Antriebssysteme, Affekte und Fließgleichgewichte im Kontext des menschlichen ‚Selbst‘

  1. Psychoanalyse und Triebtheorie

Sigmund Freud schreibt  1905: „Unter einem Trieb können wir zunächst nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unterschiede vom Reiz, der durch vereinzelte und von außen kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen. (…).“ (Freud [1905] 1982, Bd. 5, 76).

Freud beschreibt hier den Trieb als psychische Größe, jedoch ist sein Triebkonzept äußerst schwankend, uneinheitlich und von ständigen Umformulierungen gekennzeichnet. So steht auch das folgende Zitat von 1926 im Widerspruch zu diesem, indem es den Trieb auf der somatischen Ebene ansiedelt: „Die ökonomische Betrachtung nimmt an, dass die psychischen Vertretungen der Triebe mit bestimmten Quantitäten Energie besetzt sind (…).“ (Freud [1926] 1960, Bd. 14, 302).

Wilhelm Reich hat diese zweite Auffassung folgendermaßen umschrieben: „Es ist vollkommen logisch, dass der Trieb selbst nicht bewusst sein kann, denn er ist dasjenige, was uns regiert und beherrscht. Wir sind sein Objekt. Denken wir an die Elektrizität. Wir wissen nicht, was und wie sie ist. Wir erkennen sie nur an ihren Äußerungen, am Licht und am elektrischen Schlag. Die elektrische Welle kann man wohl messen, doch auch sie ist nur eine Eigenschaft dessen, was wir Elektrizität nennen und eigentlich nicht kennen. So wie die Elektrizität messbar wird durch ihre Energieäußerungen, so sind die Triebe nur durch Affektäußerungen erkennbar.“ (Reich 1972, 33).

Aber auch schon die Frage, ob sich das Konstrukt Trieb überhaupt einer dieser Ebenen zuschreiben lässt, wird von Freud widersprüchlich behandelt. „Wir können dem ‚Trieb` nicht ausweichen als einem Grenzbegriff zwischen psychologischer und biologischer Auffassung.“ (Freud [1913] 1960, Bd. 8, 410). Diese Äußerung widerspricht dem Vorangegangenen, indem hier ausgesagt wird, dass der Trieb eben nicht der somatischen oder psychischen Ebene zugesprochen werden kann, sondern ein Grenzbegriff ist.

Freud beschreibt die zentralen Qualitäten des Triebes wie folgt:
„Die Quelle des Triebes ist ein erregender Vorgang in einem Organ und das nächste Ziel des Triebes liegt in der Aufhebung des Organreizes“ (Freud [1905] 1982, Bd. 5, 77). „Auf dem Wege von der Quelle zum Ziel wird der Trieb psychisch wirksam. Wir stellen ihn vor als einen gewissen Energiebetrag, der nach einer bestimmten Richtung drängt. (…) Das Ziel kann am eigenen Körper erreicht werden, in der Regel ist ein äußeres Objekt eingeschoben, an dem der Trieb sein äußeres Ziel erreicht; sein inneres bleibt jedes Mal die als Befriedigung empfundene Körperveränderung.“ (Freud [1933] 1982, Bd. 1, 530). Auslöser ist also ein interner Reiz, der eine gewisse als unangenehm empfundene Triebspannung weckt. Diese Spannung weckt den Wunsch nach Verminderung derselben durch Befriedigung am Triebziel, meist dem Objekt.

Für diese Aufgabe stellt der Trieb einen gewissen Energiebetrag zur Verfügung. Hierbei ist wichtig, dass der Mensch dem Triebreiz als einem inneren Reiz nicht, wie meist einem äußeren Reiz, ausweichen kann. Er kann deshalb der Triebspannung nicht entgehen, ohne den Trieb zu befriedigen, wenn er die Triebbefriedigung auch eine Zeit lang aufschieben kann. Je länger der Aufschub, desto größer wird die aversive Spannung und der Wunsch nach Triebbefriedigung. Die Qualität des Triebes wird durch sein Triebziel bestimmt. In die Haupttriebe dieser Modelle lassen sich alle anderen Triebe als Unter-Triebe integrieren. „Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Dabei ist offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Begriff eines Spieltriebes, Destruktionstriebes, Geselligkeitstriebes in Anwendung bringt, wo der Gegenstand es erfordert und die Beschränkung der psychologischen Analyse es zulässt. Man sollte aber die Frage nicht außer Acht lassen, ob diese einerseits so sehr spezialisierten Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung in der Richtung nach den Triebquellen gestatten, so dass nur die weiter nicht zerlegbaren Urtriebe eine Bedeutung beanspruchen können.“ (Freud [1915] 1982, Bd. 3, 87).

2. Wie sich diese Tatsachen im Licht der heutigen Erkenntnisse darstellen

Die weiter nicht zerlegbaren ‚Ur-Triebe‘? Welche könnten diese sein?

Es scheint sinnvoller zu sein, zwischen biologisch-funktionalen ‚Antriebsweisen‘ und den damit verbundenen ‚Affekten‘ (Emotionen) zu unterscheiden. Die ‚Antriebsweisen‘ wären als evolutionär entstandene biologischen Regelsysteme zu betrachten (‚Antriebsenergien‘, ‚Triebe‘), die Affekte als die dazugehörigen subjektiv erlebbaren ‚stimmungsmäßig en Einfärbungen‘ der Antriebsenergien.

