menschenwesens nicht.
All dies und seinesgleichen zusammen gründet dasReich des Es.
Aber das Reich des Du hat anderen Grund.Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand. Denn wo Etwas ist, ist anderes Etwas, jedes Es grenzt an andere Es, Es ist nur dadurch, daß es an andere grenzt. Wo aber Du gesprochen wird, ist kein Etwas. Du grenztnicht. Wer Du spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung.“ -Aus: Martin Buber, Ich und Du

Alle ‚individuelle Wesen‘ entspringen also einem gemeinsamen ‚Grund‘, der sie auch wieder aufnimmt, nachdem ihre Lebensspanne zu Ende ist. Dieser ‚zeitlose Grund‘ vergeht nicht, wenn sich die ‚einzelnen Wesen‘ ihrer selbst bewusst werden, er trägt und belebt sie weiter. Er selbst ist aber nicht als individuell-gesondertes Wesen auszumachen, sondern der ausgeblendete und vergessene ‚Hintergrund‘.

Wer ihn ‚einblendet‘, der weiß plötzlich: Einsamkeit ist eine Illusion, geboren aus Vergessen. SEINSVERGESSENHEIT. Sein ist immer ‚All-Ein-Sein‘; All-ein-Sein ist der tragende und zeitlose Grund alles individuellen Seins.

Ich sage ‚einblenden‘, und verwende damit einen Begriff aus der Filmsprache. Man kann Hintergrund aber nicht ‚einblenden‘, man kann nur die Perspektive so erweitern, bis man den Horizont seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten erreicht hat. Wir reden hier aber nicht von einem Blick nach aussen, sondern nach ‚innen‘, in Richtung ‚zeitlosem Grund der Seele‘.

Dieses kontemplative Innenhalten ist für uns ständig ‚Aktiven‘ aber heute so ungewohnt geworden, und der ‚Muskel‘ Kontemplation so atrophiert, dass wir über die Wahrnehmung unseres ‚Getrenntseins‘ nicht mehr hinauskommen.

Und dann machen wir Einsamen, wie zum Trost, daraus eine ‚Philsophie‘ der Einsamkeit. Aber was für ein ‚Trost‘ soll denn das sein?

Der wahrlich nicht unkluge Philosoph Paul Feyerabend, ein Leben lang einsam und intellektuell spitzfindig und scharf, hat zu Ende seines Lebens ‚die Liebe seines Lebens‘ entdeckt. Und aus dieser liebevollen Offenheit heraus schrieb er kurz vor seinem Tod:

„Die meisten Menschen achten darauf zwischen sich und ihrer Umgebung Abstand zu wahren. Die westliche Zivilisation als ganzes verwandelt die Menschen in >Individuen<. Ich bin ich und du bist du, wir können einander lieben, und doch bleibe ich immer ich und du bleibst du. Die Tatsache, dass jeder Partner eines solchen Austausches eine eigene Existenz hat, setzt ihren Gefühlen und Aktionen Grenzen, die so fest sind wie kugelsicheres Glas. In meinem Fall waren die Grenzen sehr eng gezogen….. .

Heute scheint mir, dass Liebe und Freundschaft eine zentrale Rolle spielen und dass ohne sie selbst die höchsten Errungenschaften und Prinzipien blaß, leer und gefährlich bleiben.“

Er betitelte seine Biographie, aus der diese Sätze stammen, ‚Zeitverschwendung‘ (‚Killing Time‘).

Der Einsame verschwendet sein Leben. Einsamkeit ist Ausdruck der Isolation, des Zurückweisens der ständigen Angebote des Lebens.

Es ist aber nie zu spät für die Einsicht in diese Tatsache.

Don Quixotte und Paul Feyerabend sind nur zwei Beispiele dafür (Man muss aber schon, wie es scheint,  immer wieder mal ein bisschen ‚verrückt‘ sein, sein ganzes Leben lang etwas ‚anders‘ sein, suchend, unzufrieden, manchmal auch verzweifelt suchend – sonst verpasst man all die im Lauf der Zeit sich bietenden Chancen). Krishnamurti sagte dazu:

„Halte großen, sehr großen Abstand zu allen, die auf Dich ’scharf‘ sind, die Politiker und die politischen Reformer; der eine zerdrückt Dich und macht aus Dir Brei, der andere bringt Dich dann wieder ‚in Form‘; sie jonglieren andauernd mit ihren bedrohlichen und verführerischen Worten und Du wirst verloren gehen in diesem wilden Treiben.“ (‚Keep far, far away; they are waiting for you, the politician and the reformer; the one drags you down into the gutter and then the other reforms you; they juggle with words and you will be lost in their wilderness.‘)

Siehe auch: ‚No man is an island‘

Loneliness / Aloneness

Keep far away

The pleasures of solitude?

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