Mit sich ‚im Reinen sein’ / Einfach sein

Einfach sein – nichts ist schwieriger als das.

Einfachheit „….ist ein Schatz, der von der Zeit, der Vielfalt der Dinge und unseren eigenen Aktivitäten und unserer begrenzten Natur verborgen worden ist“, sagt Meister Eckhart.

„Wahre Einfachheit“, so ergänzt Francois Fénelon[1], „ist etwas ganz Subtiles. Alle guten Menschen mögen und bewundern sie und sind sich dessen bewusst, dass sie gegen sie verstoßen. Sie bemerken sie in anderen und wissen, was sie bedeutet. Und trotzdem können sie sie nicht genau definieren. Ich würde sagen, sie sei eine Aufrichtigkeit des Herzens, die den Menschen vor Befangenheit bewahrt. Sie ist nicht dasselbe wie Ehrlichkeit, denn diese ist eine viel bescheidenere Tugend. Viele ehrliche Menschen besitzen diese Einfachheit nicht. Sie sagen nichts, was sie nicht für wahr halten, und versuchen nicht, anders zu scheinen, als sie sind. Aber sie denken immer an sich selbst, wägen jedes Wort und jeden Gedanken ab und drehen sich ständig um sich selbst aus Sorge, zu viel oder zu wenig getan zu haben. Diese Menschen sind aufrichtig, aber nicht einfach. Sie fühlen sich gehemmt, wenn sie mit anderen zusammen sind, und die anderen fühlen sich genauso in ihrer Gesellschaft. Sie sind nicht frei und frank, nicht ungezwungen oder natürlich. Man hat das Gefühl, man würde andere mehr mögen, die weniger bewundernswert und steif sind.

Völlig in der äußeren Welt aufzugehen und nie nach innen zu schauen, das ist der blinde Zustand derer, die von Vergnügen und materiellen Dingen fasziniert sind. Dies ist das Gegenteil der Einfachheit. Und immer in den Dingen aufzugehen, egal, ob es sich um Pflichten gegenüber Gott oder den Menschen handelt, das ist das andere Extrem. Wer so lebt, kommt sich in seinem Eigendünkel weise vor. Er wird reserviert und befangen und fühlt sich beim unbedeutendsten Anlass, der seine innere Selbstzufriedenheit stört, beunruhigt. Diese falsche Weisheit ist trotz ihrer ernsten Miene kaum weniger eitel und unsinnig als die Gedankenlosigkeit derer, die sich kopfüber in weltliche Vergnügen stürzen. Der eine wird von seiner äußeren Umgebung berauscht, der andere von dem, was er innerlich treibt. Aber beide sind benebelt und der Letztere noch mehr als der Erste (da er vernünftig zu sein scheint, obwohl er es nicht ist), so dass er nicht versucht, sich zu bessern. Wirkliche Einfachheit liegt in der goldenen Mitte zwischen Gedankenlosigkeit und Affektiertheit. Einfache Menschen sind nicht von äußeren Dingen überwältigt, sodass sie nicht mehr denken können, und sie sind auch nicht an endlosen Spitzfindigkeiten interessiert, die sie nur befangen machen würden. Wer darauf achtet, wohin er geht, ohne die Zeit damit totzuschlagen, über jeden Schritt zu argumentieren oder ständig zurückzuschauen, der ist wirklich einfach. Solche Einfachheit ist ein großer Schatz. Wie können wir ihn erwerben? Ich würde alles, was ich habe, dafür geben. Sie ist die kostbare Perle, von der die heilige Schrift spricht[2].

Als Erstes müssen wir alle äußeren Dinge beiseiteschieben und nach innen blicken, um herauszufinden, woran wir wirklich interessiert sind. So weit ist alles richtig und natürlich. Es ist eine weise Selbstliebe, die sich davor bewahrt, von der Welt benebelt zu werden.“[3]

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[1] Fènelon, Francois de Salinac de la Mothe-F., 1651 – 1715, Bischof und Erzieher der Enkel von Ludwig dem XIV.

[2] Mt 13,45: „Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. / Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.“

[3] Aus: Aldous Huxley, Die ewige Philosophie. Nietsch 2008, S. 147f

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