Und es erschiene sinnvoll, alle menschlichen Affekte als nochmals von einer affektiven Grundstruktur moduliert zu betrachten – diese als eine Art ‚affektive Trägerwelle‘ betrachtet – und als diese affektive Grundstruktur wäre sicherlich das Lust-/Unlust-Prinzip in Betracht zu ziehen. Als solches würde es in menschlichen Lebewesen aber nicht rein ‚biologisch‘ (instinktiv‘) funktionieren können, sondern wesentlich kulturell-kognitiv formatiert sein. Denn ohne begleitende sozial fundierte ‚Denkprozesse‘ ist beim ‚instinktarmen‘ Menschen keine solche stabile, verlässlich wiederkehrende Trägerwelle denkbar. Dazu braucht es aber eine zentrale Steuerungsinstanz, eine Meta-Antriebsweise: das sich seiner selbst bewusste ICH (das reflexive Selbst).

Das Selbst der menschlichen Lebewesen zerfiele damit in ein ‚biologisch wahres Selbst‘ (das spontane, welches er mit allen fühlenden Lebewesen teilt), und ein kognitiv-kulturell geprägtes ‚reflexives Selbst‘. Das ‚wahre Selbst‘ (als ‚zentrales einheitliches Regelungssystem‘ aller fühlenden Wesen) würde dem kulturell geprägten menschlichen Individuum hinfort aber nur als ‚fragmentiert‘ erscheinen können, und zwar in einen ‚lustvollen Teil‘ und einen ‚unlustvollen Teil’ zerfallend. Zwei Teile, welche aber – von außen gesehen, aber ‚objektiv‘ – komplementär zusammen gehören. Subjektiv gesehen würde die Komplementarität dieser Teile aber prima facie unerkennbar, weil sie sich spontan dem subjektiven Träger als ein kontradiktorisches Verhältnis präsentieren würde (‚gute‘ und ‚böse‘ Selbstanteile), – handelt es sich doch nun für menschliche Subjekte um selbstreferentielle Prozesse auf der Ebene seines Selbst.

Hinfort würden damit beide Selbst-Teile miteinander in Widerspruch geraten und diese Widerspruchdynamik würde dann bestimmte ‚Grundstimmungen‘ zur Folge haben: Freund-Feind-Schemata, Fremden- und Selbstfeindlichkeit, Manie, Depression, Ambivalenz, Besorgtheit, Scham, Stolz, etc.

Dabei ist zum besseren Verständnis dieses schwer fassbaren Geschehens nochmals an die Dualität und Komplementarität alles psychischen Geschehens zu erinnern, welches ja im Wesentlichen ein energetisches Geschehen ist: gibt es doch keine Emotion ohne die komplementäre Gegenemotion, z.B. keine Lust, ohne Bezug auf Unlust. Lust ist ein dynamisches Geschehen (Aufhebung eines Mangels), ist die Minderung von Unlust (Mangel), und Unlust ist die Zunahme eines Mangels. Zuviel Lust kann plötzlich in Unlust umschlagen: wer sich überisst, dem wird ‚schlecht‘.

Das ist ein biologisch höchst sinnvoller ‚Mechanismus‘, denn er schützt den individuellen Organismus vor äußeren und inneren Gefahren, lässt ihn spontan darauf mit erhöhter Vigilanz reagieren. Die Lust-/Unlust-Dynamik ist eben die tragende Grundemotion und hilft dem Organismus gesund zu bleiben, Ungleichgewichte wahrzunehmen und rasch für gesunden Ausgleich zu sorgen. Sobald dieser Mechanismus aber von den fragmentierenden kognitiv-kulturell geformten ‚Selbst-Dynamiken‘ in den Dienst genommen wird, wird dieser basale Lust-Unlust-Mechanismus fast mit Notwendigkeit pervertiert, weil für die Stabilisierung des ‚falschen Selbst‘ usurpiert: was organisch zusammengehört wird kognitiv in scheinbar separate Teile zerrissen und die fiktiven Selbst-Teile beginnen auf Basis des nun pervertierten Lust-Unlust-Mechanismus spontan und dynamisch progredient einander zu bekämpfen: es ist genau dieses fatale Verabsolutieren des relativ Gültigen welches ein Ende finden muss, wenn das Lust-Unlust-Geschehen wieder seinen organischen Sinn innerhalb von kulturellen Kontexten finden können soll.

Wie wäre aber eine solche ‚Revision‘ (welche einer psychischen Revolution, einer ‚Metanoia‘ gleichkäme) überhaupt denkbar, überhaupt möglich? Wo doch, so gesehen, schon alles kognitive und emotionale Geschehen von dieser fatalen Grundstruktur geprägt und eingefärbt ist?

Nun, das wäre offensichtlich nur durch ‚reine Achtsamkeit‘ (‚gleichschwebende Aufmerksamkeit‘) möglich, denn sie befindet sich genau am ‚Kipp-Punkt‘ alles Lust- /Unlust – Geschehens (‚jenseits des Lustprinzips‘), ist damit diesem ‚Mechanismus‘ nicht unterworfen. In reiner Achtsamkeit erkennt das gespaltene Selbst die Unsinnigkeit dieser Spaltung, und auch das aktuelle Zustandekommen dieser Spaltung. Beide Einsichten führen zu einer schwächenden Unterbrechung dieser spontan ablaufenden Spaltungs-Mechanismen, und bei nachhaltiger ‚Übung‘ sogar zu deren Beendigung (‚Heilung‘).

Diese ständige Achtsamkeits-Übung hat auch den Namen ‚Selbsterfahrung‘, ‚Selbstreflexion‘ bekommen. Namen sind nicht so wichtig, wichtig ist vielmehr das Einsehen, die aktuelle Einsicht in das laufende Geschehen. Denn nur dieses ‚heilt‘, macht die spontan ablaufenden Spaltungsprozesse auf der Ebene des Selbst selbstorganisatorisch rückgängig.

Lit.: Sigmund Freud, Studienausgabe in zehn Bänden mit einem Ergänzungsband. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000.

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